Bleib ich auf der Strecke?

Liebe Gemeinde,

man sollte heute keine Kinder mehr in die Welt setzen. Nicht nur, dass sie einem persönliche Einschränkungen auferlegen, sondern sie haben ja selber wenig Gutes zu erwarten. Schon meine Rente ist unsicher. Die kleinen müssen einmal unendlich viele Alte und dazu ein Heer armer Leute auf der Welt miternähren. Und die Eltern verzichten für sie auf ein Einkommen, auf Kultur, Hobbys, Privatleben. Das lohnt sich doch alles nicht.

Liebe Gemeinde, lassen wir doch bitte die Mildtätigkeit sein. Es ist doch quatsch. Habe ich 10 Mark gegeben, werden im selben Moment wieder 20 Mark woanders gebraucht. Die armen Ländern stürzen mehr und mehr ins Elend. Eine Naturkatastrophe jagt die andere. Wer weiß, ob unser Geld überhaupt ankommt. Es lohnt sich nicht, zu helfen.

Liebe Gemeinde, bitte keine Nachbarschaftshilfe. Das dankt einem doch keiner. Überhaupt, man wird sich mehr und mehr fremd in unseren Dörfern. Unsere Vereine haben Nachwuchssorgen. Engagement lohnt einfach nicht mehr und wir haben ja auch alle mit uns selbst genug zu tun.

Liebe Gemeinde, lassen wir es doch bitte bleiben, vom lieben Gott zu reden. Wer will das schon hören. Eine Mischung aus Peinlichkeit und Kopfschütteln löst das aus. Ogottogott und Igitt. Es lohnt nicht, sich dafür dumm anschauen zu lassen. Es genügt, wenn der Pfarrer das tut.

Und bitte liebe Gemeinde, bitte engagieren Sie sich nicht in der Gemeinde. Wozu auch? Arbeit, die Ihnen keiner zahlt und niemand dankt. Einen Gesprächskreis gründen, in einem Team mitarbeiten, Lesungen in der Kirche halten, sich für ein Amt bereit erklären. Bloß nicht. Die Leute reden über einen und Sie werden sehen, es erwischt immer die selben und die bekommen immer mehr zu tun.

Ich lese Ihnen mal aus dem Jeremiabuch ein paar Verse vor, da werden Sie sehen, dass sich Einsatz nicht lohnt, der andere im Blick hat und nicht den eigenen Vorteil.

[TEXT]

Manchmal sieht es so aus, als lohnte sich so ein gottgefälliges Leben nicht. Den Nächsten lieben und Gott auch, das zahlt sich oft nicht aus, im Gegenteil: Es kostet, es bringt Zeitnot, manchmal Probleme mit der motzenden Familie. Kinder-haben kostet eine Menge Geld und Nerven und den Karrieresprung. Teilen kostet sowieso. Anderen helfen, zuhören, besuchen, pflegen, gesellig sein, das kann uns keiner erstatten und es geht von unserer Zeit ab. Aber einem Prediger Gottes wie Jeremia, dem ging es zu allem Überfluss auch noch an den Kragen. Der war verfolgt von Freund und Feind, weil er unpopuläre Warnungen unters Volk streute, wo alle so gerne in falscher Sicherheit lebten.

In diesem Bekenntnis des Jeremia wird sein Unmut darüber recht deutlich. Ihm platzt der Kragen und ich kann mir vorstellen, wie er das irgendwo herausschreit in einer einsamen Gegend. Wie er Gott einmal sagen muss, wie mühselig so ein Leben ist. Wie viel Kraft es kostet. Wie viele Widerstände man erdulden muss.

Es geht ihm wie der geduldigen Mutter, die irgendwann einmal einen Brüller loslässt, weil die Kleinen allzu aufsässig und frech geworden sind. Es reicht. Halt. Ich brauche etwas Ruhe. – Bitte. Kaum ist der Dampf abgelassen, schämt sie sich bereits wieder. Vor lauter Schreck weint das Jüngste. Es tut ihr leid, aber es war einfach nötig. Und vielleicht war Gott über den ärgerlichen Jeremia auch erst einmal erschrocken. Aber er hat ihn verstanden. Das musste einmal gesagt werden. Es war schließlich ehrlicher Kummer und Gott braucht keine Leute, die sich auf die Zunge beißen und brav weitermachen. Er braucht Leute, die ganz bei der Sache sind. Die ehrlich ihre Meinung sagen und ihre Beschwerden vorbringen.

Gott, warum strengt mich das Leben manchmal so an?
Gott, warum hast du sie nicht gesund gemacht?
Gott, es wird mir zuviel.
Gott, ich erwarte mir mehr von dir.
Gott, ich kann mich nicht entscheiden.
Gib mir ein Zeichen.

Mag sein, dass das Leben als Christ mitunter anstrengend und mühsam ist. Mag sein, dass man es manchmal leid ist, jeden Lebensweg zu überdenken, ob er Gott gefällt. Mag sein, dass der Einsatz in Liebe nicht lohnt im Maßstab unserer Zeit. Wir haben zu Recht etwas zu beklagen. Wir haben Recht, Gott unsere Klagen zu sagen. Wir haben einen Gott, der unsere Klagen hört, einen, der unseren Jammer ernst nimmt. Der das nicht selbstverständlich nimmt, dass wir uns einsetzen und dabei mit unserer Kraft ans Ende gekommen sind. Der weiß, wie schwer es manchmal sein kann, ein gottgefälliges Leben zu führen; mit all den Entscheidungen und Fragen.

Aber er stärkt uns, wenn wir diesen Dampf abgelassen haben, auch wieder. Er gibt Kraft weiterzumachen, wenn es sein soll. Er gibt Kraft zu Veränderungen, die vielleicht nötig geworden sind. Er gibt Kraft zu lieben, zu helfen und zu ertragen. Es ist ein echtes Liebesverhältnis. Nur so ein Liebesverhältnis verträgt Streit und Ärger und Klage, ohne Schaden zu nehmen. Dabei sogar an Tiefe zu zulegen, weil man sich immer besser versteht, und schwere Zeiten aushält und miteinander trägt. Und deshalb lohnt es sich eben doch, so ein Leben zu führen, an meinem normalen Egoismus vorbei.

Für meinen Gott, für meinen Nächsten, meine Kinder, meine Eltern. Sie sind alle mein. Das ist ein tragfähiger Egoismus, der sich zum eigenen Wohl für andere einsetzt, sich kümmert, liebt. Denn dieser Einsatz kommt hundertfältig zurück. Das hat Jeremia auch gespürt und drum ist er trotz aller Widrigkeiten seinem Gott treu geblieben. Das Klagen hat er deswegen nicht aufgehört.

drucken