Berufen, zu fischen!

<i>[Dies ist der Abschluss der Predigtreihe "Petrus & Co" über einzelne Jünger. Behandelt wurden außer Petrus Johannes, Matthäus, Jakobus, Judas, Thomas. Das Lied, auf das am Schluss verwiesen wird, stammt vom Autor und ist zu beziehen über pastor@alt-hastedt.de]</i>

Da saßen die vier am frühen Vormittag im Schatten der Fischerbude. Business as usual, sie reinigten die Netze, wie immer um diese Zeit. Auffällig war nur, es gab kein fröhliches Geplauder unter ihnen wie sonst. Mürrisch fummeln sie an den Maschen und befreien sie vom Unrat des Sees. Die Männer sind frustriert. Putzen ist nicht ihre Aufgabe. Klar, das gehört dazu, ist nicht nur Frauensache. Es gehört zu den Aufräumarbeiten nach der Nachtschicht. Man ist erleichtert über die geleistete Arbeit und freut sich auf den Feierabend. Gearbeitet haben sie auch. Aber ein sichtbares Ergebnis können sie nicht vorweisen. Hart geschuftet und jetzt war alles für die Katz. Wir kennen das ja auch, bzw. wir hören es von anderen und sind froh, wenn es uns nicht getroffen hat. Wir kennen es von denen, die jahrelang im Stress hart geschafft haben und auf einmal nicht mehr gebraucht werden, knallhart ausgemustert werden oder, wenn das arbeitsrechtlich nicht möglich ist, gezielt weggemobbt werden. Ich hörte dieser Tage von einem Mitarbeiter der städt. Verwaltung, wie erstaunlich viele Bewerbungen auf die wenigen ausgeschriebenen Stellen kamen von Bankangestellten, die noch ungekündigt sind. Das Schicksal des Petrus und seiner Kollegen ist kein Einzelfall, auch wenn man meinen könnte, der hat´s ja noch gut, er war selbständig. Auch da können ganz schnell andere Zeiten anbrechen. Und so wie hierzulande manche Nordseekutter nur noch mit halber Ladung heimkommen, weil im Zuge der Gewässervertiefungen für die Containerschiffe die Menge der Fische rapide abnimmt, so hatte auch Petrus den großen Frust. Damals war der See sicher aus anderen Gründen fischfrei, aber das Ergebnis ist das gleiche: Umsonst abgemüht. Da sitzt er nun und bläst Trübsal zusammen mit seinen Kollegen. Zwei von ihnen, Johannes und Jakobus, sind in der Predigtreihe schon dran gekommen. Wer das verpasst hat und sich dafür interessiert, kann sich die alten Cassetten am Büchertisch besorgen.

Also der Petrus hatte an jenem Vormittag schlechte Laune. Die ganze Nacht hatte er gearbeitet und was war der Lohn für all den Stress: Noch nicht mal eine warme Mahlzeit. Nur Fladenbrot und kaltes Wasser aus dem Dorfbrunnen. Das ist so wie jetzt an den warmen Sommerabenden, wenn Vati nach Haus kommt und hinterm Haus duftet es lecker nach Gegrilltem. Das Wasser läuft ihm schon auf der Zunge zusammen. Er läuft der Duftfahne nach und wo kommt sie her: Aus Nachbars Garten. Pech gehabt. So ging´s dem Petrus. Er hatte den ganzen Tag gefischt und nichts gefangen. Die Frau wartete auf ein paar zappelnde Fische im Netz und er würde mit leeren Händen vor ihr stehen. Um nicht völlig den Eindruck zu haben, er hätte die Zeit nutzlos verbracht, ist er jetzt beim Reinigen und Flicken der Netze besonders gründlich. Das muss ja auch gemacht werden. Aber seine eigentliche Aufgabe war das nicht. Er war Fischer. Das war sein Job. Das war seine Aufgabe. Das war seine Berufung. Petrus war berufen zu fischen. Und nur das macht letztlich Sinn, wenn man seiner Berufung entsprechend tätig ist. Und nicht auf anderen Gebieten.

Wie ist das eigentlich mit uns? Ich meine nicht nur euch Vorkonfirmanden, euch auf der Empore, oder die anderen hier unten. Ich meine die Hastedter Gemeinde als ganze, die evangelische Kirche Alt-Hastedt. Was ist eigentlich unsere Berufung? Fragen wird danach? Ist uns das deutlich? Vor allem: Handeln wir entsprechend! Das ist eine ganz wichtige Frage, und die Überschrift über die heutige Predigt gibt die einfache Antwort darauf, und ich wünschte, dass du diese Antwort heute mit nach Hause nimmst und dich daran orientierst: "Berufen zu fischen" Wir sind berufen zu fischen. Und es ist die Tragik der Kirchen speziell in der westlichen Welt, dass in ihr diese Berufung in Vergessenheit gerät. Damit ist nicht der Heringsfang gemeindt, das ist uns ja klar. Wir erkennen unsere Berufung ja vom Ausgang dieser Geschichte her. Wir wollen uns diesen wunderbaren Ausgang in Erinnerung rufen, bevor wir tiefer darüber nachdenken müssen, wie wir unsere eigentliche Berufung zurückgewinnen können.

In dem ganzen Frust jenes Morgens ohne sichtbaren Erfolg stundenlangen Mühens fiel wenigstens ein einziger Lichtblick: Ein Unbekannter, der vor einer kleinen Versammlung an der Promenade eine Rede halten wollte, war auf der Suche nach dem richtigen Standort. Er brauchte einen Platz, wo ihn alle gleich gut sehen und hören konnten. Und wo er zugleich geschützt war vor den Dränglern in den ersten Reihen. Davon gab es nämlich einige, denn der Fremde war sehr populär. Da es am Strand keine von allen Seiten gut sichtbaren Platz anbot, kam dem Fremden eine andere Idee. Er geht auf die Netzflicker zu: Guten Morgen, kann ich euer Boot mieten? Petrus, der sich sonst ungern bei der Arbeit stören lässt, ist ganz Ohr. Ein kleiner Auftrag, das kann er gerade jetzt gut gebrauchen. Schon steigt Jesus in das Boot. Petrus rudert ein kleines Stück auf den See. Weit genug, dass ein gebührender Abstand zum Publikum ist, nah genug, dass alle den Redner gut sehen und verstehen können. Bald merken alle: Das Wasser trägt die Stimme besonders gut. Das war vermutlich so wie dieser Tage in unserer Kirche, wo wir den verschlissenen Läufer noch nicht ersetzt haben, in der Sakristei ist auch der alte Schrank draußen. Es ist eine Resonanz und ein Hall wie noch nie. Etwas misslich für Schwerhörige, aber schon für schwach besetzte Chöre eine enorme Verstärkung.

Inzwischen spricht der Wanderprediger aus Nazareth schon eine ganze Weile. Anschaulich erzählt er den Leuten von Gott und vom Himmel. Mit großem Interesse hören ihm alle zu, sie hängen geradezu an den Lippen Jesu. Sie spüren, wie die Kraft Gottes ihnen durch diesen Mann ganz nahe kommt. Nur Petrus ist unaufmerksam. Klar er ist müde von der Nachtschicht. Und die Gedanken schweifen ab, er kann den Ärger über die nutzlos verbrachte Zeit nicht einfach abschütteln. Dabei hat der nützlichste Tag seines ganzen Lebens mit diesem Morgen begonnen. Aber davon ahnt er noch nichts. Auf einmal wird er aus seinen Gedanken gerissen. Jemand ruft seinen Namen. Petrus blickt auf. Es ist schon fast dunkel. Die Leute sind weg. Nur Jesus ist noch da. Ihr müsst noch mal ganz weit raus fahren auf den See. Da wartet ein guter Fang auf euch. Da bricht es aus Petrus heraus: Was weißt denn du? Wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen! Es sollte mich nicht wundern, wenn Petrus geheult hat bei diesen Worten. Er und sein Bruder Andreas, und seine Freunde Jakobus und Johannes, sie waren doch abhängig vom täglichen Fang. Was hätten sie einnehmen können an diesem Tag, so viele unverhoffte Kunden, gerade jetzt mussten wir so erfolglos sein! Vergeblich gearbeitet! Kennst du das auch? Da sitzt jemand wochenlang an der Examensarbeit. In vielen Nachtstunden werden die Kapitel erstellt. Gerade noch konnte der Abgabetermin einhalten werden. Dann kommt die Nachricht. Ungenügend. Muss wiederholt werden. Vergeblich gearbeitet. Na ja, das lässt sich vielleicht noch nachholen, wenn erst mal die große Enttäuschung verwunden ist. Aber was ist mit denen, die mit 50 ihren Job verlieren. Was ist mit denen, deren Ehe in einen Scherbenhaufen auseinander fällt. Nach so vielen Jahren. Vergeblich gemüht. Womit hab ich das verdient? Oder lag es wirklich an mir? Man sollte erwarten, dass Jesus den Fischer jetzt trösten wird. Im Leben ist nichts umsonst, es hat alles seinen Sinn. So ähnlich steht das doch wohl in der Bibel? Nichts von alledem. Jesus sagt: "Fahrt hinaus!"

Petrus denkt: Du hast ja keine Ahnung! Aber er sagt: Von mir aus! Auf deine Verantwortung. Dann rudert er los. Kaum sind sie auf See, da zerrt und zappelt es an den Netzen. Petrus springt von einer Bootsecke in die andere. So schwer sind die Netze, er kriegt sie kaum über die Bordwand. Petrus macht den größten Fang seines Lebens. Rekordquote! Petrus ist überwältigt.

Nun weiß er, was er zu tun hat. Nicht: "Klasse Jesus, das machen wir öfter, du kannst hier bleiben." Sondern: "Herr, geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch." Mit einer Mischung aus Freude, mehr aber noch aus Scham sagt er: Du hattest Recht. Du hattest Recht in dem, was du mir gesagt hast. Du hattest Recht in dem was du den Leuten am Strand gesagt hast von Gott und vom Himmel. Wir sind nicht so wie wir sein sollten. Das kann Gott nicht gefallen, wenn wir weitermachen wie bisher. Wir brauchen einen, der uns die Schuld vergibt. Ich jedenfalls brauche das. Kannst du mir verzeihen, dass ich so überheblich war heute morgen. Merkwürdig, in deiner Nähe, Jesus, wird mir deutlich, was in meinem ganzen Leben falsch gelaufen ist. Kannst du mir auch das verzeihen, was da verkehrt war? Wenn nicht, kann ich nicht bei dir bleiben. Wenn ja, will ich dein Freund werden. Ich will mit dir gehen. Und meine Kollegen auch. Mein Leben soll jetzt ganz anders werden.

Und Jesus sagt: Stimmt! Von nun an wirst du Menschen fangen. Komm, schließ dich mir an. Und Petrus geht mit. Mit den kleinen Fischen ist er fertig. Jetzt hat er eine andere Aufgabe. Menschenfischen. Und da hat er Jahre später noch mal einen großen Fang gemacht. Diesmal alleine, Jesus war nicht mehr auf der Erde. Es war an einem Pfingstmorgen auf dem Marktplatz in Jerusalem. Da redet Petrus zu Pilgern aus aller Herren Länder über das Leben Jesu. Wie er grausam starb. Aber es war nicht umsonst, er nahm die Schuld der ganzen Welt mit ins Grab. Und dann wurde er an Ostern auferweckt. Mit ihm lohnt sich zu leben. Das wollen wir auch, ruft die Menge. Was sollen wir tun? Und Petrus ruft: Kehrt um lasse sich ein jeder taufen auf den Namen Jesu zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des heiligen Geistes. So geschah es auch, bei 3000 Leuten. Ist das nur der Auftrag für Petrus gewesen. Die Berufung für einen Spezialisten? Nein, dieser Auftrag galt auch für die Gefährten des Petrus. Und auch wir gehören zu diesen Gefährten. Aber diesen Auftrag von Jesus, oder von Petrus, den haben wir: Wir sollen Menschen gewinnen. Wir sollen ihnen abgeben von dem, was uns selbst glücklich macht. Wir sollen sie locken mit dem Evangelium. Ein Fischer lockt den Fisch womit? Mit einem schmackhaften Wurm. In der Kirche locken wir mit dem Evangelium, also mit der guten Nachricht von Jesus. Jesus hat uns die Liebe Gottes gezeigt, ja er hat sogar sein Leben gelassen für uns, damit wir seine Freunde werden. Er hat jeden gern. Er möchte mit allen Gemeinschaft haben. Wie der Petrus seine besten Fische auf dem Markt laut angepriesen hat, so preisen wir laut das Evangelium an, in den Kirchen, besser noch draußen wo die Menschen leben und sich treffen.

Das ist also die Berufung der Kirche. Sie hat auch andere Aufgaben, aber das ist ihre erste Berufung. Und wie sind wir damit umgegangen. Das Bild auf der Titelseite des Gottesdienstblattes zeigt, wie es sein sollte: Ein Schiff wird seeklar gemacht. Menschen bereiten sich darauf vor, zu fischen. Das Bild innen zeigt die traurige Wirklichkeit, wie leider viele Kirchen mit dieser Berufung umgehen. Sie reden vom Fischen. Sie erinnern sich ans Fischen. Sie feiern die größten Fischzüge mit Gedenktagen und Gottesdiensten. Aber sie fischen nicht. Da sehen wir die Kirche zu Ehren des Petrus, die in Erinnerung an die Geschichte vom wunderbaren Fischzug gebaut wurde. Das ist ja sehr schön, wenn solche wunderbaren Ereignisse in Ehren gehalten werden. Aber die Berufung der Kirche ist nicht, Gedenkfeiern zu organisieren. Die Berufung der Kirche ist nicht, die Promenade am Strand zu verschönern und dort Ausstellungen zu veranstalten und Vorträge zu organisieren, T-Shirts zu verkaufen, Spenden zu sammeln. Die Berufung ist das Fischen und sich darauf konzentrieren. Es gibt auch anderes zu tun, sicher, aber das Fischen ist die Hauptsache.

Was bedeutetet das für uns hier in Hastedt? Es bedeutet, dass wir bei der Anstellung von Mitarbeitern und Helfern darauf achten müssen, dass sie diese Absicht verfolgen. Sicher sind die Gaben unterschiedlich verteilt, nicht jeder ist ein feuriger Prediger wie der Petrus. Aber das Ziel muss das gleiche sein. Das Ziel muss sein, dass Menschen, die Jesus nicht kennen, mit seinem Evangelium in Kontakt kommen. Und unsere Aktivitäten und wo Geld ausgegeben wird, das muss geprüft werden an diesem Ziel. Und es geht nicht an, dass Menschenfang-Aktionen, also missionarische Aktionen sich rechtfertigen müssen, dass sie etwas kosten. Es ist selbstverständlich, wenn dadurch Kosten entstehen. Es müssen umgekehrt andere Tätigkeiten, die nicht sichtbar direkt diesem Ziel des Menschenfischens dienen, sich rechtfertigen.

Nehmen wir z.B. die Plakataktion der EKD mit diesen Riesenpostern, das letzte was "was ist Glück", jetzt geht es um den Fußball. Die Zielgruppe sind kirchenferne. Es gibt da Kritik von denen, für die Mission unwichtig ist, die sagen, warum wird dafür Geld ausgegeben. Es gibt auch Kritik von den missionarisch Erfahrenen teilweise, weil die sagen, wir würden das viel besser machen, nicht so vorsichtig, oder effektiver. Mag ja stimmen. Fakt ist, hier werden Mittel eingesetzt um Menschen zu fangen. Hier erinnert sich Kirche an ihre Berufung. Und das ist sehr zu begrüßen, auch wenn wir selbst diese Poster nicht aufhängen, weil wir den vollen Platz in den Schaukästen für unsere Veranstaltungen brauchen und eine Riesenplakatwand wie in Markus oder Auferstehung können wir an der denkmalgeschützten Kirche schlecht anbringen. Ich sage nicht, dass jetzt jede Woche nur noch Evangelisationen und Plakataktionen hier stattfinden. Aber das Ziel, Menschen zu gewinnen für Jesus, muss sichtbar Priorität haben und einfließen in alle Art von Veranstaltungen, so wie vorgestern in der Bandnacht, wo sich die beteiligten Musikgruppen klar zu ihrem Glauben bekannten in einer einladenden Weise.

Gott helfe uns, dass wir uns nicht abhalten lassen von unserer ersten Aufgabe. Dass die durchaus wichtigen Traditionen und Aktivitäten aller Art nicht verdunkeln wozu wir da sind: Berufen zu fischen. Und wo sich da Dinge in den Weg gelegt haben, wir uns darin verstrickt haben, gilt es loszulassen. So wie es in dem Freizeitlied heißt, das im zu Ostern 1995 zur Konfirmandenfreizeit entstand, wo wir uns mit den Geschichten von Petrus beschäftigt haben: Lass los, Fesseln und Stricke, leg ab, was dich beschwert. Peil an göttliche Ziele, du siehst ja bei Petrus, wie spannend das wird.

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