Angelpunkte

Liebe Schwestern und Brüder!

Das haben wir alle schon erlebt: eine Tür, die nicht fest in beiden Angeln hängt. Da kann es passieren, dass man sie gar nicht öffnen kann, weil sie klemmt oder gar, dass sie einem entgegenfällt oder ganz herausspringt. Jedenfalls erfüllt sie ihren eigentlichen Sinn weder wenn die eine Angel noch die andere funktioniert, es müssen schon beide in Ordnung sein.

Dieses Bild von den beiden Angelpunkten lässt sich auch auf unser Leben als Christen übertragen. Das macht unser heutiger Predigttext deutlich. Die Frage des Schriftgelehrten an Jesus verrät, dass er offenbar ahnte, dass weder die starke Beziehung zum Herrn, der starke Glaube an Gott, noch die bloße Menschenliebe allein den Menschen in die Nähe des Reiches Gottes bringen konnte.

So bejaht er wiederholend, was Jesus ihm zuvor gesagt hatte: Gewiss, Gott ist nur einer und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brand- und Schlachtopfer.

Gottes- und Nächstenliebe – an diesen beiden Angelpunkten hängt ein sinnerfülltes Leben, von dem Jesus sagt, dass es nicht ferne vom Reich Gottes sei.

Die Geschichte der Kirche verrät freilich, dass ihr dies nicht immer so deutlich vor Augen gewesen ist. Da gibt es viele Beispiele für eine außerordentliche Gottesliebe, die sich aber mit Menschenverachtung paarte.

Die frommen Männer, die Kreuzzüge, Judenverfolgung und Inquisition organisierten, meinten, sie täten Gott damit einen Gefallen. Gottesliebe und Menschenliebe fielen bei ihnen auseinander. Sicher mag dabei eine Rolle gespielt haben, dass ihnen die Bibel in jenen Zeiten noch nicht in so gedruckter Form vorlag, wie uns heute und dass sie vieles nicht direkt nachlesen und nachprüfen konnten.
So wurde dieser fatale Irrtum, dieser schreckliche Irrweg möglich.

Aber das ist auch heute in unseren Tagen an manchen Orten auf dieser Erde traurige Realität. Der Konflikt in Nordirland zwischen Katholiken und Protestanten ist nur ein Beispiel aus der christlichen Welt heute.

Ähnlich erleben wir es bei den fanatischen Moslems, die um ihrem Gott zu gefallen sich und viele andere bei Selbstmordanschlägen in den Tod reißen. Da ist Gottesliebe gepaart mit menschenverachtendem Handeln.

Alle diese Beispiele machen deutlich, dass Gottesliebe ohne Menschenliebe zutiefst unchristlich wird und die Frömmigkeit geradezu totschlägt, wie eine Tür, die nur noch an einer Angel hängt leicht umschlagen kann.

Andererseits gilt ähnliches, wenn Menschenliebe ohne Gottesliebe geschieht. Wenn ich dies so sage, dann habe ich beispielsweise die Menschen vor Augen, die in unseren Diakonischen Einrichtungen arbeiten. Die ganz bewusst diesen Dienst tun und von der Liebe Gottes etwas weitergeben an die Menschen, an die sie gewiesen sind.

Es wird heute oftmals bedauert, dass vom Geist der früher zum Beispiel in den Pfeifferschen Stiftungen spürbar war, als wirklich alle Mitarbeiter, Krankenschwestern, Ärzte und Diakonissen vom Glauben her motiviert ihren Dienst getan haben, heute nur noch wenig zu spüren ist und es ein Krankenhaus geworden ist wie viele andere.

Wir können Liebe nur weiterschenken, wenn wir immer auch wieder empfangende sind, wenn wir uns für die Liebe Gottes öffnen können, können wir auch für andere Menschen offen sein. Bloße Menschenliebe gerät schnell an ihre Grenzen, wenn sie bei sich selbst bleibt.

Gottesliebe und Menschenliebe gehören – mindestens seit Jesus – untrennbar zusammen. Wer das eine ohne das andere will, wird in der Gefahr stehen, beides zu verlieren.
Wir wissen ja auf vielen Ehescheidungen, wie schnell Liebe in Abneigung und Hass umschlagen kann. Wir haben es fast täglich vor Augen in der Welt, wie Menschenliebe sich in Menschenverachtung verwandelt. Da wird einer eben noch geehrt und bejubelt und dann plötzlich wird er fallengelassen wie eine heiße Kartoffel.

Gottesliebe verbunden mit der Nächstenliebe vermag allein davor zu bewahren, dass wir uns zu Herren über andere Menschen aufschwingen, sie ausnutzen, ausbeuten oder seelisch und körperlich vernichten.

So ist das Doppelgebot der Liebe der Eckstein der zukünftigen Weltordnung. Die Lebensweise Jesu – gebunden an Gott und den Menschen – ist das Modell für die einzig chancenreiche Lebensmöglichkeit, Überlebensmöglichkeit der Menschen. Wem es so ausschließlich im Namen Gottes um das Wohl und Heil der Menschen geht, dem gilt wohl auch heute, dass er nicht ferne ist vom Reich Gottes. Dieses einfache Wort gilt auch heute in unserer komplexen und schwierigen Welt: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Schön, dass sich Jesus und der Schriftgelehrte hier einig sind. Auch wenn sie sonst nicht viel gemeinsam haben. Versuchen wir, beides im Blick zu behalten, wir brauchen es wie eine Tür ihre beiden Angelpunkte, wenn unser Miteinander funktionieren soll.

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