Aufstehen!

Liebe Gemeinde:

"ihr erkennt die Zeit, nämlich, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf." Aufstehen vom Schlaf – ich weiß nicht, wie einfach oder wie schwer Ihnen das fällt. In der Regel fällt es der Jugend etwas schwerer, früh aufzustehen, als dem Alter. Was natürlich damit zusammenhängt, wie spät man ins Bett gegangen ist. Aber das nur am Rande. Haben Sie es gerade gehört, wie ich geredet habe?: "wie spät" – diese Fragestellung treibt uns um. "Wie spät" könnte man auch heute fragen: wie spät ist es eigentlich? "Ja ist denn schon wieder Weihnachten?" so fragte es früher werbemäßig ein bekannter Ex-Fußballer für einen Handybetreiber. Für den Handyvertrieb war schon sehr bald Weihnachten, ja so zeitig, dass man meinen könnte, es sei schon beinahe zu spät, sich noch ein neues Handy zu kaufen. Wenn Sie sich in der Welt umsehen, werden sie merken, wie sehr dieses seltsame Argumentationsmuster fast überall wirkt. Wir haben noch gar nicht Weihnachten, wir sind in der Vorbereitungszeit auf die Geburt des Herrn, wir decken in unserer Kirche die Farbe Violett – ja, es ist die gleiche wie zur Passionszeit oder wie an Buß- und Bettag – weil es der gleiche Charakter der Zeit ist: wir bereiten uns vor auf die Geburt des Herrn. Aber das dauert noch! Es ist eigentlich nicht die Zeit der Coca-Cola Farben rot-weiß, es ist nicht die Zeit, kletternde Weihnachtsmänner aus Plastik an die Hauswand zu hängen. (In der Straße, in der ich wohne, hängt schon einer seit Mitte November…). Mal ganz abgesehen davon, dass der Weihnachtsmann schon eine seltsame Erfindung ist, als ob er derjenige wäre, der mit Weihnachten irgendetwas zu tun hätte. Eigentlich, liebe Gemeinde – aber dann ende ich auch schon über das Thema – eigentlich leben wir in einer Fastenzeit: Vorbereitung auf Weihnachten. Mir ist die Tradition noch bekannt, dass es Plätzchen erst ab Weihnachten gab. Aber – und ich komme zum Anfang zurück – dass ist ein Zeichen unserer Zeit: in der Sorge, zu spät zu sein, zu spät zu leben, verlegen wir alles nach vorne. Ist es die Sorge, etwas zu verpassen, in meinen Leben? Muss ich deshalb alles ausprobieren, alles testen? – Lebe wild und gefährlich, so das Motto: es könnte bald zu spät sein! Vielleicht deswegen die Schokoladennikoläuse ab Mitte November im Geschäft; vielleicht deshalb der 30-Jährige, der sich am Kopf kratzend fragt, ob nun die beste Zeit seines Lebens bereits vorbei sei; vielleicht deshalb die Hetze in unserem Leben: was muss ich nicht noch alles machen, damit endlich das große Ziel erreiche?

Unser Predigtwort geht da einen anderen Weg: es ist ganz und gar nicht christkindlsmarkt-fröhlich oder glühweinbecherschwenkend-besinnlich, es hat auch nichts mit der harmonisch-warmen Kuscheladventszeit zu tun, die wir in der Werbung und im Radiogedudel vorgesäuselt bekommen. Unser Predigtwort ändert den Blickwinkel, es dreht die Perspektive um. Es sagt nicht: lasst uns alles vorziehen, denn es ist schon so schrecklich spät. Nein es sagt: steht jetzt auf, denn die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber ist nahe herbeigekommen. Der Tag ist nahe, aber er ist noch nicht da – noch wirkt die Nacht, das Dunkel. In dieser Nacht leben wir noch, wir sind noch mittendrin. Aber es ist Zeit – ihr habt die Zeit erkannt, dass man sich bereite, sich vorbereite, aufzustehen. Wir sollen – so sagt es Paulus – die Werke der Finsternis ablegen. Ich finde diesen Gedanken faszinierend, eines nach dem anderen zu tun. Nicht die Werke der Finsternis zudecken, indem man gleich zum nächsten eilt und fröhliche Weihnacht feiert, obwohl die Nacht noch da ist, sondern, dass man sich bewusst macht, dass es überhaupt Werke der Finsternis gibt, diese bedenkt und dann ablegt, ich sage: ablegen darf. Paulus verwendet das Bild des Aufstehens: wollen wir darin bleiben. Ablegen nach dem Aufstehen will ich die Dinge, die mich im Dunkeln bedrängen: meine Ängste, meine Sorgen. Ich will nicht in den Tag starten, als ob die Nacht noch andauern würde. Ich dusche oder wasche mich, reinige mich von den Gerüchen und der Müdigkeit der Nacht, mache mich frisch und trete in den neuen Tag hinaus. Lasst uns leben wie am Tage, sagt Paulus. Die Beispiele, die er bringt, sind die Beispiele eines bildlich-ungewaschenen Tages, eines Menschen, der nach außen tritt und alles mitschleppt, was die Nacht in ihm hinterlassen hat. Bezeichnenderweise wird er so nicht nur für sich selbst zum Ärgernis, sondern v.a. für die anderen, für seine Mitmenschen. Fressen, Saufen, Unzucht – das sind Beispiele solch eines ungewaschenen Lebens. Dabei, liebe Gemeinde, geht es nicht um das Essen, das Trinken und die Sexualität (wenn Paulus sie denn überhaupt meint), sondern es geht um das Gierige, das Nächtliche, das Dunkle in diesen Handlungen. Es geht darum, abzulegen, das Andere, den Anderen nur als Objekt zu betrachten, als ein Ding, über welches ich verfügen kann: Speis und Trank oder den Mitmenschen als Lustobjekt. Denn Paulus sieht da ganz klar: es käme ihm nicht in den Sinn, die guten Gaben von Gottes Schöpfung verächtlich zu machen. Luther, der von Paulus Erkenntnis viel gelernt hat, war ein lebenslustiger und genussfreudiger Mensch und er war der Meinung, dass der befreite Christ genießen und feiern darf, gerade aus seiner Freiheit heraus. Das Ablegen des Nächtlichen, des Gierigen: dessen, was den Mitmenschen nur benutzt – all dieses ist ja zusammengefasst zu Anfang unseres Predigtwortes: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!"
Oft genug scheitern wir an diesem einen, an diesem einfachen und doch alles zusammenfassenden Satz: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Und dieses Scheitern, liebe Gemeinde, hat viele Gesichter und es sehe jeder zu, dass er sich selbst nicht im vornhinein rechtfertigt, wenn es um das Erfüllen dieses Liebesgebotes geht! Menschen scheitern daran, weil sie die Einzelweisungen, die Paulus anspricht, überhöhen und aus ihnen Gesetze schmieden, obwohl es doch nur Beispiele sind. Wer so lebt, umfängt die neue Freiheit in Christus, mit einem dunklen Gesetzeszaun und nimmt sich selbst und den Anderen die Sicht auf Christi Licht. Wieder andere verwechseln die Liebe zum Nächsten mit einer undurchdachten Harmoniesicht und -sucht. Alles und alle muss ich doch lieb haben! Und weil sie es nicht schaffen, machen sie sich selbst klein und winzig, weil sie glauben, allein in der Unterwürfigkeit läge die Macht der Liebe. Die dritten schließlich glauben für sich, sie hätten diese Erfüllung des Gebotes schon längst vollbracht: ihre Auslegung sei dem Willen Gottes näher als die Deutungen der anderen Menschen – hier ist der Weg der Selbstüberhöhung derjenige, der sie schließlich zu Fall bringen wird.

Warum verwendet also Paulus in unserem Predigtwort das Bild des Aufstehens? Eben weil es noch nicht zu spät ist, weil der Zug noch nicht abgefahren ist. Darin, liebe Gemeinde, liegt unsere Ermöglichung, das Gebot der Liebe überhaupt erfüllen zu können. Die Nacht ist noch da, mit allem, was die Nacht unseres Predigtwortes zur Nacht macht: unser Unvermögen, unsere Gierigkeit, unsere Sorgen. Aber es gibt einen, der uns den Tag anzeigt, einen der darauf hinweist, dass der Morgenglanz bald kommen wird. Deswegen dürfen wir – im Bilde gesprochen – aufstehen, getrost und gestärkt. Wir dürfen unser "zu-spät-Denken" ablegen und unsere Betriebsamkeit dämpfen, mit der wir der Jetzt-Zeit entfliehen wollen, eben weil es einen gibt, der uns sagt, dass der Morgen bald erst kommen wird – das Licht des Morgens wird uns erreichen, weil er es uns versprochen hat.
Noch mehr aber passiert in unserem Predigtwort. Derjenige, der uns den Morgen verheißt, ihn ankündigt und uns in unserer Zeit der Nacht ernstnimmt – derjenige tut noch mehr. Er legt uns wie früher Mutter oder Vater die Kleider hin, die wir an jenem Morgen anziehen werden. Wir werden dieses Kleid anziehen, nachdem alle Last und Gierigkeit der Nacht von uns abgewaschen sind. Dieses Kleid heißt Jesus Christus und es wird uns an jenem Morgen des Lichtes kleiden wie kein anderes Gewand, das wir je anhatten. In diesem Kleid werden wir sehen und erkennen, was es heißt, den Nächsten auch wirklich so lieben zu können wie sich selbst. Auf diesen Morgen hin, liebe Gemeinde, glauben wir. Durch diesen Morgen gewinnen wir die Kraft zur Hoffnung. Wenn wir uns auf Weihnachten vorbereiten, so lassen Sie sich nicht von dem nächtlichen "zu-spät" gefangen nehmen, sondern fliehen sie in den Trost dieses Morgens, in den Trost der Stimme, die zu uns spricht: "Ihr erkennt die Zeit, nämlich, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlafe, denn unser Heil ist jetzt nahe."

Und der Friede Gottes, der in seinem Morgenglanz unser aller Herzen reinigen wird, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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