Apfelbäumchen

Liebe Gemeinde, liebe Junge aus der Musikfreizeit am See –

da habt Ihr Euch nach den Regentagen auf einen schönen, sommerlichen Gottesdienst gefreut – und er ließ sich ja auch schon gut an mit dem „Die beste Zeit im Jahr ist mein“; und dann ernste Töne: „Wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr erwarten …“ Und nun : „Bald wird das Ende der Welt kommen!“ – Nicht eben der Satz, mit ich Menschenmengen begeistere. Das Ende – „Kann uns gestohlen bleiben: Wir wollen erst mal leben …“ sagen die einen (aber was für ein Bild von Leben steckt dahinter? Hier alles, dann nicht mehr?) und „Das hatten wir doch schon –zig Mal – wie bei Jehovas Zeugen – und was war? Nichts war!“ die anderen mit unverhohlener Resignation. Oder unverhohlene Sehnsucht in einer Traueranzeige „Sie hat schon gemeint, der liebe Gott habe sie vergessen .. wir nehmen Abschied von ..“

Was ist nun mit dem Ende? Dem einen großen Ende gehen viele kleine Voraus. Im Leben von Menschen, Abschiede, mit dem Zauberland der Kindheit fängt es an, immer wieder, das ganze Leben, bis eine, bis einer allein zurückbleibt. So auch mit dem Ende der Welt: Viele kleine Enden bevor das große Ende kommt. Schon immer. Jetzt auch. Wieder einmal ein kleines Ende politischer Moral: Scharping wird gegangen und Cem Özdemir will von sich aus nicht mehr für den Bundestag kandidieren. – der wirtschaftlichen Moral: Wie viel Abfindung darf ich mir aus der großen Kiste nehmen, bevor der Staatsanwalt kommt? – der Verkehrsmoral (sogar auf dem Bodensee): „Ah, das reicht noch ..“ und ab auf die Vorfahrtsstrasse. – der Steuermoral – wie haben Sie Ihre Steuererklärung abgegeben? Legal immer hart an der Grenze oder gerecht? Der Standort Deutschland ist zur Schnäppchenjägerrepublik geworden. Und das Land? Schön, immer noch – aber unter die Räder der Begehrlichkeiten gekommen: „O Land, Land, höre des Herrn Wort …“ lese ich in den Profetenbüchern.

Das Ende: Kein „Big Bang“, der die Zeit beendet, sondern viele kleine „bangs“ und aus „Good Times“ wird „Bad Times“ – Erich Kästner im Fabian „Wir leben in einer großen Zeit – und sie wird jeden Tag ein wenig größer.“ Kein Wunder: Wer glaubt, dass sie oder er Leben nur in diesem Leben findet, muss – das ist völlig logisch – die Ellenbogen bis an die Grenze des Erlaubten ausfahren – oder noch ein bisschen mehr – auch eine Variante von Fortschritt. Wie das Werden ist auch das Ende ein Prozess. Persönlich sehe ich das ziemlich undramatisch, wenn der Schreiber des ersten Petrusbriefs schreibt: „Bald wird das Ende der Welt kommen.“

Interessanter in meinen Augen dann schon das: „Deshalb seid wachsam und nüchtern, werdet nicht müde zu beten.“ – will sagen: Träumt und trottelt nicht gottvergessen durch die Welt, sondern lebt wie Menschen, die ein Ziel haben: Wachsam, nüchtern, im Gespräch mit dem, der der Herr der Zeit und Eures, meines Lebens ist: Gott. Der Schreiber des Petrusbrief entwickelt gegen den Werteverfall auf das hin, was ihm als Ende erscheint, eine Gegenstrategie. Vier Dinge nennt er: Von der Liebe ist die Rede: „Vor allem aber lasst nicht nach, einander zu lieben.“ Die schwesterliche, die brüderliche Liebe in allen ihren Möglichkeiten und Spielarten vom Lächeln über das freundliche Wort, das Zuhörenkönnen, Hilfsbereitschaft Liebe setzt Phantasie für die, für den neben mir frei, Liebe macht den Blick frei für das Ganze, für das Ziel, Gottes Ziel. Kein Wunder – die Liebe wurzelt in Gott. Sie war schon damals bei den ersten Christen das Merkmal. Der eine Heide, römischer Geschichtsschreiber in Karthago (Plinius der Jüngere?), der von den Christen schreibt: „Seht nur, wie sie einander lieben.“ – Was für ein Kompliment. Damals – heute, wo immer Liebe Gestalt gewinnt, das Miteinander verändert, Minen aufhellt, Falten glatt streicht und, ja, Sünden zudeckt.

Gastfreundschaft ist angewandte Liebe. Gastfreundschaft für die Nahen und die Fernen, die Bequemen und die Unbequemen – wie könnens uns leisten Menschen an uns heranlassen, wenn wir nahe bei Gott sind, dort Halt haben brauchen nicht nur um uns selbst kreisen, sondern Zeit für andere haben. Schön, wenn Menschen von der freundlichen Atmosphäre unserer Gemeinde, unserer Gottesdienst­gemeinde sprechen. In Kattenhorn habe ich das öfter gehört und mich sehr gefreut.

Die Gaben. Von den Gaben ist auch die Rede. Nun nicht von den natürlichen Gaben wie die Stimme oder ein Instrument beherrschen, da oder dort Stärken haben – das ist gut, keine Frage. Aber hier geht es um mehr. Hier geht es um die Gaben, die Gott seit Pfingsten im Heiligen Geist für Dich und mich bereit hat und freigiebig austeilt denen, die ihn darum bitten. Im 1. Korintherbrief ist davon die Rede, von Glossolalie bis hin zu ganz pragmatischen Gaben wie Motive wahrnehmen oder Heilen oder eine Kasse ehrlich und ordentlich führen. Gemeinsam ist den Gaben eines: Sie dienen der Gemeinde – sie dienen dem anbrechenden Reich Gottes. Sie machen das Miteinander einfacher, klarer, entspannter. Und sie machen es dem eigenen Stolz schwer: Keine, keiner, der dann noch sagen könnte „Das hab ich selbst gemacht.“ Vielmehr:

Bist du dazu berufen, Gottes Wort auszulegen, dann soll Gott durch dich sprechen. Hat jemand in der Gemeinde die Aufgabe übernommen, anderen Menschen zu helfen, dann arbeite er in der Kraft, die Gott ihr oder ihm gibt. Das sieht nach Arbeit aus, ist es aber nicht. Der Nebensatz ist der Hauptsatz: „dann soll Gott durch Dich sprechen … dann arbeite in der Kraft, die Gott gibt.“ Also: Entspannen. Es geht nicht um die eigene Muskelkraft oder grauer Masse, sondern zuerst darum, im Kontakt mit Gott die anvertraute Kraft, die anvertrauten Gaben elegant einsetzen. Es ist keine Schande, die Gaben Gottes in Anspruch zu nehmen: Keiner käme auf die Idee, das ganze Leben aus eigener Kraft zu gestalten, den Kühlschrank zu Hause oder den Ghettoblaster aus der Freizeit mit dem Fahrraddynamo antreiben – und nachher spazieren wir aus eigener Kraft weiter in den Kattenhorner Gottesdienst: Unfug – wir nehmen das Auto. Ebenso wenn es darum geht, Aufgaben in der Gemeinde zu erfüllen: Wir verwenden Gottes Kraft. Das Gebet ist die Steckdose, das Wort Gottes die Betriebsanleitung und der Heilige Geist ist ausgegossen in unsere Herzen. Und so leben wir – Moment: Leben wir so? – so könnten, so können wir leben, gerne von jetzt, sofort an. Und ganz sicher – um einiges entspannter als aus eigener Kraft und …

Und das Ende? Martin Luther: „Wenn ich wüsste, dass die Welt morgen endete, würde ich heute einen Apfelbaum pflanzen.“ – Ja, das Ende. Das kommt mit und ohne uns. Pflanzen wir getrost unsere täglichen Apfelbäumchen der Liebe, Achtsamkeit – die passen besser in Gottes Gemeindelandschaft als ein eingezogenes Genick und Katastrophenängste – eher fröhliche Gelassenheit. Überlassen wir das Ende vom Ende Ihm – wenn Er kommt.

So preisen wir Gott durch Jesus Christus mit allem, was wir sind und haben. Ihm allein gehören alle Ehre und alle Macht für immer und ewig. Das ist gewiss.

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