Bekenntnis

Liebe Gemeinde,

Jesus lebt! Das ist unbegreiflich. Das geht über alle menschlichen Erfahrungen hinaus. Wir meinen, Tote sind noch lebendig, solange wir uns an sie erinnern. Ihr Tod ist oft Aufbruch für ganz neues Leben. Ihr Tod, der viel Leiden, Verzweiflung und Schmerz über viele Menschen gebracht hat, ist zugleich Anstoß, der Gewalt, dem Verbrechen und damit dem Tod zu begegnen. Gestern jährte ich der furchtbare Amoklauf am Gutenberg Gymnasium in Erfurt. Er hat das Leben sehr vieler Menschen für immer auf schmerzhafte Weise verändert. Er hat aber dazu geführt, darüber nachzudenken, wie der Gewalt gerade unter jungen Menschen Einhalt geboten werden kann. Ein langer und schwieriger Weg ist zu gehen, damit dem Leben mehr Raum gegeben werden kann.

Jesus lebt! Das bekennen seine Jüngerinnen und Jünger der Welt. Sie erfahren ihn als sichtbar und greifbar. Er tritt mitten in ihr von Ängsten überlagertes Leben hinein. Sein Wort verhindert jede Geistvorstellung oder sonstiger Fantasie. Er sagt ihnen zuerst seinen Frieden zu. Sie sehen, dass Folter, Leiden, Verletzungen und Tod überwunden sind. An dem einen bricht sich der Tod. Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Das letzte Wort über allem Leiden und Sterben ist das Wort vom Leben. Das spricht Gott. Das wird in Jesus Christus als dem Auferstanden sichtbar und glaubbar. So bricht sich die Freude Bahn. Sie bedeutet zugleich Auftrag und Aufbruch.

Mit uns, seinen Jüngerinnen und Jüngern geht Gott den Weg des Lebens in dieser Welt weiter. Es ist ein Weg zu versöhnen und zu vergeben, wie ihn Jesus gegangen ist. Die Gemeinschaft von Brüdern in Taizé geht als Folge der Auferstehung Jesu von den Tod den „Pilgerweg des Vertrauens“. Das ist ein mühsamer und beschwerlicher Weg. Millionen junge Menschen aus allen Ländern der Erde, die einmal in Taizé gewesen sind, gehen ihn. Es ist ein Vertrauen, das sich von Mord und Tod, Krieg und Gewalt nicht aufhalten lässt.

Jesus lebt! Das ist die Kraftquelle, der Sinnlosigkeit Leben abzutrotzen und Leben hinter dem Tod zu ahnen.

Jesus lebt! Das gilt allen Menschen die je auf dieser Erde leben, lebten und leben werden und nicht allein einer christlichen Minderheit, die schon viel Schuld auf sich geladen hat. Mit und in Christi Geist ist täglich neu Leben bis in alle Ewigkeit möglich.

Das sind große und starke Worte. Allein – mir fehlt so oft der Glaube. Ich möchte meine Finger in Jesu Wunden legen und fühlen. Das geht! Da brauche ich nicht weit zu laufen. Das unsägliche Leid um mich herum in unseren Straßen und unserer Stadt ist nah. Die ermordeten Lehrerinnen/Lehrer, Schüler, Sekretärin und Polizisten des Schulmassakers in Erfurt, sind furchtbar klaffende Wunden. Wunden im Leben und den Herzen der Menschen. Die Opfer der Kriege, Anschläge, Attentate, des Missbrauchs und der Gewalt an Kinder, sind die Wunden Jesu. Unsere Finger in sie hineinzulegen bedeutet, sie nicht hinnehmen zu wollen. Es bedeutet, sie mit unseren Möglichkeiten im Vertrauen auf den Auferstandenen Christus zu verhindern oder wenigstens zu lindern. Der Geist der Liebe, der Versöhnung und der Vergebung ist die Kraftquelle, Wunden zu heilen und zu helfen.
Wieder so starke Worte, die mir meine Fragen und Zweifel, die mich hindern zu glauben, schon im Kopf umdrehen! Thomas scheint davon auszugehen, dass der Auferstandene nur dann Jesus sein kann, wenn auch noch die Spuren dieses Lebens, der Gewalt und des Verbrechens an ihm sichtbar und fühlbar sind. Er sieht sie. Aber er sieht sie als durch Jesus überwunden und darum bekennt er: „Mein Herr und mein Gott!“ Was er bekennt, hat er selbst erlebt. Er ist ihm begegnet. Die Verletzungen und der Tod sind in diesem Einen überwunden. Die Wunden sind verheilt. Aber sie sind sichtbar als Zeichen des Lebens, der Auferstehung.

Begreifen, den Finger in die Wunden legen, hat eine symbolische Bedeutung. Die Wunde ist nicht im Leib Jesu zu suchen. Die Wunde ist, ob das Scheitern, der Tod Jesu Leben, neues Leben, Auferstehung zum Leben bedeutet oder nur frommer Wunsch seiner Anhänger ist. Wirklichkeit und Leben sind sie erst dann, wenn wir die Auferstehung leben, von ihr her leben. Wir sind mit Christus auferstanden, bekennt der Kolosserbrief. So sollen wir auch als mit Christus Auferstandene in dieser Welt des Leidens und des Todes leben. Das ist unendlich schwer. Das lässt uns selbst oft an Christi Auferstehung zweifeln und fragen, wie Thomas. Gibt es wirklich Vergebung und Versöhnung über Leid, Schuld und Tod hinaus?

Ich denke, wir müssen unsere und der anderen Fragen und Zweifel aushalten. Wenn alles seine Zeit hat, wie der Prediger Salomo im Kapitel 3 sagt, dann auch unsere Fragen und Zweifel. Dann glauben wir im Vorgriff auf unseren Glauben an Jesus Christus, wie wir im Vorgriff auf unsere Auferstehung jetzt schon als mit Christus Auferstandene leben.

Auch die Jünger halten Thomas mit seinen Fragen und Suchen aus. So kann sein Suchen vor Gott ungestört bleiben. Es gibt keine schnelle Antworten mit dem „Herrn Jesus“. Wer mir auf meine quälenden Fragen schnell antwortet und immer auch Antworten weiß, nimmt mich nicht ernst und hat Angst vor seinen eigenen Fragen, die er nicht zulassen kann.

Meine Fragen machen mir keine Angst. Mir macht Angst, dass meine Antworten, die ich bekommen und gefunden habe, sich als leer erweisen könnten. Ich habe möglicherweise etwas vertraut, dass gar keinen Grund hat. Hier geht mein Schrei zu Gott – lass mich nicht falschen, schnellen und oberflächlichen Antworten vertrauen. Lass das alte Bekenntnis: Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden, für mich und alle Welt wahr, erfahr- und begreifbar werden.

Das Zeugnis der Jünger ist für Thomas nicht glaubhaft, solange nicht der Betroffene ihm selber sagt, dass ihn das Leiden nicht selbst vernichtet hat, sondern sich für ihn als Weg zum Leben erwiesen hat, als etwas, das von Gott her gerade so für ihn sein musste (Eugen Drewermann, Ich steige hinab in die Barke der Sonne, Meditationen zu Tod und Auferstehung, Walter-Verlag, Olten, 4. Aufl. 1991, S. 207).

Die Menschen glauben den Predigern oft nicht, was sie sagen. Sie sagen: „Wie kann jemand von Ehe und Familie glaubwürdig sprechen, wenn er das selbst nicht erlebt hat?“ Wie kann jemand davon reden, wie Trauer, Leiden, Schmerz und Tod zu einem neuen Leben überwunden werden können, wenn er selbst nie davon betroffen war? Die Menschen spüren, wenn wir von solchen Dingen als nicht Betroffene, sondern als Dritte sprechen. So bleibt uns als Prediger, als Glaubende nichts anderes übrig, als auch von unseren Ängsten und Zweifeln, von unseren Fragen und unserem quälenden Unglauben zu sprechen. Wir werden auch schuldig, wie jeder andere Mensch. Wir sind herrschsüchtig, streitbar und unversöhnlich. Wir suchen und fragen und wünschen uns oft genug, einmal ohne neu vertrauen zu müssen, den Tag beginnen zu können. Aber Glauben gibt es so wenig auf Vorrat, wie das himmlische Manna für das Volk Israel. Der Tag, ein besonderer Lebensumstand, ein Ereignis fordern ihn heraus. Wenn er dann da ist, danken wir Gott von ganzem Herzen.

Wir möchten gern glauben: so war es und nicht anders! Das ist historisch so und nicht anders geschehen und daran kann niemand rütteln! Aber hier ist ein Bekenntnis: Mir ist der Auferstandene begegnet. Ich habe mich eingelassen auf sein Leiden und Sterben. Ich erfahre, dass über Leiden und Sterben hinaus das Lebendige ist, Gott, der den Tod überwindet. Das nehme ich an, das bekenne ich der Welt. Es beweist nichts und bedarf dessen auch nicht. Finden wir uns in dem Thomasbekenntnis wieder? Was ist unser Bekenntnis? Die Frage, der Zweifel oder das Wissen, Behaupten und Beweisen wollen?

Selig die Menschen, die nie gesehen haben, wie sich schweres Leid in Leben hin öffnete und dennoch zuversichtlich der Gegenwart des auferstandenen Christus vertrauen.

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