Balsam für die geschundene Seele

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

selten sind die eigenen Erwartungen so hoch gesteckt, wie an diesem Tag, an diesem Abend, zu diesem Fest. Hier und heuet erwarten wir wirklich etwas. Wir erwarten einen besonderen Umgang untereinander. Wenn schon das ganze Jahr über so viele Missverständnisse regieren, können wir uns nicht an diesem einen Abend verstehen? Wenn schon das ganze Jahr über Hektik, Abgespanntheit und potentielle Konflikte unsere Begleiter sind, kann nicht an diesem einen Abend etwas von dieser alten versunkenen, friedlichen Welt des Gleichklangs, der inneren und äußeren Harmonie, wie sie uns manchmal noch in alten Weihnachtserzählungen begegnet, einkehren?

Weihnachten, das ist wie eine einsame, manchmal verloren geglaubte Insel, dass es doch anders zugehen kann. Sie sind mit Erwartungen heute Abend hier in diese Kirche gekommen. Sie möchten die alten vertauten Worte hören, die sie mitsprechen können, obwohl es gar nicht mehr so viele Worte sind, die uns selbstverständlich über die Lippen kommen. Sie möchten die alten vertrauten Lieder singen, die sie innerlich ankommen lassen: ja, das ist Weihnachten. Mir geht es ganz genauso. Und es sollen dann wirklich die vertrauten, alten, heimatlichen Worte sein, da ist kein Raum für Experimente und Störungen.

Der für diesen Abend vorgeschlagene Predigttext dagegen stört. Er ist fremd und irritierend, er benutzt Bilder und Worte, die so gar nicht weihnachtlich anmuten: Zucht und ungöttliches Wesen, weltliche Begierden, Frömmigkeit. Aber vielleicht nimmt er gerade so auf, was ich vorher mit unseren Erwartungen beschrieben habe: Weihnachten ist das Fest, an dem alles etwas anders ist, die Uhren anderes gehen und die Menschen eine andere Sprache sprechen, andere Träume träumen und manchmal dann so arg enttäuscht werden. Wir spüren, der Alltag, das Funktionieren in Familie und Beruf, die Gleichtönigkeit der Themen, die uns in unserm Land, in der Gesellschaft, in der Welt begleiten, können doch nicht alles sein. Die Ungerechtigkeit, die Perspektivlosigkeit, die Ratlosigkeit der Verantwortlichen und die Angst, was wohl noch alles kommen wird, kann doch nicht das Schicksal der Welt und die Bestimmung meines Lebens sein. Und das kann es doch auch nicht sein, dass ich immer und ewig bei dem Spiel: noch mehr, noch schneller, noch schöner mitmache. Wenigstens heute einmal nicht!

Das jedenfalls sagt Titus: Heute geht es nicht um alles menschliche, sondern um das göttliche. Heute geht es nicht um alle menschlichen Wünsche und Begierden, um die Ungerechtigkeiten, die das mit sich bringt. Heute geht es darum, dass Gottes heilsame Gnade allen Menschen erschienen ist, heute geht es um die Herrlichkeit Gottes, heute geht es um Erlösung, Befreiung von all diesen Alltäglichkeiten und Zwängen. Heute geht es darum, dass alles auch ganz anderes sein kann, ja schon längst anders geworden ist. Denn euch ist erschienen die heilsame Gnade Gottes. Ihr sollt heil werden in euren Seelen, in euren Beziehungen, in eurem Alltag, nicht nur einmal im Jahr für ein paar Stunden, so schön und wichtig sie sind, sondern ganz und gar, an Leib und Seele.

All das ist Weihnachten. Die große Auszeit des Jahres, der Vorgeschmack darauf, dass es auch ganz anders geht! Nur, nimmt Titus nicht den Mund zu voll, so wie wir Weihnachten zwar verständliches, aber zu viel erwarten? Was ist eigentlich geschehen in der Nacht von Bethlehem, die wir als Heilige Nacht besingen und mit der unlöslich die heilsame Gnade verbunden ist? Ein Paar, von den Mächtigen hin und her geschoben auf dem Reißbrett der Macht, hat in Bethlehem gerade noch so ein Dach über dem Kopf gefunden, ein Kind ist in dieser Nacht zur Welt gekommen, dem man seine Vorgeschichte, die Vorgeschichte seiner Eltern nicht ansieht. Die Hirten nicht und auch die Weisen nicht, selbst Titus nicht reden von den besonderen Umständen dieser Geburt, für mich ist das Kind an und für sich das Wunder und das Geheimnis zugleich. Es ist das Wunder des Lebens, das Wunder einer noch ungeschriebenen Zukunft , es ist das Wissen, das in diesem Leben noch alles möglich ist, dass alles doch besser und anders sein kann.

Und so ist es in diesem Leben auch gewesen. Dieses Kind hat bei den Menschen immer eine ganz besondere Ahnung von Gott zurückgelassen. Wir fragen ja nicht oft in unserem Leben nach Gott, aber wir kennen alle die entscheidenden Augenblicke, wo wir eine Antwort zum Leben und zum Überleben brauchen. Titus gibt sie: euch ist die heilsame Gnade Gottes erschienen. Ihr müsst doch gar nicht mehr mit euren verwundeten Seelen und Herzen und Lebensgeschichten umherirren. Da ist doch dieses Kind aus Bethlehem, der Mann aus Nazareth, der heilen kann und der sich allen zugewandt hat. Ja das Kind ist das Wunder und das diese Gnade, dieses Geschenk allen gilt. Keiner soll ausgeschlossen bleiben, keiner muss eine besondere Vorleistung bringen, keiner hat dieses Geschenk besonders verdient. Hier sind alle gleich, nicht gleich klein und unbedeutend , sondern gleich wichtig und gleich groß. Wieviel schon heil werden würde unter uns, wenn das Alltag wäre: alle sind gleich groß und wichtig. Die Schere zwischen arm und reich, groß und klein, einflussreich und ohne Lobby, sie soll nicht mehr wachsen, sondern sich schließen, weil Gottes heilsame Gnade allen Menschen erschienen ist, damit er uns und mit uns erlöste von aller Ungerechtigkeit.

Ich glaube, dass wird dieses Jahr eine besondere Rolle spielen, dass wir bei allen gesellschaftlichen Diskussionen besonders sensibel bleiben für die Gruppen, die bei allen Reformen, die unter dem Weihnachtsbaum liegen und uns eine bessere Zukunft verheißen, besonders in den neuen Bundesländern schnell auf der Strecke bleiben Ich kann nicht Weihnachten feiern, ohne daran zu erinnern, dass Gott das kleine und unscheinbare, das hilflose und schwache gewählt hat, um bei den Menschen zu sein: ein Kind, Eltern auf Wanderschaft. Und deshalb sind wir in dieser Zeit auch besonders sensibel den Problemen derjenigen gegenüber, die keine Größe, keinen Einfluss haben, sondern auf die Hilfe und das Engagement anderer angewiesen sind. Arbeitslose, Obdachlose, Menschen auf der Flucht, Arme, Alte, Kranke, Pflegebedürftige. Deswegen heißt es doch Gottes heilsame Gnade ist allen erschienen. Wer braucht sie denn dringender? Gute Werke sind nichts schlimmes. Und Weihnachten anderen eine Freude machen , das ist mit das Schönste an diesem Fest. Es geschieht nämlich selbstlos und einmal nicht berechnend. Da wird schon etwas heil, nicht alles. Auch die neue Welt, das Reich Gottes, der Himmel auf Erden steckt wahrlich noch in den Kinderschuhen unseres Alltags als Christenmenschen und als Kirche. Es ist ja auch ein Kind, das uns heute begegnet. Und wir sind gefragt. Gott ist in unsere Welt gekommen, kommen wir auch zu ihm mit unsren Gebeten, Liedern und Taten. Genau das meint der Titusbrief: wir warten auf unseren Heiland Jesus Christus, der sch selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken.

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