Barmherzigkeit gibt Raum

Liebe Gemeinde,

von einem Gefängnisseelsorger hörte ich diese Geschichte. Ein Strafgefangener hatte ihn arg verwirrt. „Heute war es richtig“, rief er dem Pfarrer nach dem Gottesdienst schnell zu ehe die Wachbeamten ihn zur Zelle zurück drängten. Und eine Woche später: „Das war falsch, Herr Pfarrer, es hat gefehlt“. Und so ging es eine ganze Weile. Mal war es richtig. Mehrfach hintereinander. Dann wieder falsch. Lange Zeit bestand keine Gelegenheit zum persönlichen Gespräch. „Ich habe meine Predigten gelesen“, fuhr mein Kollege in der Erzählung fort. „Ich wollte unbedingt herausfinden, was er als richtig und was als falsch empfunden hat. Ich habe meine Gebete überprüft und am Ende gar den Sitz meines Beffchens kontrolliert. Er hat mich sehr verwirrt. Und ich habe es selbst nicht herausfinden können, was in den Augen des Strafgefangenen „richtig“ und was „falsch“ war. Bis er endlich einmal in meine Sprechstunde kam. „Ich wurde im Namen des deutschen Volkes verurteilt, Herr Pfarrer,“ erklärte er dann. „Und sie können es sich sicherlich gar nicht vorstellen, wie wichtig es mir ist, dass sie ihren Gottesdienst „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ eröffnen. Dann bin ich eine knappe Stunde lang frei vom Urteil im Namen des Volkes. Aber manchmal sagen sie nur „Hallo“ und freuen sich, dass wir da sind. Das gibt mir nichts. Sie sind ein Teil des deutschen Volkes. Ich bin auch in ihrem Namen verurteilt worden. Aber ihr Chef gibt mir einen anderen Raum. Für eine Stunde in der Woche bin ich frei, wenn sie es richtig machen.“

Überschriften sagen, worum es im Kapitel geht „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Mit dieser Überschrift beginnt der kleine Abschnitt aus dem Lukas-Evangelium, der uns heute in der Predigt zu bedenken aufgegeben ist. Und von der Überschrift her wollen wir ihn verstehen. Überschriften sagen, worum es im Kapitel geht. Natürlich gibt es Situationen, in denen wir ein Urteil sprechen müssen: „So nicht. Das hat mich verletzt. Das war nicht richtig. Das war unrecht.“ Aber das ist doch unser Problem, dass wir dann keinen Raum mehr geben können jenseits des Urteils. „Ruf mich nicht mehr an“, heißt es. „Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben. Es ist aus.“ Vergebung wird oft missverstanden. Dann lassen wir halt fünfe gerade sein, lautet die Redensart.. Da schaut einer beschämt zu Boden und der andere sagt: „Wir drücken noch einmal ein Auge zu“. Und Bei Lukas lesen wir: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Vergebung heißt ja nicht, dass wir uns blind stellen müssen gegenüber Unrecht, Verfehlung, Unsitte oder Fehlern. Vergebung heißt ja nicht, dass wir uns blind stellen müssen, gegenüber dem, was wir als falsch empfinden. Vergebung ist eine Überschrift, die Raum eröffnet. Raum jenseits des Urteils. Sie merken, liebe Gemeinde, ich möchte unseren Bibeltext nicht einfach auf der rein ethischen Ebene verstehen. Das kann leicht schief gehen, weil wir dann sehr schnell bei der nur zu bequemen Einsicht landen: Nobody is perfect. „Jeder macht doch einmal einen Fehler“. Das wissen wir auch ohne Evangelium, Gottesdienst und Predigt. Barmherzigkeit aber gibt Raum.. Vergebung als religiöse Tugend ruft uns nicht dazu auf, zum Unrecht zu schweigen. Vergebung eröffnet Zukunft jenseits der Verletzungen.
Vielleicht denken Sie jetzt auch gerade an die Affäre Friedmann. Auch hierbei kann es nicht darum gehen, Rauschgift-Konsum zu verharmlosen und unsittlichen Lebenswandel großmütig zu akzeptieren. Die Bitte um eine „zweite Chance“ trifft es allerdings auch nicht, was Vergebung will weil das Leben kein Glücksspiel ist und keine Teilhabe an göttlicher oder gesellschaftlicher Lotterie ist. Vergebung gibt Raum, keine Chancen. Wer eine Chance will, sagt ja indirekt, dass sein Spiel weitergeht. Vergebung gibt Raum zur Veränderung und damit Teilhabe am Leben, an der Zukunft. Darauf zielt Vergebung und Barmherzigkeit, dass wir leben.

Urteile sperren ein Ich erinnere noch einmal an jenen Strafgefangenen, von dessen ganz persönlichem Zugang zu korrekter Liturgie ich erzählt hatte. Ein Urteil nahm ihm seine Freiheit. Und nun übertragen wir das einmal in unsere Lebenszusammenhänge, wo Strafrecht und dgl. keine Rolle spielen. Wohl aber Urteile. Wir sprechen sie ja auch, hart und emotional geladen. Anders nun, als im Strafrecht, fallen diese Urteile des alltäglichen Lebens aber auch auf uns zurück. Urteile sperre ein, den, über den sie gefällt wurden und den, der sie aussprach. „Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben“, heißt es bei Lukas. Sie kennen sicherlich den Begriff „Scharfrichter“. „Den mache ich einen Kopf kürzer“, sagen wir heute noch im übertragenen Sinne. „Der wagt es nicht mehr, auch nur den den kleinen Finger ohne meine Zustimmung zu rühren“, geben wir großspurig bekannt. Seltsam, wie lange das sprachliche Nachleben der Todesstrafe bei uns andauert. Im Sinne unserer deutschen Verfassung mahnt uns der kleine Abschnitt aus dem Lukas-Evangelium davor, „Todesurteile“ über unsere Beziehungen zu sprechen. Verdammt nicht, ruft die Bibel uns zu. Und das meint: Schneidet nicht die Beziehungen ab, die euch als Menschen verbinden. Macht es euch nicht so leicht! Natürlich ist einfach und bequem, seinen Nachbarn nicht mehr zu grüßen, den Kollegen zu schneiden, den Telefonanruf der Schwiegertochter ohne Antwort zu lassen. Verdammt nicht, ruft uns die Bibel zu, baut keine Erdwälle zwischen euch auf, um Grabenkrieg zu führen. Verdammt nicht; das heißt für mich: Zerstört nicht einfach den Lebenszusammenhang, der euch bislang verbunden hat. Vergebung gibt Raum. Urteile sperren ein: Auch den Richter, der sie gesprochen hat.

Die Unerträglichkeit von Flecken im Gesicht
Sie kennen doch sicherlich auch den wunderbaren Sketch, indem Loriot einen Mann spielt, der einer Frau seine Liebe gestehen will. Sie aber sieht nur die Nudel, die an seinem Gesicht klebt und ständig die Position wechselt. Es ist eigenartig, wir können es kaum ertragen, wenn im Gesicht eines Menschen ein Fleck, eine Verunreinigung, ein Fehler auftritt. „Wisch dir mal den Mund ab,“ raunt man seinem Tischnachbarn zu. „Da haben sie einen Fleck“, sagt man nach einiger Überwindung und zeigt auf die Backe. Und regelmäßig erntet man Dankbarkeit. Eigenartigkeit, wie unerträglich Flecken im Gesicht unseres Gegenübers sind. Das könnte man sicherlich psychologisch gut erklären. Meiner Meinung nach hat diese Unerträglichkeit etwas mit menschlicher Würde zu tun. Das Gesicht macht uns aus, das wollen wir nicht verlieren. Darauf dürfen keine Flecken sein.
„Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?“
Muss man diesen Vers nun so verstehen, dass wir am Ende doch zu allen „Flecken“ schweigen sollten?
Nein, die Absicht dieses Verses unterstreicht nochmals das, was ich mit dem Bild vom Raum geben meinte. Wer die Fehler anderer bemerkt und zu den eigenen schweigt, trennt den Raum des Lebens in gut und böse. Wobei stets klar ist, wo man selber wohnt. Unseren Gottesdienst beginnen wir mit gemeinsamem Schuldbekenntnis, sofern das nicht liturgisch abgeschafft wurde. Gemeinsam stellen wir uns mit je unseren Flecken auf Seele und Beziehungen in den Raum der Vergebung. Im Gottesdienst erfolgt keine Trennung. Hier ist der Ort derer, die wissen, das die Barmherzigkeit Gottes stets neuen Raum zum Leben gibt: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ Und sei es nur für eine Stunde hinter Mauern. Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Unter dieser Übschrift steht letztlich jeder Gottesdienst. Denn aus dieser Stunde der Begegnung mit Gott können wir als Menschen hervorgehen, die wieder Raum für sich und auch für andere gefunden haben.

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