Bewegend

Eine bewegende Geschichte. Der Zusammenhalt der Freunde bewegt mich. Und diese sind bewegt vom Schicksal ihres gelähmten Freundes. Darum bewegen sie sich auf Jesus zu. Und der bringt den Bewegungslosen in Bewegung.

Liebe Gemeinde, das Thema ?Bewegung? verleitet dazu, schnell voranzugehen. Darum jetzt ganz bewusst ? in kleinen Schritten: Da ist der Gelähmte. Und seine Freunde. Sie haben zu ihm gehalten. Und das trotz seiner Krankheit. ?Trotz seiner Krankheit? sage ich, weil diese Lähmung nach damaligem Verständnis selbst verschuldet gewesen ist. Der Gelähmte?- so dachte man – hatte schwere Verfehlungen, hatte Sünden begangen. Und als Folge trat seine Lähmung ein. Eine einfache Sicht der Dinge.?Warum gerade er??Diese Frage wird klar beantwortet: weil er gesündigt hat. Der Kranke ist nicht nur durch seine Lähmung gestraft, sondern es ist auch noch für alle Menschen sichtbar, dass er ein Sünder ist.

Aber seine Freunde halten zu ihm. Nicht nur in dieser Situation sind sie einander verbunden gewesen. Trotz allem, was die Bewegung aufeinander zu erschweren könnte. Dass, was viele Kranke beklagen, dass wir uns von ihnen abwenden, dass sie nicht mehr besucht werden, dass sie nicht mehr aus dem Haus kommen – alles das hat dieser Mann – Gott sei Dank – nicht durchmachen müssen.

Aus dem Heimatdorf Alkersum meiner Frau auf Föhr weiß ich von einer jungen Frau, die im Rollstuhl sitzt. Aber sie bleibt nicht ausgeschlossen, weil ihre Geschwister sie zu allem, was sie selber vorhaben, mitnehmen. Bei Feiern, bei Vergnügungen jeder Art – sie ist immer dabei. In Fiefbergen gibt es einen ähnlichen Fall. Auch dort sind es die Geschwister, unterstützt von ihrer Clique, die sich in einer selbstverständlichen Art und Weise sorgen. Klar, dass sie auch im Jugendtreff anerkannt sind und dazugehören. Und das ohne falsche Rücksichtnahme, Betulichkeit oder Herablassung. Sie sorgen um diejenigen, die wir als behindert?bezeichnen. Menschen, deren körperliche oder geistige Fähigkeiten ? gemessen an unseren eingeschränkt sind.
Aber wenn wir Gesunden nicht in der Lage sind, Kranken ohne Hemmungen zu begegnen, dann liegt es an uns. Wenn wir unsere Hemmschwellen nicht überwinden können, wenn wir die Hindernisse zwischen uns aufrichten, dann frage ich mich, wer eigentlich behindert ist! Wie gut, dass es Menschen gibt, die sich darüber hinwegsetzen. In unserer Gegenwart. Und damals.

Das Haus, in dem Jesus predigte, war überfüllt. Kein Durchkommen und erst recht kein Hineinkommen. Dass eine religiöse Veranstaltung so viele Menschen anlockt, dass viele andere draußen bleiben müssen, auf dem Kirchentag ist das immer wieder zu erleben. Halle überfüllt!?steht auf den Schildern, die die Pfadfinder dann hochhalten. Aber kein Mensch dort käme auf die Idee, das zu tun, was die Freunde sich hier leisten: sie begehen nämlich Sachbeschädigung. In voller Absicht, aber eben auch in bester Absicht. Ich stelle mir immer vor, dass es vier Freunde gewesen sind, die, an jeder Ecke einer, das Bett tragen, auf dem der Gelähmte liegt. Vier Mann, vier Ecken, und dann rauf auf das Flachdach. Sie wissen, was sie zu tun haben. Als das Loch im Dach groß genug ist, lassen sie ihren Freund hinunter.

In dem, was Jesus sagt, spiegelt sich das Verständnis wieder, dass die Lähmung das Ergebnis eines sündigen Lebens ist. Jesus sagt:?Meine Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Das ist doch gut. Ob der Gelähmte, ob seine Freunde mehr erwartet haben als das, erfahren wir nicht.

Wäre die Geschichte hier zu Ende, mir würde etwas fehlen. Der Kranke wäre immer noch gelähmt. Und die Menschen würden immer noch denken, dass die Lähmung die direkte Folge seines sündhaften Lebens ist. Und der immer noch Bewegungsunfähige könnte sich den Mund fusselig reden, dass ihm seine Sünden doch nun von Jesus selbst vergeben worden sind, denn äußerlich hat sich ja nichts verändert. So richtig befriedigend ist das nicht. Wie gut, dass es die Schriftgelehrten gibt. Und wie gut, dass Jesus, wie es heißt, in ihre Gedanken, in ihr Herz hineinschauen kann. Das bringt diese Begegnung weiter.?Sünden vergeben kann nur Gott allein, was maßt dieser Zimmermannssohn aus Nazareth sich an?? so denken die Gelehrten, und das sieht Jesus ihnen an. Sie stellen seine Vollmacht in Frage. Sie brauchen ein Zeichen. Und Jesus lässt sich nicht lange bitten. Um klar zu machen, dass er nicht einfach nur so daherredet, heilt er den Kranken. Und macht damit klar, dass er beides kann: Sünden vergeben und heilen.

Wie mag dem Kranken zumute gewesen sein??Steh auf!?Stell dich nicht so an! Wenn du wirklich willst, dann kannst du dich auch bewegen! Solche Sätze kennen wir. Solche Sätze haben wir schon gehört. Oder auch gesagt. In einen Kranken hineingucken, das können wir nicht. Da stecken wir nicht drin. Aber wenn wir das Gefühl haben, er könnte und will bloß nicht … dann sagen wir, was wir denken.

Du kannst doch aufstehen!?Das haben, so vermute ich, schon viele zu dem Gelähmten gesagt. Familie, Freunde, und vielleicht auch Ärzte. Als wenn er sich seine Bewegungsunfähigkeit nur einbilden würde. Die gut gemeinten Ratschläge, doch einfach mal den Versuch zu machen, aufzustehen – er kann sie vermutlich nicht mehr hören. Aber diesmal ist es anders. Jesus, von dem er so viel erwartet, der sagt es. Und es geschieht. Der Kranke wird gesund, weil er Jesus glaubt. Äußerlich ist er unbeweglich, aber nicht in seinem Inneren. Innerlich ist er bereit, sich berühren zu lassen. Dass er glaubt, das ist sein Anteil an seiner Heilung! Und weil er daran glaubt, dass ihm seine äußerliche Beweglichkeit wieder geschenkt wird, darum meine ich, dass er auch das geglaubt hat, was Jesus zuvor zu ihm sagte: Deine Sünden sind dir vergeben!?Der Gelähmte hat geglaubt und sich bewegt. Glauben hat mit Bewegung zu tun.

Als Konfirmand habe ich gedacht: ?Entweder ich glaube oder ich glaube nicht!? Dazwischen gab es für mich nichts. Entweder weiß oder schwarz. Kein Platz für Grautöne. Heute weiß ich es besser. Zu glauben, das ist eine Entwicklung, die nie abgeschlossen ist. Manchmal wird sie durch unsere Erziehung begonnen und gefördert. Und manchmal nicht. Manchmal übernehmen auch kirchliche Jugendgruppen diese Aufgabe. Einige Menschen haben einschneidende Erlebnisse, dazu gehört für den Gelähmten auch seine Begegnung mit Jesus. Anderen ist dies nicht vergönnt. Was nicht heißt, dass so etwas nicht noch kommen kann.
Wer aber fragt, wer sich mit dem Glauben beschäftigt, wer mit Jesus noch nicht fertig ist, der steht nicht still. Der Glaube daran, dass Jesus, dass Gott uns unsere Sünden vergibt, ist dabei eine wichtige Station auf diesem Weg. Denn Glauben setzt in Bewegung. Andere und uns.

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