Advent heißt Ankunft

Liebe Adventsgemeinde!

Advent heißt Ankunft. Wir machen uns bereit für die Ankunft Gottes. Wir wissen, dass wir an Weihnachten die Ankunft des göttlichen Kindes feiern werden. Und wir bereiten uns darauf vor, damit das göttliche Kind auch bei uns geboren werde, in unseren Herzen, in unseren Beziehungen, in unserem Leben. Dazu ist es nötig, dass wir die Adventszeit möglichst ohne Hektik angehen. Dass wir Ruhe finden. Ein Gottesdienst will uns dazu helfen. Es gibt andere Hilfsmittel. Z.B. einen Kalender: Der andere Advent, mit einem besinnlichen Text für jeden Tag. Der Adventskranz will uns helfen, ab und zu ruhig, die Kerzen anzuzünden, vielleicht etwas zu singen oder Musik zu hören. Die alten Adventslieder wieder zu singen, jedes Jahr neu, verankert sie in der Tiefe unserer Herzen. Mit jeder Wiederholung lernen wir sie mit dem Herzen zu sprechen und zu singen. Wir wollen ja nicht einfach Advent und Weihnachten genauso feiern wie jedes Jahr. Wir selbst werden älter, wir werden andere, und wir wollen reifer werden, aus der Oberflächlichkeit unseres Alltags rauskommen, Verbindung zu unserer eigenen Tiefe gewinnen, um dort Gott begegnen zu können. Wir wollen, dass wir schon etwas schmecken und sehen können von der Zukunft, die Gott für uns bereit hält.

Der Predigttext für den Zweiten Adventssonntag des Jahres 2000, und mit diesem Advent beginnt vom Kirchenjahr her das dritte Jahrtausend nach Christi Geburt, der Predigttext will uns einstimmen darauf, dass eine neue Zeit kommt. Nicht einfach nur neue Technik und neue Konsumartikel, Älterwerden und allgemeine Vergänglichkeit. Sondern eine wirklich neue Zeit wird dort verheißen, von Gott versprochen und ausgemalt. Und diese göttliche Zukunft, dieses gute Ende, das die Welt nehmen wird, das wirkt schon jetzt als Ziel unserer Hoffnung. Es bewirkt schon jetzt, dass wir anders leben und wieder Hoffnung fassen und gestärkt unseren Weg gehen. Ich lese aus Jesaja 35 die Verse 3-10:

[TEXT]

Menschen in einer großen Krise wird hier etwas zugesagt. Die, die kaum noch Hoffnung haben, bekommen Hoffnung und Mut gemacht. Sie bekommen ein Geschenk – aber sie müssen dieses Geschenk auspacken und annehmen, sonst wirkt es nicht. Deshalb steht zu Beginn eine Aufforderung: stärkt die müden Hände! Macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: seid getrost, fürchtet euch nicht! Der Prophet fordert also die Mutlosen und Verzagten auf: lasst euch nicht so hängen. Mobilisiert eure letzten Kräfte! Es geschieht etwas von Gott, aber ihr müsst hinsehen, ihr müsst euch drauf einlassen, ihr müsst euch drauf einstellen. Das ist nicht die Aufforderung, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Es ist vielmehr die Aufforderung: verpasst nicht die große Gelegenheit! Verpasst nicht die Zeitenwende, die neue Epoche, in die die Welt eintritt, weil Gott kommt, um das Heil der kommenden Weltzeit zu verwirklichen.

Das erste, was passiert, ist, dass die Feinde der Mutlosen die Rache und Vergeltung Gottes zu spüren bekommen. In unseren christlichen Ohren klingt das nach dem alttestamentarischen rächenden Gott, den Jesus mit seiner Feindesliebe überholt hat. Aber Vorsicht, dies Urteil greift zu kurz. Stellen wir uns arme Christen in Lateinamerika vor, die voller Glauben sind und die von den Mächtigen ihrer Länder, die sich doch auch Christen nennen, bekämpft werden. In diesem Jahr denken wir daran, dass Erzbischof Romero in El Savador vor 20 Jahren ermordet wurde, weil er entschieden für die Armen eingetreten war. Wir denken an die Straßenkinder in Brasilien, die von bezahlten Banden ermordet werden. An die Bewegung der Landlosen in Brasilien, die straflos vertrieben und ermordet werden. An die vielen Hoffnungen in Nicaracua, die in der Gewalt des Bürgerkriegs, finanziert von den USA, zerbrochen sind. Und an die Christen auf den Molukken, die gerade ein Massaker erdulden mussten, von Armee oder Islamisten, dem fast 100 Menschen zum Opfer fielen. Wenn diesen Menschen die Botschaft gesagt wird, dass der rächende Gott kommt, ihnen zu helfen, dann klingt das völlig anders. Und dann denken wir an diese Zeile des Glaubensbekenntisses, die wir heute oft vernachlässigen: er wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten.

Gott ist ein Gott der Gerechtigkeit und unsere Taten und unsere Worte, ja selbst unsere Gedanken und Gefühle sind nicht verloren, sondern werden von Gott wahrgenommen, sind verzeichnet in den Büchern. Die Tage unseres Lebens sind in Gottes Buch geschrieben. Wenn das so ist, dann müssen wir uns fragen: wer gehört denn dann zu den Erlösten, die auf dem heiligen Weg gehen durch die blühende Wüste, deren Krankheiten geheilt werden, über deren Haupt ewige Freude sein wird, denen Schmerzen und Seufzen entfliehen wird? Wem werden gute Taten vergolten und wem böse Taten? Haben wir nicht alle beides begangen, Gutes und Böses? Gerade wir hier in Deutschland, diesem reichen Land mit der schlimmen Vergangenheit, können uns da überhaupt nicht sicher sein zu der richtigen Seite zu gehören. Schon sind wir bei der Frage Luthers: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Und wir erkennen: wir können nicht uns selbst zu Erlösten machen. Wir können nur die Botschaft hören und annehmen. Und wir können nur in Christus Erlöste sein. Da ist einer, an dem kein Fehl war, der nichts Böses begangen hat. Und er lädt uns ein, Kinder Gottes zu sein, seine Geschwister, sein Leib, mit ihm verbunden. In Taufe und Abendmahl geschieht es, dass wir der Leib Christi werden, in Gottesdienst und Andacht und Gebet und Stille werden wir zu Erlösten und dann, dann müssen wir uns nur noch auf den Weg machen. Der Weg ist vorgezeichnet und einfach. Er führt durch die Wüste, aber die Wüste erblüht, wenn die Erlösung darüber fährt. Die Gefahren verflüchtigen sich, wenn der Hauch einer neuen Zeit sie anweht. Wilde und reißende Tiere stellen keine Gefahr mehr. Mitten in der Wüste gibt es genug Wasser. Der Weg ist so klar, dass selbst Törichte, die sich nicht genau in der Gegend auskennen, sich nicht verirren können. Worauf es dabei ankommt, ist, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Das Ziel, das ist Zion, die Heilige Stadt, die golden schimmernd in der Ferne auf dem Heiligen Berg liegt.

Advent heißt Ankunft, Ankunft Gottes. Wir machen uns bereit für die Ankunft Gottes, indem wir Lähmung und Resignation überwinden, die müden Hände, die wankenden Knie, die verzagten Herzen. Wir machen uns bereit für die Ankunft Gottes, indem wir ihm entgegengehen, das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Was uns verheißen ist, wenn wir uns auf den Weg machen: der Weg ist schon ein Stück weit das Ziel. Es geschieht schon jetzt etwas von dem, was am Ende sein wird. Das große Ziel, die Erlösung, die Befreiung, sie kann schon mitten in unserem Alltag Wirklichkeit werden. Denken wir an die beiden Mönche, die sich auf den Weg machen, um die Stelle am Ende der Welt zu finden, wo sich Himmel und Erde berühren, wo das Reich Gottes anfängt. Sie hatte in einem alten Buch gelesen, dort gebe es eine Tür, dort müsse man nur anklopfen und hineingehen und sei schon im Reich Gottes. Und sie gingen los und kamen am Ende dort an, wo sie losgegangen waren. Und sie erkannten: das Reich Gottes, das große Ziel der Erlösung, beginnt für uns da, wo wir leben, mitten in unserem Alltag.

Advent heißt Ankunft, Ankunft Gottes. Gott kommt. Gott kommt uns entgegen. Eigentlich ist er schon längst da. Wir brauchen nur das große Geschenk auszupacken und anzunehmen. Wir brauchen bloß die Augen zu erheben und sie auf das Ziel richten, die golden schimmernde Stadt in der Ferne, die Gottesstadt auf dem heiligen Berg Zion. Wir brauchen bloß den Weg zu gehen, der uns geformt ist, ein Weg durch die Wüste, aber doch so bequem, aufgeschüttet, mit genug Wasser, ohne wilde Tiere, ohne dass wir uns verirren könnten. Wir brauchen bloß zu gehen, und die wankenden Knie werden fest, die müden Hände werden stark, die verzagten Herzen mutig. Advent heißt: Gott kommt. Deshalb zünden wir ein Licht in der Dunkelheit an. Worauf es ankommt, ist, es wahrzunehmen.

drucken