Bebauen und bewahren

‚Sorget nicht!‘, dieses Evangelium haben wir vorhin gehört – vielleicht eher ungläubig: Wie soll das gehen: ‚nicht sorgen‘? Wie soll das funktionieren kurz vor dem 11. September, diesem Tag, an dem sich der Terror gegen die USA zum ersten Mal jährt. Der Tag, an dem das world trade center zerstört und Tausende von Menschen ermordet wurden, sollte keine Sorgen wecken. Die Hochwässer an Donau, Elbe oder in China, der Taifun in Korea, das Gerangel um einen Krieg im Irak. Ganz abgesehen von den mehr oder weniger privaten Sorgen angesichts von Arbeitslosigkeit, maroden Renten-, Pflege- oder Krankenkassen. Und da sagt dieser Jesus: ‚Sorget nicht!‘, weltfremd oder dreist?

Ich glaube – weder weltfremd noch dreist. Jesus kennt die Sorgen der Menschen und nimmt sie ernst. Und unsere Sorgen vor Krieg, Unwetter und Zukunft sind ja so neu nicht. Im Prinzip waren sie auch zu Jesu Zeiten bekannt. Er nimmt die Menschen ernst – und versucht doch neue Zusammenhänge herzustellen. Unsere Sorgen sind wirklich – und Jesus nimmt sie ernst, aber er möchte unseren Blick darauf lenken, dass hinter dieser Welt ein Schöpfer steht, der Alles geschaffen hat und es auch erhalten will. Daran erinnern die beiden Schöpfungsberichte am Anfang der Bibel und sie betonen sehr deutlich, was ihnen wichtig ist. Aus dem ältesten stammt unser heutiger Predigttext:

[TEXT]

Für viele Menschen ist die Schöpfungsgeschichte ein Märchen aus alter Zeit, über das man nicht streiten sollte, aber als aufgeklärter Mensch milde lächeln kann. Für mich steht hier allerdings am Beginn unserer Bibel ein großes Glaubensbekenntnis. Die Menschen bekennen Gottes Schöpfung und sie beschreiben ihre Rolle in dieser Schöpfung.

Mich hat dabei besonders der letzte Vers beeindruckt (V.15): Gott hat den Menschen nicht geschaffen, um sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen, sondern er hat ihn von Anbeginn der Schöpfung mit einem Auftrag versehen. Der Mensch ist Gottes Mitarbeiter in der Schöpfung. Vor 3000 Jahren als dieser Text geschrieben wurde, war das revolutionär. Die Götter der Umwelt waren selbstherrliche Gestalten, für die die Menschen nur ein Spielball waren, die ihnen reichlich Opfer bringen mussten, um sie gnädig zu stimmen. Für den Gott des Alten Testaments sind die Menschen ein Gegenüber, GesprächspartnerInnen, denen etwas zugemutet wird. Er bleibt der Herr der Schöpfung, aber er wendet sich ihnen zu. Sie dürfen und können diese Erde bebauen und bewahren. Gott wird vorgestellt als ein Gärtner, der einen Garten bebaut. Allerdings setzt er keine Gartenzwerge hinein, sondern Menschen, die bebauen und bewahren – in eigener Freiheit, die also seine Arbeit fortführen in seiner Nachfolge, aber nicht unter seinem Kommando. Martin Luther hat dafür den Begriff ‚cooperator dei‘ (MitarbeiterIn Gottes) gewählt.

Die Schöpfungsgeschichte nennen den Ort, wo Gott den Menschen hinsetzt Paradies. Das Paradies ist kein Schlaraffenland: Es will bebaut und bewahrt werden. Etwas anderes hat keine biblische Grundlage. Wir haben in gottes Schöpfung eine wichtige Funktion. Dieses Bebauen und Bewahren ist allerdings eher als eine schöne und erfüllende Aufgabe vorgestellt. Erst später wird sie mühselig (‚Im Schweiße deines Angesichtes…‘).

Gott schafft den Menschen aus Materie und aus seinem Atem. Beide Zutaten zusammen machen den Menschen, so wie er ist. Wir sind von Gott Geschaffene und Beseelte. Wir sind seine Beauftragten in dieser Welt. Was immer wir tun, wir tun es in unserer Verantwortung vor Gott. Und darum hat Jesus recht, wenn er uns darauf hinweist, dass unser Leben Geschenk ist. Mit diesem Geschenk können wir verantwortungsvoll umgehen. Ich kann nicht wirklich glauben an Gott den Schöpfer, wenn ich nicht auch das Meine tu für die Bewahrung der Schöpfung.

Gerade gegenüber außerbiblischen Schöpfungsmythen muss das Besondere des biblischen Schöpfungsberichtes besonders hervorgehoben werden. Dazu gehört in besonderer Weise Vers 15. Gott bleibt das Subjekt der Geschichte auch über das Schöpfungsgeschehen hinweg und gibt dem Menschen einen Auftrag in seiner Schöpfung: Bebauen und Bewahren. Das Bebauen meint erst einmal das agrarische tun und weniger das architektonische. Das Wortpaar bebauen und bewahren signalisiert Gleichzeitigkeit. Ein Bebauen ohne Bewahren wäre Raubbau, Raub an Gottes Schöpfung.

Dass wir Gottes Geschöpfe sind, ist nicht so wichtig im Rückblick auf unsere Schöpfungsgeschichte. Was dort begonnen hat, geht weiter, heute: Ich bin Gottes Geschöpf, er hält mich und bewahrt mich! Ich lebe in seiner guten Schöpfung. Dazu gehört auch: Die Menschen sind Gottes Geschöpfe. Alle, auch die, die mich ärgern.

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