Bedingungslose Liebe

Wir werden heute Abend in das Leben des Paulus hineingenommen und mit seinem Predigtauftrag konfrontiert. Und seine Ausführungen dazu beginnen so: Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte! Paulus ist völlig davon eingenommen, das Evangelium, die gute Botschaft Gottes weiterzugeben. Ich muss es tun, es ist sein Schicksal, sein unbedingter Auftrag, dem er sich innerlich verpflichtet weiß seit seiner Bekehrung vom Saulus zum Paulus. Wir könnten nun an dieser Stelle sicher vieles erzählen, was ihm auf seinem Weg als Prediger alles geschehen ist, was er alles an guten und schwierigen Erlebnissen hatte. Einiges davon erzählt Paulus, einiges die Apostelgeschichte. Wir würden dann einen Eindruck bekommen von dem, was die ersten Prediger der guten Botschaft in ihrem Dienst erfahren haben. Doch ich möchte das eigentlich nicht. Ich möchte mit nicht so sehr mit dem Leben des Paulus beschäftigen, als doch mehr mit seinen Worten, die ich in Beziehung setzen möchte mit unserem Christsein und unseren Auftrag als Christen, die gute Botschaft weiter zu tragen.

Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte! Das ist ein Satz, den ein öffentlicher Prediger für sich gesagt hat. Ich möchte aber sagen, dass dieser Satz nicht nur das Leben des Paulus beschreibt, sondern uns nachdenklich machen kann. Sie sind zwar keine Prediger, aber wir alle sind doch getauft, von der guten Botschaft Christi angesprochen und damit auch solche, die diese Botschaft nicht nur hier in der Kirche wahrnehmen wollen, sondern die auch gefragt sind danach, was eigentlich diese Botschaft in uns bewirkt. Ich muss das Evangelium weitertragen, sagt Paulus. Und das tut er nicht nur, weil er von Christus dazu beauftragt ist, sondern weil er diese Botschaft als eine erkannt hat, die nicht bei sich selber bleiben kann. Sie muss nach außen getragen werden. Die Geschichte gerade der lutherischen Kirche hat eigentlich etwas anderes hervorgebracht: Mein Leben vor Gott, mein Leben mit der christlichen Botschaft, das mache ich mit mir selber ab, in meinem stillen Kämmerlein, in meinem Herzen, in meinem Gewissen. Ich brauche keine Kirche, in die ich immer hineingehe, ich kann auch ohne Kirche glauben. So sagen ja viele. Und über den Glauben reden, ihn weitertragen, von den eigenen Erfahrungen reden, wann tun wir das eigentlich außerhalb der Kirche? Und wenn wir ehrlich sind, wann tun wir das innerhalb der Kirche? Auch da ist dieses Gespräch wenig vorhanden. Natürlich spricht der Pastor jeden Sonntag davon, und hoffentlich auch so, dass es Sie, liebe Gemeinde, anspricht. Aber wir kommen ja selten ins Gespräch darüber, haben wenig Möglichkeiten dieses Gespräch zu führen: da ist gleich der nächste Gottesdienst, oder das Essen will gemacht werden und in den nächsten Tagen ist es dann auch bald wieder vergessen und der Alltag hat einen wieder eingeholt. Was ja dann auch heißt, dass diese Botschaft im Alltag oft kaum eine Rolle spielt. Oder doch, aber es wird nicht nach außen getragen, eben weil es ungewöhnlich ist, darüber ins Gespräch zu kommen, weil es ungewöhnlich ist, seinen Glauben mit all den Hoffnungen und Zweifeln in Worte zu fassen. Der Pastor tut dies manchmal, aber oft genug auch mehr in bestimmten Situationen, wenn Gottesdienst oder Andacht angesagt ist.

Was aber ist eine gute Botschaft, wenn sie nicht weitergetragen wird, wenn sie nicht eingeht in Gespräche und damit in die alltäglichen Lebensvollzüge von uns Menschen? Sie ist dann eigentlich ein nichts, etwas, das in den Wind gesprochen wird, aber dann auch schnell verflogen ist. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht predige, sagt Paulus. ER beschreibt, nicht was ihm droht, aber er weiß, wenn er diese Botschaft nicht weiterträgt, dann wird er dieser guten Botschaft nicht gerecht. Kennen wir einen solchen Gedanken für uns? Kaum. Ich habe es ja schon gesagt: zumeinst wird der Glaube als Privatsache angesehen, der kaum in weitere Gespräch führt. Aber die Paulus weist uns darauf hin, dass wir dieser Botschaft dann nicht gerecht werden. Die gute Botschaft Jesus lautet doch – ganz kurz auf den Punkt gebracht -: Du Mensch bist in jeder Lebenslage gehalten und getragen von der Liebe Gottes, die dich grenzenlos umgibt.

Kann man eine solche Botschaft einfach für sich zur Kenntnis nehmen, von ihr leben, sich angesprochen und gehalten wissen, ohne andere dort auch hineinzunehmen, oder zumindest sie entsprechend dieser Botschaft behandeln? Ich möchte mit Paulus für mich ganz persönlich sagen: das kann ich nicht nur einfach für mich behalten. Es wäre schön, wenn es mir gelingt, dass in meinen Worten und Taten diese Botschaft lebendig wird, dass die Menschen erkennen können, dass diese Liebe auch ihnen gilt. Dazu bedarf es der Worte des Gespräches, dazu bedarf es der Taten der Hin- und Zuwendung, dazu bedarf es verschiedenster Zeichen in denen diese Botschaft lebendig wird für den anderen. Denn Gott schenkt ja seine Liebe nicht nur mir, sondern er schenkt sie dem Menschen neben mir genauso wie mir, und er soll es erfahren, begreifen und aus dieser Liebe leben lernen. Wie das gehen kann, zeigt Paulus übrigens auch in dem, was er geschrieben hat.

Ich bin allen alles geworden, damit ich auf diese Weise einige rette. Den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche, den Schwachen ein Schwacher, den Starken ein Starker. Wenn man das so hört, klingt das so, als ob Paulus sein Fähnchen in den Wind gehängt hat, um jedem das zu sagen, was er ohnehin hören wollte. Ein Mann ohne Profil und damit doch eigentlich keiner, der eine klare Botschaft zu vertreten hat. Man muss doch seinen Standpunkt haben und den auch vertreten. Nun ich denke, Paulus hat das getan. Wir wissen auch von heftigen Auseinandersetzungen in denen er überhaupt nicht kompromissbereit gewesen ist, wegen der guten Botschaft. Aber es gibt eben nicht nur die kompromisslose Haltung, die eindeutige Lebensweise angesichts des Evangeliums, sondern dieses Evangelium führt ja gerade in eine Freiheit hinein, die vielfältigste Lebensmöglichkeiten eröffnet. Den Juden ein Jude: das heißt, wenn Paulus zu Menschen kam, die nach jüdischem Glauben lebten, so teilte er ihre Lebensweise mit ihnen. Er hielt Vorschriften ein, von denen er vielleicht sagen würde: ich brauche die nicht, um meinen Glauben zu leben, aber wenn es für euch wichtig ist, dann ordne ich mich denen unter. Ich werde einer von euch in den äußeren Dingen. Ich gehe auf euch zu, ich akzeptiere, wie ihr lebt, und lebe dies auch mit und bringe euch dadurch schon den ersten Teil der guten Botschaft von der Liebe Gottes.

Am nächsten Tag kann dies dann ganz anders aussehen. Den Griechen ein Grieche: also kein Einhalten von Vorschriften, Essen von anderen Dingen, die den Juden verboten sind. Heute eben leben wie ein Grieche, um auch hier zu sagen: Ich gehe auf euch zu, ich akzeptiere, wie ihr lebt, und lebe dies auch mit und bringe euch dadurch schon den ersten Teil der guten Botschaft von der Liebe Gottes. Den Schwachen ein Schwacher: "aber das darf man doch nicht als Christ." so reden manche. DA gibt es Gruppen und Kreise, die sich enge Regeln auferlegen. In Korinth zur Zeit des Paulus gab es z.B. eine Gruppe, die auf keinen Fall das Opferfleisch aus dem Tempel aß, weil sie fürchteten damit den fremden Göttern zu huldigen. Na gut sagt Paulus, wenn ihr meint, dass das nicht geht, dann esse auch ich bei euch dieses Fleisch nicht. Ich könnte es essen, aber ich verzichte drauf, werde so einer von euch, damit wir frei sind, uns der guten Botschaft Gottes zu öffnen.

Die gute Botschaft weiter zu tragen, dass beginnt damit, dass wir den anderen zunächst einmal wirklich so akzeptieren, wie er ist, wie er lebt, welche Vorstellungen ihn umtreiben. Es geht um wirklich bedingungslose und liebevolle Zuwendung zum Nächsten, ohne dass er erst werden muss wie ich, um mit ihm Kontakt zu haben. Die gute Botschaft lässt uns das Anderssein des anderen akzeptieren, lässt uns dort hineingehen, um so eine Basis der Gemeinsamkeit zu schaffen, die uns zueinander führen kann. Die Botschaft der Liebe kann nur weitergetragen werden, wenn die Tat der Liebe – ohne Vorraussetzungen – vor den anderen kommt. Das ist sicherlich schwer und erfordert manchmal auch innere Überwindung, aber wo wir uns getragen, ja getrieben wissen von der guten Botschaft Gottes, da ist dies dann auch die treibende Kraft der Überwindung möglicher Hindernisse. Nun könnte man natürlich auf die Idee kommen, dass damit scheinbar alles Tun der Menschen angenommen und mit dem Deckmantel der Liebe zugedeckt wird. Den anderen annehmen, wie er ist, auch mit all den schwierigen Seiten, das hieße dann ja auch, Menschen anzunehmen, deren Leben, deren Taten dieser Botschaft entgegensteht. Einen Menschen annehmen, der menschenverachtend lebt, der vielleicht Gedanken verbreitet, die lieblos sind, oder der so lebt, dass grundlegende christliche Lebensweisen mit Füßen getreten werden, das geht doch nicht. Da wird es doch eine Grenze geben?

Ich denke, für den Anfang einer solchen Beziehung darf es keine Grenze geben. Wer mit einem Menschen in Beziehung tritt, darf nicht Bedingungen aufbauen, die erfüllt werden müssen, um das Gespräch zu beginnen. Wir erleben das an vielen Stellen, wie gerade diese Bedingungen zu Beginn Gespräch erschweren oder gar unmöglich machen. Das Evangelium spricht da eine andere Sprache: es eröffnet Begegnung, weil eben nicht Vorraussetzungen erfüllt sein müssen, sondern weil am Anfang die liebende Zuwendung Gottes steht. Und wenn dann die gute Botschaft im Gespräch und gemeinsamen Tun zum Ausdruck kommt, dann ist die wichtigste Grundlage der Veränderung schon gelegt. Bedingungen sind der Tod jeder Veränderung, liebevoll Annahme ist der erste Schritt. Natürlich weiß ich, dass auch das nicht immer gelingt, die Welt, der Mensch ist nicht immer aufnahmebereit für die gute Botschaft. Aber wir können Hindernisse dafür beseitigen, indem wir diese Botschaft der bedingungslosen Liebe eben wirklich leben und umsetzen in dem, was wir tun. Darin sind wir keine Opportunisten den Menschen gegenüber, wir sind keine Chamäleons, die sich den äußeren Bedingungen anpassen, sondern Christen, die sich um der Liebe willen, um der Liebe Gottes willen, dem anderen zuwenden und ihn gelten lassen.

Das aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben, so sagt Paulus am Schluss. Das tue ich, um diese gute Botschaft wirklich lebendig werden zu lassen und in ihr zu leben, sie in der Welt Wirklichkeit werden zu lassen, so verstehe ich diesen Satz des Paulus. Es geht ihm nicht um seine eigene Position, sondern er ist getrieben von der guten Botschaft, die im Leben sichtbar werden soll, die Menschen ergreifen soll. Und das kann sie eben nur, wenn sie nach außen dringt, wenn wir getrieben von der Botschaft im Sinne dieser Botschaft miteinander umgehen. Christus spricht: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. So heißt es im Wochenspruch dieser Woche. Das Weitertragen der guten Botschaft, der voraussetzungslosen und bedingungslosen Liebe Gottes zu allen Menschen, das erquickt und ermutigt die Menschen und darin stehen wir dann ganz im Dienste dieses Jesus Christus und seiner Botschaft der Liebe. Möge er uns dazu antreiben, in ihr, mit ihr und durch sie zu leben und zu wirken.

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