Bereit sein für Gott

Silvester – wieder ein Jahr zu Ende, schon das dritte im dritten Jahrtausend. Wobei das, so spüre ich, eigentlich keine Bedeutung mehr hat. Es ist Normalität, dass wir im Jahresbereich der 2000er unser Jahre zählen. Was war das für ein Jahr das Jahr 2002? Was die Lage in der Welt angeht, war es wieder ein Jahr voller bedrängender Ereignisse. Die Jahrhundertflut, wie sie genannt wird, die Dörfer und Städte im Osten Deutschlands heimgesucht hat. Sie hat uns sehr betroffen gemacht und zu großer Solidarität ermutigt. Daneben gab es auch in vielen anderen Länder Europas und der Welt ähnliche Katastrophen.

Wir hatten politische Wahlen in unserem Land. Die politischen Verhältnisse haben sich nicht geändert und die Schwierigkeiten in vielen Bereichen der Politik, die unser Leben betreffen, sich nun offener zu Tage getreten. Manches davon macht auch Angst im Blick auf die eigene Zukunft. Es war auch das Jahr nach dem 11. September 2002. Der Terror in der Welt hat kein Ende genommen, immer wieder mussten in aller Welt Menschen sterben, weil einige Fanatiker meinen, mit solchen Aktionen eigenes Heil zu erwerben und große Aufmerksamkeit für ihr Tun zu erhalten. Und es lauert weiter die Kriegsgefahr im Irak, wo man nicht genau weiß, was die US-Regierung hier tun wird.

Im heiligen Land gab es wieder viele Tote und Verletzte, ein Frieden und ein friedvolles Miteinander dort ist nicht abzusehen, weil die Stimmung immer noch aufgeheizt ist.

Es gäbe sicher noch vieles andere zu benennen bis hin in zur Fußball WM dieses Jahres. Doch wir wollen hier ja keinen vollständigen Rückblick bieten.

Zum großen Rückblick gehört der persönliche. Wie war das eigene Jahr gewesen? Was hat sich ereignet, das das Leben bestimmt hat? Einige Fragen mögen das eigene Nachdenken anregen.

Wie sah es aus im Bereich der Familie? Was gab es an schönen Dingen, die dieses Jahr bereichert haben? Wo haben wir Trauriges, Bedrückendes erlebt, das seine Spuren hinterlässt? Wo sind wir zufrieden, wo sind wir unzufrieden mit dem Gewesenen?

Und im Beruf? Muss jemand Angst haben um seinen Arbeitplatz oder kann man der Zukunft gelassen entgegen sehen? Gab es eine große Veränderung, die das Leben prägt – neue Arbeit oder Ruhestand. Wie sieht es aus mit denen, die nicht mehr im Arbeitsprozess stehen? Kann dennoch gezeigt werden, dass man noch einiges kann?

Der Freizeitbereich. Was gab es dort an Höhen und Tiefen, an Gutem und Schwierigem, an Veränderungen und dem, was so geblieben ist? In wenigen Bildern huscht ein Jahr des eigenen Lebens an uns vorbei und mit den Bildern kommen auch die Gefühle wieder hoch, die wir mit den verschiedenen Ereignissen verbinden.

Am Anfang des zuende gehenden Jahres stand ein Wort aus dem Propheten Jesaja: Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen.

Verzagt haben und sind wir wohl alle nicht, sonst wären wir nicht hier in dieser Kirche und würden diesen Gottesdienst auch nicht zusammen feiern. Aber es gibt ja doch immer wieder Erfahrungen, die uns an den Rand der Verzweiflung bringen, die eben doch unser Leben tiefer in Frage stellen, als andere. So gehört zum Rückblick auf das vergangen Jahr sicher auch die Frage: habe ich Gott als Rettung erfahren, als einen Ort des Vertrauens, der Hilfe und Zuflucht, als eine Kraft, die mein Leben begleitet und die mich in diesem Leben zu Hause sein lässt? Schön, wenn das so hat sein können, wenn wir im Vertrauen auf unsern Gott das Leben haben meistern können, wenn wir so eine Grundlage haben, auf der uns auch die schwierigen Seiten des Lebens nicht aus der Bahn werfen.

Ein solches Vertrauen ist allerdings nichts, das einfach so da ist. Glaube will und muss auch gepflegt werden. Daran erinnert auch das Evangelium des Altjahresabends. In einer Sammlung unterschiedlicher Reden Jesu, beschreibt Lukas die Lebenssituation der Glaubenden.

Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen, so beginnt Jesus seine Gedanken. Im Hintergrund dieser Worte steht die Erwartung der ersten Christenheit, dass Jesus nach der Auferstehung bald wiederkommen wird. Wir leben heute nicht mehr so intensiv von einem solchen Gedanken. Dennoch bleibt die Bedeutung dieser Worte für mich erhalten.

Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen. Dieses Bild erinnert an den Aufbruch der Israeliten aus Ägypten. Angezogen und bereit für den sofortigen Aufbruch sollten die Menschen damals das Passahlamm essen. Und dann ging es ja auch los auf die beschwerliche Reise weg von dem Land der Knechtschaft, durch die Wüste hin in das gelobte Land, von dem niemand wusste, wie es dort sein würde. Silvester ist auch ein Stück Aufbruch. Im Rückblick liegt ja gleichzeitig auch der Aufbruch in etwas neues. Für die Israeliten war es der Rückblick auf eine Zeit der Sklaverei und Knechtschaft, die sie erdulden mussten. Die bitteren Kräuter des Passahmahles erinnern die Juden bis heute an diese Zeit und an die Rettung, die sie erfahren haben.

Aufbruch in ein neues Jahr. Auch wenn man das alte nicht als Zeit der Knechtschaft erlebt hat, so kann dieses Bild Jesu doch eines sein, das deutlich macht: Gott will etwas neues mit uns beginnen. Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen, darin liegt hoffnungsvolle Erwartung. Es ist ein Hinweis darauf, dass unser Leben immer wieder neues zu bieten hat, auf das wir vorbereitet sein sollten. Vorbereitet in dem Sinne, dass darin ja auch Gott auf uns zukommt, dass wir es annehmen als etwas hoffnungsvollen, dem wir entgegengehen können. Das muss auch nicht immer so spektakulär sein, dass sich unser Leben radikal verändert. Mitten im Alltag offen sein für die Begegnung mit dem lebendigen Gott, dazu ruft uns das Evangelium dieses Abends auf.

Seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten, wann er aufbrechen wird von der Hochzeit, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm sogleich auftun. Uns mag dieses Bild fremd sein von den Knechten, die nur darauf warten, dass der Herr nach Hause kommt, um dann ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Dennoch vergleicht uns Jesus hier mit solchen Knechten, die bereit sind für den Anspruch Gottes. Und wer wach ist dafür, der wird etwas ganz besonderes erleben. Denn so heißt es weiter: Selig sind die Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet. Wahrlich, ich sage euch: Er wird sich schürzen und wird sie zu Tisch bitten und kommen und ihnen dienen. Hier ist nicht die Rede davon, dass die Knechte nun aufzutischen haben, ihrem Dienst nachzukommen haben, den der Herr dann selbstverständlich in Anspruch nimmt. Nein, es ist genau umgekehrt. Der Herr bindet sich die Schürze um. Er bittet die Knechte an den Tisch und wird für sie da sein. Warten auf Gott beschreibt also nicht nur ein Leben, das darauf ausgerichtet ist, in Gottes Sinne zu leben, anderen zu dienen. Das ist es sicher auch. Dafür wachsam zu sein, ist sicher unsere Aufgabe als Christen. Aber letztlich wird dies dann doch als etwas erfahren, was weniger mit unserem Dienst zu tun hat, als mehr mit dem Dienst den Gott an uns tut. Er ist darin für uns da, gibt die nötige Kraft und lässt uns Erfahrungen machen, die mit der Tiefe und Bedeutsamkeit des menschlichen Lebens zu tun hat. So verstehe ich diese Worte Jesu. Aufbruch in ein neues Jahr, vorbereitet sein auf ein Leben im Vertrauen zu Gott, Gottes Kommen in das eigene Leben als ein immer mögliches Ereignis sehen und dann erfahren, dass es letztlich darum geht, dass Gott uns dienen wird, das wird uns mitgegeben heute am Silvesterabend. Und wenn er kommt in der zweiten oder in der dritten Nachtwache und findet’s so: selig sind sie.

Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausherr wüsste, zu welcher Stunde der Dieb kommt, so ließe er nicht in sein Haus einbrechen. Seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint. Bereit sein für Gott. Bereit sein dafür, dass Gott nicht nur im stillen Kämmerlein oder schönen Gottesdiensten erlebt wird, sondern er in so vielen Ereignissen des Leben gegenwärtig sein kann, dazu ruft uns das Evangelium auf. Es geht also darum, dass wir nicht einfach so dahin leben, als ob Gott mit diesem Leben nichts zu tun hat. Genau diesen Gedanken will Jesus beiseite schieben. Das vor uns liegende Leben ist eines, in dem Gott immer wieder zu uns kommt, in dem das Wirken Jesu seine Bedeutung entfalten will. Nur, wenn wir dafür nicht bereit sind, wenn wir darauf nicht eingerichtet sind, dann werden wir oft daran vorübergehen und werden auch gar nicht begreifen, wie sehr Gott das eigene Leben durchwirkt hat. Schon beim Rückblick ist schwer zu erkennen, wo Gott im eigenen Leben präsent war. Darum ist es gut, dass Jesus uns hier zum Jahreswechsel ermutigt, bereit zu sein, uns innerlich darauf einzurichten, innerlich auf das Kommen ausgerichtet zu sein, um dann erkennen zu dürfen, wie sehr Gott für uns da ist. Und das ist oft sehr überraschend, wann und wie Gott da in unser Leben kommt.

Das Jahr 2003 bietet sicher eine gute Hilfe an, als ein Jahr der Bibel diese Offenheit für Gott zu unterstützen. In diesen Glaubenserfahrungen der Jahrtausende liegen viele gute Gedanken, die uns fähig machen, für den lebendigen Gott offen zu sein und zu werden, ihn einzulassen in das eigene Leben, ihn sprechen zu lassen. Und in diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gutes neues Jahr, in dem wir bereit sind für neue Erfahrungen mit Gott, mit der Welt Gottes und alles, was Gott für uns darin bereit hat.

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