Berührung ist nur eine Randerscheinung

Liebe Gemeinde!

I.) Ich gebe es zu: unter den Büchern in meinem Regal stehen manche, die ich noch nie gelesen habe. Eines von ihnen ist ein recht dickes Paperback, eine Sammlung “neuer Literatur aus der DDR” wie auf dem Umschlag zu lesen ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich dieses Buch auch in den nächsten Jahren nicht lesen und doch bleibt immer wieder einmal mein Blick an diesem Buchrücken hängen. Der Grund dafür: das Buch hat einen interessanten Titel. Es heißt: Berührung ist nur eine Randerscheinung. Ein interessanter und inspirierender Satz wie ich finde: Berührung ist nur eine Randerscheinung.
Aber stimmt diese Behauptung denn eigentlich? Fast hört sich der Satz so an als sei Berührung etwas Nebenssächliches. Berührung ist nur eine Randerscheinung. – Nein, nein möchten da einige von ihnen vielleicht gleich einwenden: Berührung ist in unserem Leben doch von ganz maßgeblicher Bedeutung. Vom Tag der Geburt an, sind wir Menschen doch der Zuwendung bedürftig, die uns durch die Berührung zuteil wird, angewiesen auf das zarte Streicheln, manchmal auch auf das kräftige Zupacken einer liebevollen Hand. Durch die Berührung erfährt ein Kind Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit, Trost. Kein Säugling, kein Kleinkind kann sich ohne die Erfahrung von Berührung gesund entwickeln. Wenn ein Kind dann größer wird, beginnt es auch, sich die Welt durch Berührung zu erschließen. Alles muss angefasst, gedreht, gewendet und auseinandergenommen werden. Große Enttäuschung, wenn es dann heißt: das darfst du nicht anfassen oder später dann ein Schild “Berühren verboten” den elementaren Impuls des Berührens bändigen will. Denn durch Berührungen entsteht für das Kind nach und nach das Koordinatensystem, mit dem es die Wirklichkeit erfassen und sich durch das Leben manövrieren kann. Dieser Prozess kommt in einem Menschenleben nie zum Abschluss, auch als Erwachsene wollen wir durch Berührung gerne des Repertoire unserer Erfahrung erweitern. Und gerade im Alter, wenn die Kraft der anderen Sinne nachlässt sind viele Menschen wieder mehr auf ihren Tastsinn angewiesen als in früheren Lebensabschnitten. Also kann man doch zu Recht festhalten:
Unser Leben ist Berührung und ohne Berührung ist Leben eigentlich nicht vorstellbar.

II.) Und doch, trotz allem ist ja auch etwas Wahres an dem, was der Buchtitel mir vom Regal aus zuruft. Berührung ist nur eine Randerscheinung. Wir bleiben bei der Berührung eben immer noch an der Oberfläche, am äußeren Rand. Wir ertasten zwar das Profil der Wirklichkeit und doch haben wir sie deswegen doch noch lange nicht erfasst. Kein Ding, keine Pflanze, keinen Menschen können wir durch Berührung vollständig wahrnehmen oder uns durch Berührung zueigen machen. Sie sind immer noch mehr, als wir direkt durch unsere Berührung erfassen können. Sie bleiben trotzdem ein Geheimnis, das sich durch die Berührung allein noch nicht entschlüsselt.

III.) Berührung ist nur ein Randerscheinung. Dieser Satz beschäftigt mich auch im Zusammenhang mit der Geschichte von Thomas, die wir eben als Evangeliumslesung gehört haben. Ein Geschichte über Berührung, die nahe geht; eine Geschichte, die auch mich besonders anrührt. In der Geschichte von Thomas geht es darum, dass einer anfassen, dass einer berühren will. Als der auferstandene Christus den Jüngern erschien, die sich nach seinem Tod hinter Schloss und Riegel verschanzt hatten, war Thomas nicht dabei. Als die anderen ihm von der Begegnung mit dem Auferstandenen berichten bleibt er skeptisch. Er lässt sich durch das Wort der anderen Jünger, noch nicht überzeugen. Thomas will erst an die Auferstehung Christi glauben, wenn er ihn gesehen hat und seine Hände in die Nägelmale und die Finger in die Seite des gekreuzigten und auferstandenen Christus legen kann. Er will die neue Wirklichkeit erst selbst berühren, Ostern selbst ertasten, selbst erfassen. Er sucht nach einem Beweis, den er mit seinen eigenen Händen greifen kann. Und er ist davon überzeugt, dass er die Botschaft von der Auferstehung Jesu durch Berührung in den Griff bekommen und in sein Koordinatensystem der Wirklichkeit einpassen kann. Thomas sucht nach Wahrheit, fragt nach Beweisen, er will Klarheit. Seine Haltung ist sicher so abwegig nicht. Eher entspricht sogar dem, was unter uns heute üblich ist, dem Ideal eines modernen Menschen, der nach der Devise lebt: glaube nichts, was du nicht selbst gesehen hast. Überzeuge dich lieber selbst, Kontrolle ist besser. Mit dieser Einstellung ist Thomas bestimmt für nicht wenige sogar zu einer Identifikationsfigur geworden. Endlich mal einer, der sich nicht so einfach zufrieden gibt, mit den Antworten, die ihm andere gegeben haben. Und wenn ich an die fast jedes Jahr zur Osterzeit wieder in den Medien geführte Debatte über die Glaubwürdigkeit der Osterberichte denke und an die zum Teil erbittert geführten Diskussion über die Frage, ob das Grab denn wirklich leer gewesen ist, so zeigt sich daran, dass viele Menschen auch heute noch ihren Glauben am liebsten auf einen handfesten Beweis gründen möchten, so wie Thomas ihn als Erster eingefordert hat.

IV.) In der Tradition hat man Thomas, der so gerne berühren wollte, den Beinamen „der Ungläubige“ gegeben. Eigentlich ungerecht, so finde ich jedenfalls, dass man Thomas und seinen Wunsch nach Berührung in der Auslegung des Textes immer wieder so negativ bewertet hat. Das man ihn als unverschämt und seinen Wunsch nach Berührung des Auferstandenen als ein Zeichen von Glaubensschwäche angesehen hat. Von solcher Abwertung des Thomas und seinem Anliegen ist im Bericht des Johannes jedoch zunächst überhaupt keine Rede. Vielmehr Thomas wird mit seinen Bedenken ernst genommen, sein Zweifel wir nicht abgewehrt und – siehe da – auch sein Wunsch wird ihm erfüllt. Nach einer Woche, so erzählt Johannes weiter, erscheint der Auferstandene den Jüngern erneut. Diesmal, so hat es den Anschein, ist er allein wegen Thomas gekommen. Und dann erhält Thomas tatsächlich die Möglichkeit den Auferstandenen zu berühren, so wie er es sich gewünscht hatte, Christus ermutigt ihn sogar dazu: Reiche deine Finger her und sieh meine Hände und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite. Doch dann kommt, nach meinem Eindruck jedenfalls, der interessanteste Moment der Geschichte. Denn zu der von Thomas zunächst eingeforderten Berührung kommt es gar nicht mehr. Jetzt da Jesus ihm das Anfassen, die Berührung erlaubt braucht Thomas sie nicht mehr. Denn plötzlich ist alles anders, sind die Rollen wie vertauscht: Nun ist es auf einmal der Auferstandene, der Thomas durch seine Erscheinung und mit seinen Worten berührt und zwar nicht nur oberflächlich, sondern in der ganzen Tiefe seines Menschseins. Und da braucht auch Thomas keinen weiteren Beweis mehr, kein Anfassen mehr. Jetzt weiß er, dass er auch mit der Berührung, die neue Wirklichkeit des Auferstandenen wohl gar nicht hätte erfassen können. Es ist vielmehr die Begegnung mit dem Auferstandenen, die den zuerst noch ungläubigen Thomas zum Bekenner wandelt, und ihn mit einem Mal auch die Worte für seinen Glauben finden lässt: “Mein Herr und mein Gott”.

V.) Der Evangelist Johannes versucht mit der Erzählung von Thomas, so verstehe ich es jedenfalls, die Christinnen und Christen in seiner Gemeinde zu trösten. Denn sie leiden darunter, dass sie nicht mehr zu den Augenzeugen des Auferstandenen gehören. Und genau genommen spricht der Evangelist damit ja uns an, die wir zwei Jahrtausende nach den Ostergeschehnissen leben. Ach, so sagt er ihnen und uns mit dieser Geschichte von Thomas, seid nicht traurig, dass ihr den auferstandenen Christus nicht mit eigenen Augen gesehen habt und nicht berührt habt, so wie die allerersten Zeugen es noch konnten. Ihr seid trotzdem nicht schlechter dran. Thomas hat es ja selber erlebt. Glauben an die Auferstehung entsteht nicht durch Berührung. Denn was die Auferstehung angeht, so ist Berührung eben doch nur eine Randerscheinung. Sie kann das Geheimnis der Auferstehung und des neuen Lebens nicht entschlüsseln. Auch Thomas, der so sehr danach verlangte brauchte die Berührung am Ende nicht und auch wir brauchen sie nicht. Bleiben wir im Bild der Geschichte von Thomas, so bleibt die Verheißung diese: Der Osterglaube entsteht nicht durch Beweise und nicht durch unsere Berührung. Die Wahrheit der Osterbotschaft ergreift uns, wenn wir dem Auferstandenen begegnen, wenn wir uns von seinem Wort berühren lassen, wenn er uns anrührt mit der Kraft des neuen Lebens. Und das kann an vielen Orten geschehen. Ganz sicher auch, wenn wir zusammen Gottesdienst feiern, wenn wir die Osterlieder einstimmen, wenn wir Vergewisserung finden und schließlich selbst in das Bekenntnis des Thomas einstimmen können: Mein Herr, und mein Gott. Dann wird unser Gottesdienst zum Ort von Gottes zärtlicher Berührung, die er uns zuteil werden lässt und auf einmal wird der Auferstandene uns ganz nahe sein.

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