Alle Plätze waren schon belegt!

Liebe Gemeinde,

Und er erzählte ihnen folgendes Gleichnis:

Ein Mann lud zu einer Mahlfeier ein und schickte seine Boten mit den Einladungen an allen Orte der Stadt. Als nun die Stunde des Mahles kam, wunderte sich der Gastgeber sehr, da schon vor der Zeit alle Plätze belegt waren. Immer mehr Menschen kamen und wollten an der Mahlfeier teilnehmen und der Gastgeber war verzweifelt, denn es gab keinen Platz mehr da, auch nicht in den oberen Stockwerken des Hauses. So konnten viele nicht an der Mahlfeier teilnehmen und die abgewiesenen Gäste kehrten traurig an ihre Orte zurück. Wahrlich ich sage euch, wer nicht rechtzeitig kommt, wenn der Herr einlädt, der verpasst das Reich Gottes und wird traurig von dannen gehen.

Liebe Gemeinde, sicher haben sie es gemerkt, dass dieses Gleichnis nicht von Jesus stammt. Es ist mehr als ein Gleichnis, es ist eine wahre Geschichte, die ich selbst vor wenigen Wochen am Ökumenischen Kirchentag in Berlin erlebt habe.

Am 31. Mai, Samstagabend um 17 Uhr drängten sich die Menschen in die kleine Gethsemane-Kirche am Prenzlauer Berg in Berlin, obwohl der Gottesdienst erst in einer Stunde, um 18.00 Uhr beginnen sollte. Ja, es ist Kirchentag in Berlin, aber das allein ist nicht der Grund für die vielen Menschen, denn dieser Gottesdienst steht gar nicht im offiziellem Kirchentagsprogramm. Im Gegenteil.
Menschen kommen hier zusammen, um das zu tun, was die Leitung des Kirchentages offiziell verboten hat. Es wird gemeinsam Abendmahl gefeiert.

Ganz bewusst sind hier evangelische und katholische Christinnen und Christen gekommen, um miteinander das Brot des
Lebens und den Kelch des Heils zu teilen. Mündige Gemeinde, die sich nicht von oben verbieten lässt, was Jesus schon immer wollte, "dass sie alle eins seien". Als der katholischer Pfarrer Kroll, von dem in diesen Wochen immer wieder in der Zeitung zu lesen war; in seiner Predigt die Trennung beim Abendmahl in der Gemeinde von Korinth als Skandal bezeichnet und ihn auf die Trennung beim Abendmahl zwischen der katholischen und evangelischen Kirche überträgt, bricht der Applaus während der Predigt los und macht die breite Zustimmung derer deutlich, die hier zusammen sind. Ein bewegender Moment, als in der anschließenden Feier Menschen an die 12 im Raum verteilten Tische gehen und die ökumenische Gemeinschaft über alle Grenzen hinweg feiern. Fröhliche Lieder werden angestimmt und bunte Tücher von den Menschen nach oben gehalten. Am Ende bekommt jeder Besucher / jede Besucherin am Ausgang den Samen eines Gingkobaumes in die Hand, der zwar ein gespaltenes Blatt hat, das aber dennoch eine Einheit darstellt. Einheit in versöhnter Vielfalt ist das Motto, das an
diesem Abend zu hören ist.

An dieses Erlebnis musste ich unweigerlich denken, als ich über den Bibeltext, für den heutigen Sonntag nachgedacht habe. Ein Gleichnis Jesu, wo zu einem Gastmahl geladen wird zu dem aber keiner kommen will: Ich lese aus Lukas 14:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, das Gleichnis bei Lukas hat eine bewegte Auslegungsgeschichte, die uns zeigt, wie schwierig es manchmal ist, die Bibel
im Geiste Gottes auszulegen. Dieses Gleichnis wurde dazu verwendet, um die Zwangsmission, die Bekämpfung Andersgläubiger oder die Inquisition zu
rechtfertigen; denn schließlich heißt es ja: "nötige sie hereinzukommen". Auch die angebliche Verwerfung Israels wurde mit dem Satz begründet, dass "keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird". Andere wiederum sehen in diesem Gleichnis eine Bevorzugung der Armen vor den Begüterten in dem Sinne, dass kein Reicher einen Platz an Gottes Tisch haben wird.

Das Gleichnis vom Großen Abendmahl ist eine Geschichte vom Reich Gottes und es wird ganz deutlich, dass es eine Geschichte vom hier und jetzt ist. Die ganzen Beispiele die genannt sind, weisen darauf hin, dass das große Abend- oder Gastmahl jetzt stattfindet. Jesu Erzählungen vom Reich Gottes sind keine Geschichten vom Jenseits, sondern Beschreibungen der neuen Welt, die mit seinem Kommen in dieser Welt angebrochen ist.

In dieser Erkenntnis liegt für mich der Schlüssel zum Verständnis des Gleichnisses. Die Entschuldigungen der eingeladen Gäste, sind für mich keine faulen Ausreden, von Leuten, die nicht zum Fest kommen
wollen. Es sind für mich Entschuldigungen von Menschen, die nicht wirklich glauben, dass das Fest tatsächlich stattfindet oder die Einzigartigkeit des Fest nicht wahrnehmen. Ich denke wir kennen ähnliche Beispiele aus unserem Alltag. Da kommt eine Einladung und es ist uns vollkommen klar, dass wir da hingehen müssen und wenn wenn wir den Kopf unterm Arm tragen müssten. Und es gibt Einladungen, die nehmen wir freundlich zur Kenntnis und gehen zur gewohnten Tagesordnung über.

Im Gleichnis hören wir Entschuldigungen von Menschen, denen gar nicht bewusst ist, dass sich die Einladung ganz
gewaltig von anderen Einladungen unterscheidet. Liebe Gemeinde, das Miteinander an einem Tisch, das Teilen der Güter und das miteinander Feiern, ist etwas charakteristisches des Lebens Jesu. Es ist mehr als Essen und Trinken, wie man am Beispiel der Erzählung des Mahles bei Zachäus erfährt. Durch das Miteinander an einem Tisch und das Teilen der Güter, verändern sich Menschen, kommen neu in Beziehung
zueinander, lernen sich als Schwestern und Brüder zu sehen. Miteinander bedeutet an die Kraft glauben, die aus der
Gemeinschaft und der Solidarität entspringt. Dieses Gleichnis ist letztlich eine Absage an den Individualismus, an das Prinzip rette sich wer kann, jeder ist sich selbst der Nächste.

Miteinander an einem Tisch – durch das Teilen der Güter werden Augen und Herzen füreinander geöffnet. Mensch und Welt
verändern sich. Das Gleichnis spricht einmal von Menschen, die die Einladung nicht annehmen, weil sie meiner Meinung nach glauben, es verändert sich sowieso nichts mehr in dieser vom Bösen bestimmten Welt. Ihre alltäglichen Sorgen stellen sie daher über alles. Es spricht aber auch von Menschen die kommen, die teilnehmen wollen, weil sie mit der Welt so wie sie ist, nicht zufrieden sind und noch etwas erwarten.

Natürlich hören wir in diesem Gleichnis auch eine versteckte Kritik an den Wohlhabenden der damaligen Zeit, die natürlich jede Veränderung der Dinge als Gefahr betrachten und sich bei der Vorstellung mit Armen, Lahmen und Blinden an einem Tisch zu sitzen erschrocken oder betroffen abwenden mussten, wie der reiche Jüngling. Aber das ist für Lukas, der die Frage nach Armut und Reichtum in seinem Evangelium immer wieder anspricht, hier nur ein Nebenzug in der Erzählung.

Das Gleichnis spricht von Menschen, die noch etwas erwarten und die daran glauben, dass jetzt die Stunde der
Veränderung da ist – deshalb aufmachen sie sich auf. Der Unterschied zwischen den Menschen im Gleichnis bei Lukas und den Menschen in der überfüllten Kirche am Prenzlauer Berg ist, dass letztere glauben, dass jetzt die Stunde zur Veränderung da ist, dass das Reich Gottes möglich ist und dass das gemeinsame Mahl das Zeichen des angebrochen Reiches Gottes ist. Sicher gibt es auch wieder einleuchtende und vernünftige Gründe dagegen, so wie in unserem Gleichnis die Gründe der
Gäste alle ernstzunehmende Gründe waren, und dennoch gibt es so etwas wie ein "verpasst". Es gibt auch in der Bibel ein Verpasst ein Verschlafen ein zu spät.

Was wäre nicht alles möglich, wenn wir wirklich den Verheißungen des Reiches Gottes vertrauen würden, Berge könnten versetzt werden, durch die Kraft, die von der Gemeinschaft und der gemeinsamen Hoffnung ausgeht. In unseren Kirchen und in unserer Welt ist so viel Veränderung zum Guten möglich, wenn wir die Einladung ernst nehmen:
"Kommt, denn es ist alles bereit!"

Unser Gleichnis vom großen Abendmahl ist daher nicht nur eine Mahnung, sondern viel mehr eine Einladung. Eine Einladung zum Glauben und eine Einladung ins Reich Gottes eine Einladung zur Veränderung unseres Lebens und der Welt. Lasst uns die Einladung weitersagen!

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