Augenblicke der Gottverlassenheit

Bei den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington am 11. September 2001 wurden weit über 5000 Menschen getötet. Diese Anschläge haben bei uns Entsetzen, Trauer, Wut und teilweise auch Hilflosigkeit, Verunsicherung und Angst hervorgerufen. Der Bericht meiner Großmutter über den Untergang der Wilhelm Gustloff ist mir noch in lebendiger Erinnerung. Sie war als Passagier auf einem Begleitschiff und wurde so Zeuge dieser Katastrophe. Es war der 30. Jan 1945 als drei russische Torpedos die Wilhelm Gustloff trafen. Für 5348 Flüchtlinge wurde die eisige Ostsee zum Massengrab. Darunter mehr als 2000 Kinder. Das hell erleuchtete Schiff schoss mit lautem Sirenengeheul unter den Todesschreien der Menschen in die Tiefe.

Und dann, dann muss ich an Auschwitz, Treblinka und die anderen Vernichtungslager denken. Unvorstellbare Zahlen tun sich vor mir auf. 5,9 Millionen jüdische Menschen sind in den Lagern umgekommen. Eine Zeit, die wir gerne verdrängen, ja, vergessen möchten. Und es sind noch keine 2550 Jahre her, als das Volk Israel geschunden und geknechtet durch härteste Fronarbeit an den Wassern Babylons saß und weinte. Da sprach der Prophet zum Volk:

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Liebe Gemeinde, Von Gott "einen kleinen Augenblick verlassen" ist das nicht zynisch, angesichts solcher Katastrophen den Überlebenden und Davongekommenen als Botschaft Gottes "seine große Barmherzigkeit" zu verkünden? Hat Gott "sein Angesicht ein wenig verborgen"? Ist das nicht zynisch, angesichts solcher Erlebnisse, wie der Holocaust, den Misshandelten und Geschändeten als Botschaft Gottes "seine ewige Gnade" zu verkünden?

An seinem 4. Geburtstag wurde ein Junge vor den Augen seiner Eltern und Spielkameraden auf dem Spielplatz von einem Klettermast erschlagen. Da stürzt manchem die ganze Welt ein. Ist es nicht zynisch, den absolut hoffnungslosen, verzweifelten Eltern als Botschaft Gottes die Worte: Aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, weiterzugeben?

Liebe Gemeinde, der Prophet Jesaja, den wir auch den zweiten Jesaja oder Deuterojesaja nennen, hat seine Worte in einer der dunkelsten Nächte, die das Volk Israel durchlebt hat, hineingesprochen. Die Propheten selber hatten dem Volk gelehrt, ihr Schicksal als Strafe des gerechten Gottes auf sich zu nehmen, als Folge seines gerechtfertigten Zornes über ihren Ungehorsam. Und es kommt mir so vor, als ob der Prophet versucht hat, den unfassbaren Moment der Gottesabwesenheit einfach zu überspielen.

Ja, müsste er die Existenz des Allmächtigen nicht gar leugnen, wenn Unschuldige niedergemetzelt werden und Kinder auf die brutalste Art und Weise getötet werden? Welch eine Situation für den Augenzeugen solcher Katastrophen. Diese, alle für den ausdrücklichen Willen Gottes zu halten oder gar zu meinen, dass nichts, selbst das Entsetzliche nicht, seinem verborgenen Ratschluss entgangen sei. Wäre es nicht denkbar, dass der kleine Augenblick des Zorns, nämlich das Wegblicken Gottes, sein Zurücktreten in die Verborgenheit sein könnte? Ist er, wenn nicht gar tot, doch gelegentlich abwesend und infolge seines Zorns unauffindbar?

Dieser von keiner Logik und von keiner Wortklauberei aufzulösende Schrecken, muss so gewaltig gewesen sein, dass der Prophet Jesaja um nicht ganz zu verstummen, diesen einfach umgeht. Er spricht, wo doch grundsätzliche Zweifel gemeint war, lediglich von einem "kleinen Augenblick". Warum sollte denn auch Gott für Augenblicke nicht blind sein dürfen, um der quälenden Allwissenheit und Verantwortung im Einzelfall zu entkommen? Das ausdrucksvolle Vokabular unseres heutigen Predigtextes deutet wohl auf die Absicht hin die Gewalt der Verzweiflung abzuschwächen. Barmherzigkeit und ewige Gnade werden da aufgeboten; dazu die Rettung in der Arche, das Versiegen der Sintflut und des Zorns; zuletzt gar die überwältigenden Bilder vom zukünftigen Frieden, der nicht zu Ende sein wird, selbst wenn Berge weichen und Hügel hinfallen werden.

Liebe Gemeinde, ist dies nicht eine große und tolle Verheißung, die hier in Aktion gesetzt wird, um den "kleinen Augenblick", von dem am Anfang die Rede war, fassbar und erträglich zu machen? Es ist nicht zu leugnen, dass dieser "Augenblick" seine existentielle Härte und seinen Verzweiflungscharakter bis heute nicht verloren hat. In diesem "Augenblick" haben sich alle Prozesse der Gottesferne abgespielt, von Jesu Schreckensschrei am Kreuz bis zu der Sekunde, als Dietrich Bonhoeffer unter dem Galgen in Flossenbürg stand. So geräumig ist dieser "Augenblick", dass jedes langsame Kliniksterben, jedes Zeugnis von Auschwitz und Treblinka, jeder Krebs, jede Multible Sklerose, jedes Kindersterben darin untergebracht ist.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass das Lebensgefühl vieler Menschen heute, die angesichts der bedrückenden Weltlage, ich muss an Afghanistan, an Tschetschenien, an Palästina und an Israel denken, der Gottverlassenheit einmütig zustimmen und das Wort von der "gnädigen Zuwendung Gottes" ganz einfach für einen Etikettenschwindel halten. Und wir?, wie gehen wir mit den schmerzlichen Augenblicken der Gottverlassenheit und Gottvergessenheit um?

Liebe Gemeinde, und noch schwieriger wird es mit der Erfahrung der "freundlichen Nähe Gottes" gerade in solchen Augenblicken, in denen wir denken, dass Gott uns fern ist; er aber in diesem Augenblick seine Nähe zusagt, selbst wenn "Berge weichen und Hügel" hinfallen würden. Hier helfen uns keine Rezepte noch theologische Erklärungen weiter, sondern das Hinhorchen auf solche Menschen, die trotz schmerzlicher Lebenserfahrung bezeugen, dass der "Bund des Friedens" sie in solchen Zeiten getragen hat. Es können aber auch Gebete oder Lieder aus dem Gesangbuch sein, die ein solches Zeugnis widerspiegeln: Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht. (EKG Nr.529,3)

Liebe Gemeinde, wo ein solches Hinhören auf Lebenszeugnisse anderer das eigene Leben nach bleibendem Halt und verlässlicher Lebensgrundlage zu wecken vermag, da wird eine Tür aufgetan zu Jesu Tod am Kreuz. Und in diesem Kreuz werden sowohl meine Gottverlassenheits-Augenblicke als auch zugleich die unbegreifliche Liebeszuwendung Gottes zu mir entdeckt. "Mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen" spricht der Herr, dein Erlöser. Gott, der Allmächtige, will Euch nicht verdammen, er, will sich Euer annehmen, ja, noch mehr: Gott der Allmächtige will Euer Leben in seine Hand nehmen und so zu seiner eigenen guten Sache machen.

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