Bewundern oder glauben?

Liebe Gemeinde!

Johannes, aus dessen Evangelium dieses Jahr sehr viele Predigttexte stammen, ist häufig nicht gerade ein begnadeter Erzähler. Der Ort und die Zeit und die ganze Atmosphäre einer Szene sind ihm in der Regel ziemlich unwichtig; sie sind oft nur angedeutet oder ganz ausgespart. Hauptsache, die theologischen Pointen sitzen, und die nicht zu knapp.
Im heutigen Predigttext, dem Evangelium zu Trinitatis, ist das etwas anders. Und das liegt vor allem daran, dass Johannes ausdrücklich schreibt: Bei Nacht! Das ist wie eine Regieanweisung an mein Vorstellungsvermögen. Vor mir entsteht eine ganz anschauliche Szene. Bei Nacht, wenn es dunkel ist, wenn alles schläft und höchstens ein offenes Feuer oder der Schein von Öllampen noch ein wenig Licht bringt, bei Nacht schleicht einer zu Jesus. Der ist ein Pharisäer, und wir erfahren, anders bei den meisten Pharisäern in der Bibel, sogar seinen Namen: Nikodemus. Dieser Nikodemus will ganz offensichtlich nicht gesehen werden, wie er da so durchs Dunkel schleicht. Jesus empfängt ihn trotz der späten Stunde; im Schein der Lampen beginnt ein Gespräch.

Die Nacht ist ja, das kennen Sie vielleicht auch, eine gute Zeit für tiefe Gespräche, für Gespräche, in denen man sich von den Notwendigkeiten des Alltags löst und frei wird zum Nachdenken, auch zum sehr grundsätzlichen Nachdenken. Nicht von ungefähr bekommt die Telefonseelsorge die meisten Anrufe nachts, denn um diese Zeit arbeiten die Menschen in Gedanken an ihrem Leben, und das gelingt manchmal besser im Gespräch.

So mag es auch bei Nikodemus gewesen sein. Gleich mit seinen ersten Worten verstehen wir, warum Nikodemus bei seinem Besuch nicht gesehen werden will. Er tut nämlich nicht das, was Pharisäer üblicherweise tun, wenn sie Jesus begegnen, nämlich ihn in Streitgespräche verwickeln und seinen Glauben auf die Probe stellen. Nein, Nikodemus macht etwas ganz anderes: Er redet Jesus als ?Meister? an, und er gibt offen zu, dass das Wirken Jesu auf ihn tiefen Eindruck macht: ?Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.?

Starke Worte sind das. Nikodemus sind sie sicher nicht leicht über die Lippen gekommen. Aber sie mussten raus. Sie klingen wie ein Glaubensbekenntnis: Jesus, du bist nicht irgendeiner von diesen zahllosen umherziehenden Wanderpredigern. Nein, du bist wirklich von Gott geschickt! Was ich von dir gesehen und gehört habe, das kann kein Mensch, es sei denn, er hat einen direkten Auftrag von Gott. Was ich an dir erlebe, das ist Gegenwart Gottes.

Man möchte nach einem solchen Bekenntnis erwarten, dass Jesus den Nikodemus zu seiner Einsicht beglückwünscht, ja dass er ihn vielleicht sogar gleich zu einem seiner Jünger macht. Aber das passiert nun überhaupt nicht. Jesus antwortet zwar, aber wie! ?Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.?

Ist das eine Antwort auf einen Menschen, der sich gerade zu einem neuen Glauben durchgerungen hat und nun versucht, seine Einsichten in Worte zu fassen? Also, im Seelsorgekurs würde Jesus auf eine solche Gesprächsführung eine glatte Note 6 bekommen. Denn das Bekenntnis des Nikodemus scheint ihn ja erstmal gar nicht weiter zu interessieren. Stattdessen setzt er ihm eine hohe Hürde vor die Nase: Wer nicht von neuem geboren wird, der kann das Reich Gottes nicht sehen. Das ist seine ganze Antwort. Und er stürzt damit den Nikodemus in eine Verlegenheit, in der wir ja ganz genauso stehen, wenn wir so etwas hören: Wie soll das bitte gehen, dass wir von neuem geboren werden? Wer kann das schon von sich sagen? Was war denn falsch am Bekenntnis des Nikodemus, dass Jesus so reagiert?

?Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.? ? Lieber Nikodemus, in deinen Worten steckt ganz, ganz viel Bewunderung. Du schließt dabei vom Sichtbaren auf das Unsichtbare, wie Menschen das eben so machen. Du siehst, was Jesus alles tut, und du siehst vor allem die sogenannten Zeichen, also die Wunder, die Jesus tut und die Du dir einfach nicht erklären kannst. Jetzt, lieber Nikodemus, jetzt hast du eine Erklärung gefunden: Einer, der das alles kann, der muss von Gott geschickt sein. Anders kann es gar nicht sein!

Das Bekenntnis des Nikodemus ist nicht so weit entfernt von dem, was viele Menschen heute über Jesus denken: ein großartiger Mensch, der Inbegriff der Nächstenliebe, charismatisch, unwiderstehlich, ein Weiser, ein Prophet. So kann sich ein Großteil unserer Gesellschaft über Jesus verständigen; es gehört zum humanistischen Konsens, Jesus als den exemplarisch guten Menschen hochzuschätzen. Und selbst der Koran, der Jesus als Prophet und damit als Vorläufer von Mohammed ansieht, liegt ganz auf dieser Linie: Einer der so lebte, einer, der so auf die Menschen zuging, einer, der sich bei seinem Handeln nicht einmal den Naturgesetzen unterwerfen musste wie Jesus, mit dem muss es etwas ganz Besonderes auf sich haben.

All das wischt Jesus im Gespräch mit Nikodemus einfach weg. Die Wunder und Großtaten, sie sind gut dazu, die Menschen auf Jesus aufmerksam machen, aber wehe dem, der dabei stehen bleibt und meint, Bewunderung wäre die richtige Antwort auf das, was man von Jesus so mitbekommt. Lieber Nikodemus, du bist noch nicht am Ziel angekommen. Ja, Jesus tut Wunder und sammelt viele Menschen um sich. Aber das wird nicht so bleiben. Was wirst du von Jesus halten, wenn er gefangen genommen wird, wenn man ihn als Schwerverbrecher zum Tode verurteilt? Kannst du dann auch noch sagen: ?Er ist ein Lehrer, von Gott gekommen?? Ist nicht deine Jesus-Bewunderung in dem Moment vorbei, wo Jesus aufhört, als Wundertäter durch Palästina zu ziehen? Wenn er nicht mehr als Jesus Christ Superstar angesehen wird, sondern als Gotteslästerer und Majestätsbeleidiger? Wenn ihm nicht mehr die Massen zujubeln und er auch nicht hokuspokus einfach vom Kreuz herabsteigt, um allen zu zeigen, dass er was Besonderes ist?

Nikodemus lernt in diesem Gespräch mit Jesus: Bewunderung reicht nicht. Es geht um Glauben. Das ist etwas anderes. Wenn ich jemanden bewundere, so bleibe ich damit doch ganz ich selber. Wer glauben will, der verändert sich und wird verändert. Wer an Jesus Christus glaubt, der bleibt nicht derselbe wie vorher.
Das fasst Jesus in das Bild der Geburt. Von neuem sollen wir geboren werden, damit wir Zugang zu Gottes Reich finden. Nikodemus hat Mühe, sich vorzustellen, was damit gemeint sein könnte. Ich denke, wir teilen mit ihm diese Schwierigkeit. Sind Sie, oder Sie, bin ich von neuem geboren? Ja oder nein? Wie soll man das sagen können? Geboren bin ich, das steht in meinem Ausweis mit Datum und Ort. Ich kann mich daran zwar nicht erinnern, aber meine Mutter hat mir davon erzählt. Und wäre ich nicht geboren, so stünde ich ja nicht jetzt hier. So weit ist das ganz einfach. Aber ?von neuem geboren??

Wie häufig wenn etwas schwierig ist, haben es sich Menschen einfach gemacht. Einfacher als es ist. Die Rede Jesu von der neuen Geburt kann missverstanden werden. Zu zwei verbreiteten Missverständnissen möchte ich etwas sagen.

Man könnte versucht sein, die Rede Jesu von der neuen Geburt mit jenem populären Wiedergeburtsglauben zu verknüpfen, der sich auf die östlichen Religionen beruft und doch, wenn man religionswissenschaftlich genauer hinschaut, ein Produkt der westlichen Esoterik ist. Meint Jesus hier also, dass wir immer wieder geboren werden müssen, um irgendwann einmal als perfekt inkarnierte Wesen ins Reich Gottes eingehen zu können? Nein, die Antwort des Nikodemus zeigt schon, wie fremd diesem Gespräch eine solche Spekulation ist. Der fragt nämlich ganz nüchtern zurück: ?Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?? ? Von Seelenwanderung also keine Spur. Aus einem Mutterleib geboren wird jeder Mensch nur ein einziges Mal, da sind sich Jesus und Nikodemus völlig einig. Es geht um etwas anderes: Neu geboren werden aus dem Geist.

Und dann gibt es eine andere Vorstellung von Wiedergeburt: Sie wird gleichgesetzt mit einem radikalen, emotional aufwühlenden Ereignis in meinem Leben. Ich lebe, und dann gibt es plötzlich einen Schnitt, und von da an bin ich ein neuer Mensch und kann glauben und blicke von da aus auf den alten Menschen zurück, der ich zuvor war. Die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts haben diese Idee weit verbreitet und geradezu zur Norm gemacht. Millionen von Christen, besonders in den USA, betrachten sich unter Verweis auf ein solches einschneidendes Erlebnis als ?wiedergeborene Christen?, und sie grenzen sich damit bewusst ab von anderen Getauften. In bestimmten frommen Kreisen ist die erste Frage: Bist du bloß getauft, oder bist du schon ein richtiger wiedergeborener Christ?

Ich hab? grundsätzlich nichts gegen eine solche Frömmigkeit, auch nicht im Bereich unserer evangelisch-lutherischen Kirche. Aber wenn sie sich auf Jesu Gespräch mit Nikodemus beruft, dann ist doch ein beherzter Einspruch fällig. Was dabei nämlich verfehlt wird, ist die entscheidende Pointe, die in dem Bild von der Geburt steckt. Geboren werde ich nämlich nicht, weil ich mich dazu entschieden habe. Keiner hat mich gefragt, ob ich geboren werden will. Ich habe auch nichts dazu getan. Geboren werden, das kann man nur im Passiv sagen, und das Aktiv, Gebären, heißt immer: einen anderen Menschen zur Welt bringen. Ich gebäre mich ? das ist sprachlich Unsinn, weil es von der Sache her Unsinn ist. Kein Mensch hat sich je selbst geboren.

Damit wird aber die ganze Bekehrungsrhetorik der sogenannten wiedergeborenen Christen höchst fragwürdig. Denn immer steckt hinter einer solchen ?Wiedergeburt? das dringende Bedürfnis, auch zur Gruppe der Wiedergeborenen gehören zu dürfen. Es steht eine Entscheidung im Hintergrund, die ich selbst treffe: Ich will jetzt an Jesus glauben. Das kommt mir so vor, als würde ein Embryo im Mutterleib sagen: ?Ich will jetzt das Projekt Geburt starten. Ich bringe mich jetzt zur Welt.? So geht das eben nicht.

Wie soll man sich aber dann die zweite Geburt vorstellen, von der Jesus spricht? Unsere Erzählung enthält einen ganz wesentlichen Hinweis. Jesus antwortet nämlich auf die zweite Frage des Nikodemus sehr viel konkreter als beim ersten Mal: ?Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.? Geboren werden aus Wasser und Geist ? das ist nichts anderes als die Taufe, die wir Christen empfangen. Die Taufe ist diese zweite Geburt, von der Jesus spricht. Und das kommt in unserer Praxis der Säuglings- und Kindertaufe besonders schön zum Ausdruck. Denn so wie meine Mutter mich zur Welt gebracht hat und ich darin von Gott mein Leben empfangen habe, so bringen mich meine Eltern zur Taufe, und Gott nimmt mich darin an als sein Kind. Ich muss nichts dazu tun und kann auch gar nichts dazu tun, so wie ich auch zu meiner leiblichen Geburt nichts getan habe und tun konnte.

Das ganze erweckte Entscheidungschristentum hat an dieser Stelle ein Problem: Es würde das Reich Gottes, die Annahme des Menschen durch Gott, zu gerne davon abhängig machen, dass der Mensch erstmal zerknirscht auf sein bisheriges Leben zurückblickt und dann sagt: Ich möchte so gerne ein wiedergeborener Christ sein, damit ich mich in Zukunft darauf verlassen kann, dass ich zu Gott gehöre. Und weil dieses erweckte Entscheidungschristentum damit die Taufe, das Neu-geboren-werden durch das Wasser und den Geist, zu einer bloßen Durchgangsstation degradiert, ja, im Extremfall sogar die Taufe noch einmal wiederholen möchte, als Entscheidungstaufe ? deshalb muss einer solchen Frömmigkeit auch offen widersprochen werden. Denn sie verschiebt das Sakrament der heiligen Taufe, in dem Gottes an uns Menschen handelt, zu einer Entscheidungssache, wie jemand nach Kenntnisnahme der Satzung einem Verein beitritt, oder nach Lektüre des Wahlprogramms einer Partei. Nein, die Wiedergeburt durch das Wasser und den Geist haben wir als Getaufte stets schon hinter uns. Und nicht von ungefähr ist die Taufe ein Sakrament, die Konfirmation dagegen ? der Akt unserer bewußten Zustimmung zum Glauben ? eben nicht.

An uns richtet sich allerdings die Frage, inwieweit man uns denn über den einmaligen Akt der Taufe hinaus anmerkt, dass wir vom Geist Gottes ergriffen sind. Niemand soll sich auf seiner Taufe ausruhen. Neu geboren zu sein im Sinne Jesu kann heißen, mit vielem Liebgewonnenen, mit vielem menschlich Angenehmen zu brechen, Wege zu gehen, auf denen man ziemlich allein ist. Die Taufe ist sicher nicht wie ein Ticket für das Reich Gottes, das man im Vorverkauf erwirbt, damit man eine Garantie hat, dass man den bestellten Platz auch kriegt. Aber ein vom Geist Gottes erfülltes Leben zu führen kann eben sehr verschieden aussehen und beschränkt sich keineswegs auf die geschichtlich bedingten Formen charismatisch-erweckter Frömmigkeit.

Zurück zu Nikodemus. Er hat verstanden. Wir treffen ihn später wieder, am Ende des Johannes-Evangeliums. Jesus ist gerade gekreuzigt worden. Da kommt einer, Josef von Arimathäa, und lässt sich von Pilatus erlauben, dass er den Leichnam Jesu vom Kreuz abnehmen und in ein Grab legen darf. Und ein anderer Mann kommt und bringt wie es heißt Myrrhe gemischt mit Aloe, etwa hundert Pfund. Und die beiden nehmen den Leichnam Jesu und binden ihn in Leinentücher mit wohlriechenden Ölen. Der zweite Mann, das war unser Nikodemus. Ganz offensichtlich ließ er den Glauben an Jesus Christus nicht fallen, als es nichts mehr zu bewundern und zu staunen gab, sondern bekannte sich offen zu dem Gekreuzigten. Ich denke, von diesem Nikodemus können wir alle uns noch etwas abschauen.

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