Aufbruch aus der Enttäuschung

Was kann ich noch machen, wenn ich in einem tiefen Loch der Verzweiflung bin?

Wir aber hatten gehofft, er sei es – in diesem Satz der beiden Freunde steckt die bitterste Erfahrung ihres Lebens. Für sie und für viele andere ist alles wie ein Kartenhaus zusammengefallen. Alle Hoffnung. Alles, was sie zusammengehalten und erfüllt hatte. Das lässt sich mit einem Wort ausdrücken, mit dem Wort Enttäuschung. Sie haben sich getäuscht. Ihre ganze Hoffnung war nicht besser als all die vielen leeren Worte, mit denen Menschen sich etwas vormachen, was gar nicht stimmt. Enttäuschungen tun weh. Sie machen bitter. Sie blockieren die Beziehungen zu anderen.

Das ist uns allen schon so gegangen: Wir ziehen uns zurück in die vier Wände unserer Verzweiflung. Wir igeln uns ein. Wir wollen von niemandem etwas wissen. Dort, wo wir unseren ganzen Kummer heraus heulen möchten, dort können wir keine Zuschauer gebrauchen. Verstehen kann uns sowieso niemand. Und die billigen Tröstungsversuche, die ein anderer sich abzwingen könnte, wenn er unsere Tränen sieht, die helfen uns nicht weiter. Ist es nicht wirklich das Beste, doch lieber alles mit sich selber auszumachen?

Zwei Freunde von Jesus machen es anders. Sie igeln sich nicht ein. Sie finden einen Weg heraus aus dem dunklen Loch ihrer Enttäuschung. Und vielleicht wird es für uns gut sein, ein Stück mit ihnen zu gehen, heraus aus den vier Wänden, in die wir uns zurückgezogen haben. Sie hatten sich zurückgezogen und eingeriegelt in ihrer Bleibe in Jerusalem, die Jünger und die Freunde von Jesus. Aber zwei von ihnen halten das nicht aus. Sie bleiben nicht drin. Sie müssen da raus.

Mag es wie Flucht aussehen, mögen die anderen den Kopf schütteln. Es ist der erste Schritt heraus aus der Enttäuschung. Doch wohin sollen sie gehen? Was gibt es für ein Ziel, wenn alles sinnlos erscheint? Wo liegt der Ort ihrer Hoffnung? Hier steht: Sie gehen nach Emmaus. Wir wissen nicht, wo Emmaus lag. Diesen Ort gibt es nicht mehr. Ihn auf der Landkarte festzulegen, ist reine Spekulation. Damals gab es diesen Ort. Trotzdem wissen die beiden nicht, wohin sie gehen. Sie haben kein wirkliches Ziel. Aber sie gehen. Sie bleiben nicht sitzen. Sie wissen nicht, wohin. Aber sie brechen auf. Sie tun den ersten Schritt.

Es ist gut, wer den ersten Schritt tun kann. So beginnt ein neuer Weg. Auch wenn er ungewiss ist und lang und beschwerlich. Von zwei Wegstunden ist die Rede bis Emmaus. Das ist sehr weit für einen Weg, den man ohne Mut und ohne Ziel geht. Denn die Enttäuschung lässt sich nicht einfach abschütteln. Sie geht mit auf Schritt und Tritt. Wie gut, dass sie auf diesem Weg zu zweit sind. Da können sie nämlich miteinander über das reden, was ihren Schritt so schwer macht. Und wie gut, dass sie reden können. Wir wissen: Nicht mit jedem kann man das. Nicht mit dem, der selber nur erzählt, wie er alles packt und meistert, und nicht mit dem, der schnell zur Hand ist mit dem Rat: nimm’s doch nicht so tragisch. Lebenskünstler oder Glaubenshelden sind keine guten Gesprächspartner! Wie gut, wenn wir mit einem gehen, dem wir alles vom Herzen reden können, und der das selber auch tut. Dann machen wir nämlich eine überraschende Erfahrung: Wo zwei ihr Herz ausschütten, wird das nicht doppelt viel und doppelt schwer. Da wird alles leichter. Geteilte Freude – so weiß der Volksmund – ist doppelte Freude, und geteiltes Leid ist halbes Leid.

Auch zwei wissen womöglich nicht besser als einer allein, wie es weitergehen soll, und wo Emmaus liegt. Trotzdem ist es gut, miteinander unterwegs zu sein. Zu zweit ist man auch offener für einen Dritten. Der kommt unbemerkt. "Da nahte sich Jesus und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten." Er gesellt sich zu uns, wenn wir miteinander unterwegs sind. Die beiden sind sogar schon ein Stück vorangekommen auf ihrem Weg aus der Enttäuschung. Ihre Gedanken gehen nicht mehr im Kreise. Sie schlagen eine Richtung ein. Dabei hilft ihnen der Dritte. "Musste nicht Christus dies erleiden?" – fragt er. Er weckt eine Ahnung, dass das Schwere auch einen Sinn hat, und dass aus der Enttäuschung neue Zuversicht wachsen kann. Die Enttäuschung ist nun nicht mehr so umwerfend und nicht mehr so endgültig. Die beiden Freunde gewinnen während des Gesprächs mit dem Dritten eine neue Sicht. Sie fangen an, mit anderen Augen zu sehen. Später werden sie bekennen: "Wurde uns nicht ganz heiß ums Herz, als er mit uns redete auf dem Wege?"

Nachträglich wird ihnen erst richtig deutlich werden, was mit ihnen vor sich ging, als sie noch auf dem Weg aus der Enttäuschung waren. Und auch am Ende dieses Weges wissen sie nicht so recht, was ihnen geschieht. Sie sind auf einmal da in Emmaus. Angekommen, aber nicht am Ziel. Es ist Abend geworden. Noch immer wissen sie nicht, wer der Dritte ist. Aber sie wissen, wie sehr sie ihn brauchen am scheinbaren Ende ihres traurigen Weges. Bleibe bei uns, bitten sie. Und er geht mit ihnen hinein. Sie setzen sich zu Tisch. Sie essen miteinander. Erst haben sie ihre Enttäuschung miteinander geteilt. Nun teilen sie das Brot, das, wovon wir leben. Die Nahrung, aus der Kraft kommt, Energie zum Weitergehen, zum Weiterhoffen. Brot des Lebens.

Beachten wir: Er gibt es und teilt es aus. "Er nahm das Brot, dankte, brach’s und gab es ihnen" – lesen wir. Er, eigentlich der Gast, ist der Wirt, der Einladende, der Gebende. Sie sind nicht bei sich sondern bei ihm angekommen. Emmaus ist dort, wo Jesus der Gastgeber ist. Wo er ausschenkt, was uns stärkt. Wo wir uns von dem mühsamen Weg erholen und neue Kraft schöpfen können. Und es ist der Ort, wo uns die Augen aufgehen. Wo wir ihn erkennen. Wo wir die Ostererfahrung machen: Er lebt. Aber genau in dem Moment, als die beiden das merken, verschwindet Jesus. Er lässt sie wieder allein. Ist das die nächste Enttäuschung? Nein, denn inzwischen ist für sie Ostern geworden. Inzwischen ist aus dem, was sie bisher nur vom Hörensagen wussten, eigene Erfahrung geworden. Nicht nur ein paar Frauen haben etwas Unglaubliches erzählt. Sie wissen es jetzt selbst. "Er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden." Das ist es, was sie wieder auf die Beine stellt.

Nun können sie auch ohne ihn auf eigenen Füßen stehen. Und unverzüglich gehen sie einen unerwarteten Weg. Nämlich genau dorthin zurück, wo sie herkamen. Wo sie die Enttäuschung nicht mehr aushalten konnten. Wo die vier Wände sie erdrückten. Genau dort können sie nun wieder leben. Weil Jesus lebt. Weil aus der Nachricht, mit der sie erst nichts anfangen konnten, die Gewissheit geworden ist, die auch den anderen helfen soll, die Riegel an ihren Türen aufzuschieben und hinauszutreten. Emmaus ist nicht das Ende des Weges. Es ist der Ausgangspunkt für neue Wege, für Wege der Hoffnung, für Wege zu anderen.

drucken