Be-Geisterung

Liebe Gemeinde:

dies eine Mal muss etwas zu unserem Predigtwort vorausgesagt werden. Die Verse aus der Apostelgeschichte, die ich eben vorgelesen haben, stehen in einem größeren Zusammenhang, den man so ohne weiteres nicht sehen kann. Es sind Verse aus der sogenannten Pfingstpredigt des Petrus. Was war geschehen, dass er diese Predigt halten musste? Als Jesus gekreuzigt wurde, dachte vielen Jünger, jetzt sei alles aus – Jesus war bloß eine nette Illusion ohne Anhalt an der Wirklichkeit. Sie waren traurig und bedrückt. Dann aber kam Ostern, und mit ihm die Auferstehung, das Licht und das Leben: die Jünger wussten: Ja, es hat sich bewahrheitet an was wir glaubten. Nach Ostern, so berichtet es u.a. Lukas, ließ sich Jesus bei seinen Jüngern sehen, vierzig Tage lang und "er redete mit ihnen vom Reiche Gottes". Im Anschluss an diese vierzig Tag fuhr Christus gen Himmel und versprach seinen Jüngern einen Begleiter für diese Welt, wenn er nicht mehr unter ihnen sein würde. Zehn Tage danach, also am fünfzigsten Tag nach Ostern (das heißt dann übersetzt: Pfingsten) sandte er den Heiligen Geist, um die Menschen zu verbinden, ihnen Weg und Richtung zu zeigen und sie fähig zu machen, in dieser Welt in Gottes Sinne zu handeln. An Pfingsten also geschah das, was die meisten von uns als Geschichte gut kennen: die Jünger kamen zusammen, es gab ein Rauschen und ein Brausen und etwas, das den Umstehenden wie Feuerflammen erschien, setze sich den Jüngern auf das Haupt und plötzlich geschah das Unglaubliche: sie verstanden – sie hatten plötzlich einen Einblick in das Wesen der Dinge, wir würden vielleicht heute sagen: sie hatten eine Erleuchtung. Und wie sie so hellsichtig wurden und im Innersten begriffen, und das heißt v.a.: mit dem Herz begriffen, was mit ihnen geschah und wer die Welt regierte, da drängt es auch ihnen heraus: ja, sie müssen es herausrufen und bekannt machen: da reden sie in allen möglichen Sprachen und verkünden den Umstehenden die gute Botschaft vom Reiche Gottes! Und was geschah dann? Es war damals so, wie es heute auch ist: Stellen sie sich einen Menschen vor, der von etwas begeistert ist, jemanden, der sich für etwas begeistert – und das kann alles mögliche sein: z.B. der Sport oder eine politische Aufgabe oder sogar die Liebe zu einem anderen Menschen. Dieser Jemand ist also begeistert und es drängt ihn, von seiner Sache zu erzählen, zu schwärmen: er schwärmt von seiner Angebeten, er berichtet mit glänzenden Augen vom letzten Spiel seiner Mannschaft, er geht ganz und gar auf in seiner Vision von der Rettung der Umwelt, oder oder oder. Und da steht er nun und berichtet und sein Herz geht über. Und die, die um ihn herumstehen werden sich in zwei Richtungen zu ihm verhalten: die einen sagen: "Das ist ja toll, was der gute Mann da erzählt: so habe ich das noch nie gesehen" und werden versuchen, mehr von ihm zu erfahren, vielleicht sogar sich auch für seine Sache begeistern. Die anderen aber werden lächeln, unbeobachtet den Kopf schütteln und sagen: "Der spinnt doch – wahrscheinlich hat er einen Schnaps zuviel intus." Genauso war das damals auch: die einen überlegten und fühlten sich hingezogen, die anderen sprachen: "Sie sind voll von süßem Wein." In diese Situation hinein erhebt sich nun Paulus und hält die Predigt, von der wir als Predigtwort einige Abschnitte gehört haben.

Leider, liebe Gemeinde, ist Pauli Predigt recht verkürzt in unser Predigtwort eingegangen, denn er holt weit aus, zieht die Heilige Schrift zu Rate, vergleicht, gibt verschiedene Bilder für die selbe Sache. Na ja: vielleicht müsste ich heute sonst nicht hier stehen, wenn wir Paulus einfach seine Predigt halten ließen. So will ich auch nicht alles wiederholen, was Paulus schon gesagt hat, denn er geht im Wesentlichen den Weg nach, den wir vorhin schon gehört haben: den Weg Jesu zum Kreuz und was danach geschah. Was uns heute an dem Predigtwort interessiert ist aber genau diese Frage der "Be-Geisterung". Das Phänomen – so haben wir es gesehen – kennen wir ja: es gab und gibt immer wieder Leute, die sich für etwas begeistern. Ich will zu den Beispielen, die ich vorhin gegeben habe noch einige hinzufügen, denn die Beigeisterung ist nicht immer positiv besetzt. Manchmal sind es die gleichen Leute, die sich für das Fußballspiel begeistern, die nach diesem Spiel mit einem ganz ähnlichen Glanz in den Augen durch die Straßen ziehen und andere Menschen ernsthaft verletzten, die die Schlacht nach dem Wettkampf auf dem Rasen draußen in den Straßen suchen. Nicht selten wird in einer derartigen Begeisterung auch getötet und gemordet. Manchmal sind es die gleichen Leute, deren Liebe zu anderen Menschen plötzlich eine andere Farbe bekommt, die ihre Angebetete – vielleicht, weil sie seine Liebe nicht erwidert – plötzlich bedrängen, ihr auflauern, eifersüchtig über ihr Privatleben wachen und kontrollieren, mit wem sie sich wann und wo trifft. So wird manchmal mit dem selben Glanz in den Augen ein anderer Mensch verfolgt, ihm Angst eingejagt und die Ecke getrieben. Manchmal sind es die gleichen Leute, die mit heller Stimme einst noch auf die wichtige Rettung unserer Umwelt hinwiesen und erklärten, warum es so, wie wir es heute treiben, es nicht mehr weitergehen kann, deren Stimme sich plötzlich belegt und sie nicht mehr frei und offen reden, sondern mit dem selben Glanz in den Augen in kleinen Zirkeln unbeobachtet von der Öffentlichkeit Anschläge auf Menschen planen, denen sie die Schuld an dem Umweltdesaster zuschreiben.

Dem gilt die Predigt des Paulus: die Unterscheidung der Geister zu lernen und zu verstehen, auf wessen Geist man setzt.

Liebe Gemeinde: ich behaupte heute hier einfach dreist, dass wir alle in unserem Leben von verschiedenen Geistern erfüllt waren und es noch sind. Keine Angst: es geht hier nicht um Besessenheit oder um okkulten Schnick-Schnack, sondern um den Moter, der uns alle antreibt. Der Motor, der unserem Leben den Takt gibt, der uns drängt, das nächste anzugehen und auf das nächste Ziel hinzuarbeiten. Diesen Motor nenne ich den Geist, der in uns ist. Die Liebe habe ich schon beschrieben: sie alle kennen diesen starken Motor – es ist sozusagen einer, der ganz wenig Benzin verbraucht, lange laufen kann und unglaublich stark ist. Andere Motoren sind die Arbeit, die Aussicht auf Erfolg und Anerkennung. Wieder andere sind die Freundschaft und die Bereitschaft, von sich etwas herzugeben. Auch die dunklen Motoren haben wir schon angeschaut: den Hass, die Eifersucht, die Verblendung. Die Bibel selbst kennt alle diese Motoren, diese inneren Geister und hat sich auch eindrücklich beschrieben: man denke nur an Saul, der vom Geist der Niedergedrücktheit heimgesucht wurde: dieser Geist lässt ihn seinen Speer nach David werfen: auf den Mann also, dem er vertraut und dem freundschaftlich zugetan ist. Noch andere Geister nennt die Bibel: man denke an die falschen Geister, die in manche Propheten gefahren sind, damit sie Heil verkünden und die Menschen denken lassen, es wäre alles in bester Ordnung. Auch hier werden Menschen angetrieben, vorangebracht und die Geister, die Motoren, drängen sie, ihre Sache zu verfolgen.

Liebe Gemeinde, es wäre Unfug, wenn ich behaupten wollte, dass wir als Christinnen und Christen nicht immer wieder von beiden Seiten, von Geister beiderlei Farben angetrieben würden. Auch wir sind nicht gefeit vor Neid und Eifersucht oder vor Hass- und Rachegedanken. Aber wir haben den Hinweis Paulus, auf das, was den wahren Geist erkennen lässt, der Geist, der zu unserem Besten gesandt wurde, damit wir das haben können, was einst die Jünger hatten: für kurze Augenblicke in unserem Leben den Durchblick, die Schau in den Himmel. Für kurze Augenblicke Einsicht haben in das, was das Ziel und der Plan dieser Welt ist. Für kurze Augenblicke verstehen können, warum dies oder jenes in unserm Leben geschehen musste oder gerade geschieht. Diese Einblicke geben uns Mut und Kraft, weiterzumachen, uns wieder dem Leben zuzuwenden, damit wir versuchen, die Welt ein wenig besser zurückzulassen, als wir sie vorgefunden haben. Diese Kriterium erfragen die Paulus zuhörenden Männer: "Und sie sprachen: was sollen wir tun?" Paulus antwortet: "Tut Buße!" In diesem kurzen Hinweis, liebe Gemeinde, können wir erkennen, ob der Geist, der uns gerade in unserer Gegenwart treibt, ein guter Geist Gottes ist, denn "tut Buße" heißt ja in erster Linie nicht, dass einem alles leid tun müsste, was man bisher getan hat, sonder "tut Buße" heißt v.a.: zu erkennen, wie begrenzt die eigene Reichweite ist. "tut Buße" heißt, sich eingestehen zu können, dass man nicht alleine die Welt aus den Angeln heben kann, dass es eben nicht ganz und gar nur auf mich und meine Person ankommt, sondern dass noch mehr dazu kommt, etwas von außerhalb, was mir geschenkt wird. "Tut Buße" heißt in unserer heutigen Zeit, auch mal über sich selbst lachen zu können – es heißt, sagen zu können: du, da habe ich Mist gebaut, ich bin bereit, meine Ansicht zu überdenken, einen Schritt zurückzutreten und den anderen anzuhören, was er für Gedanken und Wünsche hat.

Das, liebe Gemeinde, ist für mich eines der größten christlichen Wunder, die ich mit dem Heiligen Geist und mit Pfingsten verbinde: dadurch, dass wir lernen, uns nicht immer an die erste Stelle zu setzen, dadurch, dass wir lernen, zu überprüfen, wessen Geistes Kind wir sind, ja mit welchem Motor wir gerade fahren, dadurch werden wir freier. Wir werden gelassener, ruhiger und offener und können so selbst etwas darstellen von dem es heißt: "Siehe das Reich Gottes ist mitten unter euch". In diesem Sinne, liebe Gemeinde, ist Pfingsten mit seinem Heiligen Geist seit damals für uns immer wieder derselbe.

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