Anarchie von oben

Liebe Schwestern und Brüder, so reden wir uns in der Gemeinde immer gerne ein, auch wenn ich zugeben muss, dass diese Anrede immer mehr aus der Mode kommt. Aber diese alte Anrede bezeugt für mich etwas ganz Wesentliches, wenn sie denn ernst gemeint ist. Die Schwester- und die Bruderliebe sind ein wesentliches Zeichen der Gemeinschaft in Jesus Christus. Das hört sich schön und romantisch an, aber wer mit Geschwistern aufgewachsen ist, ahnt vielleicht, dass einem das manchmal schon gewaltig gegen den Strich gehen kann, dass man da manchmal schon gewaltig schlucken muss. Um so mehr ist das auch in der Gemeinde, da muss ich manchmal schon ganz schön schlucken, um in dem, der mit mir das Abendmahl nimmt Schwester oder Bruder zu erkennen. Aber die Liebe Jesus Christi ist eben nicht nur die Liebe zu dem, der ihm nahe steht, sondern auch zu dem, der die Gemeinschaft verrät, vielleicht auch zu dem Mörder von Eschweiler oder zu Saddam Hussein oder zu George W. Bush.

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An der Stelle in der Passionsgeschichte, an der die anderen Evangelisten vom Abendmahl erzählen, erzählt Johannes von der Fußwaschung. Die Szene stellt ein schlichtes Abendessen dar, die Fußwaschung zu Beginn ist ein schmutziger Sklavendienst. Der Herr wird zum Sklaven. Das ruft Protest hervor. Das ist schwer auszuhalten. Petrus poltert los. So ist er, können wir sagen. Aber hat er nicht recht – und sind wir nicht die Blinden, die sich so sehr an das Geschehen gewöhnt haben, dass sie alles hinnehmen. Das können wir doch eigentlich nicht aushalten, dass der Sohn Gottes, der Messias uns die Füße wäscht. Der Widerspruch zwischen unseren Bildern vom Herrn und der Geschichte Jesu wird hier deutlich und wird noch gesteigert bis zum Kreuz.
Das Wunder geschieht: Jesus weiß um seine Macht – und er gibt sich freiwillig in die Ohnmacht. Jesus weiß auch um das, was geschehen wird. Souverän gestaltetet und durchlebt er seine Passion.

Die Fußwaschung ersetzt nicht das Abendmahl, sie ergänzt es. Vieles, was uns am Abendmahl wichtig ist, erscheint hier wieder, die bedingungsvolle Liebe Jesu zu den seinen trotz allem, was Passion an Erfahrung mit den Jüngern bedeutet. Vor allem aber die Erquickung mitten in der Gefahr und dem Leiden. Jesus weiß, wohin er geht und er weiß, dass seine Jünger diesen Weg nicht werden mitgehen können, aber er isst mit ihnen und gibt sich ihnen hin und dient ihnen.
Die Zumutung, sich von Jesus die Füße waschen zu lassen bleibt isoliert unerträglich. Aber gerade darin ist sie ein Beispiel für die Liebe Gottes.
Die Aktion Jesu zwingt dazu, über sich selbst und die eigene Würde nachzudenken. Wie die Taufe Jesu Johannes zwingt, zu bekennen: ‚Ich bin nicht würdig seine Schuhriemen zu lösen’, so muss auch Petrus bekennen: Das ist gegen jede Ordnung, so müssen auch wir bekennen: Dass wir dem Herrn der Welt soviel wert sind, ist gegen jede Ordnung, ist Anarchie pur. Nur kommt diese Anarchie nicht von unten, sondern von oben. Sie macht uns zu Schwestern und Brüdern dieses einen Herrn, so unwürdig wir uns auch oft vorkommen mögen.

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