Bitte haben Sie einen Moment Geduld!

<i>[Ich danke dem Kollegen Dieter Behrens für Anregungen zu dieser Predigt.]</i>

Liebe Gemeinde,

so ein Kandidat im Wahlkampf muss schon viel aushalten. Da sind ständig Fernsehkameras auf ihn gerichtet. Wenn ihm dann öffentlich ein Malheur passier, lacht sich in den Abendnachrichten die gegnerische Partei ins Fäustchen. So passierte es dem Kandidaten, von dem heute keiner mehr spricht, Bob Dole. Der war gegen den amtierenden Präsidenten Bill Clinton angetreten. Es war die heiße Phase des Wahlkampfs und Bob Dole hatte unter freiem Himmel zu reden. Die Bühne war abgesperrt mit einem Geländer, das auf antik gemacht war. Lässig stützte sich der Kandidat auf dieses Geländer. Was er nicht bedacht hatte. Wie so vieles in den USA war es nur Fassade, mehr Schein als Sein, nur Pappmache. Das Geländer gab nach und der Kandidat erlebte schon mal das, was dann bei der Wahl Wirklichkeit wurde. er lag unten. Hier im heutigen Predigttext ist ein Geländer genannt, ein beidseitiges sogar, da kannst du dich ganz fest drauf stützen, da kannst du dich jederzeit dran halten: Das gibt nicht nach und bricht nicht weg. Dies Geländer ist der lebendige Gott und die Verheißungen der Heiligen Schrift.

Sie ermutigen dich, darum geht es ja heute morgen, zur Geduld. Wenn die Bibel zur Geduld mahnt, dann geht es um lebensentscheidende Dinge. Es heißt ja hier, wir sind von denen, die glauben und die Seele erretten. Es geht also um die Ewigkeit, es geht nicht um gutes Benehmen. Ein bischen Freundlichkeit, den Kunden hinter mir in der Supermarktschlange vorlassen und geduldig etwas länger warten bis ich selber dran komme, darum geht es nicht. Der biblische Aufruf zur Geduld hat auch nichts zu tun mit den bekannten Vertröstungen der Regierenden in der großen Politik. Wenn die ihren Mangel an Ideen oder die Grenzen ihrer Möglichkeiten kaschieren wollen, mahnen sie gerne zur Geduld: Nur Geduld, ihr lieben Jugendlichen, ihr kriegt schon noch einen Ausbildungsplatz, Industrie und Handwerk werden euch schon nicht im Stich lassen. Nur Geduld, ihr lieben Steuerzahler, auf Grund unvorhersehbarer Zwischenfälle wird die Abgabenlast leider nicht verringert werden, aber wir werden den Schuldenberg schon abbauen. Nur Geduld, ihr lieben Arbeitslosen, der Aufschwung verzögert sich noch um ein Vierteljahr, aber das Bruttosozialprodukt wird gewiss bald wieder steigen.

Ist Gott auch so, dass er uns vertröstet, dass er verspricht was doch nie eintrifft. In diesen Sätzen im Hebräerbrief sind Christen angesprochen, die verzweifelt sind. Die sich fragen: Hat sich das eigentlich gelohnt für mich mit dem Glauben? Soll ich noch weiter festhalten daran, wo ich jetzt in so viel Schwierigkeiten stecke? Ihnen wird gesagt, weshalb es sich lohnt, weiterzumachen. Das ist für uns alle wichtig.

Drei Gedanken dazu:
1. Wenn die Geduld erschöpft ist
2. Wo sich Geduld auszahlt.
3. Was hilft zum Geduldigsein?

Zum ersten: Wenn die Geduld erschöpft ist. Wir müssen mehr Verständnis bekommen, für alle, die verzweifelt rufen: Mir reichts! Für alle, die sich nicht mehr mit den üblichen Sprüchen abspeisen lassen: Du hast ja noch deine Kinder! Du hast ja noch deine Aufgaben. Es kommen schon wieder bessere Zeiten! Nimm es dir nicht so zu Herzen. Die Zeit heilt alle Wunden. Das ist ein schlechter Trost. Wer solche Sprüche verteilt, hat den nicht verstanden, der am Ende ist mit seiner Geduld. Aber Jesus versteht ihn. Jesus versteht die Ehefrau, die es leid ist, ihrem alkoholkranken Mann zu vergeben, dessen Eskapaden sie schon seit Jahren ausgesetzt ist. Wie oft hat sie gedroht, auszuziehen, jetzt überlegt sie, ob sie es einmal wahr macht. Jesus versteht die Familie, die sich nach dem Umzug im neuen Ort bei der Kirchengemeinde meldet und engagieren will. Aber der Pfarrer und die Alteingesessenen beharren auf den Traditionen. Neue Ideen stören da nur. Wäre es nicht viel einfacher, in die andere Konfession auszuweichen. Wir haben aus diesen Gründen Leute verloren an Freikirchen. Umgekehrt hörte ich jetzt von einer Familie, die aus der Freikirche in die Landeskirche wechseln will aus den gleichen Gründen. Mit ihrer Geduld sind die am Ende. Wenn die Geduld erschöpft ist, dann kann es nötig sein, dass der Geschädigte eine Grenze zieht: Jetzt ist Schluss! Und manchmal kommen darüber andere, die ewig vertröstet haben und die Probleme kleingeredet haben, zur Besinnung. Leider sind in manchen christlichen Gemeinden gerade die engagierten Gläubigen zu nötigen Veränderungen unfähig, weil sie sich sagen: Gott verlangt von uns, dass wir das Schwierige erdulden und nicht dagegen aufmucken. Das ist gerade unter Christen so ein Problem, wenn nicht offen gesagt wird, hier verhält sich einer untragbar. Wenn ein Hauskreisabend nur von den Gedanken eines nervigen Dauerredners geprägt wird, muss ihn der Leiter zur Räson rufen. Oder die andern Teilnehmer bleiben nach und nach fern, das wäre die schlechtere Lösung. Im Buch Jeremia im Alten Testament finden wir den seltenen Fall, wie einem ganzen Volk die rote Karte gezeigt wird. Gott lässt dem Volk durch den Propheten ausrichten: Meine Geduld ist erschöpft. Ihr wollt euch nicht bessern. Eure Stadt, euer Tempel wird bald zerstört. Da ist nichts mehr zu machen.

Das heißt, wir gehen nicht nur einander auf den Wecker, wenn wir unverbesserlich an falschem Tun festhalten. Wir strapazieren auch die Geduld Gottes selbst. Die Bibel betont allerdings, das Gottes Verheißungen stärker sind als seine Strafen. Gottes Gnade und sein Gericht halten sich nicht die Waage. Sein Gericht, das uns treffen müsste, hat ja Christusauf sich genommen. Er hat all unsere Sünde und Schuld, gerade unsere Unverbesserlichkeit, unsere Ungeduld dem Nächsten und Gott gegenüber, ans Kreuz gebracht, dort abgetragen. Von Jesus her können wir Kraft bekommen mit den Situationen fertig zu werden, die unsere Geduld auf die Probe stellen. Und von Jesus her bekommen wir auch einen Blick geschenkt zu unterscheiden, wo eine Grenze gezogen werden muss, wo ein Schlusstrich gezogen werden muss. Oder wo es noch zu warten gilt, wo noch Hoffnung auf Veränderung besteht.

Denn es gibt Beispiele genug, wo sich Geduld auszahlt. Denken wir an die Geschichte von Josef. Seine Brüder geben ihm nach einem Streit einen grausamen Denkzettel. Sie lassen ihn stundenlang in einem Brunnen schmoren. Dann schieben sie ihn ins Ausland ab. Als Sklave muss er mühsam sein Dasein fristen. In der Fremde und in aller Erniedrigung bekommt er dennoch Gottes Nähe zu spüren. Denn schnell macht er sich mit der ungewohnten Rolle vertraut. Was er anpackt, gelingt ihm. Im Garten, denn er zu betreuen hat, blüht es wunderbar. Zwischen ihm und seinen Kollegen verbessert sich das Arbeitsklima. Das bleibt seinem Arbeitgeber nicht verborgen. Als der merkt, diese Neuverpflichtung war ein Glücksgriff, der ist ehrlich und arbeitet zuverlässig, da bekommt Josef die Schlüssel für den Vorratsraum und den Weinkeller anvertraut. Josef erweist sich als guter Haushalter. Er sorgt dafür, dass die Felder rechtzeitig bestellt werden und die Vorratsräume mit allem nötigen gefüllt sind. Bald ist er, obwohl formal weiterhin Sklave, de facto Herr über Haus und Hof. Er verwaltet das gesamte Anwesen. Seit seiner Anwesenheit herrscht eine andere Atmosphäre ins Haus. Man spürt, er ist von Gott gesegnet. Und er merkt selbst, dass es sich lohnt, Gott zu vertrauen. Er sehnt sich nach seiner Heimat, aber geduldig harrt er in der Fremde aus. Aber dann sitzt er plötzlich wieder im Gefängnis, nur weil der Frau seines Chefs während der Dienstreisen ihres Mannes die Abende zu langweilig wurden. Josef widerstand ihren Zudringlichkeiten. Wie sollte er Gott ungehorsam werden und das in ihn gesetzte Vertrauen missbrauchen? Er bleibt standhaft, und die Enttäuschte sorgt für seine Entlassung, ja für seine Einkerkerung. Nun sitzt er hinter Schloss und Riegel und kann darüber nach denken, wohin ihn sein Gottvertrauen und sein Gehorsam gebracht haben. Zweifel kommen in ihm hoch und der Spott der Mitgefangenen setzt ihm auch noch zu. Was bleibt ihm jetzt noch an Hoffnung? Da erinnert er sich an die Geschichten des Glaubens. Von seinem Vorfahren Abraham hat er als Kind viel gehört. Dem hatte Gott ein Versprechen gemacht. Aus ihm werde ein großes Volk und das Land würde diesem Volk zu eigen sein, ja nach seiner Familie genannt werden. Aber jahrelang war nichts davon zu sehen. Abraham war dem Verzagen nahe. Einmal klagt er Gott seinen Frust: Herr, mein Gott, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder, und mein Knecht Elieser von Damaskus wird mein Haus besitzen. Aber Gott wiederholt die Verheißung, steigert sie noch und sagt ihm: Siehe gen Himmel und zähle die Sterne. Kannst du sie zählen. So zahlreich sollen deine Nachkommen sein. Und dann heißt es: Abraham glaubte dem Herrn, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit. Daran erinnert sich Josef und er muss daran denken, sein eigenes Leben verdankt er der Geduld seines Urgroßvaters.

Monat um Monat vergeht. Wieder hört Josef Versprechen, er solle sich gedulden, bald werde es besser. Ein königlicher Beamter hatte das gesagt. Der war auch inhaftiert für einige Zeit. Wenn er frei käme, würde er sich für Josef einsetzen. Aber er vergisst ihn. Josef lernt, nur auf Menschen vertrauen kann zu bitteren Enttäuschungen führen. Immer noch hofft er auf eine bessere Zeit. Er hält an seinem Glauben fest. Mit der Zeit gewinnt er das Vertrauen des Gefängnisaufsehers und die Anerkennung seiner Mitgefangenen. Und er spürt: Es lohnt sich, dass ich nicht tatenlos resigniere. Und dann kommt der Tag seiner Entlassung und er wird nicht nur rehabilitiert, er steigt in höchste Ämter auf. Geduld lohnt sich.

Haben wir das nicht auch schon oft erlebt? Geduld lohnt sich. Das wissen z.B. alle, die unterrichten. Es gibt da Schüler, die begreifen schnell. Andere brauchen lange. Sie müssen ermutigt werden zu wiederholen, zu üben, bis der Lernerfolg eintritt. Wir alle bleiben ja in gewisser Weise Schüler ein Leben lang. Luther sagte einmal, über die Schrift solle niemand sich zu meistern trauen, er habe denn 100 Jahre von Mose und den Aposteln gelernt. Ich hoffe, niemand ist so hochnäsig oder lebenssatt zu sagen, er wisse diesbezüglich genug und müsse sich nun auf nichts Neues mehr einstellen. Es ist ein Phänomen in den verschiedensten Gemeinden: Da fühlen sich manche zum engsten Kern der Verantworttungsträger gehörig. Aber sie zeigen nur geringe Resonanz im Blick auf bibl. Seminare, Hauskreis u.ä. Selbst wenn einer die Bibel gut kennt, wie kann dies Wissen frisch gehalten werden ohne Übung? Wie kann einer über Jahre hinaus geistlich geben wollen ohne zu nehmen? Das kann nicht gut gehen. Ich kann nur empfehlen, die Angebote zu nutzen, die in Hauskreisen, Bibelstunde und im nächsten Jahr in besonderen Bibelwochen geboten werden. Oder heute, der Prospekt ist ja eingelegt, bei der Glaubenskonferenz in St. Ansgarii, wo wichtige Seminare angeboten werden für Christen aus allen Bremer Gemeinden.

Ein Bereich, wo sich mancher sehr in Geduld üben muss, und was gerade Jugendlichen Mühe macht, ist das Erlernen eines Instrumentes. Mir geht es so beim Klavierspielen. Vielleicht liegt es ja auch am Alter. Jedenfalls komme ich da oft an die Grenzen. Da kommt man an einen Punkt, da möchte man aufgeben und ist der festen Überzeugung: Es ist ist so mühsam, es ist so wenig Fortschritt zu erkennen. Aber da muss man durch, und irgendwann ist es gar nicht mehr so schwer, das Geheimnis bestand darin, sich durchzubeißen. Geduld lohnt sich.

So hat es auch Paul Raj erfahren. Der Gründer der Kirche des barmherzigen Samariters in Indien. Vor 25 Jahren bekehrte er sich durch das eigenständige Lesen der Bibel. Fortan unterstützte ihn seine Familie nicht mehr. Trotzdem schaffte er den Sprung auf einen gutdotierten Posten an der Universität. Den verließ er dann und machte sich, mit einem Megaphon bewaffnet, auf den Weg in die Dörfer des Koya Stammes. Dort wohnen Eingeborene in vorindustriellen Verhältnissen, die weder lesen noch schreiben können, ihre Sprache ist gar nicht erforscht. Als er in das das erste Dorf kam und per Megaphon zu predigen begann, liefen die Leute weg und versteckten sich im Gebüsch. Er passte sich ihrer Lebensweise an, lebte einfach wie sie und zog von Dorf zu Dorf. Jahrelang predigte er von Jesus, nichts geschah. Er wurde angefeindet und müde. Erst nach einigen Jahren wurden die ersten offen für den Glauben. Dann kamen die ersten Taufen, eine Priesterin bekehrte sich. Und die junge Kirche wuchs rasant. Heute ist es die drittgrößte Kirche in Indien. Die Geduld des Gründers, der nicht auf kurzfristigen Erfolg aus war, hatte sich gelohnt. Was hilft zum Geduldig sein? Danach wollen wir noch fragen. Hier steht: "Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat." Wer das Vertrauen auf den lebendigen Gott fahren lässt, wer den Versprechen der Bibel nichts mehr zutraut, der verliert das Wichtigste. Das ist wie wenn die Soldaten der Antike auf der Flucht, um schneller davonzukommen, ein Teil nach dem andern wegwarfen: Schwert, Schild, Helm. Aber damit war jede Möglichkeit dahin, sich noch zu verteidigen, wenn es noch mal gefährlich würde. Ein Bekannter von mir erzählte aus seiner Bundeswehrzeit. Da war ein 20km Orientierungsmarsch angesagt. Zu seiner Gruppe gehörte so ein armes Würstchen, der taumelte schon, bevor er etwas angezogen bekam. Wie die andern auch, musste er alles umhängen: Rucksack, Stahlhelm, Koppel, Feldflasche, Magazin, Gasmaske. Nach 5km fingen die Kameraden an, seine Sachen unter sich aufzuteilen. Sie dachten: Wenn kontrolliert wird, wird in erster Linie darauf geachtet, dass alle beisammen sind. Dann kam die erste Kontrollstation. Die Gefährten hatten ihm auch sein Gewehr abgenommen. Der Vorgesetzte kannte keine Gnade. Alles könne man aufteilen, nur die Waffe nicht. So mussten alle zurück und den strammen Marsch von vorne beginnen. Der Unglücksrabe lernte daraus: Es gibt Dinge, die darf man sich einfach nicht abnehmen lassen.

Werft euer Vertrauen nicht weg. Werft die Freudigkeit zum Gebet nicht weg, zu Opfer, zu Gottes Wort. Das ist die Fehlentscheidung schlechthin. Wenn du merkst, du hast einen harten Weg vor dir, es wird dir zuviel mit dem Hausbau oder mit der Kindererziehung, mit den Abendkursen oder was dich sonst schafft. Wenn dann der Gottesdienst als erstes ausfällt, woher soll dann noch die Freude kommen?

Oder wenn du knapper stehst finanziell, und du lässt das Opfern ausfallen. Ist das denn nicht etwas herrliches gewesen, dass der schnöde Geldbeutel einen Beitrag geben durfte zum Reich Gottes? Das musste der junge Missionar lernen, der in einem sehr armen Gebiet lehrte, wie man Christ wird und wie ein Christ lebt, aber das regelmäßige Geben erwähnte er nicht weil er dachte die sind doch so arm, das kann man ihnen nicht zumuten. Die Leute lasen bald selbst ihre Bibel und kamen eines Tages zu ihm: Du hast uns etwas wichtiges vorenthalten. Was denn? Ein Christ soll den Zehnten geben. Ja, ich dachte, ihr habt doch so wenig. Nein, wir wollen das tun. Und eines Tages kommt bei dem Missionar eine richtige Karawane an, eine Ziege, eine Kuh, Früchte, Möbel. Für wen ist das? Das ist für dich, wir sind dankbar für alles was wir durch den Glauben gewonnen haben. Jeder von uns hat etwas gegeben. Wenn es hier heißt, Gott steht zu seinen Verheißungen, dann gehört dazu auch die Verheißung, dass wir nicht ärmer werden durch das Teilen und Opfern für das Reich Gottes. Werft euer Vertrauen nicht weg. Werft die Freude nicht weg, dass ihr etwas tun dürft für die Sache des Herrn! Oder das Gebet. Was geschieht denn da, wenn wir da säumig werden? Wir werfen die Verteidigungswaffen weg, den Schild des Glaubens, den Helm des Heils. Dem Feind unserer Seele sind Tür und Tor geöffnet.

Wer ist der Feind? Es ist die Angst, die sich so schnell einschleicht: Ich komme zu kurz, ich schaffe es nicht, die andern sind besser, habens besser. Diese Angst macht unruhig, da schleicht sich was ein, wo der Widersacher den Fuß in die Tür kriegt und uns mit negativen Gedanken infiziert.

Bei den Jüngern war einer der Ungeduldigsten der Petrus. Einmal beschwert er sich bei Jesus: Herr, ist genug, dass ich dem, der mir immer Ärger macht, sieben mal vergebe. Und Jesus sagt: Nicht 7 mal, sondern 70 mal 7 mal. Aber die Kraft dazu war nicht in Petrus. Die kommt von Jesus selbst. Jesus hilft uns, dass sich die Geduld multipliziert.

Aber es könnte jemand sagen: Schöne Worte. Und doch: Da sind Christen gestorben, die haben ihre Hoffnung gesetzt auf eine Verheißung der Bibel und haben sie nicht erlebt. Ja, das gibt es. Und hier wird das ehrlich zugegeben, wenn es heißt: Nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll. Es geht um das Versprechen, dass Jesus sichtbar wiederkommen wird und diese Welt erneuern wird.

Die ersten Christen und Generationen nach ihnen haben erwartet, dies werde zu ihren Lebzeiten geschehen. War es ihnen nicht so versprochen worden. Ich finde schon. Jesus hat doch gesagt: Dies Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. Ja, das hat er versprochen. Und es wird gewiss geschehen. Aber warum Christen es selbst nicht erleben dürfen, was sie als zu sich gesagt geglaubt haben, weiß Gott allein. Er hat seine eigene Weise, seine Versprechen zu erfüllen. Das Alte Testament enthält viele Weissagungen, die sich ganz anders erfüllt haben als die unmittelbaren Adressaten erwartet haben. So könnte es auch mit dem sein, worauf wir hoffen. Das ist keine Vertröstung, wenn wir sagen, Gott erfüllt es anders als wir denken. Es ist ein wenig wie bei der Holländerin Corrie ten Boom, die als Kind ihren Vater, den Uhrmacher ten Boom nach Dingen fragte, die in den Bereich sexuelle Aufklärung gehören. Sie waren auf einer Dienstreise und ihr Vater hatte viele Ware, vor allem Uhren im Gepäck. Ihr Vater sagte sehr liebevoll, heb mal diesen Koffer. Sie konnte es nicht. Darauf er: Ich wäre ein sehr schlechter Vater, wenn ich dich diesen schweren Koffer tragen ließe. Es wird die Zeit kommen, da kannst du ihn tragen. So ist es auch mit vielen Dingen, die uns jetzt zu schwer sind. Gott wird zu seiner Zeit schenken, dass wir sie tragen können. Daran musste Corrie denken, als sie Jahre später aus dem Lager Ravensbrück entlassen wurde, wo ihr Vater und ihre Schwester umkamen. Sie hatte dort auf viele Fragen keine Antwort gefunden. Aber später, als sie ihr Hilfswerk für die vom Lagerschicksal Gezeichneten und für die nun bereuenden Täter begann, erschlossen sich die Zusammenhänge und sie dachte an den Koffer. So verstehe ich dieses große Wort von dem Vertrauen, das wir nicht weg werfen sollen, weil wir zu gegebener Zeit empfangen werden, aber oft anders, als wir es früher gedacht und gehofft haben.

Gestern bei der Hochzeit hier, der wir den Altarschmuck verdanken, wurde wie üblich "Lobe den Herren" gesungen. Bei so einem geläufigen Lied gerät das Schicksal seines Verfassers leicht in Vergessenheit. Es ist Jochim Neander, aus Bremen stammend, der nur ganze 10 Monate in St. Martini gewirkt hat. In dem Anbau neben der Kirche, aus dem Pastor Runge bald auszieht, hat er gelebt. "Lobe den Herren" ist sein berühmtester Choral. Mit 30 Jahren erlag er der Pest. Auf seinem Sterbelager sagte er: "Lieber will ich mich zu Tode hoffen, als durch Unglauben zugrunde gehen."

Selbst dann,wenn wir wirklich nichts mehr zu hoffen haben, schenkt Gott uns Kraft zur Geduld. Solcher Glaube kann getrost in das Wochenlied einstimmen: "Was mein Gott will, das geschehe allzeit."

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