Berührungen

Liebe Gemeinde,

"manchmal möchte ich am liebsten gar nichts mehr hören", das haben Sie vielleicht auch schon einmal gesagt, wenn allzu viel an Informationen auf Sie eingestürmt ist. Und wenn man mit zunehmendem Alter schlechter hören kann, ist es in bestimmten Situationen angenehmer, überhaupt nichts zu hören als lauter Gespräche, von denen man nur die Hälfte wirklich mitbekommt. Und muss man wirklich alles hören, was da so geschwatzt, geplappert oder proklamiert wird? An leeren Worten ist unsere Gesellschaft reich. "Ich stelle meine Ohren am liebsten auf Durchzug", eine solche Haltung kann zuweilen der seelischen Gesundheit sehr dienlich sein. Wir haben im Deutschen nur ein Wort für "hören". In Frankreich ist das anders. Da macht man durchaus den Unterschied zwischen "entendre" und "ecouter". Das erste bedeutet, ein Geräusch vernehmen, das auch am Ohr vorbeirauschen kann. Gewiss, ich merke, da spricht einer, aber ich nehme es nicht auf. Das andere bedeutet: "Zuhören, aufmerken, etwas wirklich mitbekommen." "Höre, Israel", so beginnt im Alten Testament oft die Rede Gottes. Und da ist gemeint: "Merke auf, Israel, schreib dir das in dein Herz!" Wir wissen nicht, ob der Taubstumme, der zu Jesus gebracht wurde, einfach gar nichts mehr vernehmen konnte – oder ob er nicht in der Lage war, etwas aufzunehmen.

"Manchmal möchte ich am liebsten gar nichts mehr sagen", sagte einmal eine Freundin zu mir, als es ihr seelisch nicht gut ging. Und es gibt sogar Menschen, denen dann wirklich die Sprache wegbleibt, die einfach nichts mehr sagen können. Vor Leid zum Beispiel oder nach einem schweren Schock oder wenn sie so verwundet worden sind, dass sie sich in sich zurückziehen, um nicht weiter verletzt zu werden.

Eine Lösung ist das nicht. Wer sich in eine totale Isolation zurückzieht, freiwillig oder unfreiwillig, der ist krank. Und Isolation kann eine grausame Strafe sein. Ich denke an die Geschichte von Kaspar Hauser, der als Kind wohl jahrelang in völliger Isolation verwahrt worden war, ein historisches Beispiel. Und es gibt unzählige Berichte über verwahrloste Kinder, die eingeschlossen in enge Räume und ohne elterliche Ansprache Jahre verbracht haben, bis sie, oft sprachlos und seelisch schwer gestört, von der Polizei oder der Fürsorge den Eltern weggenommen werden. Es kann Jahre dauern, bis sie ihr Trauma überwinden und sich vertrauensvoll der Umwelt öffnen, sie benötigen unendlich viel liebevolle Zuwendung, damit ihre Wunden heilen.

Ein Lehrer beklagte sich kürzlich über die Sprachlosigkeit seiner Schüler. "Wo wird in den Familien denn auch noch wirklich miteinander gesprochen?" meinte er – und wirklich, oft beschränkt sich die Kommunikation nur noch auf "Essen ist fertig", "Mach doch mal lauter! Schalt endlich mal um" oder "Halt den Mund!", den Rest besorgen Fernseher, Videorecorder und allerhand piepende Elektronikgeräte, mit denen wir uns auch zu Hause zunehmend umgeben. Und wenn wir reden, weil wir nicht umhin kommen, sind es meist nicht mehr als Floskeln. Wer den anderen fragt: "Wie geht’s", eilt meist schon weiter, ehe eine aufrichtige Antwort ihn Zeit und Aufmerksamkeit kosten könnte. Mancher redet pausenlos nichtssagende Dinge, nur, damit niemand an seiner Oberfläche kratzen kann. "Am besten sage ich gar nichts mehr", schließen sensiblere Naturen daraus und werden immer ruhiger bis hin zum Verstummen.

Wir wissen nicht, was dem Menschen widerfahren ist, der da zu Jesus gebracht wird und der nicht hören und nicht sprechen kann. Wir erfahren aus dem Bericht nur, was Jesus tut. Er macht das, was eine Mutter macht, wenn ihr Kind hingefallen ist. Sie haben das sicher selbst schon mal gemacht oder zumindest beobachtet. Mütter spucken auf ein Taschentuch und wischen dem Kind den Mund ab. "Wie eklig!", dankt mancher, aber es ist etwas ganz Vertrautes und Intimes, etwas, was man mit einem Fremden nicht ohne weiteres tun würde. Meine Mutter hat das immer getan, wenn ich verschmuddelt auf dem Spielplatz herumlief. Auch das andere, was Jesus tut, ist eine sehr private Geste: Er legt dem Taubstummen die Finger in die Ohren. Wer schon einmal mit Gehörlosen zusammen war und zugeschaut hat, wie sie miteinander reden, wird das nicht ungewöhnlich finden, dass da Berührung die Sprache ersetzt. Er legt die Finger buchstäblich auf den wunden Punkt und bittet: "Tu dich auf!" Öffne dich, du wirst hier nicht verletzt, du wirst keine bösen Worte hören, dir wird auch kein leeres Geschwätz vorgesetzt, du kannst Vertrauen wagen, denn es geht um Dich, Du bist gemeint. Wach auf und beginne, zu leben."

Wahrscheinlich haben vorher schon viele, zu viele, auf diesen Mann eingeredet. Aber verstanden hat ihn wohl niemand. Aber auf einmal spürt er: "Da ist jemand, der nimmt mich ernst, der versteht mich ohne Worte, der weiß, wie mir ums Herz ist" – und das Wunder geschieht. Es ist etwas so Intimes und Privates zwischen Gott und Mensch, was sich hier ereignet hat, dass es fast selbstverständlich ist, wenn Jesus darum bittet, es nicht weiterzuerzählen.

Nun ist Jesus heute nicht hier, der Finger in die Ohren und auf die Lippen legen kann – aber an Taubstummen fehlt es nicht, vielleicht gehören wir ja selbst dazu. Vielleicht gehören wir zu denen, die sagen: "ich kann, ich will nichts mehr hören. Keine Katastrophen-Nachrichten mehr, keine Arbeitslosenstatistiken mehr, keine Hiobsbotschaften aus den Medien. Ich ziehe mich zurück in mein ganz privates, ich mache dicht." Wir fühlen uns ohnmächtig und auch von Gott verlassen, haben das Gefühl, doch nichts ändern zu können mit unserer Stimme, die auf taube Ohren stößt bei denjenigen, die Verantwortung tragen. "Öffne dich", das Jesus-Wort gilt auch für uns, darum ist uns Gottes Geist gegeben. Röm 8,26: "Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen."

Das schreibt Paulus, der aus seiner Blindheit geweckt wurde. Er hat selbst erfahren, wie Gottes Geist ein Leben verändern kann, wie man wirklich aufwachen kann. Auch er hat Jesus nicht mehr selbst gekannt, aber er hat seine Liebe gespürt, eine Liebe, die ihn lebenslänglich angetrieben hat, die ihm Kraft gab, auf fremde Menschen zuzugehen und zu ihnen zu sprechen, ihnen weiterzusagen: "Es gibt Hilfe für euch. Es gibt einen, der alle eure Schmerzen, eure Schuld, eure Krankheiten auf sich genommen hat und der euch dadurch heil macht. Er weiß, wonach Ihr euch sehnt. Er hört auch eure unausgesprochenen Bitten, er versteht euer Seufzen. Wendet auch an ihn, öffnet euch für ihn, er hat sein Herz längst für euch geöffnet.

Wir können zwar nicht sein wie Jesus, aber wir können von ihm lernen. Wir können lernen, wie sich Liebe ausdrücken lässt. Wenn wir einen Menschen, der stumm und taub geworden ist in Einsamkeit oder Kummer, ganz sanft berühren, wird zwar nicht so ein Wunder geschehen wie im Evangelium. Vielleicht dauert es sehr lange, aber es kann geschehen, dass sich jemand öffnet, dass er fühlt: "Hier meint es jemand ernst mit mir." Gewiss wird keiner, der einen Hörschaden hat, dadurch geheilt, dass Sie oder ich ihm mit der Hand über die Wange streicheln. Aber es ist doch schon viel, wenn er spürt, dass er auch ohne große Worte verstanden wird. Vielleicht fällt Ihnen so etwas schwer, vielleicht gehören Sie ja auch zu denen, die bei der kleinsten Verletzung selbst die Fühler wieder einziehen und zu denen, die Angst haben, durch Ihre Berührung, durch Ihre Worte dem andern zu nahe zu treten, seine Grenzen zu überschreiten. Und dabei merken Sie gar nicht, wie viele Menschen hungern nach einem liebevollen Wort und einer zärtlichen Geste.

Wenn Sie mich besser kennen würden, würden Sie möglicherweise lachen, dass ausgerechnet ich das sage, denn ich gehöre eigentlich auch zu denen, die zuerst einmal zurückweichen, wenn jemand mich voller Zuneigung berühren möchte. Meine alten Eltern, die mich ja eigentlich so kühl erzogen haben, haben sich in den letzten Jahren manchmal darüber beklagt, dass ich sie zu selten umarme. Je älter sie werden, umso mehr sehnen sie sich nach Zärtlichkeit. Das werden Sie vielleicht auch so empfinden. "Ich kann das einfach nicht", habe ich zuerst gedacht. Aber ich habe in dieser Beziehung gelernt und lerne es täglich mehr: In Christi Nachfolge stehen, heißt auch das: Zärtlich sein und Herzenswärme weitergeben.

Jesus ist unser Bruder, er hat uns gesagt, dass wir zu Gott "Vater" sagen dürfen – und ein wenig Ähnlichkeit mag es denn doch geben. Wir können zumindest versuchen, den andern mit Jesu Blick anzuschauen, vielleicht unbeholfen, aber auch unverstellt und aufrichtig. Ich plädiere hier nicht für eine christliche Kuschelecke, für ein lockeres und dann eben doch wieder unverbindliches: "Jesus liebt dich, wir lieben uns und alles ist okay". Es geht vielmehr um Tiefe in unserem Miteinander. Manchmal erschreckt mich die Herzenskälte, die Distanz in protestantischen Gottesdiensten. Die Menschen sitzen so weit voneinander weg, als fürchteten sie irgendeine Ansteckung. Aber die frohe Botschaft soll doch gerade ansteckend wirken. Selbst im Katechismus von Martin Luther ist in der Erläuterung des Glaubensbekenntnisses davon die Rede, dass uns Gott "Vernunft und alle Sinne" gegeben hat, aber oft bleibt nur die Vernunft übrig in unseren Predigten und Gebeten. Wem aber Sprache und Gehör abhanden gekommen sind, dem können wir nur über das Fühlen und Sehen begegnen. Wo sich durch ganz behutsame Berührung Vertrauen bildet, da geschieht doch das Wunder. Da öffnen sich Menschen füreinander – und Gottes Liebe findet in beiden Raum.

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