Bekennende Christen?!

Liebe Gemeinde!

Wer unter uns ist ein bekennender Christ? Ist es zum Beginn des dritten Jahrtausends im Lande der Reformation nicht tatsächlich so, dass man sich als Christ besser nicht zu erkennen gibt? Gibt man sich dann doch zu erkennen, geht es los: Was soll das? Weißt du denn nicht, was Christentum alles angerichtet hat? Ohne Kirche und ohne Glauben lebt es sich doch viel leichter! Willst du immer ewig gestrig sein? Da ziehen manche doch lieber den Kopf ein nach dem Motto: Nur nicht auffallen! Unser christliches Selbstbewusstsein ist ganz schön angeschlagen!

Da ist das Wort Jesu aus der Bergpredigt fast wie eine großartige Gegenrede. Ihr seid das Salz der erde! Ihr seid das Licht der Welt! Wir sind von Jesus gemeint. Und er traut uns eine Menge zu. Vorsichtige Einwendungen kommen gar nicht erst auf. Jesus fördert und fordert unser christliches Selbstbewusstsein. Ihr seid! Das heißt doch nicht, wir sollen sein. Wir sind es! Fertig! Basta!

Wir sind "Salz der Erde". Salz ist der Inbegriff des Unentbehrlichen. Wem das Salz ausgeht, dem geht die Lebenssubstanz verloren. Salz bringt die Lebenswürze. Es heilt. Der menschliche Organismus ist dringend auf das Salz angewiesen, wie wir in diesen Hitzetagen immer wieder von Medizinern hören. Und man braucht gar nicht so viel: eine Brise kann schon eine Menge Wirkkraft entfalten.

Wir Christen können als Salz der Erde dazu verhelfen, einen guten Geschmack für leben zu entwickeln. Unser Handeln für diese Welt kann heilen. Wir haben unsere Stimme zu erheben, wenn Leben missachtet wird. Ich denke zum Beispiel an die "Spaßgesellschaft am Seziertisch", wie sie uns der Körperwelten-Held von Hagens mit seinen künstlerisch inszenierten Leichen offeriert und von Stadt zu Stadt zieht. Das ganze bringt Geld und das macht bekanntlich auch vor der Würde des Toten nicht halt. Der Zeitgeist sagt Ja und legt seinen Obolus lächelnd auf den Tresen. Der Christ weiß aber um die Würde des Menschen gerade auch im Tod und sagt von daher: Nein! So ist Salz auch etwas, was wir in die Wunden der Zeit zu streuen haben. Das brennt, aber es heilt auch. Wir haben unser Salz nicht im Keller zu verstecken, wo wir seine Wirkkraft vergeuden. Es ist von Gott verliehene Kraft. Sie macht nur die reich, die sie weiter geben.

Wir sind das "Licht der Welt". Mich fasziniert an diesem zweiten Bild, das es uns ganz in die Nähe unseres Herrn selbst rückt: "Ich bin das Licht der Welt.", lässt Johannes ihn sagen. Er will eben, dass wir als sein licht in dieser Welt weiter leuchten. Und es gibt viel zu leuchten in dieser Welt, in der es oft so düster zugeht. Wir müssen daher leuchten – du in deiner Ecke, ich in meiner hier. Die dunklen Ecken, die den lebensschaffenden Geist Jesu brauchen, die müssen wir nicht erst lange suchen. Ich bleibe bei meinem Beispiel der Körperwelten: Wer sich an der Grenze zum Tode wie Herr von Hagens bewegen möchte. Der möge einen kranken Menschen besuchen und ihn zum Sterben begleiten, wie das etwa in unserem Hospiz geschieht. Das ist weder spektakulär noch einnahmeträchtig, was die Männer und Frauen dort tun, aber es ist Leuchtkraft des Christen und im Sinne der göttlichen Menschenwürde.

Ja nicht auffallen, so sagt uns das Wort der Bergpredigt ist nicht Christenaufgabe. Die Erbauer der Stadt wussten, warum sie auf dem berge bauen: Sichtbar soll die Baukunst werden. Deutlich sollen wir zeigen, wes Geistes Kinder wir sind: Kinder des liebenden Geistes Gottes. Wichtig ist, dass man uns abnimmt, dass da jemand ist, dem niemand gleichgültig ist, der mich ernst nimmt gerade auch mit meinen Sorgen und Fragen, mit meiner Trauer und meinen bescheidenen Hoffnungen. Man darf uns abspüren, dass in uns die Liebe Christi brennt.
Nun will ich aber nicht nur überschwänglich von christlichem Selbstbewusstsein reden. Schlimm wäre es nämlich. Wenn solches Reden zur Überheblichkeit von Christen führen würde. Das soll ja auch nicht selten vorkommen. Man nennt es dann abkanzeln und dazu haben Christen keinen Grund. Abkanzler gehen mit dem Salz und dem Licht unvorsichtig um. Davor sollte man sich hüten. Nichts ist schlimmer als eine versalzene Suppe. Und ganz gefährlich sind Lichter, die Menschen blenden. Christliches Selbstbewusstsein ist für mich immer auch demütiges Selbstbewusstsein. "So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie durch eure guten Werke den Vater im Himmel preisen!" Mein kräftiges Würzen, meine deutlichen Lichtzeichen heben mich nicht in den Himmel, sondern verweisen auf den, der uns beauftragt hat zu christlichem Selbstbewusstsein.

Ganz glücklich sagte mir einmal eine Mitarbeiterin: "Beim Besuch einer alten Dame, sagte die am Ende doch tatsächlich, sie hat mir der liebe Gott geschickt." Dass an uns ein Abglanz der menschenfreundlichen Güte Gottes aufleuchtet – auch und gerade in unseren kleinen Schritten – das darf uns selbstbewusst machen, aber bitte auch dankbar und demütig.

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