Allzeit bereit

Unser heutiger Predigttext beginnt mit dem Spruch: ‚Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen‘. Wörtlich heißt das: seid bereit zum Aufbruch. Nur wer zu Jesu Zeiten um seine langen Gewänder einen Gürtel tat, blieb beweglich ohne ins Stolpern zu geraten. Nur wer Licht anließ fand auch im Dunkeln den Weg. Dieser Spruch hat heute besondere Bedeutung. Es gibt Menschen, die sitzen heute auf dem Sprung. Sie haben ‚Bereitschaft‘ beim E-Werk, im ärztlichen Notdienst, bei der Sozialstation, im Krankenhaus. Wir dagegen können uns behaglich zurücklehnen, den Sekt kalt und den Lachs warm stellen. Denn heute ist Feiern angesagt, Aufbruch in ein neues Jahr 2003. Aber hören wir mal erst weiter, was Jesu uns sagen will, was er so Wichtiges beginnt mit diesem Vers:

[TEXT]

Es gab wohl im Ernst keinen Hausherrn, der sich zum Diener seines wachsamen Türhüters gemacht hätte. Ein wirklicher Hausherr verhält sich so nicht – Jesus hat sich allerdings so verhalten. Und damit beginnt das Wunder dieses Gleichnisses. Jesus erzählt eine ganz normale Geschichte – und plötzlich geschieht etwas Überraschendes, etwas Unerwartetes. Da wird deutlich. Es geht nicht um einfache alltägliche Abläufe, sondern um mehr. In diesem Fall um die Gastfreundschaft Gottes, der uns an seinen Tisch einlädt und dort bewirtet, der sich selber zum Knecht macht, wie wir vorhin gesungen haben: Er wird ein Knecht und ich ein Herr – das mag ein Wechsel sein.

Der Text ist zukunftsorientiert, genauso wie unser heutiger Tag (Silvester). So wie wir heute verstärkt auf die Uhr schauen, damit wir jenen magischen Glockenschlag nicht verpassen, der ein neues Jahr beginnen lässt. Genauso warten unsere Knechte und Mägde. Was werden sie getan haben, während sie gewartet haben – Karten gespielt, oder gearbeitet. Das ist wohl nicht wesentlich. Aber gewartet haben sie. Ihr Hausherr war zu einer Hochzeit – und irgendwann musste er heimkommen. Immer wieder werden sie aus dem Fenster geschaut haben. Voller Sehnsucht, dass sie endlich Feierabend machen können. Aber sie mussten warten. Der Hausherr hatte nämlich damals keinen Schlüssel. Das Haus war von innen verriegelt und gesichert. Wer hinein wollte, dem musste aufgemacht werden. Und vielleicht wollte er dann noch etwas. Ein Bad, oder etwas zu trinken oder auch nur seinen Ruhe. Das, was er wirklich wollte, war nicht zu erwarten: seine Mägde und Knechte bewirten. Was bewegt die Knechte und Mägde, wachsam zu bleiben. Ist es Angst vor der Strafe, oder sind sie pflichtbewusst und treu? Die Frage lässt sich weiterspinnen: Was bewegt uns, bei Christus und bei seiner Kirche zu bleiben? Lukas lässt sein Evangelium solchen Menschen ein Wort von Jesus entgegen rufen: ‚selig sind sie.‘

Seinen Jüngerinnen und Jüngern macht Jesus Hoffnung. Er ermutigt sie in ihrer Zeit mit ihm zu rechnen. Er ermutigt auch uns in unserer Zeit mit ihm zu rechnen. Das Leben macht Angst. In unserer Zeit ist es vielleicht der drohende Krieg im Irak, der, wenn er kommt, wohl kaum auf den Irak begrenzt bleiben wird und unabsehbare Folgen haben kann. Andere haben Angst vor Arbeitslosigkeit, wirtschaftlichen Schwierigkeiten im privaten Bereich, Angst um den Verlust von Beziehungen oder von lieben Menschen. Ihnen allen sagt Jesus: Der Kommt und selig seid ihr, wenn ihr auf ihn wartet, auf ihn vertraut und auf ihn hofft. Er lädt euch zu seinem Abendmahl. Das er mit euch feiern will. Jetzt und am Beginn seines ewigen Reiches.

Wir dürfen leben als eine Kirche, die auf ihren Herrn und auf Menschen wartet. Eine Kirche, die immer bereit ist, die Türen zu öffnen, um Menschen hereinzulassen und einzuladen mit zu warten. Wir dürfen leben und in Rufbereitschaft bleiben für die Menschen, die uns brauchen.

Eigentlich bietet unser Text zwei Gleichnisse an. Neben dem Herrn, der auf einer Hochzeit ist und irgendwann heimkommt, noch der kurze Hinweis auf den Dieb, der unerwartet kommt. Vielleicht will Jesus ja sein Bild ergänzen: Nicht nur der Herr kommt wie der Dieb in der Nacht. Viele Diebe kommen Tag und Nacht. Sie wollen mir die Hoffnung stehlen, das Glück. Gerade die Weihnachtzeit ist ja voll der Diebe, die mir einreden wollen, was ich alles haben und sein müsste, die mich daran hindern wollen, einfach dankbar zu empfangen und einfach hoffnungsfroh zu leben und zu gehen in ein neues Jahr. Dagegen gilt die Verheißung: Gott ist Mensch geworden zur Freude, gegen alle Diebe.

‚Allzeit bereit‘ heißt die Losung, mit der die Pfadfinder unseren Text übernehmen. Ein kindlich-trotziger Spruch, aber einer mit einer Verheißung. Nur wer allzeit bereit ist, ist auch dann bereit, wenn es wirklich wichtig ist. Vor allem aber dann mit einer Verheißung, wenn wir bedenken: Der sie uns gesagt hat, war bereit, bereit für uns mit seinem Leben einzustehen. Nicht um uns zu Mägden und Knechten zu machen, sondern zu freien Bürgerinnen und Bürgern seines Reiches, die er an seinen Tisch einlädt.

Die Verheißung haben wir. Im Dunkel des Abends, zu Beginn der Nacht feiern wir einen Gottesdienst auch im Schein des Christbaums. Der Glanz des Herrn der gekommen ist und der kommen wird bleibt – auch an der Schwelle des Neuen Jahres. Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.

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