Bescherung

Liebe Gemeinde:

ich weiß nicht, wie sie es zu Hause halten – haben Sie schon Bescherung gehalten, oder kommt diese erst nach dem Gottesdienst heute abend? Wie dem auch sei: Bescherung bedeutet Geschenke. Schwer ist es heutzutage geworden, zu schenken: die meisten unter uns haben ja schon alles: "Was soll ich denn dem noch schenken?" lautet eine – auch mir – allzubekannte Frage. Manchen unter uns fällt jetzt natürlich ein, was es noch für Geschenke geben mag, die über das rein Materielle hinaus gehen. Soll ich darüber predigen? Etwa in der Art: ich weiß, dass es unter uns viele Alte und Einsame gibt, Kranke und Sieche: ich weiß, sie werden zu wenig besucht, sie werden zu wenig geachtet. Oder: ich weiß, dass es unter uns einige gibt, die im vergangenen Jahr geliebte Menschen verloren haben durch Krankheit, Unfall oder ähnliches. Ich weiß, dass man sich nicht genug um sie kümmert, für sie da ist, um die Stunden der Leere mit ihnen zu teilen und ihnen beizustehen. Ja, was wären das für Geschenke – mehr wert als goldene Uhren und das neueste Computerspiel. Es wären Geschenke, die ich nur allzu gut heißen könnte: Geschenke, wie sie einem jedem Christen gut anstünden. Aber auch darüber will ich heute abend nicht predigen und ich will uns nicht die Freude an unseren Geschenken vermiesen, denn auch diese materiellen Geschenke gehören zu unserem Weihnachtsfest und sie – besser gesagt, der Akt des Schenkens selber – er ist ein Ausdruck, ein Abbild des einen Geschenkes Gottes, dessen wir heute abend gedenken.

Ein Ausdruck oder ein Abbild des einen Geschenkes Gottes, dessen wir heute abend gedenken: Gott selbst hat durch den Mund seiner Propheten dieses Geschenk angekündigt: vorhin haben wir es in den Lesungen der alttestamentlichen Propheten gehört: der Friedensfürst, der Mann, auf dem der Geist Gottes ruht – so sagt es Jesaja. Wenn dieser Herr kommt, dann wird auch der Rest seiner Brüder und Schwestern wieder zusammengeführt werden – so sagt es Micha, der außerdem noch die Geburt dieses Mannes in Bethlehem angekündigt hat. Der schöne Text aus dem Lukasevangelium, den wir alle sehr gut kennen, hat dies beides aufgenommen: die Geburt in Bethlehem, noch dazu in einem Stall, das Kommen der Hirten und der Ausruf: euch ist heute der Heiland geboren: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. Was taten die Hirten damals?: sie kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten! Denn sie wußten, was für ein großes Geschenk ihnen damals zu Weihnachten gemacht worden ist. Wir heutigen sind dabei, das eine Geschenk Gottes über unsere anderen materiellen oder zwischenmenschlichen Geschenke zu vergessen. Vielleicht hat jemand von ihnen gelesen, was ich im Mitteilungsblatt geschrieben habe: Weihnachten ist nicht mehr Weihnachten und der Christbaum nicht mehr ein Christbaum, sondern ein "festliches gartenbauliches Element" – und warum? Nicht, weil wir nicht mehr wissen, dass an Weihnachten etwas besonderes gefeiert wird, nicht, weil wir nicht mehr die Geschichten und Erzählungen kennen würden, die uns als ChristInnen so wichtig geworden sind. Sondern, weil wir Heutigen immer mehr vergessen, worin das Geschenk Gottes denn nun eigentlich bestanden hat und noch immer besteht.

Unser Predigttext für den Heiligen Abend will uns dabei helfen und es ist kein Zufall, dass auch dieser Text wieder im Alten Testament zu finden ist. Auf wundersame Weise überschreitet er die willkürliche Grenzziehung zwischen den "Alten" und den "Neuen" Teilen der Bibel, denn in seiner Deutung der Geschehnisse ist dieser Prophet auch für uns ChristInnen immer noch höchst aktuell. Wir lesen den Abschnitt aus dem Propheten Ezechiel im 37. Kapitel, die Verse 24-28:

[TEXT]

Wenn wir dieses Geschenk auspacken, dann finden wir gleich mehreres darin: zunächst wohl – und das ist gleichsam der Rahmen für alles andere, was sich in dem weihnachtlichen Paket befindet: ein Geschenk, ganz in hellem Weiß eingewickelt: der einzige und mächtige Hirte: er ist mehr und anderes als die Hirten in der Weihnachtsgeschichte, denn ihm muss nicht erst zugesprochen werden, dass er sich nicht fürchten soll, er ist bereits mit Gott vereint und kommt aus dem Licht, das die Hirten am Felde noch blinzeln ließ. Und dieser gute Hirte weidet seine Herde mit Umsicht und Bedacht – er hütet sie nicht mehr, indem er die Hunde um die Schafe hetzt, damit sie die Entflohenen anbellen und so zurück zur Herde treiben – er behütet sie auf neuartige Weise: er gibt ihnen seine guten Gebote mitten ins Herz, so dass sie eins werden mit dem Willen und Wollen eines jeden Mitglieds seiner Herde. So regiert der Friedensfürst: er braucht keine Listen mehr an die Anschlagstafel zu hängen: dies ist verboten und jenes nicht erlaubt, sondern er wird eines mit dem Gläubigen in den weihnachtlichen Momenten seines Lebens, so dass dieser aus sich heraus mit Freude Gottes Willen tut. Und dies geschieht schon jetzt, liebe Gemeinde!

Als nächstes holen wir ein grünes Päckchen aus der Geschenkiste hervor: grün wie das Gras und grün wie die Landschaft im Sommer: wir werden wieder in unserem Lande wohnen – in dem Land, das uns Gott einst gegeben hat. Wenn wir an Weihnachten von Engeln sprechen, wenn wir mit Licht unsere Räume schmücken, wenn wir Gold und Silberfarben zum Ausschmücken nehmen, dann haben wir einen Geschmack von diesem Land, auf das wir warten und hoffen über unseren Tod hinaus: dort muss es herrlich sein – dort können wir für immer wohnen, fernab von unseren Sorgen und Plagen auf dieser Erde. Aber auch schon jetzt in unserem Leben sehen wir immer wieder Stücke dieses Landes: wie wenn sich der Himmel für einen Augenblick auftut und all´ unsre Müh vergessen ist: dann ist Weihnachten in unserem Leben. Und dies geschieht schon jetzt, liebe Gemeinde!

Mit leuchtend rotem Papier ist unser nächstes Geschenk verpackt, das wir zur Hand nehmen: ein Bund, ein ewiger Bund ist mit uns geschlossen worden – versiegelt und für gültig erklärt durch das Blut des einen Menschen, auf dem der Geist Gottes ruhte. Und der Bund bedeutet: Gott will mit uns sein! Gott erweist sich in unserem Leben. Wenn Sie so wollen, sind wir jetzt bei dem Zentrum unseres Geschenkes: hier ist die Mitte, aus der heraus alles geschieht: Gott will uns begleiten, Gott will uns führen, Gott lässt uns nicht allein. Die Stunden, in denen wir leiden, in denen wir vor Dunkelheit nicht mehr wissen, wo die Tür zu finden ist lassen sich damit auch nicht erklären – das will ich nicht verschweigen. Aber es liegt ein Trost darin, zu wissen, dass Gott uns nicht verstoßen hat, dass wir seine Kinder sind und dass er uns führt, heraus aus der Dunkelheit, hin zum Licht. Manchmal gibt es diese Momente im Leben eines Menschen, in denen er plötzlich spürt: Guter Gott du bist bei mir: das ist Weihnachten. Und dies geschieht schon jetzt, liebe Gemeinde!

In einem hellen freundlichen Blau ist der nächste Teil des Geschenks eingewickelt: blau wie der Himmel über Steinbach manchmal sein kann, wenn die Sonne scheint, blau wie das Funkeln von edelstem Geschmeide und Gestein, das Reichtum bezeugt, blau wie eine Flamme an ihrem Ansatz, dort, wo kein Ruß und nichts Unreines mehr sich befindet, und blau wie die Königsfarbe des Hauses David, dem auch Jesus zugerechnet wird. Denn in diesem Blau wird das Heiligtum Gottes erstrahlen, dass unter uns aufgerichtet werden soll. "Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein." Versuchen sie sich die Krippe vorzustellen, die die meisten von Ihnen auch zu hause stehen haben werden – versuchen sie sich vorzustellen, sie wären selber damals da gewesen, als Hirt oder als König, das spielt keine Rolle: welche Stimmung, welche Freude muss wohl damals schon in dieser Baracke geherrscht haben! Die Herrlichkeit Gottes umstrahlte diesen Ort. Und nun ein Heiligtum: ungleich größer, ungleich schöner, ungleich strahlender. Ich kann es nicht besser beschreiben, denn es übersteigt meine Vorstellungskraft. Den Text aus der Offenbarung, den wir bei unseren Beerdigungen lesen, weist auf dieses Heiligtum hin, diese heilige Stadt in der wir alle dereinst wohnen werden. Manchmal aber sehen wir auch davon schon ein Stück bei uns, wenn sie so wollen, ein Stadtviertel oder eine Wohnung aus dieser Stadt: dann leuchtet sie auf, wenn Beziehungen zwischen uns gelingen: zwischen Familien, zwischen Ehepartnern, zwischen Freunden: auch das ist ein weihnachtliches Geschehen. Und dies geschieht schon jetzt, liebe Gemeinde!

Das letzte Päckchen aus diesem Geschenk ist in gelbes Papier gewickelt: gelb wie die Sonne, die über allen Menschen aufgeht und ihr strahlendes Licht bis in die letzten Winkel schickt. "Die Heiden sollen erfahren, dass ich ihr Gott bin". Das ist die Aussicht, die den Rahmen des Geschenkes abschließt: keiner glaubt für sich alleine, sondern es geht einem wie den Hirten: "Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war." – man geht hinaus in die Welt und erzählt von dem Guten, was einem widerfahren ist. Hier schließt sich der Kreis, zu dem, was wir am Anfang festgestellt haben: auch dieses Verkündigen geschieht nicht mit Zwang, weil ich muss oder weil es mein Auftrag ist – es geschieht, weil ich froh und glücklich, und weil ich es gerne mit jemandem teilen möchte. Wenn ein Mensch einem anderen seiner Erfahrung mit Gott erzählt, auch dann ist ein Stück Weihnachten. Und dies geschieht schon jetzt, liebe Gemeinde!

Mit diesem großen Geschenk Gottes im Rücken möchte ich ihnen nun ein frohes und gesegnetes Fest bei ihnen zu Hause und viel Freude an den Geschenken, die sie sich untereinander machen wünschen.

drucken