Berufung

Liebe Gemeinde,

die Berufung der ersten Jünger, vor allem des Petrus ‑ davon erzählt die Geschichte die Lukas in seinem Evangelium im 5. Kapitel überliefert.

[TEXT]

Die Berufung:
Der Ruf Jesu auf dem hin Petrus und die anderen ihm folgen. Sie folgen ihm. Sie brechen auf. Sie brechen auf aus ihrem bisher gewohntem Leben und brechen auf in ein Neues. Aufbruch in ein neues Leben, das bedeutet: Neue Lebenszusammenhänge und neue Freunde. Das bedeutet aber auch: Freunde verlieren, Lebenszusammenhänge verlieren. Menschen zurücklassen. Petrus und die anderen verlassen ihren Alltag, ihre Arbeit und wenden sich neuen Aufgaben zu. Sie brechen auf in eine neue Gemeinschaft, allein auf ein Wort hin, ohne feste Sicherheiten. Sie folgen Jesu Ruf in die Nachfolge. Einen Ruf der unter uns heute nicht gerade Begeisterung zu wecken vermag ‑eher Empörung.

Unser Zweifel ist groß:
Soll das wahre Nachfolge sein:­ Seine Arbeit niederzulegen, Haus und Familie einfach stehen zu lassen, und mir nichts dir nichts Fortzugehen? Ist das nicht extrem undankbar gegenüber den Eltern und absolut verantwortungslos? Von was sollen Petrus und die anderen Fischer leben, wenn nicht vom Fisch? Sind die Jünger nicht auf Spenden und Almosen angewiesen? Oder in unsere Zeit übersetzt: Ist das nicht ein faules Pack, das nur die soziale Hängematte ausnutzt? Rasch sind wir bei der Hand diese Form der Nachfolge als gewissenlos zu verurteilen und sie mit Ignoranz oder noch Schlimmeren zu strafen.

Werden wir, werde ich mit diesem Urteil dem Petrus und den anderen Jüngern gerecht? Ist das Urteil "Gewissenlos" nicht vorschnell gefällt?

Ich möchte versuchen den Aufbruch des Petrus noch einmal neu zu verstehen, jenseits vorschneller Urteile.

Offensichtlich bricht Petrus auf, weil Jesus ihn dazu bewegt. Jesu Worte stoßen seinen Aufbruch an.
Wir wissen nicht, was Jesus gesagt hat am See Genezareth. Aber ich denke das Fischwunder von dem unsere Geschichte berichtet, mag ein Gleichnis sein für die Worte Jesu. Für die Worte, die Petrus derart anrührten, dass er sein ganzes bisheriges Leben auf den Kopf stellte. Das Gleichnis handelt von einem kleinen Meer, dem See Genezareth.
Einem Meer, das eine glatte Wasseroberfläche besitzt. Das Meer ist aber auch von alters her Symbol für die menschliche Seele. Wir Menschen sind oft wie ein Meer. Wir haben eine glatte Oberfläche, die wir zur Schau stellen. Manchmal mag diese Oberfläche nicht ganz so glatt sein. Es mögen Stürme aufkommen und die Oberfläche kräuselt sich, und manchmal mögen auch hohe Wellen schlagen. Dies ist bei den meisten von uns so, wenn wir verärgert, wütend oder verzweifelt sind. Doch selbst in diesen Situationen zeigen wir unserer Umwelt sozusagen nur unsere Wasseroberfläche. Was sich unter der Oberfläche verbirgt, bleibt den Meisten unserer Mitmenschen verborgen. Und oftmals wissen auch wir selber nicht, was sich unter der Oberfläche unserer Seele alles verbirgt und tummelt. Denn vieles tummelt sich in der Tiefe unserer Seele, in der Tiefe des Meeres. Unsere Tiefen sind uns meist selbst unzugänglich. Wir segeln in der Regel eher über sie hinweg, weil wir uns vor den Ungewissheiten, die die Tiefe bietet, fürchten. Wenn wir einmal hinabtauchen in unsere Seele, oder um im Bild der Geschichte zu bleiben, wenn wir einmal fischen gehen im Meer unserer selbst, dann meiden wir die Tiefen. Wir meinen eher an den flachen Stellen des Seelenmeeres fündig zu werden. Und meist schwimmt da ja auch was rum.
Aber die dicken Schwärme verbergen sich in den Tiefen. Und so führt Jesus den Petrus zur Tiefe des Meeres und lässt ihn dort fischen. Jesu Verkündigung stößt Petrus dazu an, in den Tiefen seiner Seele zu fischen. Und Petrus fängt einen dicken Schwarm.

Einen Schwarm so mächtig, dass die Seile zu reißen und das Schiff zu sinken droht. Dem Petrus droht der Untergang als das Verborgene ans Licht des Tages tritt. Die Situation des Petrus ist gekennzeichnet durch einen heftigen Schrecken und durch die Worte: "Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch."

Denn der dicke Schwarm im Netz des Petrus birgt nicht nur gut Genießbares, sondern auch Sündiges: Das Wissen um Verfehlungen seiner Selbst. Diese Verfehlungen sind nicht moralischer Art und schon gar nicht sexueller. Die sündige Verfehlung mag zwar auch in Erinnerungen bestehen, die ihn nun, durch Jesu Worte angestoßen, einholen.
Die eigentliche Sünde jedoch besteht darin, dass Petrus nicht seiner Bestimmung gefolgt ist. Die Fische im Netz symbolisieren Leben. Die Fische symbolisieren das ungelebte Leben des Petrus. Sein ungelebtes Leben: das sind Fähigkeiten und Neigungen, die tief in ihm schlummerten, die wahrscheinlich zu einem Fischer nicht passen ‑ und doch zu diesem Petrus gehören und zu dem wozu Gott ihn bestimmt hat. Doch er hatte diese Bestimmung verdrängt, hinabgedrängt in die Tiefen seiner Seele. Und jetzt, wo die Erkenntnis um diese Bestimmung hervorbricht, herrscht Schrecken. Eine Furcht vor dem Neuen, welches in seinem Selbst verborgen schlummert. Doch Petrus ist nicht allein in seinem Schrecken.

Der Mensch, der ihn zu seinen eigenen Tiefen führte und ihm half die ungelebten Seiten seines Lebens zu entdecken, steht ihm im Moment des Schreckens beiseite.
Jesus steht Petrus bei und macht ihm Mut. Er spricht zu ihm: "Fürchte dich nicht". Und Jesus redet weiter: "Von nun an wirst du Menschen fangen". Mit diesem letzten Satz spricht Jesus dem Petrus eine neue Aufgabe zu. Eine Aufgabe die seiner Bestimmung entspricht, in der die ungelebten Seiten seines Lebens entfaltbar sind. So wie Petrus einst Fisch fing, soll er nun Menschen fangen. Menschen fangen nicht wie der Rattenfänger von Hammeln, sondern wie Jesus. Ein Fangen das eigentlich kein Fangen ist, sondern tiefe Begegnung. Begegnung, die zu fesseln vermag ohne einem die Freiheit zu nehmen.

So bricht Petrus auf, um seiner Bestimmung nachzukommen, um seine neuen Aufgaben wahrzunehmen.
Er bricht auf in eine neue Gemeinschaft und lässt eine andere Gemeinschaft zurück in der er keinen Platz mehr hat.
Denn Petrus ist gleichsam über Nacht ein anderer geworden. Er muss seiner Bestimmung folgen, will er sich nicht selbst verleugnen. So ergreift er die Gelegenheit beim Schopf, die ihm Jesus bietet und geht mit ihm weg. Er geht nicht, um seiner Verantwortung und seinen Verpflichtungen zu entkommen, sondern um neue Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten einzugehen, die ihm nun eher entsprechen. Die Zurückgebliebenen werden sich schwer getan haben den Petrus zu verstehen.
Denn Petrus war nicht mehr der alte, nicht mehr der Petrus den man kannte.
Dem Petrus sind auf einmal Dinge wichtig, die im Alltag eines Fischers kaum Platz haben. Petrus setzt s i c h n i c h t d e r S ü n d e a u s, das was er als seine Bestimmung erkannt hatte zu verdrängen. Er handelte nicht gewissenlos, sondern er folgt der Stimme seines Gewissens. So ist es wohl nur konsequent von ihm aufzubrechen und neu anzufangen. Sich einer neuen Gemeinschaft und neuen Aufgaben zu widmen. Und so folgt er Jesus nach.

Petrus fängt sein Leben noch einmal neu an ‑ mit Recht wie ich meine. Jedoch scheint es mir wichtig zu erwähnen, dass dieses neue Leben nicht gerechter war als das alte. Petrus wird durch seine Nachfolge kein besserer Mensch. Er bleibt einer von uns.

Auch wenn er der ist, der als einer der ersten Jesus als Gottes Sohn erkennt und bekennt, so ist er doch auch der, der Jesus verleugnet.

Petrus, der Fels auf dem die Kirche stehen soll, war nie unfehlbar und behauptete solches auch nicht von sich wie der Papst, Petrus war kein Held wie Rambo und auch kein Führer, der die Menschen verführt.

Petrus blieb auch in seinem neuen Leben ein Mensch wie jeder andere, ein Mensch mit Stärken und mit Schwächen. Er war nur ein Mensch, der seinen Glauben leben suchte, indem er ihn anderen mitteilte. Vor allem aber war er ein Mensch, der durch Jesu Begegnung den Mut fand sich selbst zu begegnen und aufzubrechen in ein neues Leben, in eine neue Gemeinschaft.

Vielleicht vermag die Geschichte von der Nachfolge des Petrus uns heute ja noch anregen in unserer christlichen Existenz.
Anregen dazu, einmal in den Tiefen unserer Seele zu fischen, vielleicht noch einmal neu anzufangen.

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