Auf beiden Beinen

Liebe Gemeinde.

Das wissen wir alle: Die Menschen sind verschieden. Verschiedenheit führt zu Abgrenzungen. Grenzen trennen. Sie trennen die Völker, Deutsche und Ausländer, Arbeitslose und Vielbeschäftigte, Junge und Alte, Alteingesessene und Neuzugezogene, Katholiken und Evangelische. Oft suchen wir uns Freunde, die der gleichen Gruppe angehören wie wir und merken dabei gar nicht, wie wir andere ausgrenzen, weil wir im Freundeskreis unter lauter Gleichgesinnten sind. Jede Gruppe verfolgt ihre eigenen Interessen, versucht sich in der Öffentlichkeit möglichst positiv darzustellen und ihre Rechte durchzusetzen.

Sind wir als Christen in der Gemeinde auch so eine Gruppe? Eine unter vielen und verschiedenen anderen? Grenzen wir uns ab? Worin unterscheiden wir uns denn von anderen?

1. Die erste Antwort ist: Ja, es gibt Unterschiede zwischen Christen und Nichtchristen. Die erste Frage im Heidelberger Katechismus, erklären das so: ?Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? – Dass ich mit Leib und Seele, beides, im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilandes Jesu Christi eigen bin, der mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst hat und mich bewahrt, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt fallen kann, ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss. Darum er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens versichert und ihm forthin zu leben von Herzen willig und bereit macht.?

Wo Menschen beginnen, nach Gottes Willen zu fragen und ihm nachzufolgen, da verändert sich ihr Leben. Gott lieben, ihn ehren und ihm vertrauen, dazu meinen Nächsten lieben wie sich selbst, das unterscheidet einen Christen von anderen Menschen neben ihm. Die erste Antwort heißt also: Ja; Christen unterscheiden sich von Nichtchristen, weil ihn Jesus Christus unendlich wichtig geworden ist.

2. Doch die zweite Antwort beginnt mit einem Aber: Christen leben in der Nachfolge Jesu Christi. Jesus selbst war Gott in allem gleich. Aber er klammerte sich nicht an seine göttliche Herrlichkeit. Er hielt nicht Abstand von uns Menschen. Er kam in unsere Welt. Er wurde einer von uns. Er hat sich mit Pharisäern und Zöllnern an einen Tisch gesetzt. Die Zöllner freuten sich, die Pharisäer waren entsetzt. Als Jesus bei Zachäus, dem Oberzöllner einkehrt, rümpft man die Nase; denn Zöllner galten soviel wie Räuber und Diebe.

Als Jesus sich von einer Frau mit schlechtem Ruf die Füße salben ließ, dachte der Pharisäer, bei dem er gerade eingeladen war: ?Wenn der wirklich ein Mann Gottes wäre, dann müsste er wissen, was das für eine ist!? Aber Jesus macht deutlich, dass er Gottes Liebe allen Menschen bringen will, ohne Grenzen zu ziehen. Und trotzdem bleibt er Gottes Sohn.

In seiner Nachfolge lebt Paulus. Paulus kennt seine Rechte: Er ist berufener Apostel, beauftragt, das Evangelium, die gute Botschaft von der Liebe Gottes zu verkündigen. Das ist nicht nur seine persönliche Überzeugung; sondern das wurde auf dem Jerusalemer Apostelkonzil (Apg 15) von der Kirchenleitung offiziell bestätigt. Seine Berufung, das Wissen, von Gott erwählt, geliebt und beauftragt zu sein, gibt ihm die nötige Sicherheit. Nun muss er nicht mehr auf seine Rechte pochen. Er ist bereit, alles aufzugeben, um Menschen für Christus zu gewinnen.

Es ist das Gesetz Christi, das Gebot der Liebe, unter dem Paulus steht. Er verzichtet auf sein Recht nicht aus Schwäche, sondern weil ihm etwas anderes wichtiger geworden ist: dass Menschen gerettet werden.

Jesus Christus nachfolgen heißt: Seine Wege gehen. Statt zu fragen: Was ist mein Recht? Was bringt es mir?, heißt es in der Nachfolge Christi: Was erwartet Gott von mir? Was kann ich geben? Die Erfahrung der Liebe Gottes befähigt uns zu lieben, Grenzen zu überschreiten, auf andere einzugehen, ihr Leben zu teilen.

?Den Juden bin ich ein Jude geworden, um sie für Christus zu gewinnen?, schreibt Paulus. Das klingt nach unkritischer Anpassung. So ist es aber nicht. Paulus behauptet nicht, dass man einen Verbrecher nur gewinnen kann, wenn man selber ein Verbrecher wird; oder drogenabhängig werden müsste, um mit dieser Erfahrung einen Drogensüchtigen zu retten.

Um Paulus richtig zu verstehen, müssen wir seinen Ausgangspunkt und sein Ziel kennen: Sein Ausgangspunkt ist seine Bindung an Jesus Christus. Ihn hat er als den lebendigen Herrn kennen gelernt – damals auf dem Weg nach Damaskus. Da hat er begriffen, dass er sich nicht selbst erlösen kann, auch nicht mit dem besten Leben. Darum hat er sich Jesus Christus anvertraut, sich auf seinen Namen taufen lassen. Das hat sein Leben total verändert.

Das, was er empfangen hat, will er mit anderen teilen. Das ist sein Auftrag, dafür lebt er. Weil er an Jesus Christus gebunden ist, darum ist er frei, jedem in seiner Eigenart zu begegnen, jeden dort abzuholen wo er steht. Aber er biedert sich nicht an. Er will sie ja nicht dort stehen lassen, wo sie sind, sondern herausholen aus ihrer Enge und Gebundenheit in die Freiheit der Kinder Gottes.

3. Auch wenn wir uns unterscheiden, sind wir als Christen nicht eine Interessengruppe oder ein Verein wie jeder andere, z.B. Fußballclub, Freiwillige Feuerwehr, Gesangverein, Heimat- und Trachtenverein. Wir dürfen uns als Christen von den Menschen, die Gott liebt und die das auch erfahren sollen, nicht absondern. Unser Auftrag ist, als Christen unseren Glauben in Wort und Tat zu bezeugen. Wir teilen die Arbeit mit anderen – als Christen. Wir teilen die Freizeit mit anderen – als Christen. Wo immer wir teilnehmen, erwartet man von uns, dass wir mitmachen und die Interessen des Vereins vertreten. Wie können wir das in Einklang bringen mit unserem Christsein?

Von den Konfirmanden erwarten wir, dass sie am Sonntag zum Gottesdienst kommen. Wir wissen aber auch, dass am Sonntag eine ganze Reihe anderer Veranstaltungen stattfinden: Die Feuerwehr setzt da ihre Übungen an, der Fußballclub fährt am Vormittag zu einem Auswärtsspiel. In der Regel sind die Konfirmanden im Verein eine Minderheit. Das bringt sie in Konflikt: Wir erwarten sie im Gottesdienst; zu den Spielregeln des Vereins gehört jedoch, überall dabei zu sein. Das ist keine leichte Entscheidung. Was bedeutet es da für eine Gemeinde, den Konfirmanden ein Konfirmand zu werden? Ich denke, zunächst einmal, sich in die Situation von Konfirmanden hinein zu versetzen; zu verstehen, dass von zwei Seiten Erwartungen an sie gestellt werden; klar zu sehen, welche Rolle der Verein, welche Rolle die Kirche im Leben der Konfirmanden spielt. Es mag sein, dass die Kirche dabei nicht besonders gut wegkommt. Dann müssen wir nach den Gründen fragen: Warum haben die Jugendlichen das Gefühl, im Verein mehr gebraucht zu werden? Warum fühlen sie sich oft in der Kirche nicht zu Hause?

Der Konflikt, in dem manche Konfirmanden am Sonntagmorgen stehen, ist nur ein Beispiel für eine Entwicklung. In den letzten 200 Jahren wurde das Christsein immer mehr zur Privatsache erklärt, während das öffentliche Leben anderen Gesetzen folgt. So sind die Christen oft in sich selbst gespalten: Gottesdienst am Sonntag und Beruf und Verein unter der Woche oder auch am Wochenende haben scheinbar nichts miteinander zu tun. Sie folgen unterschiedlichen Gesetzen. Wie können wir erwarten, dass Jugendlichen etwas gelingt, womit wir als Erwachsene auch unsere Schwierigkeiten haben?

Jesus aber will Herr sein über unser ganzes Leben, über alle 168 Stunden der Woche, nicht nur über die eine am Sonntagmorgen. Glaube, der rettet, ist nichts Privates, was sich allein zwischen mir und Gott im Verborgenen abspielt. Er bestimmt mein ganzes Leben, auch meinen Alltag.

Was heißt dann aber, den Konfirmanden ein Konfirmand zu sein? Sicher nicht, sie vom Gottesdienst zu beurlauben. Das ist kein guter Weg. Wie sollen sie auf diese Weise erfahren, was der christliche Glaube für ihr Leben bedeuten kann? Beides ist nötig: die Konfirmanden zu verstehen und ihnen zu helfen, dass ihnen Jesus Christus konkurrenzlos wichtig wird, weil er ihre Rettung ist. Da kann das Gespräch und das Beispiel viel dazu beitragen, z.B. auch das Gespräch mit dem Trainer oder dem Vereinsvorstand. Sicher werden mit einem einzigen Gespräch die Probleme der Konfirmanden nicht gelöst sein. Außerdem gibt es viele Gruppen, in denen Christen leben, für die die Kirche verantwortlich ist. Wie kann die Kirche mit allen ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben? Es ist wohl wahr, was Paulus am Ende des 9. Kapitels (1. Kor) schreibt:

Christen sind wie Sportler, die an einem Rennen teilnehmen. Es wäre sinnlos zu starten, wenn man nicht gewinnen oder wenigstens ankommen will. Ein Sportler muss trainieren, muss an sich arbeiten. Disziplin ist nötig. Es wird auch Konflikte geben. Und doch gilt beides: Christen sind unterscheidbar anders, weil uns Jesus Christus und die Gemeinschaft der Kirche unverzichtbar wichtig sind. Aber in seiner Nachfolge sind wir mit beiden Beinen in die Welt gestellt, um da unseren Glauben zu leben.

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