Ach Herr Pfarrer: wir ham´ doch alle den gleichen Herrgott.

Liebe Gemeinde,

es wird überliefert, Rabbi Eli, ein frommer Mann von großer Gelehrsamkeit, habe in der ersten Hälfte seines Lebens ungewöhnlich viele und kluge Schriften und Kommentare verfasst. Danach aber, etwa vom 36. Lebensjahr an, sei er vor allem damit beschäftigt gewesen, aus seinem Schriftwerk nach und nach alles zu tilgen, was vor seinem durch die Zeitdistanz geschärften Urteil nicht bestehen konnte, weil es entweder unzulänglich ausgedrückt oder zu wenig gesichert war.

Dieser Revision oblag Rabbi Eli mit soviel schonungsloser Redlichkeit, dass gegen Ende seines Lebens alles, was er einst mit Fleiß und Feuer niedergeschrieben hatte, wieder durchgestrichen war. Seine Schüler wehklagten und weinten, als er seine sämtlichen Schriften, Bündel um Bündel, im Ofen seines kleinen Hauses verbrannte. Der Rabbi aber, er wurde bei diesem Verbrennen so heiter und fröhlich wie seit langem nicht mehr. Trotz seiner Altersschwäche tanzte er sogar ein bisschen, tanzte mit kleinen leichten Schritten, als das letzte Bündel im Ofen verbrannte und danach der Sabbat anbrach. Wenig später starb Rabbi Eli. Seinen Schülern hinterließ er nichts als einen großen Zettel. Darauf hatte er mehr hingemalt als hingeschrieben: Der Eine Name, geheiligt sei er! Alsbald erkannten die Schüler den Sinn dieses Vermächtnisses: Im EINEN und heilig-unaussprechlichen Namen Gottes blieb alles bewahrt und gegenwärtig, was ihr Lehrer gelebt, geglaubt, gedacht hatte. (Leicht geändert entnommen aus: Kurt Marti: Fromme Geschichten, Stuttgart 1994, S. 69.)

Ich finde, eine wirkliche schöne Geschichte – sie hat mich spontan erinnert an den Satz, den ich oft im Krankenhaus zu hören kriege, wenn ich am Bett einer katholischen Christin stehe und sage, dass ich evangelisch sei: "Ach Herr Pfarrer: wir ham´ doch alle den gleichen Herrgott." "Ja – da haben Sie recht", sage ich meist. Sich so etwas unter Christen einzugestehen scheint nicht schwer zu sein. Die Grenzen zwischen katholisch und evangelisch schwinden sowieso immer stärker. Und das nicht nur im Positiven: so manch ein Evangele ist schon aus der Kirche ausgetreten, weil der Papst wieder dies und das gesagt oder getan hat! Nur die Älteren unter uns wissen noch, wie schwierig das damals war, als evangelisch und katholisch noch getrennt waren – so einige schauerliche Geschichten habe ich hier im Dorf schon erzählt bekommen!

Wie ist das aber, wenn wir den Kreis nun größer machen? Heute, liebe Gemeinde ist Israelsonntag – früher hieß dieser Sonntag Gedächtnis der Zerstörung Jerusalems. Ich habe heute hier auf dieser Kanzel mit Ihnen einen Text zu bedenken, der uns alle ausdrücklich an die Geschichte der Juden, an die leidvolle Geschichte des auserwählten Volkes Gottes erinnert. Der Text tut das aber nicht im Sinne der Geschichte, die wir alle kennen: die meisten hier unter uns kennen sie sogar viel besser als ich, weil es mich vor 60 Jahren noch gar nicht gab. Viele erinnern sich noch der Juden, die damals hier in unseren Dörfern lebten – in Unteraltertheim stand ja auch eine Synagoge. Nein, wir blicken nicht zurück unter der Perspektive, was Menschen anderen Menschen antun können, seien es nun Christen, Juden, Muslime oder Menschen, die von sich behaupten, an das Gute im Menschen zu glauben. Nein: wir blicken vorwärts in die Perspektive Gottes hinein – und vorwärts zu Gott hinblicken heißt gleichzeitig immer sich seine Verheißungen vor Augen zu führen. Wir Christen haben eine fleischgewordene Verheißung, einen Menschen, in dem für eine kurze Lebensdauer das aufleuchtete, was Gott mit uns Menschen vorhatte – wir haben nämlich Jesus Christus, auf den wir Heutigen unser Vertrauen legen, weil er unser Fürsprecher ist vor dem göttlichen Thron. Und dieser Jesus war Jude – er war es von Geburt an, er blieb es sein Leben lang und er hielt es durch bis zum Tode am Kreuz. Er war es so sehr und er dachte so sehr an die Verheißungen, die dem auserwählten Volk Gottes galten, nämlich Israel, dass er zu der Frau aus dem Ausland, die wollte, dass Jesus ihre Tochter heilte: dass er also zu dieser Ausländerin sagte: es ist nicht recht, daß man den Kindern das Brot wegnehme und werfe es vor die Hunde. Und erst als diese nicht aufhörte zu bitten und zu glauben – daran zu glauben, dass die Güte des Herrn keine nationalen Grenzen kennt – erst da heilte Jesus ihre Tochter.

Wenn Jesus zusammenfasste, was für die Christenheit heute noch das Zentrum der Botschaft ist: nämlich: "Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzen Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften – denn der Herr unser Gott ist der Herr allein" und: "Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst!" – dann hat Jesus sich selbst an die Verheißungen der Alten gebunden, denn diese Gebote, wie ich sie gerade vorgelesen habe, gehören zur grundlegensten Tradition des gläubigen Judentums und finden sich schon alle im sogennannten Alten Testament. Und wie sehen die Verheißungen aus für Israel selbst? "Gott wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volkes in allen Landen." Ich lese das Alte Testament – nicht Paulus! Oder: "Über die Bürger Jerusalems will ich ausgießen den Geist der Gnade und des Gebets." Ich lese immer noch das Alte Testament.

Was aber nun?: das Volk Gottes – die erste Liebe – wartet immer noch auf die Einlösung dieser Verheißungen. Sie warten geduldig – trotz des Leides, sie warten, weil sie hoffen und glauben. Und wir?: wir warten auch – auch wir warten, weil wir hoffen und glauben. Im Neuen Testament heißt es dazu: "Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag. (Denn) Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde." Das gilt ebenso für unsere Brüder und Schwestern im Glauben an den einen Herrn: nun endlich kommt er, unser Predigttext – er stammt aus einem Buch, das Luther nicht in die Bibel gebunden hatte (die Katholiken finden es in ihrer Bibel unter dem Namen Jesus Sirach). Unser Text ist ein Gebet um Rettung und eine Erinnerung Gottes an seine Verheißungen: "Sammle alle Stämme Jakobs, verteil den Erbbesitz wie in den Tagen der Vorzeit! Hab Erbarmen mit dem Volk, das Deinen Namen trägt, mit Israel, den Du Deinen Erstgeborenen nanntest. Hab Erbarmen mit Deiner heiligen Stadt, mit Jerusalem, dem Ort, wo Du wohnst. Erfülle Zion mit Deinem Glanz und Deinen Tempel mit Deiner Herrlichkeit."

Ich kann dem von hier oben nichts dazufügen – vielleicht sollte ich besser sagen: besonders nicht von hier oben. Vielleicht, wenn ich von der Kanzel stiege und wenn ich mich einreihte in die Ketten der Beter, die um das Ende des Leides, um das Ende der Verfolgung flehen, die Beterinnen, die um die Anerkennung der einen Wahrheit Gottes beten, die nicht müde werden, auf das große Ziel unserer Hoffnung zu blicken – wenn ich mich ihnen zugesellte, vielleicht, dann würde ich den Text noch weiter beten, so wie es auch Jesus Sirach tut: "Erhöre das Gebet Deiner Diener; Du hast doch Gefallen an Deinem Volk. Alle Enden der Erde sollen erkennen: Du bist der ewige Gott."

Und das Erstaunliche wäre dabei, wenn ich dies denn nun täte – das Erstaunliche wäre nun, dass ich zu dem einen Gott betete, und zwar mit einem jüdischen Gebet, das sich aber in einer katholischen Bibel befindet und bei den Evangelischen als Predigtext vorgeschrieben ist.

Wenig später starb Rabbi Eli. Seinen Schülern hinterließ er nichts als einen großen Zettel. Darauf hatte er mehr hingemalt als hingeschrieben: Der Eine Name, geheiligt sei er! Und alsbald erkannten die Schüler den Sinn dieses Vermächtnisses: Im EINEN und heiligen Namen Gottes blieb alles bewahrt und gegenwärtig, was ihr Lehrer gelebt, geglaubt, und worauf er gehofft hatte.

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