Beten gegen Gewalt

Liebe Gemeinde!

In dieser Woche habe ich, wie wohl auch viele von ihnen, sehr genau nach Serbien geschaut. Zunächst war da die Präsidentschaftswahl. Obwohl alle westlichen Beobachter übereinstimmten, dass der Herausforderer von Milosevic, der Führer der Oppositionspartei Kostunica, klar gewonnen haben müsste, wurde diese Wahl vom Milosevic-Regime nicht anerkannt. Wahlbetrug sei geschehen. Skepsis und Unrechtsempfinden auf westlicher Seite.

Dann wurde ein neuer Wahltermin anberaumt, der kurz danach vom obersten Richter in Serbien als nicht rechtens wieder abgesagt wurde. Die Reaktion auf Seiten des Volkes war Unmut. Streiks begannen. In der Regel gewaltlos. Es folgten Verhaftungen. Dann brachen erste Gewalttaten aus, und zwar auf beiden Seiten: staatstreue Polizei und oppositionelle Demonstranten lieferten sich Straßenschlachten. Schließlich kam es zum Sternenmarsch auf Belgrad, dem Regierungssitz Milosevic’s. Wieder Einsatz von Gewalt, Tränengas und Niederknüppeln; es flogen Brandsätze.

Gewalt und Unrecht sind auf beiden Seiten geschehen. Inzwischen hat die Oppositionspartei die vorläufige Regierung übernommen und Milosevic hat Kostunica als Übergangspräsidenten anerkannt.

Eine von vielen sich aus diesem Hin-und-Her ergebende Frage an uns ist: Wie gehen wir selbst mit Gewalt um und herum um? Wie reagieren wir selbst auf offensichtliches Unrecht?
1. Wegschauen?
2. Gaffen?
3. Oder genau hinschauen und reagieren und wenn möglich einschreiten?

Um Unrecht, Gewalt und die Reaktionen darauf geht es auch in dem heutigen Predigttext. Ich lese aus der Apostelgeschichte aus dem 12. Kapitel:

[TEXT]

Was ist der politische und religiöse Hintergrund unserer Geschichte? Sie spielt um das Jahr 41 nach Christi Tod. Judenchristen, also vom Judentum zum Christentum konvertierte Menschen, werden aus religiösen und politischen Gründe verfolgt; denn sie gehen mit ihrer jüdischen Tradition auf besondere Weise um. Manche Gebote scheinen sie – wie Jesus, der am Sabbat geheilt hat – lockerer zu nehmen und nicht so genau zu befolgen; andere jüdische Gebote fassen sie strenger auf: z.B. das Liebesgebot. Dazu kommt, dass sie politische Regeln nicht beachten, sondern sie vielmehr mit Jesu Anweisung: "Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist, aber Gott, was Gottes ist." in Frage stellen. Man soll eben Gott höher achten als den Menschen. Den römischen Machthabern sind sie daher ein Dorn im Auge. Sie gelten als Störenfriede. So sind bald die ersten Blutopfer zu beklagen: Stephanus, der erst vor kurzem gesteinigt worden ist und jetzt Jakobus, der enthauptet wurde. Andere schmachten im Gefängnis. Hier liegt der Anfang für die unterdrückte und verfolgte Kirche. Es entstehen Fronten. Warum musste es erst soweit kommen?

Bedenken wir: Herodes Antipas nennt sich zwar König von Gottes Gnaden, er hat seinen Posten allerdings eher der Gnade Roms zu verdanken. Nach seinem ausschweifenden Leben in Rom findet er sich nun in Jerusalem wieder. Mit seiner Machtposition nimmt er nicht nur Einfluss im politischen, sondern auch im religiösen Bereich. Er gibt sich, wahrscheinlich um Rom zu gefallen, vielleicht aber auch aus Überzeugung, als Beschützer des Judentums. D.h. er betont stark die jüdischen Traditionen und achtet – soweit es ihm Vorteile verschafft – auf die Einhaltung der Gebote, gegen die Christen scheinbar häufig verstoßen. Spannungen, die zwischen der jüdischen Gemeinde und der Jesusgemeinde bereits bestehen, werden durch den Machthaber noch forciert.

Auf beiden Seiten haben wir Menschen, die zum Gott Abrahams beten. Und trotzdem verfolgen die einen die anderen. Rechtgläubigkeit und damit Einhaltung der Gebote wird zwar auch vom König verlangt. Aber es handelt sich um eine Form von Rechtgläubigkeit, die seine Macht stärkt, mit der er Gewalt und Unrecht durchsetzt.

Zunächst lässt Herodes in einem Willkürakt Jakobus ohne Prozess hinrichten. Er erkauft sich mit dieser brutalen Aktion ein weiteres Mal die Gunst des Volkes; und dem Volk gefällt, was es da geboten bekommt. Minderheiten, wie es die Judenchristen sind, zumal wenn Spannungen bestehen, bieten sich für solche Zwecke immer am besten an. Und Herodes setzt gleich noch einen drauf. Er lässt Petrus gefangen nehmen. Ihn kann er nicht sofort umbringen lassen, weil das Passahfest bevorsteht. Als scheinbar rechtgläubiger, frommer Jude muss er die Festvorschriften beachten, die besagen, dass niemandem am Passahfest der Prozess gemacht werden darf.

Soweit erst einmal zur Geschichte und Umfeld.

Welche Reaktionen auf Unrecht und Gewalt können wir in dieser Geschichte feststellen?

1. es wird weggeschaut. Der jüdische Machthaber Herodes übersieht wohlweißlich, dass er Unrecht tut, und das auch nach dem jüdischen Gesetz; denn ein Prozess steht jedem Gefangenen zu. Für Jakobus aber galt dieses Gesetz nicht. Das jüdische Volk hat weggeschaut. Es hat den Keil, der bewusst zwischen die jüdische und die jüdisch-christliche Gemeinde geschoben wird, in Kauf genommen. Warum? Die Antwort kennen wir wohl alle aus eigener Erfahrung. Wegschauen ist immer einfach. Gründe gibt es viele:
· nicht hineingezogen werden wollen
· Gleichgültigkeit, es betrifft ja nicht meine Person
· Angst
· stilles Einverständnis u.v.m.

Auch die Staatsmacht Rom hat nicht eingegriffen. Sie lässt ihre Marionette schalten und walten, eben auch mit Willkür. Warum sollte Rom auch eingreifen, denn von den Christen erwarteten sie ja keine Unterstützung, sondern Aufruhr. Und römische Bürger, wie Paulus einer war, und denen deshalb eine besondere Behandlung zukam, waren die verhafteten Personen allesamt nicht. Also, wen juckts?

2. es wird gegafft. Gaffen ist ein Hinstarren, das dem Voyeurismus nahe kommt. Gaffen ist Gefallenfinden am Leid und Unglück anderer. Hier in dieser Geschichte gafft das jüdische Volk. Es findet Gefallen an der Tötung des Jakobus und an der Gefangennahme des Petrus. Und dieses Gaffen und der Beifall des Volkes treiben Herodes dazu, noch weitere Willkürakte zu begehen.

3. es wird genau hingesehen und reagiert. Die jüdisch-christliche Gemeinde nimmt sehr genau zur Kenntnis, was geschehen ist. Sie sieht, dass Gemeindeglieder festgenommen und schwer misshandelt werden. Welche Möglichkeiten zu reagieren haben sie aber nun als Christen? Wenn sie aktiv eingreifen, besteht die Gefahr, dass auch sie inhaftiert werden. Das wäre nicht klug. Zudem wäre ein Eingreifen aufgrund der starken Bewachung des Petrus wohl kaum gewaltfrei zu bewerkstelligen. Welche Möglichkeit bleibt also? Es gibt da immer noch das Beten. Und so versammelt sich Gemeinde im Hause Marias zu intensiver Fürbitte. Das ist ihr Mittel des Einschreitens. Damals war es wahrscheinlich die einzige. Heute haben wir Christen, abgesichert in einem demokratischen Rechtsstaat, weitaus mehr Möglichkeiten, bei begangenem Unrecht einzugreifen, ich erinnere nur an das Kirchenasyl. Aber wir vergessen darüber auch leichter diese eine, das Beten. Damals geschieht das Wunder, das Gebet wird erhört und Petrus kommt frei.

Genau diese Reaktion auf Unrecht und Gewalt tun wir viel zu oft leichtfertig ab. Dabei kann unser Gebet tatsächlich helfen. Wohl nicht immer so wundersam wie bei Petrus, nicht immer mit dem Erfolg, den man sich wünscht oder erhofft; aber wohl doch so, dass auf der anderen Seite das fürbittende Gebet gespürt wird und so Kraft geschenkt wird. Davon hat übrigens zuletzt die Familie Wallert gesprochen. Sie musste auf Holo auf den Philippinen Monate der Geiselhaft durchstehen. Ihre katholische Heimatgemeinde und viele andere Menschen haben für sie und die anderen Geiseln gebetet. Sie sind freigekommen. Während der Gefangenschaft wussten sie sich vom Gebet der anderen unterstützt und getragen.

Nach dem Prinzip: "Hinschauen statt wegschauen, reden statt schweigen, handeln statt gaffen!" arbeiten auch die Gruppen von Amnesty International oder von ACAT. ACAT ist eine Abkürzung für "Aktion der Christen für die Abschaffung des Terrors und der Folter". Die ACAT trifft sich weltweit regelmäßig in Gruppen, um gemeinsam für Inhaftierte zu beten, denen Unrecht geschehen ist. Neben dem Gebet schreiben die ACAT-Mitglieder auch Bittbriefe an die Staatspräsidenten der Länder, wo solches Unrecht geschieht. Manches Mal haben ihr Gebet und Gesuch oder Bittbrief Erfolg. Ein anderes Mal nicht. Doch wichtig ist, beharrlich zu bleiben im Gebet. Wer den "Weg" bezieht und aufmerksam liest, findet darin die Rubrik: Briefe gegen das Vergessen. Auch dort werden jede Woche Inhaftierte vorgestellt, für die eingeladen wird zu beten und Bittbriefe zu schreiben. Das klingt nach sehr wenig, nach vorausprogrammierter Erfolglosigkeit, und doch gibt es immer wieder die kleineren und größeren Wunder: wie heute in Serbien, wie vor kurzem auf den Philippinen, wie damals bei Petrus.

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