Am Tropf

Meine Schwestern, meine Brüder,

Wolfgang Borchert, gepackt und geschüttelt von seinen bedrängenden, schlimmen Erinnerungen an die NS-Zeit und den Krieg, fragt am Ende seines Hörspiels „Draußen vor der Tür“: „Wo ist denn der alte Mann, der sich Gott nennt? Warum redet er denn nicht?“ In seiner Kurzgeschichte „Generation ohne Ab-schied“ entdecken wir eine mögliche Antwort auf seine Frage nach der Gegenwart Gottes: „Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe. Unsere Tiefe ist Abgrund.“
Wolfgang Borchert kann offenbar die Sinnfrage seines Lebens nicht beantworten und zerbricht daran. 26jährig stirbt er 1947 in Hamburg.

Und wir heute – stellen wir nicht auch klagend, anklagend die gleichen Fragen wie er: „Wo warst du, Gott, als am 11. September die Flugzeuge in die Türme des WTC gesteuert wurden?“ „Wo warst du, Gott, als jetzt Tausende irakischer
Menschen mit Kriegsleid überzogen wurden?“ „Wo bist du, Gott, wenn sich Israelis und Palästinenser gegenseitig mit mörderischen Gewalttätigkeiten terrorisieren?“ „Wo bist du, Gott? Siehst du nicht meine Not, meine Verlassenheit hier? Gott, steh‘ mir doch bei in der Bedrängnis meines Lebens!“ Wer kennt es nicht dieses ohnmächtige Gefühl des
Ausgeliefert-Seins, des Allein-Gelassen-Seins? Wie versteinert sind wir dann. Jegliches Gefühl scheint in uns
abgestorben zu sein. Kein Leben scheint sich mehr in unseren Adern zu regen. Und unsere Sinne sind wie zugekleistert – sie nehmen nichts mehr richtig wahr. Wir sind am Ende.

Aber dann dringt doch ein Fünkchen von Leben durch diesen Panzer in unser Herz und es ist, als wachten wir auf aus
einer tiefen Narkose. So ein wiederbelebender und mutmachender Funke will z. B. unser heutiges Evangelium sein. „Ich bin der wahre Weinstock …“ sagt Jesus zu seinen Jüngern und damit auch zu uns. Er sagt es uns in seinen sogenannten
Abschiedsreden. Zum Passahfest ist er mit seinen Jüngern nach Jerusalem gezogen. Und Jesus weiß, dass er auf dem Weg in seinen Tod ist, dass er während der Festtage mit seinem Leiden und Sterben seinen von Gott, dem Vater, erteilten Auftrag erfüllen wird. Doch Jesus ist auch ein Mensch – genauso wie wir. Er hat Gefühle, er ist sensibel – mindestens genauso wie wir. Alles andere als leicht wird ihm dieser Weg in seinen Tod. Am Kreuz schreit es dann auch aus ihm heraus: „Mein
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wie nah ist uns doch Jesus Christus, der unsere Verlassenheit bereits durchlitten hat.

Aber Jesus als der Christus, als der Sohn Gottes, des Vaters, sieht weiter. Er weiß heute schon um die Nöte, um die
Verlassenheitsängste seiner Jünger und Jüngerinnen, denen sie in den nächsten Tagen ausgeliefert sein werden. Da wird
nur noch helfen: Zusammenrücken, Beieinanderbleiben, gemeinsames Erinnern, gemeinsames Beten, beim Wort Gottes, dem Evangelium bleiben.

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Mit diesem wunderbaren Bild vom Weinstock, das alle verstehen können, macht er seinen Jüngern und uns deutlich: „Bleibt zusammen. Lasst euch nicht zertrennen. Bleibt bei dem, was ich euch vom Vater erzählt habe. Nur so habt ihr das Leben.“

Dieses Bild vom Weinstock, an dem die Reben hängen, ist uns auf einfache Weise direkt einleuchtend. Wer von uns hat
nicht schon die Erfahrung gemacht, wie lebenswichtig, ja sogar überlebenswichtig es sein kann, am Tropf zu hängen. Unzeitiges Abgehängt-Werden gefährdet unser Leben aufs Äußerste. Überhaupt muss der Tropf sorgfältigt angelegt werden. Unachtsamkeiten beim Herstellen des Zugangs schafft nicht unerhebliche Probleme. Wie gut, dass es nur begrenzte Zeit ist, die wir am Tropf hängen müssen.

Da ist es dann doch mit dem Weinstock wieder anders: Natürlich hängen die Reben an ihm und erhalten von ihm den Lebenssaft, der mehr kann als die Medikamente im Infusionstropf. Dieser Lebenssaft lässt die Reben wachsen – und nicht nur eine, sondern ganz viele. Außerdem sind die Reben während ihres ganzen Lebenszyklusses auf die dauerhaft intakte Verbindung mit dem Weinstock angewiesen. Jede Störung dieser Verbindung lässt die einzelne Weintraube krank, faulig werden bis dahin, dass sie vertrocknet. Die Kraft des Weinstocks ist so riesig, dass er in übergroßer Fülle seine Reben hervorbringt und sie alle ernährt. Jede
einzelne Weintraube in all diesen Reben ist eine in sich geschlossene, abgerundete Einheit und fügt sich dennoch wunderbar in die Gesamtheit ein. Sind sie reif geworden, so munden sie uns als Früchte oder zu Saft gepresst oder auch gekeltert und zu Wein vergoren.

Dieses Ich-Bin-Wort vom Weinstock ist das letzte der sieben Ich-Bin-Worte Jesu. Es korrespondiert mit dem ersten: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Mit der Siebenzahl der Ich-Bin-Worte werden wir auf Gottes Schöpfung verwiesen. Wie ER mit der Erschaffung des Lichtes am ersten Schöpfungstag die Grundlage allen Lebens schuf, so auch sein Sohn, Jesus Christus, der
uns das Brot des Lebens sein will. Am siebten Schöpfungstag schuf Gott den Sabbat als Ruhetag. An diesem Tag sollen wir innehalten von unserer Werktagsarbeit, von unserer alltäglichen Plackerei. An diesem siebten Tag geht es darum, dass wir wieder auftanken, neue Kraft und neuen Mut schöpfen, dass wir uns stärken für die Aufgaben, die uns in der kommenden Woche erwarten. Dazu gehört dann auch die Freude an dem, was uns gegeben ist. Und diese dürfen wir genießen. So
korrespondiert das siebte Ich-Bin-Wort mit dem letzten Schöpfungstag. Über-haupt – Brot und Wein, eine Kombination, der wir in der Bibel immer wieder begegnen, zuletzt im hl. Abendmahl. Uns zur Stärkung und uns zum Heil werden wir nachher
an den Tisch des Herrn treten. Im Empfangen von Brot und Wein lassen wir ihn in uns einziehen, ist er der Weinstock und wir die Reben an ihm.

Pessimistisch wie wir sind, werden wir jetzt dagegen halten: Was nützt mir das alles: ein ruhiger, ent-spannter Sonntag, an dem ich vielleicht auch meine Sorgen vergessen konnte, wenn sie mich am Montag wieder doppelt und dreifach heftig überfallen werden? Ich kenne dieses Gefühl sehr gut; aber ich habe für mich die Erfahrung gemacht, je bewusster ich mich an Christus hielt (im Bild gesprochen: an den Weinstock als Tropf gehängt habe), umso weniger schwer wurde die
kommende Woche. Ja, ich hatte den Kopf frei, Lösungen für aktuelle Schwierigkeiten zu finden.

Kürzlich hielt ich wieder Helmut Gollwitzer‘s Erinnerungen in den Händen: „Und führen, wohin du nicht willst“. In
Tagebuchform beschreibt der Pfarrer der Bekennenden Kirche die Zeit seiner Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion von 1945 – 1951. Nach mehr als 35 Jahren habe ich diese Erinnerungen in der Karwoche wieder gelesen. Es ist eine
Ostergeschichte. Der Zusammenbruch mit Kriegsende und Gefangennahme war Gollwitzers Karfreitag und in der
Gefangenschaft erlebte er seine Auferstehung. Dabei war es für ihn immer wieder die wesentliche Erfahrung, beim Wort Gottes zu bleiben. Verfolgte er ein Ziel mit seiner eigenen Gewitzheit, so ging es regelmäßig schief; vertraute er sich dagegen Gottes Führung an, so entdeckte er dann ziemlich bald, wie nicht nur ihm geholfen wurde, sondern auch durch ihn vielen anderen. Die Sowjets pflegten allen möglichen Kriegsgefangenen die baldige Rückkehr in die Heimat zu versprechen und fingen dann auch an, einen solchen „Heimattransport“ zusammenzustellen. Bevor dieser endgültig in Marsch gesetzt wurde, wurden mehrfach – über Tage und Wochen hinweg – die Listen mit den heimkehrenden Kriegsgefangenen überprüft. Jedesmal wurden – aus welchen Gründen auch immer – diese und jene Männer aus dem Transport herausgenommen. So mancher
dieser Unglücklichen hat diese Riesenenttäuschung nicht verkraftet und ist dann daran in der Gefangenschaft verstorben.

Ähnliches widerfuhr auch Hellmut Gollwitzer. Und bevor er sich nun ganz seiner Resignation hingeben wollte, kam ihm in den Sinn, dass Gott wohl etwas Großes mit ihm vorhabe. Obwohl er nun in ein sogenanntes Regimelager mit verschärften, besonders harten Arbeitsbedingungen verlegt wurde, blieb seine freudige Erwartung ungebrochen. Bald nach seinem
Einrücken in das neue Lager erlebte er die Bestätigung seines Gottvertrauens:
„Wichtiger aber war, dass am zweiten Abend in Asbest einer von den alten Lagerinsassen zu mir kam und mich fragte, ob es zutreffe, dass ich Pastor sei. Als ich bejahte, setzte er sich zu mir mit allen Zeichen der Freude, und lud mich ein, ich möchte doch zu dem kleinen Bibeikreise kommen, in dem sie sich hier wöchentlich zusammenfanden. Ich schaute ihn an wie einen Engel, wie Robinson, der einen Menschen findet, und vergaß um mich den Lärm der Massenbaracke. … Wer in fremdes
Land so verschlagen wird, dass es ihm ,,Elend“ in des Wortes ursprünglicher Bedeutung ist, dem wird es heimatlich, sobald er dort ein paar Landsleute findet, die seine Sprache sprechen und zusammenhalten und von denen er Rat und Hilfe für sich gewärtigen kann. … wer hier sich um die Bibel scharte, der war mein Landsmann noch in einem höheren Sinne und stand in der gleichen Art zu leben und gerade das hiesige Leben zu leben wie ich. So fiel denn schon mit diesem Abend alles ab, was etwa noch an Druck … auf mir lastete, und ich wusste, dass ich hier nicht allein, nicht ohne Gemeinschaft
und nicht ohne Aufgabe sein würde.“
(H. Gollwitzer, „und führen, wohin du nicht willst“)

Welch ein Unterschied zu Wolfgang Borchert, der ganz offensichtlich vom Weinstock abgeschnitten war, abgehängt vom
Tropf des Lebens und so dann keinen Sinn mehr in seinem Leben finden konnte.

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