Auf dass ich klug werde

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

so habe ich mir ehrlich gesagt das Reich Gottes nicht vorgestellt! Verschlossene Türen, eine schroffe Abweisung des Bräutigams: bleibt draußen und ein großes , wunderbares Fest, von dem nur etwas Lärm, Musik, Gelächter durch die Tür dringt. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben und das für immer und ewig.

Das Leben aber, das kenne ich so: es ist wie vor einer verschlossenen Tür zu stehen, ausgeschlossen , vom Leben, von der Freude, vom Festgetümmel abgeschnitten zu sein.

So war es vielleicht in diesem Jahr, vielleicht im letzten Jahr, als der Mann, die Frau, der Vater, die Mutter, das Kind oder der Bruder starb. Keinen mehr wollte ich sehen; das andere fröhlich waren, war fast unerträglich, kaum vorstellbar, dass es im Leben noch einmal so etwas wie Normalität geben könnte.

Und auch dieses Gefühl – zu spät – kenne ich. Während des langen Kampfes mit der Krankheit gab es immer noch Hoffnung, dass der Tag der Trennung doch noch nicht kommt. Haben die Ärzte nicht immer wieder Mut gemacht? Aber irgendwann war es dann doch so weit.

Beim letzten Besuch im Krankenhaus oder im Pflegeheim habe ich den Gedanken, dass es das letzte Mal sein könnte, lieber verdrängt. Ich kann doch so etwas nicht jedes mal denken – bis dann mit einem Mal der Anruf kam: wir müssen ihnen eine traurige Mitteilung machen. Da fiel die Tür ins Schloss und ich stand draußen: ich hatte das, was ich immer noch sagen wollte, was mir auf der Seele lag, was zwischen uns stand nicht gesagt. Zu spät. Zu spät für ein "Danke", zu spät für ein "verzeih mir", zu spät für ein "lebe wohl".

Ich mag an einem Tag wie diesem gar nicht gleich an das Reich Gottes denken. Ich möchte lieber erst einmal bei dem bleiben, um den ich seit kurzem oder schon langem trauere. Ich möchte mit meinen Gedanken noch einmal zurückgehen, mich an die Tage erinnern, als wir noch gemeinsam lachen konnten.

Ich möchte gemeinsame Wege noch einmal abgehen, mir dafür Zeit nehmen.

Ich glaube, dass das auch ein Gesicht der Klugheit ist, um die es im Gleichnis, das Jesus erzählt ja auch geht. Es ist klug oder noch besser weise, sich seiner Trauer zu stellen, sie auszuhalten, zu verarbeiten und mit ihr zu leben. Sie wird am Anfang weh tun, sie wird sich verändern, irgendwann wird sie zu fragen beginnen: wie ist das jetzt mit dem Reich Gottes , gibt es da etwas über den Tod hinaus, einen Ort, einen Namen, ein Gesicht, eine Hoffnung? Kann ich mir das vorstellen?

Vielleicht sprechen dann schon die Bilder unseres Gleichnisses: es ist wie ein Fest, wie ein Hochzeitsfest: voller Lebensfreude und in einer großen Gemeinschaft. Es ist wie ein untrennbare Verbindung mit dem Bräutigam. Nach Gott muss ich nicht mehr fragen, er ist da, er ist mir nah, wir sind eins, ich bin dem Leben so nah wie es nur sein kann, wenn Gott die Quelle, der Anfang und Vollender des Lebens ist.

Die Fragen, die das Leben mir mitgegeben hat, all die Fragen nach dem Warum und Wozu hören auf, finden ihre Auflösung. Es ist wie ein Fest, das nicht mehr aufhören wird, wenn es einmal angefangen hat.

Wann wird das sein mag mancher fragen. Wann wird das sein, dass ich nicht mehr so traurig bin, wann wird es sein, dass ich wieder hoffen kann, wann wird es sein, dass ich das Leben feiern kann, wann legt sich das Dunkel um mich herum, eine Nacht kann so entsetzlich lang sein. Keiner kann diese Frage beantworten sagt Jesus mit seinem Gleichnis.

Es kann dauern, müssen die jungen Mädchen in unserem Gleichnis begreifen lernen und so sind nicht alle darauf eingestellt. Es kann dauern sagt Matthäus seinen Lesern, seiner Gemeinde, der er diese Geschichte Jesu nacherzählt, weil sie sich auf der einen Seite quälen mit der Frage, warum Christus noch nicht wiedergekommen ist, um sein Reich des Lebens und des Friedens zu vollenden und auf der anderen Seite denen glauben, die meinen, ihnen schwärmerisch Sonderwege in ein innerliches Reich Gottes zeigen zu können. Es kann dauern müssen wir heute noch feststellen.

Trauer nach einem Verlust braucht seine Zeit, es wird hinterher nicht einfach so wie davor sein. Und auch vom Reich Gottes, vom Himmel auf Erden sind wir genauso weit entfernt wie die Menschen vor 2000 Jahren oder sind ihm genauso nah. Der Tod ist immer noch genauso grausam und gibt sich genauso mächtig. Der Frieden wird immer noch mehr herbeigesehnt und erträumt als erlebt. Die Fortschritte in Wissenschaft und Technik und aller Wohlstand machen das Leben zwar angenehmer, werfen aber auch ihre Schatten auf unseren Alltag und unsere Welt. Es sind am Ende die gleichen Fragen, die bleiben. War das schon alles, das schöne bisschen Leben, das wir haben oder hatten?

Aber der Bräutigam kommt, sagt Jesus. Das Reich Gottes ist keine Einbildung, unsere Hoffnung ist keine billige Vertröstung , um den Schmerz zu verdrängen. Er kommt und dann wird die Nacht schwinden und der Tag beginnen und mit ihm ein Fest, das all unsere Vorstellungskraft übersteigt. Was wir tun können, ist uns um Klugheit zu bemühen, vorzusorgen, uns vorzubereiten.

"Herr, lehre mich bedenken, dass ich sterben muss, auf dass ich klug werde" – Jesus kannte diese Bitte aus dem 90.Psalm und sie stellt gewissermaßen die eine Seite der Klugheit dar, um die es gehen könnte. Die Klugheit, nicht dem Wahn der ewigen Jugend und Unsterblichkeit zu verfallen, sondern die geschenkten Tage wie einen kostbaren Schatz zu betrachten, der mir nicht für immer gehört. Kein Tag gleicht dem anderen, deshalb müssen wir auch nicht einen Tag wie den anderen leben, es könnte mit einem Mal ein "zu spät" geben und die Türen sind dann geschlossen.

Auf der anderen Seite heißt Klugheit aber auch mit der Zukunft zu rechnen, etwas von ihr zu erwarten. Ja, ich will mit meiner Zukunft noch etwas anfangen, will sie noch gestalten. Glauben heißt sich im besten Sinne des Wortes erwartungsvoll Gott anzuvertrauen. Ihm gehört meine Vergangenheit, aus seinen Händen empfange ich meine Gegenwart und meine Zukunft vor und nach der Ankunft des Bräutigams. Ihm gehört meine Zukunft vor meinem Tod und nach meinem Tod. Seine Zukunft für uns ist Leben, ist ein großes Fest, dass wir und die vor uns gerufenen und die nach uns kommenden feiern werden.

Und die törichten und dummen Jungfrauen? Sie leben womöglich heute schon wie vor einer verschlossenen Tür, muss doch ihr Leben bieten, was Zeit und Ewigkeit zusammen versprechen, und das kann es nicht.

Klugheit kann ich nicht trainieren, aber ich kann um sie bitten: Herr, lass mich klug werden, dass ich bereit für die Gegenwart und für die Zukunft bin, bereit mich beschenken zu lassen und bereit herzugeben und loszulassen, bereit zu trauern und zu hoffen, bereit zu kommen und zu gehen, wie dein Sohn Jesus Christus, der heute schon die Ewigkeit ist.

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