Bethlehem erzählt

Liebe Gemeinde!

Omnibusse drängen sich auf dem Marktplatz, Unmengen von Menschen bevölkern die Gassen. Bethlehem – die Weihnachtsstadt, wird so weit möglich kein Israeltourist auslassen. Heilige Orte erkennt man an den darüber gebauten Kirchen; so drückt sich die Menge durch eine schmale niedrige Tür in die Kirche – zu Kaiser Konstantins Zeiten, dem Bauherrn, wollte man so einer Reiterinvasion vorbeugen. Man findet in der Krypta den Stern, wie damals die Weisen aus dem Morgenland. Nur dieser hier ist aus Silber und bleibt am Boden liegen. Von Oben hängen Lampen herab. Die orthodoxen Gläubigen beugen sich hinunter, gießen Balsam über den Stern und küssen ihn. Es ist ihre Art von Verehrung dem geheimnisvollen Geschehen von Weihnachten gegenüber. Ein paar Schritte tiefer kann man die Höhle betrachten, in der die Krippe gestanden haben soll. Kommt man aus der Kirche heraus, kann man nach ca. 20 Minuten zu Fuß im Südosten die Hirtenfelder finden, wo die Engel ihre Botschaft verkündigten, oder im Nordosten 3 tiefe Zisternen, aus denen König David einst Wasser bestellt haben soll.

Wir hatten über das normale Touristenprogramm hinaus noch Zeit in Bethlehem Mitri Rahib zu besuchen, den evangelischen Pfarrer. Er erzählte ein wenig traurig von den Problemen der palästinensischen Christen in Bethlehem. Es kommt oft zu solchen Unruhen, dass keine Busse mehr nach Bethlehem kommen können. Das friedliche Gesicht der Stadt mit ihren 1500 vorwiegend christlichen Bewohnern täuscht. Eingeschränkte Bewegungsfreiheit und schlechtere Ausbildungsmöglichkeiten, da Schulen und Universitäten als Unruheherde oft Monate geschlossen werden, erschwerten ein geschwisterliches Miteinander. Man hat ein Auge auf Bethlehem, schließlich liegt es nur 7 km von Jerusalem entfernt. Als der Weltgebetstag von palästinensischen Frauen gestaltet wurde sorgte das für Aufruhr hier in Deutschland. Es ist schwer für uns in diesem Fall Partei zu beziehen. Wir haben ohnmächtig zugeschaut, als Menschen einander zutiefst verletzten. Wir haben inzwischen auch Friedensverhandlungen miterlebt, die ein Stück Hoffnung aufkeimen ließen für Israel, Palästina und den Libanon. Wie schmerzhaft, dass nach den Tod von Rabin immer wieder auf’s neue der Frieden in großer Gefahr schwebt. Steine, Feuer, Gewehre; selbst vor der Zerstörung von Heiligtümern wird nicht mehr zurückgeschreckt. Taktik der verbrannten Erde. Was kann man sich da für alle mehr wünschen als Friede und eine gerechte Regierung, wie sie der Prophet Micha vor mehr als 2700 Jahren vorausgesagt hat:

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Warum ausgerechnet Bethlehem? Irgend etwas muss an dieser Stadt sein. Fragen wir sie! Wenn sie sprechen könnte würde ihre Geschichte sich etwa so anhören:

Als ich jung war hieß ich Efrata nach einer Familie, die hier wohnte. Ich weiß es nicht, warum ich dann Bethlehem genannt wurde. Vielleicht weil die Familie reich war und es nie an Brot mangelte. Bethlehem heißt nämlich Haus des Brotes – wissen Sie?

Dann zog eine Großfamilie hier durch, Nomaden mit einem großen Viehbestand; sie kamen immer wieder vorbei, je nach Jahreszeit. Das war ein Mann namens Jakob und seine Frauen Lea und Rachel und 11 Kinder. Da begann ich meine Geschichte als Geburtsstadt. Das 12. Kind – das hieß Benjamin- wurde in mir geboren. Leider war die junge Frau Rachel sehr schwächlich und die geburt nahm sie so mit, dass sie daraufhin starb. Die Familie zog weiter. Als die Zeiten schwerer wurden, habe ich sie gar nicht mehr gesehen. Ich habe später gehört, sie wären nach Ägypten gezogen; der vorletzte Sohn, Josef, wäre dort Politiker geworden. Erst viel später, da wohnten längst andere im Land, kamen Nachfahren dieser Familie zurück und so siedelte bei mir und um mich herum der Stamm Benjamin.

Die nächsten, die in mir geboren und berühmt wurden waren Elimelech und Noomi. Ach, die kennen Sie nicht?! Naja, berühmt wurde auch eher ihre Schwiegertochter. Elimelech und Noomi waren mit ihren Söhnen ausgewandert als eine Hungersnot kam. Nach Moab. Wie das so ist, heirateten die Söhne dort, nur alt wurden sie nicht. Die Männer wurden Opfer eines Krieges. Noomi wollte wieder nach Hause zu mir. Als sie kam, brachte sie ihre Schwiegertochter Ruth mit. Das war ganz schön mutig. Schließlich hatte eine Ausländerin hier ein schlechtes Standbein. Ruth lernte Boas kennen, einen Verwandten, bei dem sie arbeitete – eine fleißige Frau- und nach einigen Verhandlungen nahm er sie zur Frau. Kinder und Enkel von Ruth und Boas, die in mir zur Welt kamen, haben dann auch Geschichte gemacht. Der Sohn Obed als Großvater und dessen Sohn Isai als Vater meines berühmtesten Kindes – David.

Der war ein hübsches zierliches Kind und so gut auf der Harfe und der Flöte. Jedermann hat sich daran erfreut. Tagsüber weidete er die Schafe. Eines Tages kam Samuel und salbte ihn zum König Israels im Namen Gottes. Ab da schwirren überall Erzählungen herum von Davids Heldentaten. Schade, dass ich nicht dabei war, als er Goliat besiegte. Dann zog er fort zu König Saul und heiratete wohl dort. Dass das Verhältnis zu Saul nicht so gut war, merkte ich, als viele meiner Einwohner sich zusammentaten um für David zu kämpfen. Das nächste, was ich hörte war, dass David König wurde und schließlich ganz in meiner Nähe wohnte. Er eroberte das naheliegende Jerusalem. Gegen die Pracht, die sich dort nun entfaltete, konnte ich nicht mehr gegenhalten.

Die Leute waren sehr verschieden zum Königtum eingestellt und diskutierten oft. So habe ich gelernt, dass ein König erst dadurch besonders wird, dass Gott ihn beauftragt; die Salbung, die ich miterlebt hatte, sei das Zeichen dafür. Ein König müsse also tun, was Gott von ihm will und nicht das, worauf er Lust hat. Das ist sicher nicht einfach. Dafür ist ihm ein Prophet zur Seite, der ihn berät und Gottes Willen verkündet. Nur wer weiß, wer ein echter Prophet ist? Soviel ich gehört habe, war Natan ein guter Prophet für David, der hat ihm schon auf die Finger geklopft, wenn es nötig war. Aber er hat auch etwas prophezeit, auf das ich besonders stolz bin: Das Königshaus Davids wird immer regieren. Eine Familie aus Bethlehem wird immer das ganze land beherrschen wie David selbst. Unter David hatte das Land seine größte Ausdehnung. Er kämpfte unverdrossen gegen fremde Angreifer und sorgte für Frieden im Inneren. Niemals wird man David vergessen.

Leider hatten seine Nachfolger nicht mehr soviel Erfolg – gut Salomo ließ den Tempel bauen- doch während der nächsten 400 Jahre verfiel das Reich zusehends; ein Teil wurde schon nach Salomo abgespalten und von den Assyren 200 Jahre später ausgelöscht. Der Rest des Landes war von vielen Angriffen geschwächt, in Abhängigkeit von den Assyrern und man erinnerte sich an die Zeiten damals, als David noch Herrscher war. Und an mich. Da müsste einer kommen, der Hirte ist, durch die Kraft des Herrn und in seinem Namen. Da müsste eine Frau in Bethlehem einen neuen David gebären, damit alle in Sicherheit leben können. Einer, der die ganze Welt beherrscht, der Frieden bringt, der ein Licht bringt. Ein Spross aus dem Stumpf des Davidsstamms. Ein gerechter Herrscher. Die Propheten riefen es ins Land: Jesaja, Micha, Jeremia, Ezechiel. Sie riefen es gegen die Gleichgültigkeit, die Anpassung, die Korruption, die Gottlosigkeit, den Verfall an. Und ein kleiner Hoffnungsfunke entzündete sich. Immer wider bemühte man sich, das ursprüngliche Israel zurückzugewinnen. So sorgte z. B. zu Michas Zeiten König Hiskija für die Ausrottung heidnischer und kanaanäischer Religion und Heiligtümer, die wieder in Mode waren. Immer wieder ein Funke Hoffnung, der beflügelte; und die, die wegen ihrem strengen Glauben schon müde belächelt wurden, trug und bestätigte: Es lohnt sich dabeizubleiben. Auf diese Weise mag wohl etwas von diesem König gekommen sein. Die Idee setzte sich in den Köpfen fest. Doch der König selbst kam nicht. Ich müsste das wissen. Doch das macht den Leuten nichts. Sie waren sicher, er kommt, nur das Wann muss noch geklärt werden.

Dann kamen schlimme Zeiten: Als die Babylonier das Land eroberten mussten meine Bewohner fort ins Exil. Eine Volkszählung ergab 123 männliche Heimkehrer nach Bethlehem.

Eine andere Volkszählung fällt mir da ein. Nach den Griechen waren die Römer Herren in Israel und die wollten genau wissen wie viele Untertanen sie zu verwalten hatten. Das hat mir tatsächlich eine aufregende Geburt beschert: Leute waren schon genug unterwegs an dem Tag, so eine Völkerwanderung habe ich lange schon nicht mehr gesehen. Wie ich hörte musste jeder in seine Heimatstadt. Ich freute mich den Josef wiederzusehen, der nach Nazareth gezogen war, weil er dort als Zimmermann besser Arbeit fand. Er kam mit einer Frau namens Maria. Hochschwanger. Ich wusste schon, dass die Häuser überfüllt waren vor lauter zu Zählenden. Die beiden waren wohl wegen der Schwangerschaft so langsam, dass sie erst so spät kamen. Gott sei Dank fanden sie dann noch einen Stall als Unterkunft, und kaum waren sie drin, kam das Kind zur Welt. Jesus nannten sie es – Gott rettet- ein schöner Name. Nebendran auf den Feldern war plötzlich Licht und Engel stiegen vom Himmel und sangen die Hirten an. Die sind vielleicht erschrocken. Dann kamen sie eilends auf den Stall zu. Noch ein Licht fiel mir schon länger auf, ein besonders schöner Schweifstern, der direkt auf den Stall zusteuerte. Plötzlich hatte ich das Gefühl: das ist er! Der König, der Gesalbte, der Messias, er muss es sein. Jetzt kommt Frieden und die Römer müssen gehen. Ich fühlte mich bestätigt als von Jerusalem her drei wahrhaft prachtvoll gekleidete Männer auf Kamelen und Pferden samt ihrem Tross einzogen und auch noch sagten, sie wollten den neugeborenen König verehren. Und sie brachten Gold, Weihrauch und Myrrhe. So etwas gab es noch nie hier. Die Männer zogen bald wieder weiter, diesmal nicht über Jerusalem. Ich hörte sie noch sagen, dass sie einen Traum hatten, Herodes wolle dem Kind Böses. Und auch Josef und Maria packten ihre Habe zusammen und machten sich auf. Wie ich hörte nach Ägypten. Denen blieb auch nichts erspart! Für mich kam dann der traurigste Tag meines Lebens: Kaum waren die beiden fort kamen Reiter, rissen die Türen meiner Häuser auf und töteten alle Buben bis 2 Jahre. Welche Angst musste Herodes vor einem König aus Bethlehem Haben. Ich habe Jesus dann nicht mehr gesehen, doch verschiedenes vernommen: Er wäre wohl auch Zimmermann in Nazareth geworden, aber habe sich bald zu einem begabten Rabbi gemausert. Zudem hörte ich von Heilungen und von Kontakten mit eigenartigen Personen. Von Tag zu Tag wartete ich ungeduldiger, wann er nun sein Königsamt antreten würde und endlich Frieden und Sicherheit und den Fortbestand des davidischen Königshauses bringen würde -schließlich gehörte er durch Josef zur Familie. Das nächste, was ich hörte, war, dass Jesus gekreuzigt wurde von den Römern. Alle Hoffnungen waren zerplatzt. Wenige Jahre danach war ganz Israel und auch der heilige Tempel Gottes in Jerusalem zerstört. Das Volk wurde in alle Winde zerschlagen. Würde die Weissagung niemals erfüllt, haben die Propheten letztendlich gelogen?

Als viel später Christen bei mir einzogen, gewann ich meine Hoffnung zurück. Sie sagten Jesus sei wohl König gewesen, sie nannten ihn auch Christus, den Gesalbten, nur anders, viel größer als je erträumt. Er habe die Menschen gelehrt, wie man zu Gott finden kann und habe durch sein Sterben den Weg zu Gott freigemacht, der durch Ablehnung, Ignoranz, Gleichgültigkeit und unmenschlichen Umgang mit den Mitmenschen und der Mitwelt zugebaut wurde. Was kann man dem Menschen mehr schenken als einen neuen einzigartigen Zugang zu Gott. Schon allein diese frohe Botschaft erreichte alle Länder dieser Erde.

Es änderte sich viel, aber ein neues Leben überall konnte ich nicht entdecken. Die Christen hier sagen: eines Tages kommt der König zurück und dann bricht das Reich Gottes an. Dann wird alles so, wie es gedacht war. Friede und Sicherheit, Freude und Geschwisterlichkeit. Und diese Hoffnung steckt mit einem kleinen Funken in den herzen der Menschen. Auch wenn es gar nicht so aussieht, wenn man gegeneinander um sein Recht kämpft, so warten doch beide, das Volk Israel, das zurückgekehrt ist, und die Christen hier und in aller Welt auf den Messias, den Gesalbten. Ich bin bereit ihn zu empfangen. Auch wenn man es einer so kleinen Stadt nicht gönnen will. Ich kann warten. Und bis dahin hoffe ich auf Frieden in meinen Mauern.

So etwas könnte uns die Stadt Bethlehem erzählen. Wahrscheinlich noch wesentlich mehr und ausführlicher. Aber sie sollte sich ja auch begrenzen auf das, was dann auch wirklich in das Buch der Geschichte, in die Bibel, eingegangen ist. Machen wir es ihr gleich und bereiten uns vor, den König zu empfangen? Jedes Jahr im Advent haben wir dafür eine besondere Zeit reserviert, und an Weihnachten kommt vielleicht schon ein Stück Reich Gottes zu uns. In einer ganz kleinen Stadt in einem ärmlichen Stall kann großes geschehen. Wer weiß, vielleicht auch in unserer in irgendeinem Haus, oder auf der Straße … In diesem Sinne wünsche ich ein frohes Weihnachtsfest.

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