Briefe an Markus

Liebe Gemeinde!

Wir haben in diesem Gottesdienst 2 Geschichten gehört, in denen Jesus Menschen auf wunderbare Weise geheilt hat. Solche Geschichten sind gut anzuhören, sie breiten aber auch vielen Menschen große Verstehensprobleme. Ich möchte daher in dieser Predigt ein wenig auf diese Probleme eingehen und ich möchte das tun, in dem ich Ihnen ein fiktiven Briefwechsel vortrage zwischen einem Menschen aus heutiger Zeit und dem Evangelisten Markus, dem die heute gehörten Geschichten entnommen sind. Ich hoffe, dass in diesem Briefwechsel Ihre Fragen mit aufgenommen sind und in den Antworten auch für sie eine Hilfe enthalten ist. Nun aber zu den Briefen …

Lieber Evangelist Markus!
Sie haben etwa 40 Jahre nach dem Tod Jesu versucht, eine Vielzahl von Geschichten über und von Jesus aufzuschreiben. Einige davon haben sie nur als Erzählungen von anderen gekannt, andere wieder haben sie schon schriftlich vorliegen gehabt und sie konnten diese mit den anderen Erzählungen verbinden. Daraus ist dann ihr Evangelium geworden. Nun ist es, wie auch schon damals bei Ihnen, in unseren Gottesdiensten heutzutage üblich, dass wir uns kleinere Abschnitte ihres Evangeliums oder auch eines anderen Evangeliums oder eines Briefes ansehen und uns darüber Gedanken machen. Wir glauben, wie sie damals, dass wir aus der heiligen Schrift Hilfe und Weisung für unser Leben erhalten. Nun schreiben Sie in ihrem Evangelium auch von zwei Heilungen, die vielen Menschen in unserer Zeit sehr viel Probleme machen. Da ist die Rede von einem Blinden, der auf sehr rätselhafte Weise mit Speichel von seiner Blindheit geheilt wurde. Uns interessiert natürlich besonders, wie das geschehen konnte. Ich habe eine solche Blindenheilung in dieser Weise noch nicht erlebt und ich muss auch sagen, dass ich sie mir nur schwer vorstellen kann. Viele Menschen, die -wie wir sagen – naturwissenschaftlich Denken, sehen hierin etwas, dem sie keinen Glauben schenken können. Und es gibt ja eine ähnliche Geschichte von einem Tauben, der durch ähnlich rätselhaft Weise geheilt wurde. Vielleicht könnten Sie so freundlich sein, dies ein wenig zu erklären, damit wir ihre Geschichten besser verstehen. Mit freundlichen Grüßen ein Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts.

Lieber Zeitgenosse des 21 Jahrhunderts!
Ich bedanke mich für ihren Brief und freue mich, dass sie so großes Interesse für mein Evangelium zeigen. Nun stellen Sie die Frage danach, wie der blinde und der taube Mensch geheilt wurden. Lassen Sie mich vor meiner Antwort etwas grundsätzliches sagen: ihre Frageweise erscheint mir typisch für ihre Zeit, aber sie entspricht nicht unserer Zeit. Sie sehen immer nur auf die Fakten, suchen nach Ursachen und Wirkungen. Wie geht das, wo kommt das her, wie können wir das auch? So sehen sie, dass ein blinder Mensch geheilt wird und fragen gleich: wie geht das? Die Technik soll herausbekommen werden. Aber ich muss ihnen leider dazu sagen: ich weiß es auch nicht, wie es gegangen ist. Und mir ist das auch völlig gleichgültig. Wenn Sie einmal die beiden Texte genauer betrachten, dann werden Sie wohl feststellen, dass dort bestimmte Praktiken genannt worden sind: Jesus legte Speichel auf die Augen. Das haben viele Menschen getan. Speichel war für uns so etwas wie eine Augensalbe. Das war etwas völlig normales, das interessierte gar keinen Menschen, als ich mein Evangelium geschrieben habe. Für uns war etwas ganz anderes wichtig, nach dem Sie überhaupt nicht gefragt haben. Sie haben gefragt, wie macht man das? Mir ist wichtig: WER macht hier etwas und was macht er. Sehen Sie, Jesus hat hier etwas gemacht, Jesus hat einen Blinden wieder sehend gemacht, Jesus hat einen Tauben wieder zum Hören und zum Sprechen gebracht. Wie das geschehen ist, ob durch Arznei oder durch etwas anderes, das spielt doch gar keine Rolle. Uns war wichtig aufzuschreiben, dass Jesus dies gemacht hat, weil Jesus gesagt hat, dass mit ihm das Reich Gottes in dieser Welt anbricht. Und wissen Sie, wenn ich etwas von Reich Gottes gehört habe, dann habe ich immer an Texte aus dem Alten Testament gedacht, aus dem Jesajabuch, in dem unter anderem steht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium gepredigt. Das sind Zeichen des Reiches Gottes, wenn das geschieht dann bricht Gottes Reich an, dann fängt etwas an, das Gott einmal vollenden wird. Und wenn Jesus Blinde sehend macht, wenn er Taube heilt und Lahme wieder gesund macht, und das hat er gemacht, wie er das auch immer geschafft hat, dann ist er der Bringer des Reiches Gottes für uns. Wie gesagt, nicht die Heilung ist für uns interessant und wie das Geschehen ist, sondern dass Jesus es getan hat und dass er nicht nur vom Reich Gottes geredet hat, sondern dass er Zeichen dieses Reiches unter uns aufgerichtet hat. Ich hoffe, ich habe Sie mit meiner Antwort nicht enttäuscht. Ihre Antwort erwartend verbleibe ich mit dem Friedensgruß ihr Markus.

Lieber Markus!
Ich bedanke mich für Ihre Ausführungen, die unser heutiges Denken und Umgehen mit der Heiligen Schrift doch sehr in Frage stellen. Wenn ich das also richtig verstanden habe, dann ist für Sie das Wunder der Heilung gar kein Wunder in dem Sinne, dass etwas Unerklärliches geschehen ist, sondern es kann wie eine gute Augenoperation verstanden werden, die ja im Grunde auch ein Wunder ist, selbst wenn wir den Hergang erklären können. Und wichtig für den Patienten und seine Angehörigen ist ja auch nicht, wie das Augenlicht wiederhergestellt wurde, sondern dass der Patient wieder sehen kann. Und der Arzt wird im Grund ja auch nicht als Wundertäter angesehen, sondern als jemand der große Fähigkeiten hat und der daraufhin auch unser Vertrauen genießt. Wenn ich dies nun mit dem vergleiche, was Sie gesagt haben, lieber Markus, dann müsste das heißen: Jesus wird im Grunde auch nicht wegen seiner Wunder verehrt, sondern weil er mit diesen Zeichen die Anfänge des Reiches Gottes sichtbar gemacht hat. Unser Glaube fordert also im Grunde gar nicht, dass wir jedes Geschehen mit Jesus als Wunder glauben, sondern dass wir sie als Zeichen verstehen und von daher auf Jesu Macht vertrauen, dass wir darauf vertrauen, dass er uns das Reich Gottes gebracht hat, wenn auch nur zeichenhaft, noch nicht endgültig also. Oder sehe ich das falsch? Eine Antwort erwartet Ihr Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts.

Lieber Zeitgenosse des 21. Jahrhunderts!
Ich glaube, Sie sind dem Wesen unserer Schriften einen großen Schritt näher gekommen. Jesu Heilungswunder sind keine Vorzeigewunder, mit denen man sagen kann, weil Jesus diese Heilung vollzogen hat, hat er göttliche Kräfte und ist er Gottes Sohn. Ein solches Wunder, so sahen es die Menschen meiner Zeit, könnte auch der Teufel vollzogen haben. Ein Wunder muss nicht gleich von Gott kommen und wer nur auf Grund eines Wunders glaubt, der hat im Grunde auch einen Wunderglauben. Unsere Wundergeschichten sind eigentlich Zeichengeschichten, die die Bedeutung dessen herausstellen sollen, was Jesus gesagt hat, was mit ihm in die Welt gekommen ist. Der Glaube richtet sich auf das Wort Jesu, darauf dass sein Wort wirklich trägt für das Leben. Und zeichenhaft wird das in den Heilungen deutlich. Ich sage ganz bewusst zeichenhaft, denn Jesus hat nicht alle Menschen geheilt, es gab auch damals viele Blinde Menschen, die nicht wieder sehen konnten. Aber auch diese Menschen haben an Jesus geglaubt, weil sie für sich gemerkt haben, mit ihm und bei ihm da ist Reich Gottes, da fängt es an, wenn auch noch vieles in unserer Welt im argen liegt, wenn auch Krankheit und Tod, Hass und Ungerechtigkeit die Welt bestimmt. Aber mit ihm da hat etwas angefangen, das Mut macht, das Hoffnung schenkt für eine Zukunft, die von Gott getragen ist. Und das und nicht mehr wollte ich durch die vielen Geschichten von Jesu Wirken in der Welt deutlich machen. Mit Jesus begegnen wir dem Anbruch des Reiches Gottes, seine Worte bezeugen das, seine Taten sind Zeichen dafür. Und ich denke, das reicht bis in ihre Zeit hinein, sonst würden Sie sich nicht so mit meinen Schriften beschäftigen, sonst würden sie sich nicht mit Jesus Christus beschäftigen. Unser Glaube richtet sich nicht auf die Zeichen, der Glaube richtet sich auf den, der die Zeichen vollbringt und auf das, worauf sie hinweisen wollen: auf Gottes Reich mitten unter uns. Darauf hoffen wir, darauf vertrauen wir und deshalb habe ich auch mein Evangelium geschrieben. Es grüßt Sie herzlich Ihr Markus.

Lieber Markus!
Ich danke Ihnen sehr, dass Sie sich auf meine Fragen eingelassen haben. Sie haben mir einen neuen Zugang zu Ihrem Evangelium geschaffen und zu den anderen Büchern Ihrer Zeit, die sich in der Bibel finden. Es ist für uns nicht einfach, unser Denken beiseite zu legen, bzw. sich auf Ihr Denken erst einmal einzustellen, aber wenn es dann gelingt, dann wird doch deutlich, dass die Heilige Schrift eine Fundgrube des Lebens ist. Auch das ist ein Stück Blindenheilung, die wir heute brauchen und auch erleben. Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie mich und andere daran teilhaben lassen und wir so Jesus und sein Handeln besser begreifen. Ich bleibe Ihnen verbunden und segne sie mit den Worten des Paulus: Gottes Friede, der durch Jesus Christus in die Welt gekommen ist und der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft sich auszudenken vermag, der bewahre unser aller Herzen und Sinne in Jesus Christus, in dem Gottes Reich sichtbar ist.

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