Bild der Hoffnung

Wir werden heute hineingenommen in die Zeit um 540 vor Christus. Das Volk Israel sitzt seit langem in Babylonien im Exil. Vertrieben von der Heimat, vertrieben von den Wurzeln des Lebens, vertrieben aus den Gemeinschaften vormaliger Zeit, heimatlos in der Fremde. Der Fortgang aus der angestammten Heimat liegt schon einige Zeit hinter ihnen. Die Menschen haben sich auch schon an das Leben in der Fremde gewöhnt, aber es ist nicht das Leben von vorher. Es ist ein anderer Ort, eine andere Lebenswelt, es fehlen die Grundlagen des Lebens vormaliger Zeit. Irgendwie hatte das Volk nicht mehr damit gerechnet, dass sich etwas verändern wird. Hoffnung auf ein Leben im gelobten Land, die hatten sie fast aufgegeben. Doch dann tauchte plötzlich ein Prophet auf. Ein Prophet war einer, der im Namen Gottes redete und dem Volk die Gedanken Gottes weitergab. Der kam nun zu den im Exil lebenden Israeliten und verkündete ihnen eine neue Botschaft, die Botschaft von der Veränderung der Lebenssituation. Das Volk sollte nicht länger im Exil leben, die Hoffnungen sollten nicht ganz dahinschwinden, sondern Gott wollten einen neuen Anfang mit seinem Volk wagen. Und so verkündete der Prophet Jesaja ihnen folgende Worte:

[TEXT]

Merkwürdige Worte, die wir da hören. Da ist die Rede von einem Knecht, einer auf dem der Geist Gottes liegt, dessen Worte nicht lauthals herausgeprahlt werden, der aber dennoch das Recht Gottes aufrichten wird. Lang, lang ist’s her, zu lang, als dass es uns nahe sein kann, denkt sicher mancher von Ihnen gerade. Ich denke aber, dass es dichter ist, als uns bisher sicher klar geworden ist. Denn es soll hier heute nicht um Geschichtsunterricht gehen, sondern darum, dass diese damalige Hoffnung auch zu einem Stück unserer Hoffnung wird. Exil, nicht in seinem Land leben, in fremder Umgebung, trotz vieler Menschen um einen herum. Ich könnte mir vorstellen, dass viele von uns heute ganz ähnliche innere Gedanken haben. Viele von Ihnen sind betroffen vom Tod ­ N.N., der 14 jährige, N.N., die 64jährige, wir mussten von ihnen Abschied nehmen.

Sie sind nicht ins Exil geschickt worden, aber das zu Hause ist auch nicht mehr das zu Hause, wie es vorher war. Es ist zu einer ganz anderen, fast fremden Umgebung geworden, trotz der vielen Menschen um einen herum. Und es hat auch etwas von Gefangenschaft. Gefangen sind wir in den Gedanken an die Verstorbenen, an die Umstände des Todes und alles, was damit zusammenhängt. Auch wenn die Ereignisse nun schon einige Tage her sind, sie sind so dicht bei uns und führen uns immer wieder heraus aus dem gewohnten Leben, in dem wir gelebt haben. Es ist eben nichts mehr wie vorher, es ist alles anders geworden. Das Leben hat etwas Fremdes angenommen, trotz allem vertrauten, das einen umgibt.

Sie leben im Exil der Trauer, des Verlustes, im Exil des Lebens ohne den Verstorbenen. Woher Hoffnung nehmen, wenn doch alles so verschüttet ist in einem? Können wir für Frau Arndt noch sagen, sie ist erlöst von ihrem Leiden, so gibt es bei Heiko keine Antwort. Nichts eigentlich woran man sich aus der Situation heraus noch hoffnungsvolles holen kann. Hoffnung kann nur von außen kommen, so wie Hoffnung immer von außen kommt. Wirklich tragende Hoffnung können wir nicht aus uns selbst erhalten, zu angefochten sind diese Gedanken immer wieder. Wir brauchen solche Worte und Gedanken, wie sie Jesaja vor Augen stellt. Und diese Worte sind ja auch nicht aufgeschrieben, um Geschichtsbücher damit zu füllen, sondern sie sind aufgeschrieben worden, weil Menschen daraus Hoffnung schöpfen konnten, die weiter trägt als alle anderen menschlichen Worte.

Das erste ist, dass da jemand ist, der von Gott her kommt, von ihm gehalten wird, der im Einklang mit Gott lebt. So spricht der Herr: Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn – und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Gottes Geist wirkt in ihm, das heißt, er lebt ganz von Gott her und trägt diesen auch in die Welt und zu den Menschen. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Von diesem Knecht heißt es: Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Gott stellt den tragischen Seiten des Lebens etwas gegenüber, das diese tragischen Seiten nicht aufhebt, aber der dies auch nicht noch verschärft. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen. Der Verlust eines Menschen macht uns zu geknickten Menschen, ebenso wie andere tiefgreifende Beeinträchtigungen des Lebens. Er ist ganz geknickt, so sagen wir dann. Das geknickte Rohr ist das Bild für die Bedrückungen des Lebens, für das, was es uns schwer macht, aufrecht, fröhlich und stark durchs Leben zu gehen. Die Natur würde sagen: was nicht stark ist, das muss vergehen. Das Starke muss sich durchsetzen, um zu überleben. Ein Rohr, das geknickt ist, das taugt nichts, das wird an die Seite getan, weggeworfen.

Gott aber sagt: das geknickte Rohr darf nicht zerbrochen werden. Es hat auch als geknicktes Rohr seine Bedeutung. Darin wird deutlich, was menschliches Handeln ausmacht. Der Mensch vermag anders zu Handeln, als die Natur es tut. Der Mensch ist ein Wesen, das über sein Handeln nachdenken kann und entsprechend reagieren kann. Und der Maßstab des Handeln, die Richtung des Reagierens, die gibt uns Gott vor.

Für mich bedeutet dieser Satz: das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen zweierlei: aus der Sicht dessen, der sich als das geknickte Rohr fühlt heißt das, ich darf geknickt sein, ich darf mit meinen Verletzungen vor Gott da stehen, ich darf mit all meiner Verletztheit und Bewegungsunfähigkeit zu Gott kommen, denn er will nicht nur grade und taugliche Menschen, sondern er ist gerade auch für die da, die geknickt sind, die schutz- und hilfebedürftig sind. Gott zerbricht nicht auch noch das Letzte. Den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Das bisschen Feuer, was noch da ist, auch wenn es zur Zeit keine Flamme mehr ergibt, das wird nicht ausgelöscht, so dass es vergessen ist. Nein, es fehlt nur die Nahrung, damit das Feuer sich wieder neu entfachen kann. Denken sie an eine Öllampe, deren Öl ausgegangen ist. Der Docht glimmt noch, neues Öl vermag dann den Docht wieder zum Leuchten zu bringen. Ich verstehe diesen Text von Jesaja so, dass Gott durch seinen Knecht, dieses Öl bereit stellt, dass auch dem geknickten Rohr eine Stütze ist.

Und da kommt nun das zweite ins Spiel: Wir sind ja auch die, die den Geknickten gegenüber stehen. Und das heißt, wenn ich diese Worte Gottes ernst nehme, dann soll meine Sorge denen gelten, die geknickt sind, deren Docht nur noch glimmt, auf dass ich ihnen Stärke und Nahrung gebe, auf dass daraus neues entstehen kann. Wie oft aber fühlen sich die Schwachen so, als ob das Rohr ganz zerknickt wird, und die ohne Hoffnungsfeuer so, als ob man das Licht nun ganz auslöschen möchte. Und da ruft uns Gott dazu auf, es seinem Knecht gleich zu tun, und hier das Rohr stehen zu lassen, den Doch nicht zu löschen. Wo wir schienen können, sollen wir schienen, wo wir Nahrung für das Lebenslicht haben, da sollen wir es geben, auf dass es weitergehen kann. Darin stehen wir in der Nachfolge des Knechtes.

Wir Christen sehen in diesem Knecht Jesus Christus, den Sohn Gottes. Denn in ihm erleben wir die Erfüllung dieser alten Verheißung. Jesus war der, der den Schwachen nicht hat fallen lassen, sondern auf aufgerichtet hat. Er war der, der den leeren Seelen wieder neue Nahrung gegeben hat, eine neue Hoffnung für das Leben. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Auch das eine Erfahrung, die wir immer wieder machen. Darüber wird nicht gesprochen. Weder in den Medien noch in privaten Gespräche wird über ihn gesprochen, er steht nicht im Mittelpunkt unseres Redens und damit auch nicht unseres Denkens. Dabei ist er es, der den Geist Gottes unter den Menschen lebendig macht und wir erkennen können, wie Gott mit uns umgeht.

Er ist das Bild der Hoffnung für uns, die wir geknickt sind, die wir neue Stärke fürs Leben suchen, die wir Nahrung suchen, um das Feuer des Lebens neu in uns zu entflammen. Und er ist das Vorbild dafür, wie wir als Menschen füreinander da sein können, um Stärke und Lebensfeuer zu geben. Das wichtige dabei ist, dass wir begreifen, dass Jesus hier nicht der Weltveränderer ist, der plötzlich alles Heil macht, der das geknickte Rohr zu einem ungeknickten macht und den verglimmenden Docht gleich zu einem lodernden Feuer. Auch Jesu ist den Weg des Leidens gegangen, er hat den Weg in den Tod genommen. Wir erwarten von Gott ja immer die heile Welt, das Unheil darf nicht sein. Anders die Bibel: sie sagt: die Welt ist noch nicht an dem Punkt, da das Heil alles umgreift. Wir leben in einer zerstörten und zerstörerischen Welt und der Mensch tut das Seine noch dazu. Aber diese Welt ist es, in der wir Menschen leben, aus der wir auch nicht entfliehen können. Und gleichzeitig ist es die Welt, in die hinein Gott Mensch geworden ist. Gott wollte keine neue, keine andere Welt, sondern er ist Gott in der von Leid und Tod begleiteten Welt. Und darin ist er die hilfreiche und begleitende Kraft für uns Menschen. Weil er eben inmitten dieser Welt derjenige ist, der das geknickte Rohr nicht zerbricht, den glimmenden Docht nicht auslöscht, sondern mit seiner Kraft darin wirksam ist. Unaufdringlich, leise, aber doch spürbar, wenn wir unsere Augen dafür öffnen.

Das Leben in Abschied und Trauer und veränderter Umgebung ist eine Form des Exils. Für Israel hat es eine ganze Zeit gedauert, bis Worte der Hoffnung wieder laut wurden. So könnte ich mir vorstellen, dass auch sie als Trauernde für diese Worte nicht sofort empfänglich sind. Und doch stehen sie als Botschaft Gottes im Raum: Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Ich hoffe und wünsche, dass sie dies für sich erleben können, dass auch trotz des Knickes in ihrem Leben auch das Feuer wieder sichtbar wird.

drucken