Bewusst loslassen

<i>[Vorbemerkung: Der zentrale Satz des Textes (Vers 25) entspricht dem Hauptgedanken in: Konrad Dietzfelbinger, Der spirituelle Weg des Christentums. Das Markusevangelium als Modell, München 1998, S. 29ff; 304f. Das Buch folgt zwar einer alten Häresie, ist aber für den Predigttext durchaus interessant.]</i>

Liebe Gemeinde,

Samenkörner in die Erde gesteckt. Jeder von uns kennt das. Im Frühjahr, damit wir im Sommer Blumen oder Salat oder Rasen haben. Wie oft haben wir diesen Vorgang erlebt. Schon als Kinder steckten wir Zitronen- oder Apfelkerne in den Blumentopf, um kleine Bäumchen heranwachsen zu sehen. Auch in diesen Tagen und Wochen staune ich wieder, an welchen Stellen im Garten Blumen wachsen, die ich an der Stelle längst vergessen hatte. Selbst an den Stellen, wo die Erde sehr trocken aussieht.

Ein natürlicher Vorgang: Leg ein Samenkorn auf die Erde, und es vertrocknet. Leg es in die Erde, und es treibt aus und bringt nach gewisser Zeit viele neue Samen hervor. Diese Weisheit könnte auf der ersten Seite eines Gartenlehrbuchs stehen. Es könnte ein Gleichnis von Buddha sein oder ein Wort aus einer Koransure. Ein Weizenkorn für sich alleine vergeht, aber in der Erde verwandelt es sich in eine Pflanze, durchbricht die Erde und entwickelt ungeahnte Kraft. Ein natürlicher Vorgang, faszinierend wohl, aber ohne tieferen Hintergedanken.

Doch es ist zu einem Gleichnis Jesu geworden, und da hat es sehr wohl eine tiefere Bedeutung. Im Alten Orient, wo die Menschen tatsächlich noch von der Hand in den Mund lebten – Jesus selbst auch -, da verbrauchte man im Winter das Getreide, das man im Herbst geerntet hatte. Und um diese Zeit im Frühjahr, in der man das Passahfest feierte, da gingen die Vorräte zuneige. Und das letzte Getreide durfte die Familie nicht essen – das war das Saatgut für die neue Saat. Buchstäblich mit den Tränen der Sorge wurde es in die Erde gelegt. Sorge, weil niemand wusste, ob die Saat denn aufging oder zuviel Dürre oder zuviel Regen oder zuviel Schädlinge die Ernte vernichten könnte.

Gerne gab man die Körner also in den Familien nicht her, aber es musste sein. Dieses Bild gibt Jesus den Jüngern als Trost und Ermutigung anlässlich seines bevorstehenden Todes. „Freunde“, sagt er damit, „denkt dran, wenn ihr mich vermisst: Auch eure Samenkörner müsst ihr hergeben und begraben und in Geduld die Wirkung abwarten. Genauso ist es bei mir: Bald müsst ihr mich hergeben und begraben, aber ich werde in anderer, neuer Form wieder aus der Erde auferstehen und mehr bewirken als je zuvor.“

Aber, liebe Gemeinde, ich greife vor. Kommen wir zum heutigen Predigttext aus Johannes im 12.Kapitel:

[TEXT]

Einige Griechen auf Pilgerfahrt, so stellen wir uns vor, haben vom berühmten Jesus gehört, wollen ihn persönlich kennen lernen und fragen einen der Jünger. Der will nichts ohne Absprache arrangieren, fragt einen anderen, und beide geben Jesus das Anliegen der Griechen weiter. Jesus wiederum hält den Zeitpunkt für unglücklich, wo sich doch sein irdisches Dasein bald dem Ende neigt. Nun braucht er erst recht keine Bewunderer mehr, die einen Wundermann bestaunen wollen. Also geht er auf das Anliegen gar nicht ein, sondern erklärt Philippus und Andreas etwas, wovon ich nicht weiß, ob sie es in dem Augenblick verstanden haben. Aber er erklärt es auch uns, und mit Jesu Tod und Auferstehung im Rücken fällt uns das Verständnis leichter, hoffe ich.

Jetzt wird die Herrlichkeit des Menschensohns sichtbar werden, sagt Jesus. Sicher, von der Erscheinung des Auferstandenen in einem neuen Körper, der den Tod als erster überwunden hat, her gesehen, lässt sich das bejahen. Doch davor liegt ein langer, tragischer und für beide Seiten qualvoller Abschied.

Dass es für den Sohn Gottes ein grauenhaftes, langsames Leiden und Sterben war, davon sind nicht nur die Berichte der Evangelien voll, davon zeugen auch Kunst und Musik zur Genüge, wenn sie ihr Bild vom dahinsiechenden Schmerzensmann malen. Doch waren es nicht auch für seine engsten Freunde und für seine Mutter qualvolle, schreckliche Tage und Stunden?

Immerhin wusste Jesus, was ihn erwartete, auch wenn er es nicht verhindern konnte. Doch die Jünger waren von Ungewissheit, Angst, Hilflosigkeit, Unverständnis und – wie bei Petrus und Judas – von Schuldgefühlen geplagt. Warum wehrte sich Jesus nicht? Hätten sie das Ganze vielleicht nicht doch verhindern können? Jetzt wird die Herrlichkeit des Menschensohns sichtbar werden. Konnte man solche Sätze bei einem solchen bevorstehenden Abschied begreifen?

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. Natürlich bezieht Jesus das auf seine Person und seine Heilstat. Die Frucht, die es brachte, hat es für uns gebracht. Aber es steckt mehr dahinter.

Im Laufe unseres Lebens, und gerade wenn wir alt werden, müssen wir vieles begraben: Träume und Wünsche aus der Kindheit, Berufe, die wir gerne ergriffen hätten, Partnerschaften, in denen wir gerne alt geworden wären, Kinder, von denen wir uns entfremdet haben, Kollegen oder Nachbarn, mit denen wir uns nicht mehr verstehen, unseren jugendlichen Körper, der immer wieder Anzeichen von Erschöpfung und schleichendem Verfall zeigt, das Gefühl der Sicherheit, dass wir alles im Griff haben, ganz zu schwiegen von den Familienmitgliedern und Freunden, die wir beerdigen mussten.

Wenn wir das alles zusammenzählen, ist es eine Menge. Sicher, das geht jedem Menschen so, gehört zu unserem Dasein. Doch nicht jeder geht damit in gleicher Weise um. Manches stecken wir weg, für manches brauchen wir Zeit und Geduld, und manches führt zu Depressionen, gerade wenn als Ausgleich entsprechende Glücksmomente und Erfolge nicht sofort bereitstehen. Dass diese Art von Sterben und Abschieden für immer auch Frucht bringen kann, will uns nicht einleuchten. Verlust scheint in diesem Fall immer unwiederbringlicher Verlust zu bleiben.

Im Grunde ist das Leben aber auch ein Einüben in dieses Von-sich-Geben. Diese Aufgabe hält das Leben für uns bereit, ob wir wollen oder nicht. Aus unserem Glauben heraus und aus den Erfahrungen, die wir mit ihm machen, können wir diese Aufgabe aber bewusster angehen. Es ist eine Variante dessen, was schon der alte Psalm weiß: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden.“

Was Jesus sagt, klingt beim ersten Hören wie Resignation oder die Lebensmüdigkeit desjenigen, der seine wenigen Tage und Stunden schon zählt, aber das ist es nicht. Jesus mutet uns zu: „Wer sein Leben liebt, wird es verlieren. Wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es für das ewige Leben bewahren.“ Ein ungeheurer Satz, liebe Gemeinde, und wir gehen dieser Weisheit aus dem Weg, damit uns die Anwesenheit des Sterbens und Loslassens nicht zu nahe kommt.

Aber im Grunde ist unsere Lebensaufgabe die Aufgabe unseres Lebens. Im Grunde ist die Aufgabe unseres Lebens unsere Lebensaufgabe. „Wer sein Leben liebt, wird es verlieren. Wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es für das ewige Leben bewahren.“

Nehmen wir als Beispiel diese Passionszeit. Manche Christen (und auch viele Muslime in ihrem Monat) fasten in dieser Zeit. „Sieben Wochen ohne“ heißt diese Aktion auch. Sie verzichten freiwillig auf etwas, was ihr Leben sonst bereichert: Alkohol, Süßigkeiten oder Fernsehen.

Es ist ein bewusstes zeitweises Loslassen in der Erkenntnis, dass diesem Dahingeben ein anderes tiefer gehendes Nehmen folgt. Es ist ein Einüben des Loslassens-Könnens in der Erwartung, dass es Frucht bringt.

Ich will Jesu Forderung in diesem Sinne genauer fassen; denn es soll ja nicht als Aufruf zum Selbstmord missverstanden und vorschnell abgelehnt werden: „Wer sein vergängliches, egoistisches, schuldbeladenes Leben Form liebt, wird es verlieren. Wer es aber diese Leben gering schätzt und es innerlich loslassen kann, der wird ein besseres Leben retten für die Ewigkeit.“

Ich weiß, liebe Gemeinde, es gibt leichtere Worte Jesu und gefälligere, fröhlichere Predigten, und dieser Sonntag ruft uns zu: „Freuet euch!“ Und die Jugendlichen, die ihr Leben noch vor sich haben, verspüren wenig Lust, über Sterben und Loslassen nachzudenken. Trotzdem entscheidet sich, wie Jesus sagt, hier unsere Zukunft. Wer sein irdisches Leben über alles setzt, wird es verlieren. Wer es aber richtig und weise einordnet, der weiß: Das ist doch nicht alles! Und der wird das Leben bewahren.

Wenn wir nach draußen schauen, genießen wir das sonnige Wetter und die vielen Blüten überall. Wir tanken Energie und möchten angenehme Dinge hören. Aber gerade dieser augenfällige Aufbruch der Natur macht uns deutlich, wie weise dieses Loslassen ist: Aus den Samenkörnern ist wieder reichlich gewachsen. Dass da etwas begraben wurde, hat Frucht gebracht. Dass Jesus begraben wurde, hatte zur Folge, dass er auch wieder zu neuem Leben erweckt wurde.

Liebe Gemeinde, wir müssen ohnehin vieles im Leben loslassen, aber das tun wir gezwungenermaßen, und deshalb fallen uns diese Verluste schwer. Wenn wir dieses Loslassen aber bewusst und geduldig einüben, werden wir die Wirkung spüren, werden wir die Früchte erleben. Wer festhält, der wird verlieren.

Wer aber loslassen kann, wird es bewahren. Ich gebe zu, das gleicht einem Sprung ins unbekannte Wasser, und die wenigsten trauen sich das. Aber dies aufzugeben, bleibt unsere Aufgabe, unser Ziel.

Ich erinnere an den Psalm, den wir vorhin gebetet haben, den die Israeliten voller Wehmut damals im Exil gebetet haben. Sie sangen: „Die mit Tränen säen, werden mit Freude ernten. Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freude und bringen ihre Garben.“ Liebe Gemeinde, das ist auch ein Symbol für unser Leben und Sterben.

Was wir mit Tränen loslassen und begraben, wird Früchte tragen und mit Freude geerntet werden. Paulus sagt das so: „Es wird gesät verweslich und schwach, aber es wird auferstehen unverweslich und mit Kraft!“ Darauf dürfen wir uns jetzt schon freuen.

Wenn wir bewusst loslassen und begraben, ermöglichen wir, dass Früchte wachsen. Und ich schließe mit einem klassischen Beispiel für diese Weisheit, nämlich mit Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, der vorausschauend war und mit sich selbst die Birne begrub, damit sie Früchte tragen konnte. Dieser Prozess dauerte einige, wahrscheinlich sogar viele Jahre.

Aber alle in seinem Dorf haben diese Weisheit begriffen, die auf Jesus zurückgeht: „Wenn das Samenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“ In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen schönen Frühling.

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