Ankunft und Gegenwart

Liebe Gemeinde,

Seid geduldig! Stärkt eure Herzen – denn das Kommen des Herrn ist nahe.

So heißt es im Jakobusbrief, der heute Predigttext ist.
Dazu wird ein Beispiel erzählt von dem Bauern, der ja schließlich auch geduldig wartet, bis nach Frühregen und Spätregen, die er nicht selbst beeinflussen kann – bis nach dem Regen also die kostbare Frucht der Erde sich zeigt.

„Geduld“ ist ein wichtiges Stichwort in diesem Text.

Na, mit der Geduld ist das ja so eine Sache! Einerseits gilt sie als Tugend: Geduld haben heißt, Aushalten, das nicht alles nach dem eignen Willen geschieht. Das Unvertraute, das Ungewohnte, das Fremde dulden.

Andererseits kommt mir die Forderung „Sei doch geduldig“ auch oft etwas zweifelhaft vor: Wie oft ist die angemahnte Geduld nur ein Instrument der Ruhigstellung, wenn wir nicht mehr weiterwissen. „Nun sei mal geduldig – das wird schon wieder“ – „Die Zeit heilt Wunden“ – das ist zwar auch wahr, hilft aber nur wenig in der Not.

Und ist die Duldsame, der geduldige Aushalter, ist das wirklich das Idealbild eines Menschen? Ist der Duldsame nicht auch oft der Dumme?

Und doch bleibt manchmal nichts anderes als die Geduld – ob wir wollen oder nicht. Das Aushalten ist oft notwendig in unserem Leben, auch wenn die Zeit in der wir Leben eine Zeit ist, in der das „Aushalten“ weder gelernt noch gelehrt wird. Und doch bleibt manchmal nichts anderes als die Geduld zu bewahren. Ein einfaches – ganz banales – Beispiel. Das ist schon eine Weile her, da wollte ich zu einer Hochzeit ins Sauerland. Als Überraschungsgast. Ich hatte es mir ganz toll ausmalt, wie ich da unvermutet auftauchen würde und freute mich sehr darauf. Und dann: Stillstand auf der Autobahn. Durch einen Unfall gab stundenlang eine Totalsperrung wegen einer beschädigten Brücke. Alles stand still. Also: Geduld haben, Verkehrsfunk hören, mit den anderen Fahrerinnen und Fahrern reden – merken: es nützt alles nichts. Ich sitze hier fest.

Ich weiß noch, dass ein Orkan von Gefühlen in mir aufbrauste: Wut und Zorn darüber, dass mein Plan nicht aufging. Trauer, weil ich die Hochzeit nicht miterleben konnte. Und vor allem ein Gefühl war da: Ohnmacht. Ich spürte: Du kannst hier gar nichts tun.

Zugegeben, das Beispiel ist wirklich etwas banal. Aber ich denke, dieses Stehen bleiben – unfreiwillig, das kennt wohl jeder und jede. Irgendwo festhängen, nicht weiterkommen auf dem Weg oder mit einer Sache, die wir uns vorgenommen haben. Mit einer Erwartung leben, heißt das, die sich noch lange nicht erfüllt, so sehr wir auch darauf hoffen. Und dazu gehört das Gefühl von Ohnmacht: Spüren: Du kannst hier gar nichts ändern. Du kannst nur – Abwarten.
Du kannst dir blöd vorkommen, lächerlich, kannst weinen, schimpfen, vielleicht wird es dadurch etwas leichter, aber es ändert nichts. Du kannst nur warten. Warten – hoffen – mit dir selbst ins Reine kommen – Aushalten.

Vom Stau auf der Autobahn bin ich in meiner Predigt nun doch im Advent angekommen! Geduldig warten ist das Thema des Predigttextes:

„So seid nun geduldig, liebe Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde ist dabei geduldig bis sie empfange Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.“

Die Gemeinde, der das gesagt wurde, muss sich auch gefühlt haben wie im Stau.
Aufgestaute Erwartungen, Hoffnungen, die keine Erfüllung fanden, weil die Welt eben doch noch nicht das Reich Gottes ist. Die Mahnung zur Geduld im Jakobusbrief hat ihren Ursprung in der Armenfrömmigkeit christlicher Gemeinden der zweiten und dritten Generation nach Jesu Tod. Immer deutlicher klafften in der Gesellschaft die sozialen Unterschiede auseinander.
So unähnlich war das unserer Gesellschaftsentwicklung seit 1945 nicht:

Da gab es Leute, die Handel trieben, denen ging es gut. Sie hatten sich mit den Gegebenheiten der Weilt arrangiert und bald war ihnen gar nicht mehr so viel an der Wiederkunft Christi gelegen. War nicht auch diese Welt ganz angenehm und erträglich – wenn man auf der richtigen Seite stand? Aber da gab es auch die Menschen, die arm waren, die keinen Anteil hatten an den Gütern des Wohlstandes, die sich so durchschufteten durch ein schweres Leben. Die warteten dringend auf die Wende, auf das große Ereignis, das ihre irdische Not beenden würde. Für sie verband sich mit der Verkündigung des Gottesreiches die ungeduldige Hoffnung, dass alle Mühen und alles Unrecht, alle Not und das Elend der Welt endlich abgeschafft wären – wenn doch nur endlich die Zeit dafür anbräche!

Sie sind mir nahe diese Menschen – beide, aber die Ungeduldigen vor allem. Welche tiefe Sehnsucht haben sie in sich getragen! Was für ein dringliches Hoffen mag sie aufrecht erhalten haben! Sehnsucht nach Frieden, der am eigenen Leib spürbar ist. Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die alle Menschen umfasst und keinen auslässt. Das ist auch meine Sehnsucht – eine Ursehnsucht von uns Menschen. Sehnsucht, dass doch kommen möge, was unsere Welt und unser vorläufiges Sein von Grund auf erfasst und neu werden lässt und heilt.

Gerade jetzt in einer Zeit, die an vielen Orten von dem Begriff „Krise“ geprägt ist, gerade jetzt wächst die Sehnsucht nach Erneuerung, gerade jetzt wächst die Ungeduld und treibt auch ihr Spiele mit uns. Damit hat es wohl zu tun, dass so manche voreilige Entscheidung fällt in der Politik und auch in der Kirche. Und da wird in unserer Kirche schon von „Reformation“ gesprochen, bevor der steinige Weg überhaupt richtig angefangen hat.
Liebe Gemeinde wir sind da erst ganz am Anfang.

Das macht ungeduldig. Das lässt die Sehnsucht nach guten Lösungen – nach ER-Lösung mächtig werden. In diese drängende Sehnsucht hinein ist es gesprochen, das Wort von der Geduld: In die dringliche Forderung der Menschen dass nun doch endlich Klarheit kommen möge und eine Richtung in der Politik, in der Kirche – ja und in unserem privaten Leben natürlich auch – in diese Forderung nach Erleichterung wird nicht eine billige Vertröstung gesagt, sondern: da mahnt einer zur Geduld.

Das ist keine billige Vertröstung oder einfache Erziehungsmaßnahme, so wei man quengelnde Kinder vertröstet und zur Ruhe bringt: Wenn du schön geduldig bist, dann bringt der Nikolaus dir auch was Schönes … Nein. Die Mahnung zur Geduld im Neuen Testament erinnert an das Wissen und Vertrauen darauf, dass unsere Hoffnung nicht ins leere geht. Die Mahnung zur Geduld ist nicht Vertröstung, sondern Erinnerung. Geduld als christliche Lebenshaltung heißt: Akzeptieren, dass nicht wir Gott herbeizitieren können und ihn so hinbiegen, wie wir es gerade gut finden für uns. Sondern Geduld haben heißt darauf vertrauen, dass Gott es ist, der sich immer schon auf den Weg macht zu uns. Geduld haben bedeutet auch: Gespür entwickeln dafür, dass Gott manchmal gerade da ist, wo wir ihn am wenigsten vermuten, überraschend, unberechenbar, ohne unsere Zutun und seien wir auf Erden auch noch so einflussreich und wichtig. Und Geduld haben heißt auch: Die Wahrnehmung schärfen für die Zeichen der Menschwerdung Gottes bei uns. Gottes Spuren hier suchen, nicht in ferner, übernatürlicher Welt, sondern mitten unter uns.

Wenn Gott wirklich Mensch werden will, dann sind wirklich wir es, die ihn empfangen werden. Da bin ich ganz sicher.

„Seid geduldig und stärkt eure Herzen, denn das Kommen Gottes ist nahe.“ Das gilt heute so wie damals. Es ist eine Mahnung. Und es ist eine Ermutigung, dass wir uns bewusst machen, dass Gott immer ein Kommender ist, der schon da ist und ein Gegenwärtiger, der noch kommt.

In dieser Spannung leben wir als Christinnen und Christen:

Ankunft und Gegenwart.
Warten und Empfangen.
Sehnsucht und Gewissheit,
Ewige Unruhe und – Geduld.

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