Alles Zlatko, oder was?

Liebe Gemeinde,

was wären Sie bereit zu tun, wenn Ihnen jemand 250.000 Mark dafür verspricht? Das war die Frage, die ein Radiosender in Sachsen seinen Hörern gestellt hat: Was würden Sie für 250.000,- tun? Es war eine Art Wettbewerb. Man konnte den Sender anrufen und eine verrückte Idee loswerden, die man vor laufender Fernsehkamera in die Tat umsetzen wollte. Es war ein Bombenerfolg, die Leitungen waren tagelang besetzt. Anscheinend waren hunderte von Leuten bereit, für 250.000 Mark einiges in Kauf zu nehmen. Ein paar Beispiele: Eine Frau Mitte vierzig wollte einen Tag lang im Supermarkt oben ohne kassieren. Eine sechzehnjährige Schülerin bot an, in der Fußgängerzohne zweitausend nackte Hintern abzuküssen. Ein anderer wollte sich vor laufender Kamera den Arm ab-hacken lassen, ein anderer sich die Zähne einschlagen lassen. Am Ende sollten dann die Hörer entscheiden, wer das Geld bekommen und damit ins Fernsehen kommen sollte. Gewählt wurde – zum Glück – der Kandidat, der gesagt hatte, er würde das ganze Geld vom Fernsehturm herunterschmeißen.

Eine kleine Episode aus dem Alltag der Medien. Ich sage "Alltag", weil eine solche Show, die von den verrückten Ideen der Leute lebt, längst zum Fernsehalltag gehört. Je abgefahrener, desto besser. Schauen Sie doch mal nachmittags in eine von den zahllosen Talkshows rein, bei Andreas Türck oder Arabella oder Peter Imhof. Haben Sie’s schon mal gesehen, so beim Mittagessen oder nachmittags beim Bügeln? Ich habe mich schon immer gefragt, warum diesen Sendungen, die immerhin täglich kommen und das seit Jahren, die Kandidaten nicht ausgehen. Offensichtlich gibt es immer und immer mehr Menschen, die ins Fernsehen wollen um dort über irgendwelche Dinge zu plaudern, und es gibt auf der anderen Seite immer mehr Leute, die sich das anschauen. Wir schwimmen geradezu auf einer Quiz- Talk- und Reality-Welle. Reality-TV, das ist, wenn man mit ei-ner Kamera Leute beim ganz normalen Leben filmt. Also zum Beispiel wie sich eine knackige Bartänzerin bei ihrer Geburtstagsparty im Suff zusammen mit ihrem siamesischen Zwilling aus dem Fenster stürzt, oder wie ein braungebrannter, durchgestylter Einarmiger sich beim Windsurfen verirrt und mit einem U-Boot kollidiert. Mitten aus dem Leben gegriffen.

Mitten aus dem Leben gegriffen sind auch die Shows von Jerry Springer, dem a-merikanischen Talkshow-Papst. Seine Themen: Ich habe eine bisexuelle Affäre, meine Frau ist ein Mann, zu dick zum Peitschen, ich schlafe mit dem Mann meiner Schwester, ich betrüge dich mit deinem besten Freund. Elf Millionen Zuschauer hat die Sendung, und besonders die Prügeleien unter den Talk-Gästen haben Kultstatus. Sie sind fester Bestandteil der Sendung, und die meisten Zuschauer daheim am Fernseher warten nur darauf, dass die Gäste anfangen sich zu prügeln, ein bisschen wie damals die Zuschauer im Kolosseum in Rom bei der Löwenfütterung.

Die Macher solcher Sendungen sagen: Was wollt ihr? Das ist echtes Leben, wir zeigen nur, was die Wirklichkeit ist. Das ist nun allerdings eine glatte Lüge. Jede Talkshow ist nämlich bis aufs Kleinste vorgeplant, wer wann was sagt und wer überhaupt eingeladen wird, ist alles vorher abgesprochen, also überhaupt nicht wie im echten Leben. Aber die Zuschauer kümmert’s nicht, und wenn es so weitergeht, dann werden demnächst auch echte Morde oder Selbstmorde vor laufender Kamera live übertragen. Ist schließlich auch Realität, wenn auch erschreckende Realität.

Man hört ja im Moment nicht viel von John de Mol, dem Macher von Big Brother. Die Zuschauerzahlen sind eingebrochen, der Container ist abgebaut, wer weiß, ob es nochmal eine Staffel geben wird. Alles schon so normal und gewohnt, keiner regt sich mehr drüber auf, und darum schaltet auch keiner mehr ein. Also muss John de Mol sich was Neues ausdenken, etwas, wo wieder alle schreien und protestieren, aber zuletzt doch alle gucken. Wie wär’s damit: Neun Kandidaten mit nur neun Fallschirmen in einem Flugzeug. Alle wissen vor dem Einstieg, dass die Maschine abstürzen wird, dass aber auch jeder der neun Überlebenden eine Million Mark bekommen wird. Sollte es – Gott bewahre – jemals zu einer solchen Sendung kommen, dann bin ich sicher, es würden sich auch zehn Durchgeknallte finden, die da mitmachen. Und nicht nur wegen des Geldes.

Warum dann? Was bewegt Menschen, ganz normale Leute, dazu, vor die Fern-sehkamera zu treten und verrückte Dinge zu tun, zum Beispiel ihr gesamtes Privatleben inklusive Intimsphäre auszuplaudern? Es ist ganz einfach: Die Sehnsucht nach Anerkennung. Ich will, dass mich jemand beachtet. Ich will, dass mir jemand sagt: Du bist wer, und wie du bist, ist es gut. Du bist in Ordnung. Das ist ein Grundbedürfnis. Menschen wünschen sich jemanden, der ihnen sagt, dass sie auch dann, wenn sie ihren Hund regelmäßig mit Schuhcreme bestreichen, trotzdem eigentlich ganz nette, liebenswerte und normale Personen sind. Es ist so: Wir freuen uns über jeden kleinen Zuspruch des Partners, des Chefs, der Freunde, des Trainers, und wir genießen es, so wie wir sind, gesehen und anerkannt zu werden. Ja kaum etwas ist wichtiger für ein Ich, als gelobt, getröstet und anerkannt zu werden. Manche Menschen wissen sich so wenig angenommen, dass sie geradezu gierig nach Anerkennung sind. Häufig zählt dann nicht mein persönliches Erfolgserlebnis, sondern der Beifall der anderen. Wichtig ist, wie mich die anderen sehen. Deshalb sind wir ja auch meist so bemüht, Reinfälle als Erfolge darzustellen und Misserfolge zu vertuschen.

Zu dumm, dass wir in einer Zeit leben, in der nicht gelobt wird. Ehrlich, es wird heute nicht gelobt. Nur ausnahmsweise vielleicht oder wenn man jemanden wirklich mag. Heute wird kritisiert. Es wird niedergemacht und zwar ordentlich, nach Strich und Faden. Lästern ist Volkssport, über jemand Abwesenden Gutes sagen ist mega-out. Überlegen Sie doch mal, wie oft Sie jemandem etwas Negatives sagen, und wie oft Sie im Verhält-nis dazu jemanden loben? Die Bilanz dürfte schlecht aussehen, und das liegt wahr-scheinlich daran, dass ich, wenn ich dich miesmache, selber als gut dastehe. Ich ziehe mich am Lästern über andere selbst hoch. Teufelskreis: Je weniger ich gelobt werde, desto mehr Anerkennung suche ich, und ich finde sie, indem ich andere schlechtmache und wieder weniger lobe.

Es ist also kein Wunder, und wieder einmal sehen wir, dass die Macher von Medien hochintelligente Wesen sind, es ist kein Wunder, dass das Fernsehen sich diesen Teufels-kreis zunutze gemacht hat. Ich muss mir etwas ausdenken, um die Bestätigung zu be-kommen, die ich zum Überleben brauche. Manche legen sich große Autos zu oder große Häuser oder sonstigen Besitz, wer weniger Geld hat, muss mit weniger zufrieden sein. Also geht er ins Fernsehen. Und er wird dort mit offenen Armen empfangen, sofern er nur irgendetwas Beknacktes zu erzählen hat, Probleme mit der Nachbarin und dem ver-gewaltigenden Mann und dem prügelnden Opa und was weiß ich noch alles. Das Fernse-hen macht das ja nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern um Quote zu machen, Kasse zu machen. Der Trick ist: Gib den Menschen das Gefühl, dass sie in Ordnung sind, dass sie etwas besonderes sind. Lass sie von sich erzählen und sage ihnen anschließend, dass es gut war, das endlich mal loszuwerden, und der Applaus der Zuschauer ist ihnen sicher. Und der Talkshowgast wird nach Hause gehen mit dem großartigen Gefühl: "Endlich hat mir mal einer zugehört!"

Warum müssen Menschen, um sich auszusprechen, ins Studio gehen? Warum müssen sie, damit ihnen jemand zuhört, die ganz große Öffentlichkeit suchen mit Millionen Zu-schauern am Bildschirm? Offensichtlich funktioniert die Anerkennung, die Beachtung, die Menschen brauchen, im realen Leben nicht mehr. Man wird einfach nicht mehr be-achtet oder ge-achtet, im Gemeinwesen nicht mehr – früher traf man sich auf dem Marktplatz, heute noch vielfach beim Einkaufen auf einen kleinen Ratsch. In den Famili-en nicht mehr, in den Schulen schon gar nicht. Und leider auch nicht in der Kirche. Frü-her war nämlich die Kirchengemeinde der Ort, an dem Kommunikation stattfand, an dem man sich das Neuste erzählte und sein Leid klagte. Früher sind die Menschen in die Kir-che gegangen, um zu beichten. Heute beichten sie vor der Kamera.

Wenn wir ernst nehmen, was Jesus getan hat, wie er zum Beispiel mit Zachäus umgegangen ist, dann müsste sich auch der Umgangston in unserer Kirche ändern. Jesus zollt dem Zöllner Anerkennung. Und das ist deshalb nicht selbstverständlich, weil bei einem Zöllner immer alle gleich das Schlechte gesehen haben: Betrüger, Römerfreund und so weiter. So wie wir heute auch gerne schnell das Schlechte an einem Menschen sehen. Jesus richtet Zachäus gezielt auf, weil er weiß, dass der Anerkennung bitter nötig hat. Er spricht ihm nämlich das größte Lob aus, was man einem Israeliten damals sagen konnte: "Du bist ein Sohn Abrahams!" Das heißt, du benimmst dich so, wie es einem Stammvater Abraham würdig und angemessen ist. Wenn das kein Lob ist! Und wir sehen auch gleich, was ein ehrlich ausgesprochenes Lob bei einem Menschen anrichten kann, wozu dein Nächster imstande ist, wenn du ihn nur anerkennend und freundlich ansprichst: Zachäus sagt: "Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück." Das Lob bleibt nicht ohne Folgen. Lob bleibt niemals ohne Folgen, denn wer groß gemacht wird, tut Großes. Wer dauernd kleingemacht wird, wird immer nur wieder kleinmachen.

In der Kirchengemeinde Willow Creek in Amerika gibt es einen Grundsatz: Lobe jemanden erst zehnmal, bevor du ihm eine negative Kritik sagst. Zehn zu eins. "An-fangs", so berichten Mitglieder dieser Gemeinde, "anfangs war es wohl komisch, so oft etwas Positives zu sagen. Auf die Dauer war es aber gar nicht schwer. Wir haben nur das Loben verlernt."

Den Zug des Fernsehens zur Selbstentblößung, dass Leute da hingehen, um Aner-kennung zu erfahren, werden wir nicht aufhalten können. Aber du kannst bei dir an-fangen, die verlorene Kultur der Beachtung wieder zu lernen. Probier’s einfach aus: Nimm dir vor, zwei Wochen lang immer dann, wenn du über jemanden etwas Schlechtes sagen willst, innerlich STOP zu rufen und daran zu denken: Auch der andere, egal ob du ihn leiden kannst oder ob er dir schrecklich auf die Nerven geht: Auch er ist ein Abrahamskind, ein Ebenbild Gottes. Er trägt Gottes Gesicht. Und wenn du ihn groß machst, dann wird er auch danach handeln. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen. Aber irgendwann. Und dann ist deinem Haus Heil widerfahren.

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