Begeisternd, einladend, ansteckend

Pfingsten, das Fest der Begeisterung! Ein Fest, das den ganzen Körper ergreift, wo ich – am ganzen Körper von diesem Sturm des Geistes erfasst bin und mit allen Sinnen ausdrücke, was mich bewegt. Extase fällt mir dazu ein, mit all ihren körperlichen Auswirkungen und Ausdünstungen. Davon sind wir in der Kirche von heute leider weit entfernt. Dieser Paulustext, mit dem wir uns ziemlich schwer tun, hat sein Schärflein dazu beigetragen, dass Menschen meinten und immer noch meinen, Gott wollte den Menschen ohne den Körper – nur den Geist, nur die Seele. Wahrscheinlich haben wir in unserem Kulturkreis deswegen verlernt, mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele, Gottesdienst zu feiern. Viele von uns können das gar nicht mehr – ganzheitlich feiern – manche schaffen es ansatzweise: zum Beispiel – im Fußballstadion, wo sie sich selber vergessen, wo sie Feuer und Flamme für die eine Sache sind: das Spiel, den Sieg ihrer Mannschaft.

Stellen Sie sich doch mal vor, Sie würden in meine Gebete und meine Predigt mit der gleichen Euphorie einstimmen, mit der Sie dem Stürmer, ihres favorisierten Clubs zujubeln – das wäre ein Skandal, in der Kirche. Auf dem Fußballplatz wäre das ganz normal.

In der Kirche, so hat man uns gelehrt, müsse das Hauptaugenmerk dem Geist gelten, nicht dem Körper, denn er führt uns in die Verdammnis. Diese Lehre nennt man Dualismus. Heute wissen wir, dass Ausleger diese Lehre in die Bibel hinein interpretiert haben – und dennoch, wir haben diesen Dualismus so verinnerlicht, dass wir uns nur schwer davon lösen können und nur ungern auf das schauen, was Jesus – und mit ihm Paulus, wirklich gelehrt hat.

Gott hat den Menschen in seiner Leiblichkeit erschaffen – und bejaht. Nur weil der Körper am Ende des Lebens stirbt und zerfällt, ist er nicht entwertet. Paulus unterscheidet deutlich zwischen dem Leib und dem Fleisch. Mit Fleisch bezeichnet er die Sünde. Sünde – ist nichts anderes, als dass ein Mensch ohne Beziehung zu Gott, zu sich und seiner Leiblichkeit – und zu anderen Menschen lebt. Das ist der Tod.

Wie schrecklich sich diese Beziehungslosigkeit in unserem Leben auswirken kann, haben wir meines Erachtens, mit dem Drama in Erfurt wieder einmal erfahren. Beziehungslosigkeit bringt Isolation, Frust, Zerstörungsdrang – den Tod – keine Spur von Leben.

Christus besiegt diese Beziehungslosigkeit zu Gott. Er schafft neue Wege, neue Möglichkeiten, diesem Gott zu begegnen, der das Leben für alle will – er geht für uns in den leiblichen Tod – um uns einen Zugang zu einer lebendigen Gotteserfahrung zu ermöglichen.

Der Geist Gottes, der Geist, der den Jüngern nach tiefster Trauer, nach schmerzlichem Verlust – nach absoluter Bloßstellung – Mut macht, den Weg Christi einzuschlagen, den Weg Christi aller Welt zu verkünden, dieser Geist will in uns wohnen. Ja ich möchte sogar sagen, der will uns aus unseren Zwängen befreien, der will uns helfen, Freiheit zu erfahren. Freiheit kann nicht körperlos sein. Sie ist spürbar, handgreiflich – die Ketten der Gefangenschaft sind nicht mehr da.

Die Pfingstgemeinde spürte den Wind, das Brausen – sie sahe die züngelnden Flammen, sie hörte einander in fremden Sprachen reden und sie spürte die Veränderung, die da vor sich ging. Begeisterung wird uns in der Apostelgeschichte als ein körperlich erfahrbares Erlebnis geschildert. Pfingsten war – für die Leute damals – mit allen Sinnen fassbar.

Zu Pfingsten gingen der Geist und der Körper eine Symbiose ein, das heißt, der Geist war ohne den Körper nicht spürbar – der Körper konnte ohne den Geist nicht zu seiner Erfüllung finden. Durch die Symbiose der beiden entstand der Leib Christi: die Kirche.

Am Beispiel des einen Leibes Christi und seinen Gliedern, werden wir in diese Symbiose mit hinein genommen. Hier werden wir daran erinnert, wie schmerzvoll es sein kann, wenn ein Glied leidet – und gleichzeitig wissen wir aber auch um die Lust, wenn einem anderen Freude zuteil wird.

Symbolisch erfahren wir immer wieder "leibhaft" Anteil an Christus im Abendmahl. Dort sehen, begreifen und schmecken wir, wie nahe Gott uns sein will, wie freundlich er uns Menschen gesonnen ist. Wir kosten diese Freundlichkeit, wir führen sie unserem Körper zu. Seelsorge ist darum immer auch Leibsorge – und umgekehrt. Das eine ohne das andere ist für mich nicht denkbar.

Der Gottesdienst ist eine Feier, die den ganzen Menschen ansprechen soll – es wär schön, wenn wir uns selber so vergessen könnten, dass wir mit Leib und Seele, mit Haut und Haaren – feiern – mit dem ganzen Körper Resonanz sein wollten für den Geist Gottes; mit Haut und Haaren öffnen für die Wege Jesus Christi, für seine Sache, für sein "Spiel"!

So begeistert, wirken wir auf andere – begeisternd, einladend, ansteckend – für Christus.

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