Besuch an der Krippe

Liebe Gemeinde –

nicht bloß die Katholiken, auch wir Protestanten sprechen lieber vom Dreikönigstag, wenn wir dieses Fest meinen, nicht, wie es eigentlich richtig wäre, von Epiphanias bzw. vom Erscheinungsfest. Das ist nur ein Zeichen dafür, wie sehr sich Phantasie und Einbildungskraft mit dieser Geschichte beschäftigt haben, wie sie daran weitergedacht haben, wie die Geschichte ausgestaltet und ausgeschmückt wurde, so dass man schließlich sogar die Namen der drei Könige kannte – Caspar, Melchior und Balthasar. Könige sind sie geworden, weil der Prophet Jesaja davon sprach, dass solche Könige kommen würden, den neugeborenen König der Welt anzubeten, und ihre Namen haben sie von dem Segensspruch erhalten, den man über den Türschwellen an den Häusern liest: Christus mansionem benedicat: Christus segne dieses Haus; C M B, Caspar, Melchior, Balthasar. Im Kölner Dom wird sogar ein kostbarer Schrein aufbewahrt, der die sterblichen Überreste der Drei umschließen soll. So volkstümlich ist die Geschichte geworden, das kann man an den vielfältigen Darstellungen der Weihnachtsgeschichte in der Kunst sehen, so populär, auch dort, wo man sonst vom Glauben nicht allzu viel hält, dass sie bei keiner Krippe fehlen dürfen: Sie gehören einfach mit dazu, sie schließen den Zug der weihnachtlichen Gestalten ab, zu denen neben dem Kind in der Krippe auch sein seltsamer Doppelgänger, das Christkindlein, gehört und neben den Hirten auch der Nikolaus zusammen mit Knecht Ruprecht, jedenfalls da, wo sie noch nicht vom Weihnachtsmann abgelöst worden sind.

Das wäre an sich noch nicht schlimm. Denn unsere Phantasie braucht ihre Bilder, und es ist gewiss ein großes und eindrückliches Bild, wie es die frommen Maler des Mittelalters immer wieder festgehalten haben: Auf der einen Seite Maria mit dem Kindlein, auf der anderen Seite die drei Könige, Repräsentanten der Menschheit aus den drei damals bekannten Erdteilen, die dem Kindlein ihre Kronen zu Füßen legen. Es wäre schon recht, wenn wir dieses Bild so auf uns wirken ließen. Es würde auch nicht schaden, wenn wir von den Heiligen Drei Königen redeten, auch wenn das Matthäusevangelium nur von Sterndeutern, von Weisen aus dem Morgenland zu berichten weiß – das alles wäre kein Problem, wenn wir uns gleichzeitig davor hüteten, dieses Bild dann ins Märchenhafte, Kindliche, in Halbwahrheit und Unwahrheit abzuschieben, gerade recht für Kinder und solche, die es nicht besser wissen. Ganz gewiss verdankt die Geschichte, von der wir heute reden, ihre Gestaltung der frommen Einbildungskraft. Aber gerade deshalb ist in ihr eine tiefe Wahrheit enthalten. Man hat versucht, diese Wahrheit zu entdecken, indem man fragte, was nun wirklich geschehen sei und was bloß Erfindung ist an dieser Geschichte. Aber mit so einer Frage kommt man ihrer Wahrheit nun gerade nicht näher, sondern verliert sich in allerlei hypothetische Spekulationen oder in unfruchtbare Kritik. Ihre Wahrheit nimmt die Geschichte vielmehr daher, dass sie uns an dem kleinen Kind Jesus und denen, die mit ihm zu tun haben, zeigt, wie es uns mit dem Mann Jesus geht. Vielleicht gerade deshalb, weil diese Geschichte eine volkstümliche Gestalt und Ausgestaltung erfahren hat, vermittelt sie das in besonders klarer und eindrücklicher Art und Weise.

Und so wollen wir heute noch einmal, am Ende dieser langen, reichen Festzeit, eintauchen in diese so schön ausgestaltete Geschichte, wollen noch einmal zur Krippe sehen, wo sich nun heute endlich auch die Weisen eingefunden haben.

Die linke Seite der Krippe hier in unserer Kirche, die haben die Hirten für sich reserviert, die einfachen Leute, die von der wunderbaren Geburt des Gottessohnes mit ihren erschreckend-schönen Begleitumständen einfach überrascht worden sind. Menschen sind das, die sich auch haben überraschen lassen. Denn das ist ja zweierlei – eine solche Botschaft zu hören, wahrzunehmen, zu verstehen und dann auch noch die Konsequenz daraus ziehen, alles stehen und liegen lassen für den, der da in der Krippe liegt. Das gelingt nicht leicht! Und doch wird es der Mann Jesus im Verlauf seiner irdischen Wirksamkeit noch so manchem Mann und mancher Frau abverlangen – alles stehen und liegen zu lassen und ihm nachzufolgen. Den geübteren BibelleserInnen unter Ihnen fallen da sicher allerlei Beispiele ein und Sätze wie dieser: “Wer die Hand an den Pflug legt und blickt zurück, der ist nicht geschaffen für das Reich Gottes!“ – Nun, wenn man das überhaupt jemandem ansehen oder zutrauen kann, dass er für dieses fremde und große Königreich geschaffen sein könnte, dann sind sicher die Hirten mit dabei, die Hirten mit ihren Tieren und den Engeln, die ihnen den Weg weisen. Aber weil sie ihren großen Auftritt bereits am Heiligen Abend hatten, können wir uns jetzt von ihnen verabschieden.

Sehen wir stattdessen einmal hinüber zu anderen Seite, da, wo der Zug der Sterndeuter naht, die auch bei unserer Krippe Königsgestalten sind in prachtvollen Gewändern wie aus tausendundeiner Nacht, mit einem Kamel und mit eigenem Diener folgen sie dem Stern, beharrlich, hartnäckig, Umwege in Kauf nehmend. Wer will es ihnen verübeln, dass sie ein neugeborenes Königskind zunächst einmal im königlichen Palast in Jerusalem vermuten und nicht wenige Kilometer weiter in Bethlehem in einem Stall? Dass sie sich da ein wenig irritieren ließen, kann man ihnen nicht vorhalten, sie sind ja keine Schriftgelehrten, sondern beobachten das Sternenzelt und – und das ist das eigentlich wichtige an ihnen: sie setzen ihre Suche so lange fort, bis sie ihr Ziel erreichen. Sie lassen sich nicht blenden, geben sich nicht mir Vorläufigem zufrieden und lassen sich nicht von Rückschlägen entmutigen. Auch das sind Eigenschaften, die man in der Nachfolge des Mannes aus Nazareth benötigt; wer dazu eine Illustration braucht, der sehe kurz auf das Leben unseres Kirchenpatrons Albert Schweitzer, auch so ein Weiser, dessen Biographie allerlei Kurskorrekturen vorzuweisen hat. –

Keines der Evangelien berichtet im Übrigen davon, dass die Frommen des Volkes, die Priester und Pharisäer, zur Krippe geeilt wären. Zuerst kommen Menschen, von denen man es nicht erwarten kann, die wohl kaum die Richtigen sind, gerade diese drei Magier aus fernen Landen nicht. Ob sie einen Heiland erwarten, ob sie sehnsüchtig nach ihm Ausschau halten, so wie das die Frommen des Volkes Israel taten, davon ist nichts gesagt. Aber es steht da: Sie sehen ein Zeichen, ein Stern erscheint ihnen. Sie erkennen, dass Gott ihnen ein Signal gibt. Sie lassen sich davon aufstöbern und in Bewegung setzen. Die andern, die, die die Heilige Schrift mit ihren Verheißungen kennen, die bleiben in Jerusalem sitzen, lassen sich, salopp gesagt, von den Königen “links überholen“. Wie ist das mit uns? Sind wir vielleicht auch auf dem Standstreifen? Verstehen wir die Zeichen der Zeit nicht und schon gar nicht die Schrift, die uns diese Zeichen deuten will? Oder sind wir doch inzwischen eingeschwenkt auf die Überholspur der Könige? Dann heißt es achtsam sein auf die Zeichen am Wegesrand, auf Krankheit und Leid, auf einen Todesfall oder auch eine besondere Freude. Da darf man dann nicht so unachtsam, so unaufmerksam sein wie der regierende Fürst über Israel, so töricht wie Herodes, der vergessen hat, dass sein Land, sein Volk, noch einen Herrscher über ihm kennt, er, Herodes, der die Heiligsten Texte seines Volkes nicht einmal kennt, geschweige denn, sie zu deuten weiß, der kein Auge hat für die Zeichen der Zeit. Was für ein schlechter König! Was für ein miserabler Vater des Landes, der auf Neues, auf aufregende Zeichen mit einem Rezept des bloßen Machterhalts reagiert, mit Heuchelei und Verfolgung. Anstatt dem Kinde zu huldigen, wie er den Magiern weismacht, wird er es verfolgen: auch diese Geschichte vom Kindermord zu Bethlehem und der Flucht nach Ägypten ist längst volkstümliches Allgemeingut geworden. Und so bleibt die direkte Begegnung der beiden Könige aus und es tritt ein, was am Beginn des Johannesevangeliums so ausgedrückt wird: “Er – nämlich Christus – er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“

Die erschütterndsten Figuren dieser Geschichte aber sind die Priester und Schriftgelehrten: Sie wissen alles, aber niemand von ihnen rührt sich. Wenn sie schon den Stern nicht bemerkt haben vor lauter Katzbuckelei vor dem ach so mächtigen König Herodes, so müsste sie doch die Botschaft der Weisen aufrütteln. Sie deuten sie ja vollkommen richtig. Stattdessen bleibt bei ihnen alles beim Alten. Sie finden sich nicht ein bei der Krippe, sie beugen ihre Knie nicht vor diesem König, der da so unscheinbar daliegt und der doch der größte König ist von allen Königen, ob von ihnen heute schon die Rede war oder nicht. Sie, die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Priester und die Aristokraten am Hofe des Herodes, die sogenannten “braven Bürger“ etwa aus Bethlehem, sie haben nichts begriffen, sie gehen weiter ihren Geschäften nach, als ob da kein großer heller Stern am Himmel gestanden hätte, als hätten auch die Engel nie gesungen, die Propheten nichts geweissagt, als gäbe es keine Hoffnung, keine große Perspektive für die Zukunft, nichts außer dem kleinen begrenzten Bereich des ewig gleichen Trotts.

Eine kleine Gruppe Krippenfiguren gilt es noch kurz zu bedenken: die Heilige Familie aus Josef, Maria und dem Jesuskind. Wenn wir zuhause die Krippe aufstellen, dann sind diese drei die ersten, die ihren Platz in dem kleinen Holzstall bekommen, und wenn wir heute Abend alles wieder einräumen werden, den ganzen Schmuck des Weihnachtszimmers wieder zusammenpacken bis zum nächsten Jahr, dann wandern diese drei auch als letzte zurück in die Schachtel. Ich habe aber auch Krippen gesehen, bei Bekannten und Freunden, da gab es zumindest eine dieser drei an sich unverzichtbaren Figuren nicht, da fehlte eine, die des Jesuskindes nämlich. So bleibt in dieser Kulisse des Stalls der Platz im Stroh der Futterkrippe leer und lässt Raum für die eigene Vorstellungskraft und Phantasie. Manchmal liegt dort anstelle des Kindleins ein besonders schöner gebastelter Stern oder es steht eine Kerze da, die als Symbol dient für Christus, das Licht, den einen, wahren König der Welt. So eine Kerze erinnert dann wieder an die Osterkerze und daran, dass der König, den die Weisen aus dem Osten anzubeten gekommen sind, dass dieser König erst am Ende seines Lebens proklamiert und mit einer Dornenkrone gekrönt werden wird, dass die Herrschaft über das Gottesreich schwer erkämpft und unter Schmerzen angetreten worden ist. Mit andern Worten: Wir sollen beim Anblick der Krippe daran denken, dass es nur deshalb sinnvoll ist, heute Weihnachten zu feiern, weil es einen Karfreitag gegeben hat und ein aller erstes Osterfest.

Einen kurzen Blick nur haben wir heute auf die Krippe in unserer Kirche geworfen; vielleicht möchten Sie nach dem Gottesdienst noch einmal hinübergehen und sie genauer betrachten; kurz nur haben wir uns ihr gewidmet, jetzt, wo auch die Weisen aus dem Morgenland mit Kamel und Diener eingetroffen sind und das Bild vervollständigen, ehe alles wieder verräumt wird bis zum nächsten Jahr. Bleibt noch eine Frage offen:

Wäre hier und heute Bethlehem, stünde hier und heute der Stern am Himmel – wo würden Sie sich einreihen? Wo würde ich mir meinen Platz suchen? Bei denen, die alles stehen und liegen lassen und auf das Wort des Engels hin zum Stall eilen, bei denen, die die Zeichen der Zeit zu deuten wissen und sich auf den Weg machen, oder bei denen, die nichts mehr hinter dem Ofen hervorlocken kann und die die einmalige Gelegenheit verschlafen, die nicht dabei sind bei unserer kleinen Gesellschaft an der Krippe? Ich denke, die Antwort sollte uns allen hier leicht sein. Wir sind ja schon aufgenommen in dieses Gottesreich. Im Gegensatz zu dem heuchlerischen Machtpolitiker Herodes und zu den verschlafenen Priestern und Schriftgelehrten wissen wir, was es mit diesen Zeichen auf sich hat, wissen wir auch, dass Jesus seine Königsherrschaft angetreten hat, und wir beten dafür, dass er bald wiederkommen und dieses Königreich für alle sichtbar aufrichten wird.

Es stimmt schon, dass wir es hier mit einer volkstümlich ausgestalteten Erzählung zu tun haben, die ihre Wahrheit daher nimmt, dass sie uns an dem Kind Jesus und denen, die mit ihm zu tun haben, zeigt, wie es uns mit dem Mann Jesus geht. Und so können wir uns nun alle getrost selbst mit einreihen in den Zug derer, die die Zeichen der Zeit zu lesen wissen, können uns in großer Runde um das Kind in der Krippe versammeln, um den Stern, der da aufgegangen ist über dem Volk Gottes, herumgruppieren um das Licht, das die Heiden erleuchtet, zusammen mit allen, die auf die Wiederkehr dieses Königs warten. Mit ihnen singen wir jetzt:

Jesus Christus herrscht als König, alles ist ihm untertänig, alles legt ihm Gott zu Fuß. Aller Zunge soll bekennen, Jesus sei der Herr zu nennen, dem man Ehre geben muss.

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