Berufung: Anspruch und Zuspruch

Liebe Gemeinde,

unser Gottesdienst hat heute zwei Schwerpunkte. Zum einen lädt uns der Prophet Jeremia ein, über Berufung nachzudenken. Berufung mit all ihren Konsequenzen. Und zum anderen sind wir heute eingeladen, die Taufe von Martin und Mario zu feiern. So unterschiedlich das zunächst klingt; beides hat viel miteinander zu tun.

Was ist Berufung? Mir fällt da zunächst das Verfahren ein, bei dem ein Mensch aufgrund seiner besonderen Qualifikationen für einen bestimmten Posten vorgeschlagen wird. D.h. dieser Mensch wird dann z.B. in den Aufsichtsrat einer Firma berufen, weil er Prüfungen bestanden hat und hohe Ansprüche erfüllt oder weil sein Wort und Urteil Gewicht haben. Der Begriff Berufung schildert im Grunde einen Vorgang, der den Betroffenen in eine passive Ecke stellt – er oder sie wird berufen. So klingt das zumindest. Allerdings ist das ja nur die halbe Wahrheit, denn die berufene Person hat sich im heutigen Berufsleben mit Sicherheit höchst aktiv eingesetzt für seine besondere Qualifikation, für sein eigenes Auffallen und Sichtbarsein. Insofern ist unser heutiges Berufungsverfahren in gewisser Weiser im Lebenslauf planbar. An dieser Stelle tritt nun der Unterschied zu den Berufungen der Propheten deutlich hervor. Denn wenn Gott Menschen beruft, gibt es im Lebenslauf plötzlich Einschnitte, vielleicht sogar einen völligen Bruch mit dem alten Leben, wie z.B. bei Paulus. Vom Christenverfolger wurde er zu einem christlichen Missionar. Einschnitte gab es bei Jeremia. Oft genug verkündete er seinem Volk Unheil, stellte sich gegen seine Mitmenschen, obwohl er dies nicht gewollt hatte und wurde schließlich mit seinen Landsleuten deportiert. Er hatte unauffällig bleiben wollen und stattdessen stand er aufgrund seiner Berufung im Rampenlicht und musste sich einmischen.

Was meinen Sie, welche Eigenschaft muss ein Mensch haben, um von Gott berufen zu werden? Welche Eigenschaft muss ein Mensch besitzen, um für das Prophetenamt berufen zu werden. Es ist wohl zuerst das Hören, das Hören von Gottes Wort und die Weitergabe dieses Wortes. Und zum zweiten geht damit einher, dass Gott Vertrauen zu diesem Menschen hat, den er berufen will und spricht ihm Mut zu. Zum dritten geht damit ein Anspruch her, dass der Prophet mit seinem ganzen Leben, mit seinem Tun oder Nichttun eben für das Hören und Weitergeben von Gottes Wort einstehen muss, wobei dies keine eigene Entscheidung ist, sondern auch durch die Wahrnehmung der Leute geschieht. Denn der Berufene zeichnet sich durch verliehene Autorität aus, ob er die nun haben will oder nicht. Schauen wir uns Jeremia an, er will nicht und gibt Einwände: "Ach Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen, denn ich bin zu jung." Jeremia ist überrumpelt. Für ihn türmt sich ein Berg von Fragen auf. Was soll ich sagen? Wie reagieren die Leute, die Mächtigen und Einflussreichen? Was geschieht mit mir, wenn ich diesen Weg gehe? Was bringt er? Jeremia ahnt mehr, als dass er weiß, dass diese Berufung einen großen Anspruch auf seine Person und sein Leben ausüben wird. Die Jugend, auf die sich Jeremia beruft, drückt die Furcht und Gewissheit aus, nicht bestehen zu können. Jung zu sein, bedeutet, dass man noch nicht fertig ist, dass man erst dabei ist anzufangen; alles ist noch auf Wachsen und Reifen angelegt. Aber wie das bei "Jungen" oft so ist, der Einwand wird von Älteren abgetan, weggewischt. Gott setzt Vertrauen in Jeremia, den er beruft. Und so spricht er ihm Mut zu: "Sage nicht, ich bin zu jung. Fürchte dich nicht vor den anderen, denn ich bin bei dir." Und dann, wie um diese Worte zu besiegeln, streckt Gott seine Hand aus, berührt den Mund Jeremias und sagt: "Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund." Eine Zeichenhandlung, für alle sichtbar und auch fühlbar. Hier wurde Autorität verliehen. Jeremia ist wer. Gottes Wort schafft, was es sagt. Jeremia wirkte zwischen 625 und 587 im Südreich Juda. Für die einen war er das Gewissen Judas, für die anderen ein Unruhestifter. Die Berufung machte aus dem Menschen Jeremia wirklich einen Propheten und aus dem Volk Israel, das immer wieder von Gott abfiel, schließlich nach langen Jahren Gottes neues Volk. Gott hatte den Richtigen berufen.

Berufung heißt, sich mit seinem ganzen Leben einzusetzen. Daran erinnern manche Klosterorden aus dem Mittelalter. Es war ein leben für Gott und für andere. Ein Leben zwischen Gebet und praktischer Armen- und Krankenhilfe unter Aufgabe eigener Wünsche. Mit der Reformation ging es aus den Klöstern hinaus. Und aus der Berufung zu helfen, wurden auf einmal Berufe. Für die meisten Menschen sind das bis heute sinnvolle, wichtige Berufe, die moralisch hoch anerkannt sind. Es sind Berufe im pflegenden, sozialen und pädagogischen Bereich. Dort bekommen Menschen immer wieder die Frage gestellt: "Fühlst du dich dazu berufen?" Oder es wird einfach eine Feststellung gemacht: Zur Krankenschwester berufen. Ein wahrer Pädagoge. Auch wenn diese Berufe und Berufungen anerkannt sind, hat sich heute das Menschenbild leider so nachhaltig verändert, dass Menschen oft genug nur noch nach Leistung definiert werden und immer häufiger auch irgendwann daran zerbrechen. Der prophetische Zuspruch aber, der in jeder Berufung liegt, scheint mehr und mehr verloren zu gehen, wenn wir uns nicht bewusst an ihn erinnern. Dieser prophetische Zuspruch heißt: "ich bin bei dir, du kannst etwas."

Wir alle, auch wenn wir keine großen Propheten wie Jeremia sind, so sind wir doch alle einmal von Gott berufen worden. Unsere Berufung erfolgte in der Taufe. Sie ist Zeichenhandlung, öffentlich sichtbar für alle. Hier bekommen wir Autorität verliehen. In der Regel werden wir zu diesem Zeitpunkt sehr jung gewesen sein. Aber das hat nicht gestört. Taufe ist eine Art Berufung in Lebenslange Gotteskindschaft. Unsere Eltern, Paten und Gott hatten und haben Vetrauen darauf, dass wir in unsere Berufung als Christ oder Christin schon hineinwachsen würden. Jeder und jede mit seinen und ihren Fähigkeiten. Als Christinnen und Christen haben wir auch einen Anspruch zu erfüllen. Wir sollen weitergeben, was wir von Gott und seiner Liebe erfahren haben. Wir sollen als Christen in dieser Welt leben und es zeigen. Von der Sache her gehören Berufung und Taufe an den Lebensanfang in jungen Jahren, faktisch aber haben Berufung und Taufe lebenslang Bedeutung.

Jeder hat seine eigene Berufungs- und Taufgeschichte, genauso wie sie auch Mario und Martin haben. Mario führt uns besonders vor Augen, was der Zuspruch Gottes bedeuten kann. Ähnlich wie Jeremia soll er folgenden Bibelvers mit auf den Weg bekommen: 1. Mose 28,15: "Gott spricht: ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst." Mario lebt aus großem Vertrauen und Zutrauen heraus. Er hat es vorgelebt bekommen und gibt es weiter. Menschen, die er mag, streichelt er den Hals herauf. Er kennt Zutrauen und Vertrauen und lässt uns alle dies ganz neu und intensiv spüren. Er macht uns auf Wesentliches aufmerksam, das wir als so selbstverständlich hinnehmen. Sein erstes Wort in seiner Sprache war Licht. Das erste Schöpfungswerke, lebensnotwendig für uns alle. Mario weiß das. Martins Taufspruch hat einen anderen Akzent. Was bei Martin auffällt, ist seine Hilfsbereitschaft. Er teilt gerne, ohne zu überlegen, ganz selbstverständlich. So erinnert er durch sein Verhalten an den großen Namensvetter Sankt Martin. Ursprünglich war dieser Soldat gewesen, bevor er Bischof wurde. An einem kalten Wintertag traf er einen halberfrorenen Bettler im Schnee. Er zerhieb seinen Soldatenmantel und gab ihm die Hälfte. In der folgenden Nacht soll ihm im Traum Christus als eben dieser Bettler erschienen sein und soll ihm das folgende gesagt haben: Matthäus 25,40: "Was du getan hast, einem dieser meiner geringsten Brüder, das hast du mir getan." Dieser Bibelvers wird auch Martin gleich in der Taufe zugesprochen.

Taufe und Berufung schenken uns Gottes Zuspruch. Daran sollten wir uns erinnern. Wir sind wer. Wir alle haben Fähigkeiten und Gaben. Keiner von uns braucht sich zu verstecken. Also lassen sie uns das auch leben, genauso wie es Mario und Martin tun.

drucken