Aufeinander hören

Liebe Gemeinde,

Rückblick. Rückblick ist angesagt. Rückblick oder vielmehr Rückblicke auf die vergangenen Feiertage. War es schön an diesen Feiertagen, vielleicht auch trotzdem schön. Trotzdem: Auch wenn bei Ihnen jemand gefehlt, der oder die sonst immer dabei war. Auch wenn der Weihnachtsbaum sich doch wieder als etwas buckliger und krummer erwiesen hat, als es zuerst schien. War es schön, auch wenn einige Geschenke mittlerweile wieder umgetauscht sind. Ja? Dann ist es gut so. Doch wann ist es ein schönes Fest gewesen? Wir haben so unsere Vorstellungen: Von Schnee, von der Stimmung, von der Stillen Nacht und den besinnlichen Tagen. Besinnliche Tage in die schon durch die Vermischung unterschiedlicher Weihnachtstraditionen, Weihnachtsmann aus Norddeutschland und Christkind von uns, Santa Claus von der anderen Seite des großen Teichs und einige andere mehr, heute mehr Verwirrung und lautere Töne hineinkommen als vielleicht noch vor einigen Jahrzehnten. Doch wenn auch gar nichts geklappt haben sollte, es war doch ein schönes Fest, wenn, ja wenn die Kinder sich gefreut haben, wenn ihre Erwartungen zumindest ansatzweise erfüllt werden konnten und sie uns mit strahlenden Augen belohnt haben. Das Christfest, mir scheint oft, es ist ein Kinderfest, bei dem wir Erwachsenen dabei sitzen und uns freuen, dass die Kinder, unsere Kinder und Enkel, Neffen und Nichten, Patenkinder, Nachbarskinder oder welche Kinder auch immer, sich freuen. Ist das verkehrt, dass wir das Fest auch ganz besonders an den Bedürfnissen von Kindern ausrichten und wir uns dann mit den Kindern freuen. Nein, verkehrt ist das auf keinen Fall. Blicken wir auf die Worte dieses alten, wirklich steinalten Mannes. Simeon heißt er, der da vor knapp 2000 Jahren in Jerusalem lebt und wartet, wartet auf ein Kind, wartet, das ein Kind seinem Leben Erfüllung gibt.

Ein besonderes Kind, in dem ihm Erfüllung seiner Träume und die Erfüllung des Traumes des ganzen Gottesvolkes verheißen wird. Wer wird dieses Kind sein? Egal! Er soll dieses Kind sehen! Und er darf es sehen. Zunächst einmal eine anrührende Szene: Ein alter, ein greiser Mann, er nimmt ein Kind, das Kind, das Christuskind, diesen eine Woche alten Säugling auf den Arm. Die Mutter reicht es ihm voller Vorsicht, vielleicht auch voller Sorge. Seine Arme umschließen es und sein Blick fällt auf das noch etwas knittrige Gesicht des Neugeborenen. Ein Blick, der nicht zu beschreiben ist, den ich aber auch nicht beschreiben muss – wir kennen solche Blicke – und dann diese Worte: Evtl. gesungen von Wenk EG 800 – Nunc demitis oder gelesen: Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel. Schön. Anrührend schön, diese Szene. Generationen treffen sich. Die Jungen hören von den Alten, sie hören die Verheißung Gottes. Der alte Mann gibt die Verheißung weiter. Den Heiland gibt es zu sehen. Es gibt Heil in dieser Welt. Gott will diese Welt heil machen, er will uns beschenken. Und in einem Kind, in einem hilflosem, kleinen, in Windeln gewickelten Menschenwesen, erfüllt sich die Verheißung. Der alte Simeon spricht es aus: Meine Augen haben den Heiland gesehen. Nun könnten wir sagen, dass es uns nicht vergönnt sein kann, diese Szene zu sehen, dass sich an uns das nicht mehr erfüllen kann, denn dieses Erleben des frommen Simeon im Jerusalemer Tempel mit Maria und Josef, mit dem Kind Jesus, das sie da „darstellen“, will sagen Gott anvertrauen wollen, das liegt lange zurück, ist ein Geschehen aus der Geschichte. Es ist Geschichte. Und doch ist es ein Geschehen heute. Gottes Geschichte mit den Menschen endet nicht mit dem Leben Jesu auf Erden. Diese Geschichte fängt damit erst an und es ist auch eine Geschichte Gottes mit mir. Simeon sieht eine Familie, Josef und Maria und ihr Kind, mehr sehen seine Augen nicht. Und doch sieht er mehr.

Auch ich kann in meinem Kind, in meinem Enkel, in meinem Urenkel, ich kann in den Kindern dieser Welt, das Jesuskind entdecken. Ein Abglanz von Gottes Liebe, strahlt aus jedem neugeborenen Kind auf uns herab. Im Schauen auf die Kindern dieser Welt können wir erahnen, wie wunderbar Gottes Heilshandeln ist. Er wird ein solches Kind, er wird Fleisch und Blut, damit wir ihn sehen, spüren, umfangen können. Um das zu erfahren, damit sich die Verheißung erfüllt, sind Alt und Jung aufeinander angewiesen. Die Jungen hören von den Alten die Verheißung, vom Licht, das die Welt erfüllen soll. Und in den Kindern, in der nächsten oder übernächsten Generation geht diese Verheißung in Erfüllung. Immer wieder neu. Tragisch jedoch, wenn die Verheißung nicht weitergegeben wird. Tragisch, wenn hinter dem Christkind, den Weihnachtsmann, dem Santa Claus auf seinem Schlitten, das Kind Jesus nicht mehr zu erkennen ist. Tragisch, wenn wir Alten, Eltern, Großeltern, Tanten, Onkels, Nachbarn nichts weitergeben, wenn das Geschenk Gottes, das Heil, das er in Christus verheißt, hinter den Geschenken unter dem Christbaum nicht mehr zu erkennen ist. Dann wird das Schenken sinnentleert, wird zum Kommerz, zur Konsumbefriedigung, zur Ersatzbefriedigung, letztendlich damit unbefriedigend. Wir werden – wir jung und alt – werden trotz kostspieliger Geschenke friedlos und heillos. Tragisch. Wir sind heute in unserem Lande da mehr gefährdet denn je, das sich nicht nur das Weihnachtsfest sinnentleert, sondern unser ganzes Leben. Tragisch, ja, aber nicht unausweichlich.

Das einzige was Not tut ist zu erzählen. Immer wieder neu zu erzählen und immer wieder neu zu suchen, zu suchen nach dem Heil, nach dem Heiland, nach dem Kind, dem Gottes Sohn, Jesus. Wir entdecken ihn, hier bei uns in der Kirche geschnitzt in der Krippe, wir entdecken ihn auch in dieser weihnachtlichen Zeit leidend am Kreuz. Wir entdecken ihn aber vor allem in unseren Herzen, in der Liebe, in der mit der er uns, unser Leben, unsere Welt erfüllen will. Wir entdecken ihn, wenn wir spüren, dass es ein Gegenprogramm braucht und gibt, ein Gegenprogramm zu Säbelrasseln und Kriegsgeschrei, zu Besitzstandswahrung und Gewinnmaximierung, ein Gegenprogramm zum bloßen Konkurrenzdenken in dieser Welt. Wir entdecken ihn, wenn wir spüren, dass wir Heil werden wollen und Heil werden können: Meine Augen haben den Heiland gesehen.

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