Betrag dankend erhalten

Liebe Gemeinde,

ich behaupte hier einfach mal, wir sind alle, wie wir hier versammelt sind, doch gut erzogen. Man hat uns beigebracht, oder man versucht noch beizubringen, was den Umgang der Menschen miteinander auszeichnen sollte. Dazu gehört eben auch die Dankbarkeit. Vielleicht erinnern sich die Konfirmanden noch, als sie vor einiger Zeit eine Bibel von der Gemeinde geschenkt bekamen: "Danke" sollten sie sagen – nun, das gehört wohl als Mindestmaß mit dazu. Umso mehr werden wir ärgerlich, wenn unser Gegenüber nicht recht in der Lage zu sein scheint, zu danken. Wir geben ihm etwas und er dankt nicht oder in unseren Augen nicht im ausreichenden Maße. Die Kinder sind so undankbar – höre ich oft – was haben wir doch alles für sie getan! Wer erlebt hat, welche Entbehrungen manchmal das Kindergroßziehen mit sich bringt, der mag die Enttäuschung verstehen, die sich dahinter versteckt: wie viel Zeit habe ich doch den Kindern geopfert und heute besuchen sie mich gar nicht mehr. Stunde um Stunde saß ich an ihren Betten und heute, wo es mir schlecht geht und ich im Bett liege, da finden sie kaum eine halbe Stunde die Woche, bei mir vorbeizusehen.

Es ist doch ein recht eigenartiges Phänomen, was uns hier entgegentritt: da wird gegeben – mit Freude und Liebe – wie ich in unserem Beispiel gerne annehmen will, und dann wird doch gegengerechnet: entspricht die Größe des Dankes der Größe meiner Gabe?

Ich behaupte, wir sind vor diesem Denken allesamt nicht gefeit. Da müht man sich ab als Pfarrer gegenüber den Konfirmanden und macht und tut und dann ist das höchste der Gefühle dieser Satz – ich darf einen Konfirmanden des letzten Jahrgangs zitierten, der am Ende die geheimnisvollen Worte sprach: "Na ja: ist schon ganz gut – der Scheiß hier!"
Nun ist den zehn Kranken aus der Bibel aber noch viel mehr geschenkt worden. Sie waren aussätzig, vielleicht leprakrank und selbst wenn wir Menschen aus der ersten Welt die Bedeutung dieser Krankheit nicht mehr recht fassen können, so können wir uns doch übertragen vorstellen, was es heißt, ausgesondert leben zu müssen. Ausgegrenzt in der Schule, verurteilt in der Gesellschaft, allein gelassen im Verstehen, ungeliebt oder abgelegt. Das Wunder Jesu aber geschieht an diesen zehn Menschen: die Sperren sind aufgehoben, sie dürfen zurückkehren, sie sind gesund geworden. Es ist ein wahres Wunder – eines von denen eben, von denen wir annehmen, sie gäbe es heute nicht mehr. Neun Männer aber kehren nicht wieder. Sie erweisen Jesus nicht den Dank, der doch auf diese Handlung nötig wäre. Sofort richtet sich unser Gefühl gegen diese Menschen: ja haben sie´s denn nicht begriffen, was ihnen passiert ist? Wie kann man nur so undankbar sein? Ich aber denke, sie fühlten schon einen Dank in ihren Herzen. Sie haben ja die Vorschriften erfüllt, gingen zu den Priestern und wurden rein. Sie werden sich gefreut haben und wahrscheinlich auch dankbar gewesen sein. Aber ich denke, es war eine Dankbarkeit, wie wir sie in unserer Gesellschaft eben durch dieses Anspruchsdenken gefördert haben! In vielen Läden, in denen wir einkaufen steht auf dem Rechnungsbeleg unten an: Betrag dankend erhalten! Es ist höflich, vielleicht auch nett, aber wir haben doch Geld gezahlt und eine Leistung bekommen: es ist ungefähr im gleichen Maße gegeben wie genommen worden. Vielleicht haben die neun Männer ähnlich gedacht: wir sind doch nicht aus eigener Schuld krank geworden – uns steht die Gesundheit doch zu! Wir haben nichts getan, was so böse verrechnet werden müsste. Mit anderen Worten: die neun Männer haben ihren Rechnungsbeleg beim Priester abgegeben: Betrag dankend erhalten. Und das war´s eben. Fertig. Mehr braucht es auch nicht.

Eine Gesellschaft, die nach diesen Regeln arbeitet, kann funktionieren: das sehen wir ja, aber ich behaupte, es wird eine kalte Gesellschaft bleiben, wenn sie nicht etwas verstanden hat von der Dankbarkeit, die Jesus uns lehren möchte: echter Dank kann nur dort entstehen, wo etwas unverdient empfangen wurde! Echter Dank kann nur dort entstehen, wo etwas unverdient empfangen wurde. Deswegen ist es bei Lukas wiederum der Samariter (von dem wir letzten Sonntag hörten), der Ausländer, der uns als Beispiel dieser unverdient empfangenen Gnade Gottes vorgeführt wird. Jesus ist gesandt zu den verlorenen Schafen Israels, so betont es die Schrift an verschiedenen Orten – hier aber empfängt jemand, für den zunächst nichts vorgesehen war: unverdient.
Unverdient, liebe Gemeinde, bedeutet die Aufgabe des Aufrechnen-Gedankens. Unverdient heißt, nicht mehr sagen zu können: "das steht mir doch zu!". Und es heißt noch mehr, nämlich, wenn man die Münze umdreht und auf die andere Seite blickt: es heißt, sich einzugestehen, dass man selber schuldig geworden ist. Es heißt, sich einzugestehen, dass man selber Fehler gemacht hat, oder Fehler machen kann. Es heißt auch, mal einen Schritt zurückweichen, um aus seiner Anspruchshaltung herauszukommen.
Schüler und Schülerinnen wissen heute sehr genau, was ihnen alles zusteht. Im Kampf um Geld und Leistung weiß jede Berufsgruppe sehr deutlich, was ihnen doch gehört, was man ihnen schuldig ist. Auch im nicht-materiellen Bereich wird bei uns zuerst das Bewusstsein gefördert, was sein muss, was dazugehört, was mir zusteht.

Damit Sie mich nicht missverstehen, liebe Gemeinde: es ist gut und heilsam, seine Ansprüche zu formulieren. Nicht umsonst haben Generationen von Therapeuten und Psychologen angekämpft gegen die Schäden, die ein falsch verstandenes Aufgeben von Ansprüchen verursacht. Oft genug heraus entstanden aus christlicher Sozialisation: "ich muss doch lieb sein, ich darf doch nicht aufbegehren, ich muss doch immer im anderen das Gute sehen und wollen". Viele Menschen haben diese Haltung mit christlicher Demut verwechselt und der kämpferische Geist des Christentums ist zugedeckt worden unter Harmoniesucht und All-lieb-Haberei. Einer der Gründe, warum sich Jugendliche angewidert vom Christentum abwenden und mit Faszination Okkultismus oder Satanismus zuwenden ist eben dieser: das Christentum sei schwach und ängstlich, habe keine eigene Meinung. Ein Trauerspiel, denke ich, wenn sich Christen nicht auch trauen, über eine Sache zu streiten. Davon also, dass wir nur duckmäuserisch sein sollen, spricht unser Bibelwort nicht. Die neun nicht Zurückgekehrten hatten wohl ihren Dank in ihr normales, gesellschaftliches Anspruchsdenken eingebettet, der zehnte aber, der Ausländer, der nicht-Auserwählte kehrte zurück. Warum? Er hatte etwas Unverdientes erfahren, eine Gnade und eine Güte, mit der er im wahrsten Sinne des Wortes nicht hatte rechnen können: kein "Betrag dankend erhalten" – keine Leistung, die diesem Geschenk gegenübersteht. Und nun das seltsame Deutewort Jesu. Er sagte nicht: ja, du hast dich recht verhalten, du hast eingesehen, mit dem Verstand begriffen, dass es dir nicht zusteht: deswegen dankst du so überschwenglich. Jesus spricht: dein Glaube hat dir geholfen! Sein Glaube, liebe Gemeinde, gibt ihm diese Unterscheidung ein. Sein Glaube öffnet ihm die Tür, zu sehen, dass er unverdient lebt, dass er ohne Gegenleistung empfangen darf. Sein Glaube ändert seine Sicht der Dinge, ja seine Sicht der Welt.

Wir alle werden krank, manchmal sterben wir an unseren Krankheiten oder siechen elendig lange mit ihnen herum. Darüber klagen und jammern wir – zu Recht. Wir erbitten Hilfe und beten zu Gott, dass er uns von dem Übel erlösen möge – zu Recht. Wir sind dankbar, wenn wir wieder gesund werden oder Linderung der Schmerzen erfahren – zu Recht. Aber in all dem, liebe Gemeinde, gleichen wir immer noch den Neunen aus unserem Bibelwort. Aus uns wird erst dann der Zehnte, wenn wir im Glauben sehen können, dass uns schon unser normales Leben unverdient gegeben wurde, wenn wir sehen können, wie jeder Tag uns aus Gottes Fülle bereitet und geschenkt wurde – und das übrigens mitsamt allen Rückschlägen und Dingen, die uns negativ aufstoßen wollen. Es ist dies das Geheimnis des Zehnten, des zurückgekehrten Ausländers, der uns durch sein Verhalten auf etwas aufmerksam machen soll, was uns eigentlich selbst auszeichnen sollte. Der Glaube empfängt mit Dank und Freude, weil er weiß, dass alles Gottes Gnade ist – gleichzeitig ruft er auf, sich nicht nur zu ducken und zu krümmen: er verhilft zu aufrechtem Gang. "Steh auf und geh hin" spricht Jesus. Es ist nicht der Gang des Stolzen – der nämlich zeichnet sich dadurch aus, dass er meint, aus sich heraus etwas geleistet zu haben. Es ist der Gang des Gläubigen, der sich aufrichten kann, weil er selbst befreit worden ist und er weiß, dass die eigentliche Macht, die ihn trägt, sein Handeln übersteigt. So wird uns der Samariter zum zweiten Mal in Folge ein Sinnbild für unseren Glauben: "einer aber kehrte um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm." Jesus aber sprach: "Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen."

drucken