Auch mit dem allerkleinsten Glauben …

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde,

wir befinden uns heute in einer ähnlichen schwierigen Lage wie die Apostel der Gemeinde, die Jesus darum bitten, ihren Glauben zu stärken. Sie fühlen sich von dem die Zukunft ihnen bringen wird in ihrem Glauben grenzenlos überfordert. Jesus spricht zuvor davon, wie Menschen durch ihre Lebenserfahrungen an ihrem Glauben verzweifeln und mit Gott nichts mehr zu tun haben wollen. Er fordert seine Jünger dazu auf, grenzenlos zu vergeben. Angesichts der hohen Herausforderungen empfinden sie ihren eigenen Glauben schwach und klein. Mit einem so kleinen Glauben lässt sich die Zukunft nicht bewältigen.

Die verbrecherischen Attentaten stellen unseren Glauben an Gottes Güte und Gerechtigkeit in Frage. Wie kann er das nur zulassen? Warum hat er sie nicht verhindert? Was ist das für ein Gott, den das nicht berührt? Die Fragen sind nicht an Gott zu stellen, sondern an die Menschen. Sie begehen Verbrechen, morden und zerstören und nicht Gott.

Es fällt uns schwer mit unserer Trauer und Angst, mit unserem Erschrecken und unsere Wut so umzugehen, dass unser Glaube an Gottes gute Nähe nicht gänzlich verloren geht. Schon ein schweres Ereignis in unserem Leben erschüttert unseren Glauben. Um wieviel mehr wird er durch die Bedrohung der ganzen Menschheit in Frage gestellt.

Brauchen wir den starken Mann mit den starken Sprüchen und Drohungen, bewaffnet bis an die Zähne? Ist die Regel Auge um Auge und Zahn um Zahn, wie sie in Palästina täglich grauenhaft geschieht nicht nur tausendfacher vervielfältigt, wenn Amerika und Europa zu den Waffen rufen und mit militärischer Vergeltung drohen?

Gemeinschaft macht stark, das stimmt schon. Aber sie kann trotzdem blind für gewaltfreiere Wege sein. Hundert Blinde sehen nicht mehr als ein Blinder! Es bleibt weiterhin dunkel und damit gefährlich.

Wir sind erschüttert. Wir sind aber nicht ohne Glauben. Überall auf der Erde haben sich unmittelbar nach den Terroranschlägen Menschen zusammengefunden, um zu beten und zu helfen. Hier in Karlsruhe öffneten sich sonst tagsüber verschlossene Kirchentüren. In Gottesdienstes wurden und werden die Menschen, die Opfer des Terrors geworden sind, in die Gebete mit hinein genommen. Mit einem Mal ist der Wille zum Frieden sichtbar geworden. Der kleine Glaube findet sich im Gebet, in von Herzen kommender Anteilnahme, im mit anderen mitzuleiden wieder. Wir entdecken uns mit unserem Leben tief in Gott verwurzelt, wie der Maulbeerbaum im Erdreich.

Es spielt keine Rolle, ob der Glaube viel oder wenig, schwach oder stark ist. Auch mit unserem kleinsten Glauben ist es möglich, dem unendlichen Leid, der grenzenlosen Gewalt zu begegnen. Menschen helfen weit über ihre Grenzen hinaus. Sie sind erschöpft und gleichzeitig ist eine Kraft da, die sie nicht aufgeben lässt. Erfahrungen, die wir auch immer wieder gemacht haben.

Der Hass ist kurz und grell mit äußerster Macht und Grausamkeit aufgeblitzt. Das wird nie vergessen sein. Aber es leuchtet lang und anhaltend die Liebe in allen Formen des Helfens auf. Die Bosheit und der Hass können die Liebe vielleicht für einen Moment verdunkeln, aber nicht beseitigen. Selbst dann nicht, wenn es Jahrzehnte dauert.

Die Liebe kommt von Gott, bekennen wir. Sie hat den Tod, den wir noch erleiden, durch Jesus Christus überwunden. Sie ist Licht und Zeichen der neuen Welt Gottes, die alle Menschen einbezieht. Mitten im Leid und Elend leuchtet sie auf. Sie fordert uns heraus, in aller Welt und im eigenen Umfeld, den Menschen im Elend, in der Not, im Leid und Unrecht beizustehen.

Jesus sagt, wir werden das auch mit dem allerkleinsten Glauben schaffen, weil auch der kleinste Glaube immer ganzer Glauben ist. Denn der Glaube kommt von ihm. Wir können Ihn uns nicht nehmen oder geben, sondern nur von ihm empfangen. Der Apostel Paulus sagt das so: "Der Glaube kommt allein aus dem Hören der Botschaft; die Botschaft aber gibt uns Christus." (Röm 10.17)

Jesus wendet unseren Blick weg von dem ständigen Vergleichen. Es zählt nicht viel oder wenig, groß oder klein, stark oder schwach. Paulus musste sich sagen lassen, dass Gottes Kraft in dem Schwachen mächtig ist. Wir brauchen uns auch nicht gegenseitig mit frommen oder starken Sprüchen aufzumuntern, sondern das tun, was jetzt zu tun angesagt ist, um die Not der Menschen zu lindern. In allem aber was wir in großer oder kleinen Kraft tun, dürfen wir uns der Gegenwart unseres auferstandenen Herrn gewiss sein. Sein Reich leuchtet auf in jedem Tun aus Glaube, Liebe und Hoffnung.

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