Angerührt

Es ist genug – ich wünsche mir nur noch den Tod!

Von ganz tief drinnen kommt dieser Stoßseufzer des Propheten, der nicht mehr weiter kann, weiter weiß und weiter mag. „Ich habe keine Kraft mehr allein wie der Rufer in der Wüste dazustehen, allein gegen alle Mächte dieser Welt zu kämpfen, allein am Glauben der Väter festzuhalten, allein für alles Unglück verantwortlich gemacht zu werden, allein für die rechte Sache zu kämpfen, mich allein zu verbergen und um mein Leben zu fürchten: es ist genug! Ich wünsche mir längst den Tod, den andere für mich beschlossen haben. Es ist genug – der Tod ist besser, freundlicher als dieses Leben. Einfach nur einschlafen, nicht mehr aufwachen und dann ist es vorbei – endlich – für immer.“ Ja, solche Verzweiflung, solches Ausgebranntsein kommt von ganz tief drinnen und ist wie ein nie verstummender Ruf durch alle Zeit hindurch, über alle Grenzen hinweg.

· Es ist genug immer auf der Flucht zu sein, nirgends hinzugehören, sich von allen verraten, verlassen und verkauft zu fühlen. Ein Ruf, der Israel durch seine Geschichte begleitet hat, der es ohne, dass sie es begreifen, bis heute mit den Menschen in Palästina verbindet über alle trennenden Gräben hinweg. Es ist die Sehnsucht der Schwarzen über Jahrzehnte hinweg, die sich gegen Rassentrennung und Ungerechtigkeit aufgelehnt haben.

· Es ist genug, begehren junge Leute auf, die sich gegen die Oberflächlichkeit wehren, die ihnen Erwachsene vorleben, wenn sie in der Befriedigung ihrer Konsumwünsche, im Materiellen allein den Sinn ihres viel zu kurzen Lebens sehen. Alles ist besser als dieses Leben, in dem allein gilt: haste was, biste was!

· Es ist genug mag der 50jährige denken, der seit Jahren von einer AB-Maßnahme zur nächsten Weiterbildung geschleust wird, um in der Statistik nicht weiter aufzufallen. Was soll das für ein Leben sein, immer zu alt und zu nichts mehr nütze zu sein und zugleich mitansehen zu müssen, wie andere 10,12 Stunden am Tag zerrieben werden zwischen all den Anforderungen und Erwartungen im täglichen Arbeitsalltag.

· Es ist genug: anderes kann die Frau, seit Monaten ans Krankenbett gefesselt in den wenigen Augenblicken, wo die Schmerzen ihr nicht die Besinnung rauben, nicht mehr denken. Ob ich wohl noch einen Zipfel vom Leben abbekomme?

· Es ist genug, wenn sich das Leben nur noch zwischen der Leere und Einsamkeit der eigenen vier Wände und den Gang auf den Friedhof, wo all die mit ihren Hoffnungen begraben liegen, die ich in meinem Leben einmal geliebt habe.

· Es ist genug mag auch mancher von uns denken, der sich in der Gemeinde engagiert, der lange genug nicht seine Fahne in den Wind gehängt hat, Nachteile in Kauf genommen hat nur, um der Sache des Glaubens treu zu bleiben und doch nicht verhindern konnte, dass die Gemeinden immer kleiner wurden, die Kinder und Enkelkinder doch nichts wissen wollten von dieser Kirche, die ihm / ihr doch so viel im Leben bedeutete und geschenkt hat, nur um jetzt wie ein verstaubtes Relikt aus alter Zeit zu wirken.

Und dabei ist es uns anders als dem Propheten Elia auch nicht gelungen vom Himmel ein Feuer herabzuflehen, das Ungerechtigkeit, Hass, Ignoranz, Oberflächlichkeit und Ohnmacht angesichts der Übermacht des Todes in die Schranken weist.

Was wäre das, liebe Gemeinde, für eine trostlose Welt und trostlose Zeit, wenn diese Resignation, diese Erschöpfung und diese Mutlosigkeit das Ende des Weges und der Geschichte des Propheten Elia wäre. Einsam unter einem Ginsterbusch die Augen schließen und sich der traum- und bilderlosen Nacht des Todes anzuvertrauen wäre wohl der letzte und der einzige Trost, der bliebe. Null Bock und No Future wäre nicht mehr einfach nur ein pubertäres Gefühl, sondern das alles bestimmende Lebensgefühl ganzer Generationen.

Aber Gott sei Dank endet die Geschichte Elias nicht inmitten der Wüste der Mutlosigkeit. Sondern an diesem Tiefpunkt, der zu einem Wendepunkt wird, beginnt sie eigentlich erst richtig. Denn jetzt wird Elia angerührt, er wird sanft aus seinem erschöpftem Schlaf geweckt.. Ein Engel, so wird überliefert, begegnet ihm und fordert ihn auf: steh auf und iss. Oder wird er dadurch zum Engel, dass er das Selbstverständliche ausspricht: steh auf, dein Weg ist hier noch nicht zu Ende. Du brauchst Kraft und Mut, damit du das Ziel erreichst? Brot, gebacken in der Glut und Wasser, geschöpft in einem Krug werden ihm zu Zeichen der Ermutigung. Und Elia isst und trinkt und er fällt wieder in einen tiefen Schlaf. Aber diesmal ist es kein Todesschlaf, sondern der erfrischende und kräftigende Schlaf wie nach einem langen erfolgreichen Tag, an dem ich zufrieden die Hände in den Schoß legen kann, weil ich etwas erreicht und bewegt habe. Als Elia erwacht, wieder war es die sanfte Berührung eines Engels, stärkt er sich noch einmal, isst und trinkt und dann ist er bereit. Oder ist womöglich schon diese Erfahrung, ausgeruht und wie neugeboren zu sein wie die sanfte Berührung eines Engels, wie ein zarter Hauch von Gott in meinem Leben? Elia jedenfalls ist wie verwandelt, voller Mut, voller Kraft, ohne Angst vor dem Weg, das Ziel, den Gottesberg Horeb fest im Blick. Und das trotz vierzig Tage und Nächte durch unwegsames Land, wie einst Israels langer Weg aus der Knechtschaft in die Freiheit des gelobten Landes. Die Wüste, das Tal der Tränen, das Gefühl: hier ist es aus, will durchwandert und hintersichgelassen werden!

Wie, liebe Schwestern und Brüder, wäre es wohl, wenn die Menschen in den Wüsten ihres Lebens mit dem Gefühl am Ende zu sein, nicht unter den Ginsterbüschen Zuflucht suchen, sondern unter unserem Dach? Die, die aufgezehrt wurden von ihrem Hunger nach Gerechtigkeit und Frieden, die sich einsetzen für die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen. Die, die an der Sinn- und Orientierungslosigkeit unserer Konsumgesellschaft leiden und nicht mithalten können und mithalten wollen. Die der Sucht verfallenden, weil sie in sich so stark die Sehnsucht nach Leben verspürt haben. Die, denen das Dach auf den Kopf fällt, die an den Gräbern nicht mehr weinen können, die, deren Leiden und Sterben würdelos geworden ist und die, die ohne ihre Kirche nicht leben wollen und können und doch so sehr an ihr leiden. Sie alle dürfen sich hier ausruhen, einen Augenblick ruhig, leer und erschöpft, traum- und bildlos verweilen. Dann aber wollen wir sie anrühren oder uns selbst anrühren lassen mit frischem Brot in den Händen und frischem Wasser, das vom Leben erzählt, damit wir alle zusammen neue Kraft und neuen Mut für unseren Weg finden. Schließlich halten wir doch Brot in unseren Händen, Brot, wie Jesus es so oft in seinem Leben gebrochen hat, zuletzt am Abend des Verrates. Und wir bitten täglich um das Brot, Brot des Friedens und der Versöhnung, des Vertrauens. Wir können uns ein freundliches, klares Wort schenken, das wie ein gutes Stück Brot in der Hand ist. Wir können miteinander das Brot teilen, von dem Jesus gesagt hat: das ist mein leib, so wie ihr es brecht, bin ich zerbrochen. Aber vor allem um für euch dann aufzustehen hinein in die Kraft des neuen Lebens. Da wo ihr Brot brecht, gehe ich mit, stärke und führe euch auf den Weg des Lebens.

Und uns ist ebenso das Wasser anvertraut, das Leben schenkt. Das Wasser der Taufe ist Zeichen für Gottes Nähe und Liebe, Ausdruck seines unbedingten Lebenswillens: ja, ich will, dass du lebst; ich will, dass du das Ziel erreichst. Ich will, dass du bewahrt bleibst in den Gefährdungen und Enttäuschungen des Lebens, ich will, dass du auch Schuld und Versagen hinter dir lassen kannst. Und dann können wir uns dann alle zusammen aufmachen: ermutigt, gestärkt, getröstet, aufgehoben in der Gemeinschaft derjenigen, die unterwegs sind. Gestärkt in der Überzeugung, dass Friede und Gerechtigkeit kein Wunschtraum bleiben, ermutigt durch die Gewissheit einen Platz und eine Aufgabe im Leben zu haben, bestärkt in dem Glauben, dass unser Leben Sinn und Inhalt hat, den wir gerade miteinander entdecken können und getröstet mit der Hoffnung, dass auch das letzte Stück Lebensweg, so schwer es auch sein mag, nicht das Ende, sondern der Anfang eines neuen Lebens sein mag. Ein Ziel fest im Blick: das Reich Gottes, das vor uns liegt und dessen Vorgeschmack wir heute hier und jetzt erleben dürfen. Es ist der Traum von einer Kirche, die Jesus nachfolgt (Lukas 9) auch durch die Wüsten des Alltags hindurch. Aber gerade so ist sie ja wie ein Licht in der Dunkelheit (Eph.5) deutlich erkennbar, an dem Menschen sich orientieren können. Engeln, Boten der Nähe Gottes, die anrühren und stärken dürfen wir begegnen und zu Engeln, die anderen Mut machen, dürfen wir so werden. Das schenke uns Gott.

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