Alles vorbei?!

Liebe Gemeinde,

es ist alles gelaufen.

Da könnte ich jetzt meinen: Die Geschenke sind ausgepackt, die Spannung ist weg, die Feiertage stehen bevor. Jetzt ist Weihnachten auch schon wieder rum, höre ich manchen sagen, der heute wahrscheinlich allerdings eher nicht in der Kirche ist.

Sind sie mit mir vielleicht sogar der Meinung, dass es jetzt erst richtig los geht, jetzt wo die Geschenke gemacht sind, wo hoffentlich viele zufriedene Gesichter bei Jung und Alt die Bescherung zu einem wirklichen Fest gemacht haben, jetzt hat man endlich Zeit, Zeit füreinander, zum Erzählen, zum Beieinandersitzen, reden, Musik hören, Fernsehen oder auch um im wahrsten Sinne zur Besinnung zu kommen und den Sinn des Festes wie jedes Jahr wieder neu zu erfassen.

Ja, alles ist vorbei und doch geht es weiter. Das ist die Situation.

Und das war auch das, was die Hirten erlebt hatten, von denen wir im Evangelium gehört haben: Die Engel fuhren wieder gen Himmel, heißt es da lapidar in der Bibel.

Es gab nichts mehr zu sagen, es war alles getan und ausgerichtet. Die himmlischen Boten – verschwunden.

Nun hätten die Hirten sich zurücklehnen können, hätten sagen können: So alles rum. Lehnen wir uns zurück und gehen wieder zur Tagesordnung über, tun was wir immer schon getan haben: Setzen wir uns ans Feuer, wärmen wir uns, schlafen ein bisschen, denn morgen steht wieder ein harter Arbeitstag vor uns. Machen wir weiter wie gehabt, neudeutsch „Business as usual“, die übliche Geschäftigkeit halt.

Doch genau das tun diese Hirten nicht! Sie machen das, was einen Feiertag ausmacht: Sie brechen aus ihrem Alltag aus. Sie tun, was sie sich sonst nicht gönnen: Sie gehen in die Stadt, sie gehen nach Bethlehem. Sie machen sich auf den Weg. Und wie sie so gehen werden sie immer schneller, werden sie von Neugier und froher Erwartung getrieben. Wahrscheinlich in ähnlichem Tempo wie wir, wenn wir noch die letzten Weihnachtsgeschenke brauchen.

Und von dieser Geschäftigkeit wissen wir auch wie wunderbar das ist: Sie suchen und sie finden! Sie finden Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe. Sie finden was Ihnen die Engel versprochen haben. Sie finden das Kind. Sie sehen Gottes Sohn, Christus, den Herrn, in der Stadt Davids.

Sie, raue Gesellen, die es gewohnt sind bei Wind und Wetter draußen zu leben, die sich so schnell nicht drein reden lassen und auch so schnell nicht aus der Ruhe bringen lassen, sind gerührt und … ja und …

Welche Haltung haben sie. Und nebenbei: Welche Haltung würden Sie einnehmen, wenn Sie da zur Krippe kommen. Die Bibel berichtet nichts über Körperhaltungen und Körpersprache. Doch die Kunst und die Krippen haben Bilder in uns gelegt: Der eine steht staunend mit offenem Mund auf seinem Hirtenstab gestützt. Der andere kniet voller Bewunderung, Verwunderung und Berührtsein durch das Wunder der Menschwerdung Gottes in dieser ärmlichen Krippe nieder, faltet die Hände. Ein dritter ergreifts gar nicht richtig und der vierte …

Halt, ich verlasse die Krippenlandschaft und komme zurück zu dem, was die Bibel berichtet: Sie breiteten das Wort aus. Die Hirten berichten, sie redeten, sie verkündigten die frohe Botschaft: Gott ist einer von uns. Der Heiland ist geboren.

Sie wahrscheinlich eher wortkarge Gesellen, ihnen geht der Mund über, über all dem was ihr Herz erfüllt! Sie berichten es weiter. So wie Kindern heute der Mund übergeht, wenn Sie über ihre Geschenke berichten.

Doch das Geschenk, das die Hirten und wir heute am Christfest und wenn wir wollen jeden Tag erhalten, es bleibt dasselbe, so dass damals wie heute Schweigen schlichtweg unangebracht ist: Hier, hier kommt Gott zur Welt. Hier in diesem Stall, angekündigt durch die Engel wird Gott einer von uns, ein Kind, greifbar, fassbar, liebbar. Gott begegnet mir. Und das berührt mich, das ist wahrhaft eine göttliche Botschaft. Ich bin den Zufälligkeiten dieser Welt nicht mehr allein ausgesetzt, sondern ich weiß Gott an meiner Seite. Egal ob ich Hirte bei Bethlehem bin, bei der Audi oder anderswo am Band oder am Schreibtisch sitze, jeden Tag nach München pendele, meinen Betrieb am Laufen halte, bei Wind und Wetter draußen schufte oder gerade meinen Arbeitsplatz verloren habe, egal ob ich arm bin oder reich, egal ob jung oder alt bin. Gott wird mein Bruder. Er wird einer von uns. Ist das nicht wunderbar… Hört zu Leute. Und verbreitetet es weiter.

Da kann man schon in Ekstase kommen, da kommt das Blut in Wallung. Wenn es Ihnen nicht so geht: Schade. Aber dann geht es Ihnen wie den Menschen damals, die den Hirten zuhörten: Sie wunderten sich. Wundern sie sich und lassen Sie sich berühren.

Denn am Ende singen die rauen Gesellen sogar noch auf ihrem Weg zurück zur Herde, zurück in den Alltag, singen Loblieder auf Gott. Sie singen Lob für alles was sie von Gott und seinem neu geborenen Sohn von den Engeln gehört haben, was sie in Bethlehem gesehen haben und was sie weitergesagt haben. Ein Gesang, der auch unseren Alltag nicht unberührt lassen kann, nicht unberührt lässt. Aber bevor es wieder in den Alltag geht, bleiben Sie doch stehen an diesem Christfest, lassen Sie sich berühren und sagen sie es weiter: Gottes Sohn ist da. Er ist auch mein Bruder.

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