Alles auf eine Karte setzen!

[1] "Im Glück nicht jubeln, im Leid nicht klagen, das Unvermeidliche mit Würde tragen." – so, liebe Gemeinde, sagt es der Volksmund. Und oft ist diese angeblich fromme Weisheit auch von Menschen zu hören, die meinen, andere damit zu trösten. "Nimm’s nicht so schwer!", heißt es dann, "Bleib‘ stark!"

"Nicht jubeln, nicht klagen, das Unvermeidliche mit Würde tragen" … – ich sehe ein versteinertes Gesicht, eine Maske, die keine Regung erahnen lässt. "Bloß nichts anmerken lassen …, nur ruhig …, alles im grünen Bereich …". Alles Leben ist aus diesem Gesicht gewichen. Zusammengebissene Zähne …, nur nicht weinen …, keine Enttäuschung und keinen Schmerz zeigen, und schon gar nicht ihn anderen mitteilen.

Wer nicht klagt, wer sich nicht mitteilt, der ist gespalten: hier sind die Gefühle, dort die Haltung, die ich nach außen einnehme. Wer nicht klagt, wer sich nicht mitteilt, der ist isoliert – getrennt von sich selbst und allen anderen: einsam, und ohne Beziehung, leidenschaftslos und "cool". "Cool sein" ist "in"; eine solche Haltung passt in unsere Zeit! Für Männer galt sie seit eh und je: Indianer kennen keinen Schmerz! Aber auch sonst ist es unfein, Gefühle zu zeigen, auf die Frage "Wie geht es dir?" eine ehrliche Antwort zu geben. Und auch in der Kirche, auch im Gottesdienst, da kennen wir nur den lieben und guten Gott: dass auch Elend und Leid zu Gottes Schöpfung dazugehören – das ist uns fremd. Dabei hätten wir lernen können: von der Bibel, von Hiob, oder von den Psalmen. So aber haben wir uns mit falscher Frömmigkeit eine Volksweisheit zu Herzen genommen: "… das Unvermeidliche mit Würde tragen!" – Es gibt nichts, was schlimmer wäre!

[2] Unser Predigttext setzt ein Gegengewicht: "Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen", so schreibt Jakobus vor langer Zeit. – Was hier empfohlen wird, ist anderes als das, was wir gewohnt sind. "Ist jemand guten Mutes, der singe!" – "Wes des Herz voll ist, des geht der Mund über!" – so soll es sein! Wenn ich mich freue, wenn ich glücklich bin, wenn ich hoffe – dann soll alle Welt es mitbekommen. Ich müsste singen und jubeln. Ich will es die Menschen wissen lassen, dass es mir gut geht. "Und leidet jemand unter euch, der bete" – der weine, der schreie und rufe sein Leid in die Welt. Die anderen sollen Anteil nehmen an mir; sie sollen teilhaben an dem Unglück, das mich betroffen hat. Ich will mein Leid teilen, und nicht allein gelassen werden damit.

Als praktisches Beispiel nennt Jakobus den Fall der Krankheit: "Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, daß sie über ihn beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn." – Wie anders geht es bei uns zu: Wer krank ist, kommt ins Krankenhaus – was natürlich auch seinen Sinn hat – und liegt so manche Stunde alleine im Bett, weil natürlich das Krankenhauspersonal sich nicht um jeden ganz intensiv kümmern kann. – Abseits von medizinischen Notwendigkeiten weist Jakobus einen ebenso wichtigen Weg auf: den Kranken bzw. die Kranke nicht in allein zu lassen. Die Ältesten der Gemeinde – das sind Menschen wie du und ich, also nicht nur die Pfarrerinnen und Pfarrer – kommen dazu, und gemeinsam klagen sie das Leid des erkrankten zu Gott. Sie bitten und rufen, und vertrauen sich ihm an. Und die Salbung mit Öl hat den Sinn eines alten Hausmittels, aber sie will auch körperlich deutlich machen: "Du bist nicht allein! Wir sind da!" "Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen" – entscheidend ist, dass wir gerade nicht "Das Unvermeidliche mit Würde tragen." – Entscheidend ist, dass wir im Glück jubeln und im Leid klagen, dass wir uns aussprechen und mitteilen, und so der tödlichen Einsamkeit entgehen.

[3] Denn der Glaube setzt alles auf eine Karte! "Psalmen singen" meint mehr als ein Liedchen trällern, und "Beten" ist mehr als Leid aussprechen. – In beidem ist Gott mein Gesprächspartner. Gott ist es, dem ich traue. Auf ihn verlasse ich mich, denn er lässt mich nicht hänge! An ihm halte ich mich fest. Auch davon schreibt Jakobus: Die Ältesten salben den Kranken mit Öl im Namen des Herrn; Gott richtet den Kranken auf und vergibt ihm alle seine Schuld.

Ich setze alles auf eine Karte: ich vertraue Gott. Denn Gott sind Passionen nicht fremd. Er wurde Mensch – gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben. Und Gott hört, was wir rufen: "Herr, laß diesen Kelch an mir vorüber gehen!" Beten und Glauben schließt Weinen und Schreien mit ein. Alles setze ich auf seine Karte: "Nicht mein Wille, Herr, sondern dein Wille geschehe!"

[4] "Im Glück nicht jubeln, im Leid nicht klagen, das Unvermeidliche mit Würde tragen." – diese Volksweisheit ist falsch und ganz und gar nicht fromm! – Im Glück jubeln und im Leid klagen – das ist es, wozu mein Glaube mir hilft. Und ich bin froh über jeden Menschen, der mir beisteht und mir hilft, mich meinem Gott zuzuwenden.

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