Alles nur Verlierer

Liebe Gemeinde,

das kommt in den besten Familien vor. Einer ist dem anderen neidisch. Einer bedient sich großzügig selbst am Familienerbe und der Familientradition, ohne die anderen gefragt zu haben. Einer lässt sich etwas zu schulden kommen und kann sich bei den anderen nicht mehr blicken lassen. Zwei Brüder werden sich spinne feind, dass jeder um sein Leben fürchten muss. Die Mutter intrigiert gegen den Vater. Die junge Generation ist mit den Entscheidungen der Eltern nicht einverstanden. Konkurrenzdenken in den Familien macht vor keinem Lebensbereich halt. Von Rahel und Lea wird ein regelrechter Gebärwettstreit berichtet, der unter Ausnutzung aller legalen Mittel ausgetragen wird. Alle müssen ran, auch die jeweilige Kammerzofe als Nebenfrau.

Erbstreitigkeiten entzweien die Familien. All das ist so verbreitet, dass es schon fast wieder sprichwörtlich ist: Das kommt in den besten Familien vor. Die Bibel ist voll von Familiengeschichten und deshalb ist sie auch voll von Geschichten über Familienkonflikte. Auch die Geschichte vom Vater mit den beiden Söhnen ist eine solche Geschichte. Sie erzählt uns von dem einen Sohn, der hinauszieht in die Welt. Der mitnimmt, was ihm gehört und alles verliert. Von seinem Scheitern und seiner Rückkehr. Er wird ausdrücklich als der jüngere der beiden Söhne bezeichnet. Sie erzählt uns von der Treue und dem Pflichtbewusstsein des älteren und von seiner Kränkung und Verletzung durch den Vater und so von seiner Unzufriedenheit. Sie erzählt uns von dem Vater, der nicht diskutiert, sondern den Sohn ziehen lässt, der beide Söhne von Herzen und jeden auf seine Weise liebt und erfahren muss, dass diese Liebe nicht in der erwarteten Weise Achtung und Verständnis findet. Es wird nicht gesagt, ob der ältere Sohn noch hineingegangen ist zum Fest. Es sieht eher nach einem Zerwürfnis aus. Der letzte Satz des Vaters findet keine Erwiderung mehr. So etwas kommt in den besten Familien vor.

Diese Geschichte kommt uns nahe. Verbindet sich mit unseren Erfahrungen, wirkt vertraut auf uns. Da gibt es Sehnsüchte, Motive, Konfliktkonstellationen, Empfindungen, die uns vertraut sind. Die Geschichte holt uns ein, dort, wo wir leben, wo wir uns abmühen – abmühen um gelingende Beziehungen, um gelingendes Leben. Und manches mal scheint es ja so, als ob all dieses Bemühen vergeblich wäre, uns die Erfüllung für unsere Anstrengungen versagt bliebe und wir letztendlich doch leer ausgehen. Alle Beteiligten in der Geschichte vom Vater und den beiden Söhnen scheinen in gleicher Weise davon bedroht zu sein, zu Verlierern zu werden. Da ist der Vater. Er kann zum Verlierer werden, oder ist es schon: die Hälfte des Vermögens ist weg, der jüngere Sohn ist weg, was er aufgebaut hat, will einer der Söhne nicht weiterführen. Die Liste lässt sich verlängern. Er könnte zum Verlierer werden. Bei dem jüngeren Sohn ist es schon gar keine Frage, er wollte gewinnen, seine Ziele verfolgen, hat alles aufs Spiel gesetzt und alles verloren, Geld, Status und sein Zuhause. Wenn einer ein Verlierer ist, dann er. Und der ältere Bruder, auch er kann zum Verlierer werden, wenn er sich selbst ausgrenzt aus der Gemeinschaft und vor der Tür bleibt. Schlimm, wenn alle am Ende Verlierer sind. Das ist bedrohlich. Nein wir wollen doch keine Verlierer sein. Wir setzten doch alles dran, um nicht leer auszugehen. Versuchen um jeden Preis dafür zu kämpfen, damit wir einen Gewinn verzeichnen können. Doch wir ahnen, wir spüren, dass wir nicht davor gefeit sind, gerade auf diesem Weg zu Verlierern zu werden.

Was ist das für eine Geschichte, die uns vor Augen hält, was uns einen solchen Schrecken einjagen kann: Verlierer zu sein, Verloren zu haben beim großen Spiel des Lebens, am Ende nicht auf der Gewinnerseite zu stehen. Eine Geschichte die zum einen dies zeigt, dass dies eine reale Gefahr, eine echte Bedrohung ist und zugleich etwas ganz anderes zu sagen hat. Eine Botschaft für uns bereit hat. Die Botschaft, dass all dies nicht schicksalhaft ist und unausweichlich, sondern, dass es einen Ausweg gibt. Damit wir diesen Ausweg erkennen und für uns begreifen, wird diese Geschichte erzählt. Sie richtet sich an uns, will, dass wir verstehen und begreifen. Sie zeigt uns, wie es zur Versöhnung kommt und sie zeigt, wie Versöhnung verhindert wird. Vor allem aber zeigt sie uns einen Verlierer, der zurückgewinnt, was er verloren hat an Würde und Status, an Vermögen und Ansehen. Eine Geschichte, die eine Wir-Geschichte sein kann und so der Gemeinschaft den Weg zeigt, aber auch eine Geschichte von Einzelnen, und wert, lebensgeschichtlich betrachtet zu werden.

Die Wende in der Geschichte, die Wende, die vom Weg des ewigen Verlierers wegführt, die Wende, die aus einer Geschichte mit lauter Verlierern, eine Geschichte macht, in der man ein Freudenfest feiern kann, liegt ganz beim jüngeren Sohn. Er führt diese Wende herbei und sie besteht darin, dass wir von ihm erfahren: Da ging er in sich. Davon hängt es ab, dass sein Weg eine andere Richtung nimmt und alles was sich ihm daraus an neuen Möglichkeiten eröffnen wird: da ging er in sich. Er ist ganz auf sich gestellt. Keiner, der ihn dazu ermutigen oder drängen könnte. Auch der Vater in der Geschichte ist in seiner liebenden Zuwendung darauf angewiesen, dass der Sohn für sich die Wende vollzieht und einen neuen Weg einschlägt. Da ging er in sich. Wir werden uns mit ihm auf den Weg machen müssen, werden unseren Weg als seinen Weg sehen müssen und seinen Weg als unseren Weg, wenn uns für uns die Wende gelingen soll. Müssen den Punkt finden, wo es über uns heißen kann: da ging er in sich. Menschen, die rechtschaffen und strebsam durchs Leben gehen, sich nichts gravierendes zu Schulden kommen lassen, ohne offenkundige moralische Verfehlungen und doch lässt es sich nicht verhindern, dass wir dabei, ohne es so recht zu merken, verlieren und eines Tages in einer hoffentlich stillen Stunde entdecken, dass wir da wo wir gelandet sind, gar nicht hin wollten. Wir haben verloren von unseren Idealen, von dem, was uns einmal etwas wert war. Es ist etwas auf der Strecke geblieben und mit dem, was da auf der Strecke geblieben ist, auch ein Teil von uns selbst von unserer Person. Mit einem Mal weiß der jüngere Sohn, wieder, was ihm wichtig ist, er entdeckt, worauf es ihm ankommt, er weiß, was etwas wert ist. Er hatte geglaubt, dass er unbesehen alles aufgeben könnte und dass es für ihn etwas viel besseres zu erreichen und zu gewinnen gäbe. Er entdeckt, seine ihm verliehenen Gaben neu. Weiß mit einem Mal, dass dies alles kein Besitz ist, sondern ein Auftrag, den er besser als Tagelöhner beim Vater, als gar nicht ausfüllt, weil er !
ihn ausfüllen muss. Auf diese Veränderung kommt es an, wenn die Verlierergeschichte ein Wende nehmen soll. Besinnung auf das, was uns eigentlich wichtig ist und auf das, wie das mit uns Menschen denn eigentlich gemeint war. Da ging er in sich.

Kann uns diese Geschichte den Weg zeigen – für uns. Kann sie uns den Weg zeigen für unsere Gesellschaft? Unser Zeit ist geprägt von der Atmosphäre des Verteilungskampfes auf verschiedenen Ebenen. Alle Bemühungen um Änderung oder Besserung scheinen im Sande zu verlaufen. Alle fühlen sich als Verlierer. Kann es unsere Rettung sein, wenn es uns gelingt, dass wir uns besinnen, auf das, was eigentlich etwas wert ist, auf das was wir eigentlich erreichen wollen, wird dann unser Weg in eine andere Richtung gehen?

Die Antwort auf das In-sich-gehen des jüngeren Sohnes, ist nicht, dass der Vater, sein Bußangebot annimmt. Das Bekenntnis – ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir – scheint kaum ein Echo zu finden. Das was geschieht, ich nicht Buße und Vergebung. Der Sohn, der über den Schritt – da ging er in sich – den Weg nach Hause gefunden hat, wird mit den Herrschaftsinsignien ausgestattet. Belehnt mit dem Purpur und dem Ring, bekommt er die Herrschaft übertragen. Er ist nicht mehr Verlierer, er ist auch nicht Opfer ungünstiger Verhältnisse, er bekommt den Auftrag die Welt zu gestalten. Seine Welt. Das ist eine unglaubliche Geschichte. Es ist auch eine Rettungsgeschichte. Es ist eine Geschichte des Reiches Gottes, in dem Verlierer, die in sich gehen, mit Verantwortung betraut werden. Und vielleicht ist einer, der keine Angst mehr hat, Verlierer zu werden, mit einem Mal auch gewinnend für seine Mitmenschen. Der Weg dazu ist frei. Die Geschichte vertraut uns das Geheimnis an, dass Umkehr möglich ist. Gott selbst tritt dafür ein. Jesus hat es uns gezeigt. Brauchen wir noch mehr?

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