Alles klar?!

Liebe Gemeinde!

Ich wäre gern dabei gewesen, bei den Hirten auf dem Feld, damals in Bethlehem. Mitten in der Nacht tritt ein Engel zu ihnen. Mitten im Dunkeln leuchtet es. Was vorher nicht zu erkennen war, das liegt jetzt ganz deutlich da. Und dann ist da diese Freudenbotschaft: Fürchtet euch nicht, ich verkündige euch große Freude!

Ja, ich wäre gern dabei gewesen. Für die Hirten öffnet sich eine andere Welt. Nicht umsonst ist Weihnachten ein Lichterfest. Wo Gott kommt, da wird es hell. Wo Gott kommt, da wird ganz klar, was jetzt dran ist. „Die Klarheit des Herrn leuchtete um sie.” Gott kommt und bringt Licht, bringt Wärme, bringt Deutlichkeit.

Diese Klarheit, die wünsche ich mir für mein eigenes Leben. Und ich bin bestimmt nicht der einzige. Wie viele Wege unseres Lebens sind verworren! Oft durchkreuzt von dem, was wir Schicksal nennen, manches Mal durch eigene Schuld kaum mehr erkennbar, wohin der Weg gehen soll, immer wieder durch andere aus der Bahn geworfen. Es sind nur wenige Menschen, für die immer alles klar und eindeutig ist. Und die, die für sich behaupten, immer alles klar zu haben, die machen sich etwas vor.

Wie kommen wir heute in diesen Gottesdienst? Freudig oder belastet, mit Gedanken an die Zukunft oder im Blick zurück. Verworren ist mancher Lebensweg, verworren mancher Blick in die Zukunft, nicht eindeutig das, was das Leben trägt und wertvoll macht.

So geht uns das, so ging das auch den Hirten damals. Raue Burschen auf den Feldern von Bethlehem. Nicht gerade zimperlich waren sie und nicht gerade friedlich und gemütlich war ihr Leben. Es war eher geprägt vom Kampf um das Nötigste. Hirten, das waren keine mittelständischen Unternehmer, das waren abhängige Knechte. Die Tiere der Herde gehörten nicht ihnen. Sie hatten nur die Aufgabe, sie zu bewachen und dahin zu führen, wo es was zu fressen gab. Das war ein hartes Leben. Die Aussichten auf ein besseres Leben waren nicht rosig. Von einem Tarifvertrag, von sozialer Absicherung, von einer Rente gar, wussten sie nichts. Hirten waren Außenseiter. Sie lebten am Rand der Dörfer und Städte, am Rand der Gesellschaft.

Es ist kein Zufall, dass Gottes Engel ausgerechnet zu diesen Hirten kommt. Weihnachten wird es da, wo es dunkel ist. Nicht im Licht und Glanz der Paläste, nicht da, wo die Fülle ist, nicht in den Kaufhäusern der Stadt und nicht inmitten des Konsums. Gottes Licht macht das Dunkle hell und deckt dabei auch auf, was bisher im Dunklen lag. Das kann auch schmerzhaft sein, weil unangenehme Wahrheiten eigentlich lieber im Dunkeln bleiben sollen. Doch Gottes Licht deckt nicht schonungslos und lieblos auf, sondern nimmt das, was vorher im Dunkeln lag mit hinein in seinen Glanz.

Weihnachten wird es im Dunkeln. Und Dunkelheit gibt es in jedem Menschen. Trauer um das verpasste Lebensglück, eine zerbrochene Beziehung, Schuld, die belastet oder einfach die Sehnsucht, das Leben anders zu führen als jetzt. Dunkelheit hat viele Gesichter. Es wird Weihnachten mitten in den Herzen, die hart geworden sind, in den Seelen, die nach Frieden suchen, mitten in der Sehnsucht der Suchenden, in der Trauer der Verlassenen, in den Tränen der Einsamen. Weihnachten fängt da an, wo eigentlich niemand damit rechnet. Da, wohin die Kameras dieser Welt nicht gerichtet sind.

Wer hatte damals schon die Hirten von Bethlehem auf der Rechnung? Aber so ist eben Gott. So zeigt er sich. So geht sein Licht auf. So erscheint seine Klarheit. Von einem Moment auf den nächsten ist bei den Hirten alles klar. Was vorher für sie auch immer hart und belastend war: jetzt leuchtet es um sie, jetzt ist alle Last abgefallen. „Euch ist heute der Heiland geboren” – ja, auch armen Hirten.

Und uns ist er auch geboren, liebe Gemeinde! Gott hat alles klar gemacht. Kein Zweifel mehr, wie er es mit uns Menschen meint. Er wird einer von uns. Stellt sich auf unsere Seite. Gott, Schöpfer dieser Welt, wird ein kleines Kind. Er macht sich verletzlich, macht sich abhängig von Menschen, gibt sich ganz in unsere Hand. Das erfüllt sogar die Engel so mit Freude, dass sie nur noch singen können: „Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!”

Ja, Friede bei uns und unter uns: ein Wunsch, den wir aus vollem Herzen unterstützen. Frieden wünschen wir für unsere bedrohte Welt, Frieden wünschen wir dem Irak und den USA, Frieden wünschen wir Israel und den Menschen, die sich durch blinden Fanatismus anstecken lassen. Vor allem aber wünschen wir Frieden für uns im ganz alltäglichen Leben. Dass auch uns die Lasten des Lebens genommen werden und wir so klar sehen wie die Hirten damals! Für Gott ist das mehr als ein frommer Wunsch. Er tut etwas, damit dieser Friede Wirklichkeit wird. Die Krippe von Bethlehem ist das Zeichen dafür, dass Gott sich einmischt in diese Welt.

Aber er tut das auf seine Weise. Er fängt ganz unten an. Er spielt sich nicht auf als Richter über gut und böse. Das tun andere. Gott greift nicht mit starker Hand ein, sondern berührt diese Welt, uns Menschen, ganz leise. Gott verändert diese Welt, indem er Raum schafft für seine Liebe, für seine Gnade, Raum für einen Umgang miteinander, der bestimmt ist von Achtung und Ehrfurcht. Ganz klein fängt er an. So wie wir alle ganz klein angefangen haben. Als Baby, als das schutzloseste Wesen, das man sich vorstellen kann. Doch schon in diesem Anfang steckt Gottes ganze Hingabe.

Ich wäre gern bei den Hirten von Bethlehem damals dabei gewesen. Ein Wunsch, der sich nicht erfüllt. Das Wichtigste hat sich zum Glück längst erfüllt. Die Botschaft von Weihnachten hat sich ausgebreitet und ist aus dieser Welt nicht wegzudenken. Das Lied der Engel hat nicht nur die Hirten erreicht, sondern die ganze Welt. Die Weihnachtsbotschaft hat ihren Weg in die Herzen der Menschen gefunden. So nimmt sie uns heute mit in den Klang der überschwänglichen Freude. Egal, was auch immer uns belastet, was immer uns an Zweifel drückt, egal wie fern uns Gott scheint: diese Botschaft geht uns etwas an. Sie berührt uns. Gott kommt zu uns. Mitten in diese Welt, in unser Leben, hinein in unsere Häuser und Familien, damals in Bethlehem und heute auch hier in Langenhagen. Darum: „Fürchtet euch nicht, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr!”

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