Berge versetzen

Ich habe ein Problem. Ich suche eine Lösung. Ich greife zum Telefon. Der Erste, den ich erreiche ist ein freundlicher Mensch in der Telefonzentrale. Ich trage mein Problem vor und „Moment ich verbinde“ höre ich am anderen Ende der Leitung. Musik spielt. Ich werde ungeduldig.
Irgendwann eine andere Stimme, ich trage mein Problem vor. Die Antwort ist kurz. „Ich bin nicht zuständig, wenden Sie sich an Herrn XY, ich stelle durch.“ Wieder Musik. So geht das dann. Ich frage mich durch, werde abgewimmelt, weiter verbunden, vertröstet und irgendwann bin ich am Ziel. Endlich hat sich jemand meiner erbarmt, hört mir zu und kann tatsächlich helfen. Und wenn ich ehrlich bin ist es mir fast egal wer das ist. Der Steuerdezernent, die Sekretärin, ein Amtsrat oder ein Praktikant, Hauptsache ich bin das Problem los.

Ein Mann hat Schmerzen. Er geht zum Arzt. Wir können nichts finden, wir können nicht helfen, was auch immer er sagt, der Mann will Hilfe. Er wird überwiesen, weitergeschickt. Noch eine Untersuchung, wieder eine Untersuchung. Niemand kann etwas finden, eine Odyssee beginnt. Er leidet, er hört sich um, in der Zeitschrift steht dies und gute Freunde empfehlen das. Er sucht weiter, denn so ist das kein Leben mehr. Es muss etwas passieren. Und irgendwann gibt es eine Lösung. Ein Arzt, eine Heilpraktikerin, ein Medikament, was auch immer Hauptsache es wirkt. Hartnäckigkeit ist manchmal notwendig, um ans Ziel zu kommen. Hartnäckigkeit zahlt sich aus.

Beharrlich bleibt die Mutter dabei, das in der Schule etwas nicht stimmt mit dem Kind. Die Lehrer winken ab, „Mütter, was die immer haben?“ Doch sie bleibt dran und am Ende stellt ein Gutachter fest, ja das Kind ist Legastheniker, es braucht Hilfe und Förderung. Liebe kann Berge versetzen.

„Wir brauchen Hilfe, wir schaffen das nicht allein“, sagt sie und er sagt: „Mir ist das unangenehm. Wie ein Bittsteller aufzutreten, den Leuten hinterherzulaufen. Meine persönlichsten Dinge preiszugeben. Ich mag es nicht. Ich mochte das noch nie, um Hilfe bitten. Lieber bin ich von der Leiter gefallen, als jemanden zu bitten, sie festzuhalten“. Doch sie bleibt hartnäckig, „Wir müssen, Es geht nicht anders. Wir müssen fragen. Die Familie, die Freunde, die kennen wir doch gut, da muss uns doch nichts peinlich sein. Oder wenn du das gar nicht willst, können wir ja einen Arzt, bei einer Beratungsstelle anrufen oder die Pastorin fragen, die war doch ganz nett als Mutti gestorben ist .“ „Den Pastor, ich glaub ich spinne, wo kommen wir denn da hin, was sollen denn die Leute von mir denken, dass wir mit unseren Problemen nicht allein fertig werden.“
Sich helfen lassen, um Hilfe bitten, das ist schwer. Die Scham ist groß, nach Geld zu fragen, von Problemen zu erzählen. Was auch immer es ist. Wenn es einmal raus ist, dann fühlt man sich befreit, doch vorher.

[TEXT]

Wie verzweifelt oder wie selbst bewusst , muss diese Frau sein, dass sie sich von einer so abweisenden Reaktion nicht aus dem Konzept bringen lässt? Und er, der doch reich ist an erbarmen, was ist nur mit ihm los, dass er so schroff die Hilfe verweigert?

Die Frau stammt aus dem Gebiet nördlich von Galiläa. Ausdrücklich bemerkt der Evangelist, dass sie Kanaanäerin ist. Na und? Ich bin nicht zuständig sagt Jesus. Schon unsere Urväter sind unterschiedliche Wege gegangen. Der Gegensatz zwischen Israel und Kanaan, durchzieht die alten Texte. Die Kanaanäer, sie verehren nicht den Gott Abrahams und Sarahs und auch nicht den Gott Moses, sie beten zu heiligen Bäumen suchen das Heil in der Natur. Das ist kein Argument, ist das nicht der Jesus der auf eine Samaritanerin zugeht, der sogar mit Zöllnern und Sündern isst? Und ist Gott nicht auch der Schöpfer des Himmels und der Erde? So sieht es auch die Frau, die nicht nachlässt. Du bist doch der, der da kommen soll, der Sohn Davids, dann kannst du mich nicht so stehen lassen. Wenn du, der bist, der da kommen soll, dann musst du mir helfen. Ich will nicht viel, das was ich von dir erwarte, dass sind Krümel auf dem Weg.

Kyrie eleison, Herr erbarme dich. In fast jedem Gottesdienst singen wir so. Wissen wir immer was wir da singen? Manchmal ist es gut, dass es einfach da ist und dazu gehört zur Liturgie doch manchmal da geht das Herz mit. Erbarme dich, Gott, Mensch geworden in Jesus Christus. Denn wer, wenn nicht du kann sich erbarmen. Wer wenn nicht du, kann tun, was Not ist.
Wir haben es, wir singen doch ist es immer so bewusst, was wir da singen können. Es gibt sie diese Momente, in denen wir verzweifelt sind, vor Sorgen um einen anderen. Wo wir hilflos daneben stehen und nicht helfen können. Christus erbarme dich. Gib Kraft, Geduld, Hoffnung. Es gibt sie, diese Momente, in denen wir die Nachrichten nicht mehr ertragen. Noch immer kein Frieden im Nahen Osten. Ratlosigkeit bei unseren Politikern und irgendwo auf der Welt sterben Kinder, weil es uns noch immer nicht gelingt den Reichtum zu verteilen. Kyrie eleison, erbarme dich. Um Hilfe bitten. Sich und Gott eingestehen, dass wir es nicht allein schaffen, dass es Kummer gibt, den wir teilen wollen auch wenn es schwer fällt. Dass es Sorgen gibt, die wir nicht allein tragen können und dass es Probleme gibt in der Welt, die wir Menschen offensichtlich nicht allein lösen können.

Der Zauber der Geschichte liegt nicht nur in der Hartnäckigkeit der Frau, sie liegt darin, dass sich hier Grenzen öffnen. Grenzen, die wir Menschen pflegen und zementieren, um uns orientieren zu können, um Zuständigkeiten zu regeln. Ländergrenzen, Bezirksgrenzen, Zuständigkeitsgrenzen. Sie liegt darin, dass nicht die Grenzen der Rahmen sind, sondern die Liebe Gottes und jeder einzelne Mensch, der sie erfahren kann und soll. Der Evangelist Matthäus hat etwas verstanden, das Jesus nicht allein zum Volk Israel gesandt ist, sondern dass Jesus die Grenzen öffnet und allen Völkern die Möglichkeit gibt zu Gott zu finden. Und damit erhält die Geschichte, die auf den ersten Blick so ärgerlich und unverständlich ist, genau diese Sprengkraft, die zum Evangelium gehört, wie das Wasser zur Taufe, wie das Brot zum Abendmahl. Bitten ist keine Schande, Glauben ist es noch weniger. Zu erleben, zu spüren und zu erkennen, dass wir es aus eigener Kraft nicht können, dass wir einen Glauben brauchen der auch Berge versetzt, dass ist etwas, dass können wir uns gar nicht genug sagen lassen können.

Ich habe ein Problem und ich weiss an wen ich mich wenden kann. Ich weiß, wo jemand ist, der sich für mich zuständig fühlt. Er wird nicht meine Steuerfragen klären, oder auch nicht andere Fragen für mich klären können, das muss ich auch weiterhin allein tun, doch er gibt mir eine Kraft, eine Zuversicht, die mich leben lässt, die mich mutig macht und darauf möchte ich nicht verzichten.

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