Alleskönner!?

Liebe Gemeinde,

wissen sie was ein eierlegendes Wollmilchschwein ist? Das ist nicht etwa der genmanipulierte Traum der deutschen Landwirtschaft, so ein Tier das einfach alles kann und das man auf alle Weise vermarkten kann. Eierlegen tut es, Wolle liefern tut es, Milch geben tut es und Fleisch gibt es. Nein, liebe Gemeinde, Theologen und Theologinnen, bezeichnen sich manchmal selbst so, wenn sie von den Erwartunghaltungen der ihrer Gemeindeglieder sprechen.

Ein eierlegendes Wollmilchschwein, das ist der Pfarrer, die Pfarrerin, die einfach alles tun soll, alles tun kann. Ein Ass in der Seelsorge, stets bereit geduldig zuzuhören und gleichzeitig einfach unschlagbar auch in der Verkündigung. Die Arbeit mit Senioren und Seniorinnen ist ihr/oder ihm genauso vertraut, wie die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Der Anzug steht ihm genauso gut wie die lockere Jeans, Orgel spielt er genauso wie E-Gitarre. Das Pfarramt erledigt er/oder sie mit links, denn Verwaltungsangelegenheiten machen ihm Freude, so nebenbei kann er oder sie auch noch einen Kindergarten und eine Diakoniestation leiten, Kirchen renovieren, den Pfarrgarten gestalten, dass es jedem Hobbygärtner entzückt.

Im Dorf hat er oder sie stets dieses verbindliche Lächeln im Gesicht, an dem jeder sehen kann, wie glücklich und zufrieden er oder sie ist, er oder sie kann gar nicht anders, als alles können, jeden verstehen und das theologisch-eierlegende Wollmilchschwein kann auch gar nicht anders, als um des Evangelium willen, rund um die Uhr und an jedem Tag und um des Evangeliums willen zu arbeiten. Sie merken, liebe Gemeinde, ich karikiere unseren heutigen Predigttext, bei dem mir, so im ersten Lesen schon etwas die Hutschnur hochgeht. Da wird Paulus den Juden ein Jude, und den Griechen ein Grieche, ist frei und unabhängig und gleichzeitig bereit auch jedermanns Knecht zu sein, gerade so, wie es gebraucht wird.

Ich bin da anders, das gebe ich zu. Nicht dass ich nicht auch ab und zu gerne so wäre, so ein Alleskönner, den alleine das Evangelium antreibt, und sonst scheinbar nichts, aber ich bin es einfach nicht und, liebe Gemeinde, ehrlich gesagt, ich möchte es meistens auch gar nicht sein. Aber mich interessiert die Person des Paulus sehr und ich möchte verstehen wie er das meint. Meistens ist es ja so, dass Menschen ihrer Vorstellungen vom Glauben und von ihrem Dienst in und an der Gemeinde, aus ihrer eigenen Biographie heraus entwickeln. Da will ich mal auf Paulus schauen.

Er war hochgebildet. Gamaliel, einer der führenden Lehrer der Pharisäer lehrte ihn, und Paulus war einmal so sehr von seiner Art zu glauben überzeugt, dass er Christinnen und Christen, also Menschen, die sich wie Paulus als Juden verstanden, aber eine andere Art von Frömmigkeit hatten, verfolgte. Die Bibel schildert Paulus als einen der schlimmsten Christenverfolger und wir haben keinen ersichtlichen Grund, daran zu zweifeln. Und dann geschah, was man als das Damaskuserlebnis des Paulus bezeichnet. Auf dem Weg in die bekannte syrische Stadt begegnet ihm Christus, er stellt sich dem Paulus gewissermaßen in den Weg. Durch diese Begegnung wird aus dem Saulus ein Paulus.

Er sieht seinen Irrtum ein, er ändert seine Gesinnung, er schließt sich den Christinnen und Christen an, er wird zu einem ihrer führenden Missionare und Theologen. Er gründet Gemeinden in Kleinasien, er wird zum Pionier der Bewegung, die das Christentum zu einer weltweiten Bewegung werden lässt. Das hat ihn viel Kraft und reichlich Auseinandersetzungen mit der urchristlichen, jüdischen Gemeinde in Jerusalem eingebracht, deren wichtigste Vertreter Petrus und der leibliche Bruder Jesu, Jakobus, waren. Er konnte sie überzeugen, dass man als Christ sich nicht beschneiden lassen müsse, dass man als Christ zwar die Speisegebote und Reinheitsvorschriften, die für die urchristliche Gemeinde in Jerusalem, selbstverständlich waren, zwar halten könne, aber nicht halten müsse.

Paulus war, wenn sie wo wollen der Vermittler zwischen den neuen Christen und Christinnen, die ihrer Freiheit vom Gesetz, von der Tora, von den jüdischen Bestimmungen betonten und den ersten Christen, die genau das Gegenteil behaupteten. Paulus war also alles, vor allen Dingen alles anders als ein allseits beliebter Alleskönner, wie ich ihn zu Beginn darstellte. Ganz im Gegenteil. Ich kann mir gut vorstellen, wie er immer wieder zwischen den Stühlen saß, wie ihm die einen vorwarfen, zu sehr gesetzestreuer Jude zu sein und die anderen ihn ablehnten, weil er bei den Heiden, also bei den Nichtjuden missionierte. Paulus versucht meines Erachtens diesen Konflikt aufzulösen und seine Rolle zu beschreiben.

Ihm ist Christus begegnet und darum geht es ihm allein um Christus und sein Evangelium. Es geht ihm schon längst nicht mehr um Judentum und Heidentum, um alleine richtig oder falsch, ihm ging es schon längst nicht mehr darum, Grenzen und Mauern aufzurichten. Das hatte er doch selbst erlebt, wie verblendet und wie engstirnig einer werden kann, der nur seine Art zu glauben für allgemein richtig erachtet. Das war doch der Ursprung seines Fundamentalismus gewesen, der andere verfolgte, dass er neben sich keine andere Meinung mehr zuließ und ist bis heute Ursprung für jede Form von Fundamentalismus. Da bewundere ich Paulus. Er lernte dazu und ließ sich verändern. Das ist also das erste, was ich tatsächlich an Paulus lernen kann.

Er änderte sich, ja er erachtete es sogar als einen Gewinn für den christlichen Glauben, wenn er unterschiedlich gelebt werden könne. So sind diese Worte meines Erachtens zu verstehen, dass er den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche sei. Nicht dass er für alles Verständnis hatte, was sich vor allem damals in der Großstadtgemeinde in Korinth tat, aber er lernte mit der Zeit Menschen in ihrer Art zu glauben erst einmal anzunehmen, auch wenn es nicht immer seine Art zu glauben war. Und wie sind die Worte zu verstehen: Ich bin frei von jedermann und doch jedermanns Knecht? Auch diese Worte erklären sich aus Erlebtem, aus seiner Biographie. In Korinth ließ Paulus sich nicht von der Gemeinde aushalten und übte seinen erlernten Beruf des Zeltmachers aus. In diese Abhängigkeit wollte er in Korinth nicht kommen, von der Gemeinde bezahlt zu werden, denn wer die Musik bezahlt, der darf bekanntlich auch bestimmen, welche Musik gespielt wird. So wollte und konnte Paulus nicht arbeiten.

Das haben sie ihm vorgeworfen damals in Korinth. Gehörst du nicht zu uns? Warum gehst du so zu uns auf Distanz, dass du nicht einmal ein geringes Entgelt von uns nimmst. Paulus sagt: Ich brauche diese Freiheit, aber nicht um distanziert zu arbeiten, sondern für alle in der Gemeinde dazu sein, mit allen Frömmigkeitsstrukturen der Gemeinde im Gespräch zu bleiben. Nur wenn ich frei bin, kann ich den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche werden, nur wenn ich selbst frei bin, kann ich allen das Evangelium verkünden.

Ich habe, liebe Gemeinde vergangene Woche viel darüber nachgedacht. Hier in der Gemeinde, steht mein Abschied bevor, da gilt es Bilanz zu ziehen. In Gedern fange ich im August an, da heißt es sich schon jetzt Gedanken zu machen, wie ich mein Pfarramt ausüben möchte. Und da kann ich viel von Paulus lernen. Die eigene Freiheit und Unabhängigkeit wahren und doch den Versuch zu machen mit den unterschiedlichsten Gruppen und Menschen im Gespräch zu bleiben. Das ist mir nicht immer gelungen und wird mir leider auch in Zukunft nicht immer gelingen. Aber der Versuch lohnt sich auch weiterhin.

Den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche zu sein, bedeutet ja nicht zwangsläufig die eigene Persönlichkeit, die eigene Art und Weise zu glauben aufzugeben. Paulus konnte durchaus und nicht selten mit sehr deutlichen Worten seine Meinung in der Gemeinde vertreten. Paulus war durchaus profiliert und kantig. Aber eines war er nie. Lieblos und gleichgültig.

Von ihm stammen die Worte auch, die wir alle kennen und die genauso seinen Dienst als Apostel beschreiben, wie die Worte, dass er den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche sein wolle: Und würde ich mit Engelszungen reden und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein schepperndes Stück Eisen. Und könnte mein Glaube Berge versetzen und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein Nichts. Das kann ich mir von Paulus bei aller Unterschiedlichkeit sagen lassen. Auf die Liebe kommt es an. Auf die Freiheit die Welt und die Menschen mit der Liebe Gottes zu betrachten. Denn unter dem Strich, so schreibt Paulus nur wenige Kapitel nach unserem Predigttext bleiben nur drei Dinge: Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die Größte unter ihnen. Strebt nach der Liebe!

So beschließt Paulus sein Glaubensbekenntnis für die Gemeinden. Und das wollen wir uns heute auch gesagt sein lassen. Ihr dürft und ihr könnt unterschiedlich glauben und leben. Wenn ihr nach er Liebe strebt, wird Christus immer unter euch gegenwärtig sein und darauf kommt es alleine an. Liebe aber hat etwas mit Freiheit zu tun. In der Bindung an Gottes Wort entsteht diese Freiheit , die uns andere, auch den anders Denkenden und Glaubenden lieben lässt.

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